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Buy with confidence

Naja, das war einmal. Ich kann mich rühmen, Amazon-Kundin seit 2000 zu sein; die deutsche Seite gab es, glaube ich, damals noch überhaupt nicht, oder falls doch, bot sie noch keine englischsprachigen Bücher an. Ich habe die Entwicklung gerade in dem Bereich also lange Zeit verfolgt und begleitet, und was heute daraus geworden ist, ist einfach nur traurig.
Schon seit einigen Jahren kam es – vermutlich je nach (noch) vorhandenem Lagerbestand – vor, daß man bei der Bestellung eines neuen englischsprachigen Paperbacks mitunter einen billigen Nachdruck erhielt. Beziehungsweise, es war ein inoffizielles On-demand-Exemplar, das Amazon wohl anhand einer vom Verlag gelieferten oder selbstgescannten Datei in Polen produzieren ließ. (Ich bin mir sicher, daß dazu irgendein Statut in den AGBs steht.) Dieses Verfahren hat inzwischen extrem zugenommen. Die Qualität dieser Produktionen ist mies. Unscharfes Druckbild, pixelige Bilder (so vorhanden) und Cover, eventuelle Verzierungen, wie beispielsweise bei der wunderschönen Ausstattung von Lynn Austins Restoration Chronicles, sind durch den Scan natürlich völlig ruiniert. Innerhalb kürzester Zeit erhielt ich nun von Amazon gleich drei solcher Schrottanfertigungen. Gingen zurück und werden das auch in Zukunft postwendend tun. Die Folge ist, daß ich nun vor einem Neukauf bei Amazon zurückschrecke und lieber auf Gebrauchthändler ausweiche – deren Exemplare aber wiederum oft zerlesen sind.

Abgesehen von Amazons Geiz-ist-geil-Politik steckt vermutlich dahinter, daß man den Kunden des europäischen Festlandes einen „Service“ zu bieten glaubt – nämlich den der schnellen Lieferung. Oder vielleicht möchte man gedruckte Bücher sowieso am liebsten abschaffen und nur noch Kindle-Ausgaben verkaufen, wer weiß. Daß Leser schöne, originale Ausgaben in den Händen halten möchten, scheint den Entscheidungsträgern noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Derzeit ist mir dieses Vorgehen nur bei englischen Paperbacks bekannt. Vermutlich (ich erfahre es bald) auch nur von Büchern kleinerer Verlage. Gebundene Ausgaben und deutsche Bücher scheinen davon (noch) nicht betroffen zu sein.

Oh, und nebenbei: Was soll derzeit die Portoberechnung bei Büchern (die eigentlich portofrei geliefert werden), die dann dank eines „Gutscheins“ wieder abgezogen wird? Will man die Kunden mit Angstmacherei zu Prime zwingen? Will man suggerieren, man sei so nett, daß man den Kunden eigentlich anfallendes Porto erlasse? Oder hat es technische Gründe?

Amazon, was bist du gefallen. Ich schaue mich langsam mal nach Alternativen um.

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Mal so gesagt

Quant à Peter O’Toole, ses yeux bleus n’ont pas fini de faire des ravages sur les écrans du monde.

Soweit Michel Duran in Der Kreis / Le Cercle, 31.1963,12. 🙂 Peter O’Toole als Schwulenschwarm – nu, warum auch nicht?*
Weiß unabhängig von O’Tooles schönen blauen Augen allerdings nicht, ob hier nicht ein bißchen projektiert wird. Der Kreis hatte Lawrence (das Zitat stammt aus einer Rezension von David Leans Lawrence of Arabia) schon recht früh unter seine Heiligen aufgenommen. Und auch seine blauen Augen werden in vielen Quellen erwähnt…


*“Mais au cinéma, ce sont les femmes qui font la recette et c’est avec des beaux gosses qu’on les attire.“ Right, M. Duran – und Sie stehen so darüber, hm?

Mal so gesagt

You know, I think, the joy of getting into a strange country in a book: at home when I have shut my door and the town is in bed – and I know that nothing, not even the dawn – can disturb me in my curtains: only the slow crumbling of the coals in the fire: they get so red and throw such splendid glimmering on the Hypnos and the brasswork. And it is lovely too, after you have been wandering for hours in the forest with Percivale or Sagramors le desirous, to open the door, and from over the Cherwell to look at the sun glowering through the valley-mists. Why does one not like things if there are other people about? Why cannot one make one’s books live except in the night, after hours of straining? and you know they have to be your own books too, and you have to read them more than once. I think they take in something of your personality, and your environment also – you know a second hand book sometimes is so much more flesh and blood than a new one – and it is almost terrible to think that your ideas, yourself in your books, may be giving life to generations of readers after you are forgotten. It is that specially which makes one need good books: books that will be worthy of what you are going to put into them. […] if you can get the right book at the right time you taste joys – not only bodily, physical, but spiritual also, which pass one out above and beyond one’s miserable self, as it were through a huge air, following the light of another man’s thought. And you can never be quite the old self again. You have forgotten a little bit: or rather pushed it out with a little of the inspiration of what is immortal in someone who has gone before you.

(T. E. Lawrence)

In Planung ist ein Artikel, wohl fürs Autorenblog: „Die neue Religiosität in Hollywood“. Kein Beitrag über christliche Filme, sondern über die Ballung christlicher Motive in Filmen und Serien während der letzten Jahre. Da alle künstlerischen Trends ein Zeichen ihrer Zeit sind, frage ich mich, ob das auch für andere Religionen zutrifft. Falls jemand etwas weiß, bitte melden.

Unter anderem in meinem Stapel abzuarbeitender DVDs und Bücher: Agents of S.H.I.E.L.D., Staffel 4 + 5, Supergirl, Staffel 3, sowie jede Menge Lawrence und verwandte Thematik.
Nachdem Agents 3 die mangelhafte 2. Staffel ausgeglichen hatte, wollte ich ja nun wissen, wie es gerade in Hinsicht auf Infinity War weiterging – stelle mir die Planung schwierig vor. Staffel 4 ist insbesondere in der ersten Hälfte ausgezeichnet und greift – daher der Eingangsabsatz – die christliche Symbolik der 3. Staffel wieder auf. Mit etwas Terry Brooks gemischt, großartig! Danach wird’s schwächer. Mindfuck-Episoden treten in jeder Serie dann auf, wenn Fonzies Hai übersprungen ist. Kein gutes Zeichen also. Ebenso, wenn eine Serie anfängt, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Das passiert bereits in Staffel 4 und nimmt in Staffel 5 erheblich zu. Sie hat ihre Momente, kein Zweifel. Yoyo nimmt zum ersten Mal eine zentrale Rolle ein und rettet die fünfte Staffel, gemeinsam mit den wiederkehrenden Agenten der zweiten Liga. Komponist Bear McCreary, seit Outlander immer wieder gern gehört, verzerrt das Titelthema in eine kaum wiedererkennbare Form – mir fiel’s nur auf, weil er eben diesen Trick auch bei Outlanders „Stone Theme“ anwandte. Die Framework-Variante in Staffel 4 ist einfach bizarr; die – oh, das muß jetzt einfach sein – „Zukunftsmusik“ in Staffel 5 macht starke Anleihen bei dem phantastischen Blade Runner 2049-Score.
Aber alles in allem ließ mich Staffel 5 ratlos zurück. Zeitreisen sind immer eine unlogische Angelegenheit, aber Doctor Who beispielsweise hatte sehr viel sinnmachendere Plots. Ich verstehe immer noch nicht, wie unsere Helden nun eigentlich die Schleife durchbrochen haben. An Coulson kann es nicht gelegen haben, obwohl das nahegelegt wird, aber die Handlung spricht dagegen. Ebenso rätselhaft ist der Masken-Tick der Ausstattung. Er dient keiner Symbolik – wäre es um Masken im übertragenen Sinne gegangen, wunderbar! Aber so läuft ganz einfach jeder mit einer Maske herum. Warum auch immer. Talbot als unbeabsichtigter Superschurke hingegen hat was.

Und a propos, „Talbot“ und „Piper“ finden sich in ähnlichen Rollen im DC-Universum wieder, nämlich als Agentin zweiter Liga auf Supergirls Seite sowie als Schurke (wenn auch nicht Super-) in Staffel 3. Und, Überraschung, die christliche Symbolik ist da! Leider auch der bereits in Staffel 2 erkennbare Trend zur Soap. Supersoap. Beste Folge der Staffel ist „Midvale“, über Karas und Alex‘ ersten Fall und ihre nicht ganz einfachen Anfänge als Schwestern; Brainy bereichert das Team, obwohl man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß die Legion of Superheroes hier ein breites Sprungbrett für ihre eigene neue Serie bekam. Unsinnig, aber immerhin vollkommen im Modus der Comics sind die Wiederkehr sowohl J’onns Vater als auch Karas Mutter.
Das diesjährige DC-Crossover hat gegenüber seinem Vorgänger erheblich zugelegt. Das Zusammenspiel der Charaktere ist hervorragend, wobei Alex und Sarah natürlich den Vogel abschießen, die Handlung ist rund, und endlich, endlich, hurra!: Eine Serie (mehrere Serien? Ein Seriencrossover?) hat sich getraut! Bedeutete bis dato (ich meckerte hier bereits darüber und könnte noch so viel mehr sagen) Homosexualität ausschließlich zwei heiße Frauen, so hat Crisis on Earth X endlich den Mut, nicht nur ein männliches Pärchen aufzubieten, sondern dabei auch einen schwulen Superhelden.

Und dann hat’s, kaum weniger verwirrend als S.H.I.E.L.D.s Zeitreise, die Lawrence-Literatur. „Consistency for Lawrence was a matter of the utmost inconsequentiality“, schreibt Rodney Legg in Lawrence in Dorset. „It was to be his lasting joke at the expense of historians and his annual biographers who are accustomed to taking such things seriously.“ Und er hat recht. Nichts paßt wirklich zusammen. Es ist kein Wunder, daß Philip Walker in seinem wunderbaren Erstlingswerk Behind the Lawrence Legend – The Forgotten Few Who Shaped the Arab Revolt offen sagt, Lawrence sei unerklärbar. Man kann sich einzelnen Facetten seiner Persönlichkeit nähern, aber niemals der Gesamtheit, ganz gleich, was manche Forscher glauben. Natürlich hilft es nicht, wenn beispielsweise Legg Quellenangaben für überflüssig hält… und das in einem Werk, das Quellen aufführt, die vorher und seitdem von niemandem beachtet worden zu sein scheinen!
Nichtsdestotrotz, speziell Walker, aber auch Michael Asher oder all die interessanten Beiträge im diesjährigen T. E. Lawrence Society Symposium, zeigen Forschung mit Herzblut und Entdeckerfreude. Ich erkenne meine beste Marta-Zeit darin wieder. Es macht mich glücklich zu sehen, daß diese Art Forschung existiert, und gleichzeitig bricht es mein Herz. Seit Jahren suche ich nach einer neuen Richtung für mein Leben, denn da ist nichts, das es auszufüllen scheint. Nachdem ich Walkers Buch zu Ende gelesen hatte, schrieb ich in mein Tagebuch:

[I]ch weiß, was ich will, und es ist Recherche. So sehr. Das ist es, was mir Freude macht.
Was soll ich tun?

Und das ist das grundlegende Problem in meinem Leben. Nichts paßt zusammen. Ganz ohne Lawrencesches Lügengebilde. In meinem Beruf hat Forschung keinen Platz, und ich kann Forschung nicht zu meinem Beruf machen, weil mir eine hochtönende Qualifikation fehlt, ohne die ich immer als Laie abgestempelt bleibe. Eine entsprechende Qualifikation, spricht Studium, nachzuholen ist unmöglich, weil ich nun einmal finanziell auf meinen Job angewiesen bin. (Selbst die Recherche zu Martas Biographie kostete mich eine Menge Erspartes.)
In jedem Fall. Ich genieße auch die Forschung aus zweiter Hand, grolle über unsinnige Schlußfolgerungen oder das Ignorieren von anderen Quellen und schreibe Anmerkungen für niemanden zu beispielsweise Oliver Stallybrass‘ Einleitung zu E. M. Forsters The Life to Come and Other Stories, in der er sich über Lawrences Reaktion – Gelächter – zur Titelgeschichte wundert… offenbar ohne sich über die frömmelnde, heuchlerische Situation in seinem Elternhaus belesen zu haben, die so ausgezeichnet zu Forsters Werk paßt. Oh, ja, und ich vermute, Lawrence hat sich wie immer nicht die Mühe gemacht, seinem Freund diesen Hintergrund zu erläutern.

The Life to Come and Other Stories jedenfalls ist eine Lektüre wert. „Dr Woolacott“, das Lawrence so in seinen Bann geschlagen hatte (er schrieb einen bemerkenswerten Brief darüber an Forster), gehört zu den hervorstechenden Geschichten, ebenso das sehr viel direktere „Arthur Snatchfold“. „The Obelisk“ bewahrt sich seine wahre Überraschung für den Schluß auf – großartig! Bitterböse und ungemein erotisch „The Torque“. „The Other Boat“ ist nicht nur schreibtechnisch interessant (wiederverwertete Fragmente), sondern auch eine auf vielen Leveln funktionierende Gesellschaftskritik.

Letters from Baghdad

Ein kleiner Filmtipp: Die Dokumentation Letters from Baghdad über Gertrude Bell. Sehr schön gemacht, einzig und allein mit Zitaten von Bell und ihren Zeitgenossen, die entweder in „Interviews“ oder aus dem Off präsentiert werden, durchzogen mit vielen seltenen, passend eingebundenen Archivfilmen – oder auf alt getrimmten neueren Aufnahmen. Nicht überraschend bei dem Thema, finden sich auch viele bewußte Parallelen zu den modernen Geschehnissen in der Region – sei es Palmyra, der Krieg ums Öl oder die politischen Machenschaften des Westens. Wie sich die Bilder gleichen.

Wundervoll zusammengefaßt. 🙂 Malcolm Brown im Nachwort zu Lawrence of Arabia – The Selected Letters. Ich muß irgendwann doch noch mal das Making of zu Martas und Jolanthes Biographien schreiben.

Partly you’re delighted at finding a new letter offering an unexpected aspect or a lively piece of description; partly you’re afraid that it might disturb the pattern of a section you had thought rounded and complete. In that case it’s like the arrival of an unexpected guest in the middle of a dinner party: you find yourself shuffling the chairs ad the table mats just when you thought you could bring in the coffee. And there’s that other constant snare threatening you: the reference you failed to identify, or identified wrongly, on which, inevitably, some reviewer or other will delightedly pounce. Pounce, and, all too often, denounce. ‘Mr. So-and-so’s unawareness of such-and-such leaves one in the gravest doubts as to the quality of his editorship overall.’ ‘Connoisseurs of the writings of X still await an interpreter with the necessary scholarship.’ You almost feel you’re reading one of you old school reports. ‘Requires more application.’ ‘Must do better next term.’
The trouble is you resent being found wanting but know your critic is probably right. Yet what you can’t say in reply is, ‘Look at the footnote on such-and-such a page. That reference took weeks to trace and needed the wit of Hercule Poirot, plus the help of half the brains in the Bodleian Library to find the answer. That note has added to the sum of human knowledge.’ There was such a footnote in my book, though I didn’t need all the Bodleian staff – just one, to whom I shall be ever grateful for finding the vital clue in an extremely obscure magazine of the early 1920s. The problem is that your readers can’t see the work behind those lines in minuscule print at the bottom of the page; they simply glance at them (or not, as the case may be) and move on. They expect the explanation to be there, and would be offended if it wasn’t.

Vor Monaten schrieb ein Lokalblatt über das Treffen der interessierten Gewerbetreibenden mit einem Tourismusberater, der Tipps für ein erfolgreiches Konzept gab. Einer seiner Punkte war, man solle sich nicht nur auf den Wandertourismus konzentrieren, wie es die Solling-Vogler-Region getan habe.

Nun ja. Ich stamme aus der Solling-Vogler-Region und kann daher vergleichen. Das größte Problem, das mein neuer Wohnsitz, das Gebiet Elze/Nordstemmen, hat, ist, daß es sich nicht einmal „nur“ auf den Wandertourismus konzentriert. Die Verantwortlichen brauchen kein Konzept für eine erfolgreiche Tourismuswirtschaft, sondern eine Basisschulung. „Was ist Tourismus?“ – „Äh… da kommen Leute und lassen Geld in der Region?“

Ich bin eine begeisterte Wanderin. Ich gehe auch einfach gern mal spazieren. Beides ist hier ein Problem. Es gibt keine Wanderwege. Es gibt ein paar Feld- und Waldwege, die in der überwiegenden Zahl nach ein paar hundert Metern enden und hauptsächlich für Gassigeher gedacht und die allesamt nicht beschildert sind oder sonst langweilige Radwege; die letzte aktuelle Wanderkarte ist 10 Jahre alt; und Elze mag Fremde so wenig, daß es seit Jahrhunderten nicht geschafft hat, eine Fußgängerbrücke (oder sonst irgendeine) über die Leine zu bauen und damit eine Verbindung zu schaffen. Man muß kilometerweit über Burgstemmen oder Gronau ausweichen, um auf die andere Seite zu kommen, und natürlich existieren dafür Straßen, keine netten Fußwege. Kein Wunder, daß die Wandertouristen hier nicht aus- und absteigen.

Noch so’n Knüller, heute unter Lebensgefahr erwandert: Sehenswürdigkeiten. Im Osterholz soll’s bronzezeitliche Hügelgräber geben. Klingt doch nach einem Ausflugsziel! Die Wegbeschreibung lautet sinngemäß: „Fahren Sie auf der L soundso bis zum Parkplatz…“ Genau. Schnabeline fuhr also eine Station zum Bahnhof Nordstemmen und wanderte über Mahlerten in Richtung Osterholz. Und da schlug das hiesige Tourismusmanagement wieder zu. Es gibt einen hübschen Weg, der führt allerdings über – je nach Richtung – das Schild „Jagd! Lebensgefahr!“ oder „Wildruhezone, Betreten verboten“. Ich riskierte es, denn die Alternative wäre die vielbefahrene Landstraße gewesen. Oder Bauers Feld. (Keine Jäger und kein ruhendes Wild vor Ort. Erleichterung.)
Das Osterholz ist nett; bißchen klein; ich sammelte Herbstdeko; nur Hügelgräber waren nicht zu entdecken vor lauter Wald. Man sollte meinen, so etwas wäre ausgeschildert. Irgendwann hatte ich die Nase voll und stapfte an der Straße zum Parkplatz. Unter Lebensgefahr. Fußgängerwege hat’s, wie erwähnt, hier nicht, und die Autofahrer halten auch sichtlich wenig von Leuten, die auf Schusters Rappen unterwegs sind, denn kein einziger wich auch nur ein bißchen aus. Der „Parkplatz bei den Hügelgräbern“ ist in erster Linie ein Parkplatz (auf dem immerhin Fußgänger endlich mal sicher sind). Von Hügelgräbern keine Spur. Es soll da eine Infotafel geben, aber entweder ist sie längst abgebaut oder im wuchernden Unterholz verschwunden.

Jaa. Gebt mir den Solling-Vogler und seinen „nur“ Wandertourismus. Liebe Elzer und Nordstemmer (und Regionale): Die Idee „Wir haben einen Bahnhof und ein Hotel. Touristen, kommt!“ ist ein kleines bißchen unzureichend. Wegenetze, nicht nur Straßen, wären der nächste, hilfreiche Schritt. Sehenswürdigkeiten, die nicht nur sehenswert, sondern auch sichtbar sind, könnten ebenfalls nicht schaden.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Kenntnis der Gralsbotschaft ist der erweiterte Blick auf die Dinge. Namentlich im näheren Umfeld, wo so manches „gesehen“ wird. Wir haben über die Jahrzehnte viel erfahren dürfen.
Nun wird das nicht an die große Glocke gehängt, weil auch Kreuzträger dem oft skeptisch gegenüberstehen. Keine unbedingt schlechte Sache, finde ich, denn wie überall hat’s auch in der Bewegung Spinner. („Die Gralsspinner“, wie die großartige Frau J. es so schön ausdrückte.) Man muß unterscheiden lernen zwischen echt und Ente, nicht immer einfach mit den eigenen Wunschvorstellungen, die so gern dazwischengrätschen. Am besten ist eine zweite, unabhängige Meinung.

Den Weg einer Seele durch verschiedene Erdenleben verfolgen zu können, ist spannend. Allerdings auch oft ernüchternd. Man erkennt die Persönlichkeit – jedenfalls nach meiner Erfahrung – leicht, was in erster Linie bedeutet, daß man sich weniger verändert, als man hofft. Ich betrachte die Personen, die ich einmal war und wünschte mir, ich wäre in diesem Leben so patent wie sie. Tatsache ist vermutlich, daß sie ähnliche Unsicherheiten aufwiesen wie ich. (Mein römisches Ich tut mir sehr leid – ich kann mich gut in sie hineinversetzen.) Meine Mutter kritisiert die Fehler ihrer früheren Inkarnationen, ohne zu bemerken, daß sie sie immer noch besitzt. Mein Vater war in hohem Maße er selbst geblieben; ich lache jedesmal, wenn ich über seine zwei wohl berühmtesten Leben lese, weil ich ihn so sehr darin wiedererkenne. Mein Bruder hat es nie gelernt, sich in den Hintern zu treten… mit traurigem Ergebnis heute. Und so weiter.

Vor diesem Hintergrundwissen betrachtet man natürlich auch all die religiös/nationalistisch/rassistisch/sonstwie extremistisch begründeten Hetzereien mit… nun, sicher nicht Humor, aber einer gewissen Ironie. Die so fanatisch verfochtene Sache läßt man mit jedem Leben zurück – nur der Fanatismus kommt mit. Was dazu führt, daß im nächsten Leben vielleicht gegen genau die Sache gehetzt wird, die man vorher verfocht. Lachhaft, wenn’s nicht so traurig wäre.
Amüsanter, wenn auch nicht weniger seltsam, sind die Fans historischer Persönlichkeiten. Natürlich sehen sie (wie Fans moderner Berühmtheiten) nicht die wirkliche Person, sondern in erster Linie ihre eigene Phantasie. Aber auf einer Website zu lesen, die Schreiberin sei „besessen“ davon, Informationen über mein früheres Ich zu finden und habe nie ein Bild von ihr finden können; ob *diese* Miniatur vielleicht…? Das war schon seltsam. Ich habe nicht nur einen Fan, sondern einen Stalker. (Meine Mutter schlug vor, ich könne ihr ja ein aktuelles Foto schicken. „Leider kein Bild von damals, aber so sehe ich heute aus.“)

Andererseits bin ich vermutlich selbst nicht besser. Als Biographin und historisch Interessierte greife ich gern Figuren der näheren oder ferneren Vergangenheit auf, versuche sie zu verstehen – und frage mich, wie es mit ihnen weiterging, nachdem sie jenes Leben hinter sich ließen. Ich habe leider bislang nur einmal (nun ja, immerhin!) eine Antwort erhalten. Geht mich ja auch gar nichts an. Trotzdem…

Not only is the desert Lawrence’s co-star, so to speak, but the mirror of his own mysterious changeability. You feel these two were bound to fall in love. They meet, there’s a coup de foudre, quarrels, misunderstandings and reconciliations; they are sad, wild and ecstatic together, and in the end the world, as it’s often done with famous lovers, breaks them up.

Die wohl schönsten Worte, die je über David Leans Lawrence of Arabia geschrieben wurden.
Aus Gavin Lamberts Rezension in Film Quarterly, 16.1963,3. (Witzigerweise kassierte der Film ansonsten in dieser Zeitschrift nur Verrisse. Ebenso The Birds und To Kill a Mockingbird. Some film experts.)

1992 erschien A Dangerous Man, ein Fernsehfilm über Lawrences Bemühungen auf der Friedenskonferenz 1919, die Ansprüche Sherif Husseins, vertreten durch seinen Sohn Feisal, durchzusetzen. Bekanntlich scheiterten diese Bemühungen an den Interessen der Westmächte.
Ich bin reichlich zwiegespalten über diesen Film. Ralph Fiennes ist wundervoll als Lawrence, seine leise, dezente Darstellung innerer Prozesse ein Genuß. A Dangerous Man erklärt nicht. Vorwissen wird vorausgesetzt. Andererseits aber darf man keine historische Korrektheit erwarten. Gertrude Bell namentlich zog mit Lawrence an einem Strang, was Feisal und seine Familie anging, und beide waren maßgeblich an dem Kompromiß beteiligt, der zwei Jahre später auf der Kairo-Konferenz ausgearbeitet wurde; sie lebte in Bagdad als Feisals Beraterin und Freundin bis zu ihrem Tode. Daß die Dialoge zu gefühlt 50% aus Zitaten bestehen, kann man entweder als Bemühung um Authentizität deuten oder als Versuch, künstlerisch wertvoll zu erscheinen. Und was nun Lawrences lange Übersetzungsszene sollte? Vorführen, daß Fiennes französisch beherrscht?

Beworben wurde A Dangerous Man als Quasi-Fortsetzung von Lawrence of Arabia, was angesichts der oben genannten Umstände gar nicht mal kompletter Unfug ist. David Lean filmte kein Biopic, sondern er nutzte Lawrences Leben als Leinwand, auf der er eine ganz eigene Geschichte entwarf. Über die Nichtigkeit des Seins, wenn man so will – nicht umsonst findet man viele Parallelen zu The Bridge on the River Kwai, und nicht umsonst wird der militärische Aspekt kaum erwähnt. (Das Drehbuch verdankt übrigens viel Terence Rattigans Ross.) Leans Held setzt sich für etwas ein, erleidet im Laufe der Geschichte so vieles und verliert sich schließlich selbst… für ein Ziel, das sich am Ende als Seifenblase entpuppt. Während seine innere Zerstörung von denen vorangetrieben wird, die von seiner Arbeit profitieren und die sein Verhalten gleichzeitig verständnislos kommentieren. Der fiktionale Reporter Jackson Bentley, natürlich auf Lowell Thomas basierend, baut einen Helden auf und steht letztlich entsetzt vor dem Monster, das er kreiert hat. Die politischen und militärischen Entscheidungsträger ignorieren abwinkend sämtliche Alarmzeichen. Lawrences Freund Ali beobachtet den zunehmenden Verfall, kann ihn aber nicht verhindern.
Ich hatte Lawrence of Arabia zuletzt vor Jahren gesehen, fand ihn toll, aber langatmig; nun erst war ich offensichtlich reif genug, um ihn in seiner ganzen Tiefe (und natürlich Breite – die Bilder sind immer noch umwerfend) zu verstehen. Und mir war gar nicht mehr in Erinnerung gewesen, daß dies Peter O’Tooles Hollywood-Einstieg war. Man fängt nicht klein an…
Alec Guinness, der hier Emir Feisal darstellte, spielte zwei Jahre zuvor die Titelrolle in Ross. Ich versuche mir vorzustellen, und scheitere kläglich, wie sein Lawrence ausgesehen hätte – beim besten Willen bezweifele ich, daß er diese unglaubliche Intensität, die Peter O’Toole mitbrachte, auch nur annähernd erreicht hätte. Andererseits ist Ross kein Spaziergang, und ich habe Guinness nie auf der Bühne gesehen, also vielleicht ist meine Vorstellungskraft von Hollywood eingeengt.

Ralph Fiennes jedenfalls moderierte einfühlsam diese Episode über Clouds Hills, Lawrences Dorset-Cottage, in der BBC-Dokureihe One Foot in the Past (leider miese Qualität):

Kein Kommentar

Budapest, 15. Juli. In den hiesigen Mädchenschulen wurde den Schülerinnen am Schlusse des Schuljahres mitgeteilt, daß sie im nächsten Jahre nur dann aufgenommen werden, wenn sie während der Sommerferien ihre kurzen Haare wachsen lassen. Die Eltern wandten sich an die Schulsektion des Magistrats, wo sie die Auskunft erhielten, daß das Verbot der Bubifrisuren eine individuelle Aktion der Lehrkräfte sei, die wahrscheinlich auf eine Bewegung verschiedener klerikaler Frauenvereine zurückzuführen ist. An amtlicher Stelle weiß man von dem Verbot der Bubifrisuren nichts.

Prager Tagblatt, 16.7.1926