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Archive for the ‘Sprachkritik und Rechtschreibung’ Category

Zwei Bücher gab’s zum Wochenende auch: Heiko Bräunings Mein Deadline-Experiment und Wolf-Dieter Storls Mein amerikanischer Kulturschock – Meine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks.

Das Deadline-Experiment las sich in der Vorankündigung recht vielversprechend: Der Autor setzte sich ein fiktives Todesdatum (knapp vier Jahre in der Zukunft) und beobachtete, wie sich seine Einstellung zum Leben dadurch veränderte. De facto war das Buch nun aber nicht sonderlich umwerfend – ganz nett, aber mehr auch nicht; eher allgemein und (dem Job des Autors geschuldet) seelsorgerisch gehalten. Amüsant waren einzig und allein die Reaktionen einiger Bekannter und Gemeindemitglieder, die sich entweder ereiferten, vier Jahre sei doch viel zu bald – die Kinder bräuchten ihn doch noch! („Recht hat sie! Aber wie war das bei der befreundeten Familie, deren Papa Andreas bei einem Motorradunfall mit 42 Jahren ums Leben kam?“) – oder aber unkten, er solle doch nichts herausfordern… so, als ließe sich der Tod herbeireden. Letzteres ist ein so verbreitetes Phänomen, das mich jedesmal wieder lachen läßt. Bloß nicht vom Sterben reden, das ist morbide – und wer weiß, vielleicht fällt man ja im nächsten Augenblick tot um, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt!

Storls neuestes Werk ist dagegen extrem lesenswert. Der Sohn deutscher Nachkriegsauswanderer beschreibt seine Jugend im Mittwesten der USA und seine Erfahrungen als Student und später Dozent an verschiedenen Universitäten während der 60er Jahre, inmitten von Flower Power, Rassenunruhen und dem Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Ansichten und Lebenssysteme. Allein die unglaublichen Charaktere, von denen das Buch wimmelt, sorgen immer wieder für hilflose Lachattacken. Weniger witzig, wenn auch auf andere Art irgendwann belustigend, ist die Arbeit des Korrekturlesers. Ich hoffe, selbiger war nicht Dr. Willi Dommer (Lektorat). Falls doch, frage ich mich, welche Art Doktor er ist. Ein derartig von orthographischen Fehlern strotzendes Buch ist mir noch nicht begegnet. (Naja – vielleicht die Studienhefte des ILS-Geomantiekurses.) Grundsätzlich werden alle englischen Komposita mit Bindestrich geschrieben, wo keiner hingehört, während die deutschen Komposita, die einen Bindestrich erfordern, keinen erhalten. Und die Großschreibung von „Sie“ als Anredeform wird auch gern vergessen. (Dankbarerweise wird nicht, wie leider inzwischen oft gesehen, im Gegenzug Plural-Personalpronomen „sie“ großgeschrieben.) Und von den Kommas will ich gar nicht anfangen. Daß einer von Storls Freunden eine Datei im Schreibtisch gefunden haben will, ist hingegen fast schon ein netter Fehler: Verdammte Zweisprachigkeit! Nein, der Gute hat natürlich keine Zeitreise in die Computerära unternommen, sondern a file ausgegraben, eine Akte – was im elektronischen Äquivalent später eben als Datei übersetzt wurde.

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Auf Werner Huemers Seite entdeckt und mich gut amüsiert. Ich werde ja gern als pingelig und kleinlich bezeichnet, weil es mir um solche Unterscheidungen geht und bequeme Schlagworte (Fake News!) ein rotes Tuch für mich sind.

Die Grenze zwischen Tatsache und Meinung verschwimmt – nicht nur im Internet. Aber wen interessiert das?

Ein Mädchen berichtet in einem „YouTube“-Video von ihrer Nahtoderfahrung. Sie habe sich im Verlauf einer lebensbedrohlichen Erkrankung plötzlich über ihrem Körper befunden, auf diesen hinabgesehen und die Ärzte beobachtet, die um ihr Leben kämpften.

Unter dem Video sind Kommentare von Zusehern zu lesen, denn längt ist das Internet vom Informations- zum Kommunikationsmedium geworden. Empfangen allein ist zu wenig, es soll auch gesendet werden, die eigene Meinung zum Gesehenen, Gehörten, Gelesenen, die eigene Weltsicht der Welt präsentiert werden.

Also kommentiert jemand: „Alles Einbildung. Eine NAHtoderfahrung ist eben keine TODerfahrung. Wenn im Gehirn nichts mehr läuft und das EEG 20 Minuten nach einem Herzstillstand nur noch die Null-Linie zeigt, dann erlebt der Mensch auch nichts mehr.“

Zweiter Kommentar: „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass diese Erfahrungen nur letzte Stressreaktionen des Gehirns sind. Wer an andere Märchen glauben will, soll das ruhig tun.“

Dritter Kommentar: „Ich glaube dem Mädchen. Ihre Augen zeigen mir, dass sie die Wahrheit sagt.“

Vierter Kommentar: „Der Mensch findet die Liebe nur in Jesus Christus.“

In dieser Art, üblicherweise garniert mit orthographischen Fehlern, die zum Fremdschämen einladen, verläuft der ganz normale Kommentar-Alltag im Internet, wie er heute das Urteilsvermögen und das Weltbild nicht weniger Menschen mit prägt. Leider, denn was in der Online-Kommunikations-Unkultur durchwegs auf der Strecke bleibt, ist die klare Unterscheidung zwischen Tatsache und Meinung.

Würde der erste Kommentator beispielsweise korrekt formulieren: „Meines Erachtens ist eine NAHtoderfahrung keine TODerfahrung“, dann wäre damit klar, dass dies eine persönliche Meinung ist. So aber überhöht er eine (fragwürdige) subjektive Ansicht zur Tatsache: „Eine NAHtoderfahrung ist eben keine TODerfahrung.“

Fakt ist, nebenbei erwähnt, dass ein EEG nicht 20 Minuten nach einem Herzstillstand, sondern bereits binnen 15 Sekunden eine Null-Linie zeigt; Studien an reanimierten Patienten haben gezeigt, dass sie dennoch Nahtoderfahrungen erleben können. Und es gibt auch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass es sich bei solchen Erfahrungen um „letzte Stressreaktionen des Gehirns“ handelt. Ja, es gibt diese plausibel erscheinende Theorie, und sie kann auch einige Aspekte von Nahtoderfahrungen erklären, aber es gibt keinen Beweis, der das gesamte Phänomen wirklich erklären würde.

Aber was zählen Fakten, wenn jemand zwischen Tatsache und Meinung weder unterscheiden kann noch will? Wenn es letztlich sowieso nur darum geht, im eigenen Weltbild und der gewohnten Art zu denken nicht gestört zu werden?

„Der eine glaubt halt das, der andere das …“ – „Es gibt ja wohl noch die Meinungsfreiheit …“ – Mit Totschlag-Argumenten dieser Art werden nach meiner Erfahrung bisweilen auch Diskussionen zu der Frage beendet, welche Strategien es für Otto Normalverbraucher geben könnte, wirkliche Fakten von unreflektierten Meinungen klarer zu unterscheiden.

Das scheint jedenfalls nur wenigen Menschen ein Anliegen zu sein. Insofern ist es recht erfrischend, Kommentare zu lesen, die gar nicht erst versuchen, ihren subjektiven Charakter zu verbergen: „Ihre Augen zeigen mir, dass sie die Wahrheit sagt …“

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Weil in Ellen Moodys Blogs so oft die Rede davon ist*, legte ich mir Staffel 1 von Outlander zu. Wie erwartet, ist die Geschichte eher Standard, mit allen Historische-Romanze-Zutaten: Gleich zwei historische Settings (1945 als „Gegenwart“ und 1743), jede Menge Braveheart, klassische Rollenverteilung (Held, Schurke, comic relief…) und eine Heldin, die oft gerettet werden muß (ich zählte 8 Male in 16 Folgen). Das Nachkriegssetting war in meinen Augen eine praktische Erklärung, woher unsere Heldin die Fähigkeiten hat, die sie so brauchbar im Schottland des 18. Jahrhunderts machen; moderne Heldinnen wären da entweder völlige Loser oder komplett unglaubwürdig. Was mal eine interessante Überlegung ist.
Claire verhält sich und spricht natürlich wie jemand aus 2015, nicht 1945 – sind sich die Macher nicht bewußt, daß man sich vor siebzig Jahren anders ausdrückte als heute? Und daß Claire mit diesem Verhalten in 1945 nicht als moderne Frau, sondern als Gossenweib mit entsprechendem miesen Benehmen eingestuft würde? Von 1743 ganz zu schweigen.
Outlander ist letztlich in guter Tradition beginnend mit Doctor Who oder wohl noch älter. Ich schrieb schon einmal, daß der gute Doctor anfänglich auch nur ein Storyelement war, das erklärt, wie unsere Helden historische Epochen aufsuchen und erleben können. Bei ihm war’s außerirdische Technologie, in Outlander ist es eben Magie.

Während die Handlung eher gemächlich fortschreitet, fand ich überraschenderweise die formalen Dinge viel fesselnder. Die Kameraarbeiten bestechen; mir gefielen besonders die Teaser, die Detailaufnahmen aus alternativen Einstellungen, die für die opening credits verwendet wurden.

Auch die Farbgebung – blaß für 1945, kräftigere Einfärbung für 1743 – gefällt. Bear McCrearys Musik ist großartig, und insbesondere die Verflechtung beider Zeitlinien durch Musik ist originell: Wir finden idyllische Highlandszenen des 18. Jahrhunderts unterlegt mit Jazz… Außerdem natürlich zwei meiner großen Leidenschaften: Kostüme und Sprache! Lange Dialogstrecken in Outlander erfolgen tatsächlich in Gälisch. Was wieder einmal eine meiner Theorien als Hobby-Philologin bestätigt, nämlich daß Dialekte Überreste früherer Stammes- oder Regionalsprachen sind. Die Sprachen selbst sind verschwunden, aber ihre Melodie hat sich erhalten. Vergleicht man die Sprachmelodie des Gälischen und des schottisch eingefärbten Englisch, erhält man das gleiche Ergebnis.

Was gibt’s zur Besetzung zu sagen? Ich kannte bis auf Gary Lewis keinen einzigen der Darsteller, aber das ist das Schöne an der Hoch-Zeit, die Serien aktuell erleben (was ein Thema für einen eigenen Blogeintrag wäre): Es haben viel mehr Schauspieler die Gelegenheit, einen Job und Bekanntheit zu erringen als es bei der früheren Fixierung auf Hollywood-Spielfilme der Fall war.
Eine imposante Erscheinung ist Graham McTavish als der vielschichtige und sich immer in der Grauzone bewegende Dougal – klassischer können die schottischen Highlands nicht werden! Caitriona Balfe mag oder mag nicht eine gute Wahl für Claire sein – ich kenne die Bücher nicht und kann das somit nicht beurteilen. Ich gestehe, mir ging die angebliche Heldin der Geschichte sehr auf die Nerven. Sie ist keine starke, moderne Frau, sondern kurzsichtig, egozentrisch und mitunter schlichtweg dumm, aber vielleicht soll das im Zuge der Charakterentwicklung so sein. Ihre große Stunde schlägt, wie für alle drei Hauptfiguren und ihre Darsteller, erst am Ende der Staffel. Sam Heughan dürfte natürlich der Fanliebling sein, mit viel Schmachtfaktor. Schön dargestellt ist ohne Zweifel die Entwicklung der Beziehung zwischen Claire und Jamie. Sie fängt weder mit Schmacht noch wilder Leidenschaft an, sondern schreitet langsam und über einen langen Zeitraum rein freundschaftlich voran.
Die beste Rolle beziehungsweise Rollen hat Tobias Menzies ergattert: Seine Darstellung wechselt kraß zwischen Claires liebendem, wenn auch zweifelndem Ehemann Frank und dem völlig unberechenbaren, direkt aus einem de-Sade-Roman entstiegenen „Black Jack“ Randall. (Ellen Moody analysiert ausgezeichnet die Faszination dieser grundverschiedenen Darstellung.) Entsprechend ist nach all den mehr oder weniger Standardepisoden die Abschlußdoppelfolge „Wentworth Prison“ / „To Ransom a Man’s Soul“ großes, wenn auch nicht leichtes Kino. Sexszenen sind nie einfach darzustellen; gewalttätige Sexszenen vermutlich noch schwerer; und eine Nummer wie diese… sagen wir, Tobias Menzies und Sam Heughan dürfen sich die Seele aus dem Leib spielen.

Bemerkung am Rande: Ich habe die FSK-Freigaben immer noch nicht verstanden. Dachte lange Zeit, das Zeigen von primären Geschlechtsteilen verdiene eine rote 18, aber schon bei True Blood stellte ich Ungereimtheiten fest. Auch Outlander 1 ist im Deutschen mit einer 16er-Freigabe eher entspannt (UK und US: 18), trotz „the full monty“.

Und noch was, das mir so in den Sinn kam: Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, daß die Redcoats in Fiktion (zumindest bis zu Napoleon) immer als die Bösen dargestellt werden? Ich habe nach Büchern oder Filmen gegoogelt, in denen dem nicht so ist, aber null Treffer. Das nennt man mal einen schlechten Ruf. Findet sich denn so gar kein Schreiber von historischen Romanen mit einem Herz für die britische Armee?


Staffel 2 bricht dann erheblich mit der Highlander-Romantik, als Claire und Jamie ins französische Exil gehen. Da ich nun so überhaupt keine Faszination für die französische Kultur und vor allem für die fiktionale Umsetzung von Paris Mitte des 18. Jahrhunderts aufbringen kann, war es erst einmal eine Beobachtungsübung in „Wie viele Klischees können wir bedienen?“ Auch die Kostüme, die natürlich mehr als üppig sind, halfen da nicht weiter. Zum Glück gab es brauchbarere Szenen – die Staffel mit dem Ende beginnen zu lassen, als eine schwer traumatisierte Claire 1948 ihren (ersten) Ehemann Frank wiedersieht und ihr Leben im modernen Zeitalter wieder aufnehmen muß, war nicht nur eine gute Entscheidung, sondern bietet Raum für einige der besten Charakterszenen. Und a propos, entgegen meiner Befürchtung, daß die Macher bezüglich Jamie schnell zur Tagesordnung übergehen würden, wird sein Trauma nicht ignoriert. Reduziert vielleicht, auf Momente, die Claire betreffen, namentlich versuchte (und scheiternde) Intimitäten oder Jamies Schlaflosigkeit, die Claire zum Handeln treibt, aber zumindest wird nicht behauptet, die Geschehnisse hätten keine Spuren hinterlassen.**

Was dann natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf Claires Plan hat, einerseits die Zukunft zu verändern, andererseits aber nicht. Man muß nicht einmal andere Zeitreisegeschichten kennen, um zu wissen, daß das zum Scheitern verurteilt ist! „History takes care of itself“ hieß es sinngemäß in einer anderen Zeitreisegeschichte. Wir sehen das in Outlander: Je mehr Claire und Jamie versuchen, die Geschichte umzuschreiben, desto mehr repariert sich jeder angerichtete Schaden, bis am Ende schließlich alles auf das gleiche Ergebnis hinausläuft.
Meine Mutter äußerte sich einmal, hätte sie einen früheren Verehrer genommen, wäre ihr Leben vermutlich trotzdem sehr ähnlich verlaufen. Es gibt Punkte, die man abarbeiten muß.
So ziehen sich gar nicht mal versteckt übergeordnete Zusammenhänge durch die Handlung der beiden Staffeln. Jack Randall nennt es das Werk des Schicksals, Reverend Wakefield Gottes Plan.

Charaktertechnisch nett zu sehen, daß Claire nach ihrer bitteren Selbsterkenntnis am Ende der 1. Staffel endlich so weit ist, auch Frank in ihre Überlegungen einzubeziehen, nachdem sie ihn zuvor ja recht entspannt zugunsten ihres schottischen Abenteuers abgestreift hatte.
St. Germain als Gegenspieler wollte so gar nicht überzeugen. Während Jack Randalls Verfolgung von Claire und Jamie innerhalb seiner perversen Persönlichkeit immerhin noch Logik ergab, fehlte mir der gesamte Zusammenhang für St. Germains Feindseligkeiten.
Nicht nur Claire und Jamie sind erleichtert, schließlich Paris den Rücken zu kehren und heim nach Schottland zu gehen. Hier nimmt die Handlung auch endlich Fahrt auf.

Die letzte Folge springt – für meinen Geschmack ein bißchen zu viel – zwischen „Neuzeit“ und Vergangenheit hin und her. Die Verwebungen selbst sind schön gemacht und erinnern daran, daß, so selten wir uns das bewußt machen, die Vergangenheit unlösbar mit uns und unserer Gegenwart verwoben ist. Weniger glaubhaft hingegen ist, daß Claire sich zwanzig Jahre später immer noch so nach Jamie sehnt wie gleich nach ihrer Trennung. Stoff für einen Liebesroman, sicher, aber mal ehrlich… (Ich mußte an des Scouts Kritik am Titanic-Ende denken!)

Staffel 2 dreht sich in vielen Dingen um Gut und Böse und wie dünn die Grenze ist, die zwischen ihnen verläuft. Unsere Helden verlieren zunehmend ihren Anspruch auf Rechtschaffenheit, als sie versuchen, die Schlacht von Culloden zu verhindern. Im Gegenzug, wie mit jedem Schurken, den man so lange haßt, bis er zu einem beliebten Gesicht der Truppe geworden ist, werden am Ende selbst Black Jack einige lichtere Momente gegönnt. Auch hier finden wir wieder die Verknüpfungen, Zusammenhänge, Bande, wenn man so will, die die Charaktere der Geschichten aneinander fesseln, so daß jede ihrer Handlungen Auswirkungen auf sie alle haben.
So wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft sind und – ich verweise noch einmal auf Ellen Moody – durch das Medium des Films beständig einander überlappen, sich kreuzen, ineinander übergehen, ist natürlich das Thema der Ahnen, das einen so großen Bereich in Outlander einnimmt, noch ein weiterer Aspekt davon. Frank ist auf den Spuren Jack Randalls, dem Claire begegnet, woraufhin sich der gesamte Stammbaum als verzweigter erweist als gedacht; Brianna wurde 1746 gezeugt und trifft 1968 sowohl den Nachfahren Geillis’ und Dougals als auch dessen Ahnherrin Geillis/Gillian selbst. Eine Metapher für den Einfluß, den die Vergangenheit immer auf die Gegenwart haben wird? Wie es bei Tolkien ungefähr heißt: Es ist immer noch die gleiche Geschichte, nur die Charaktere haben gewechselt. Und, wenn man wie ich an Reinkarnation glaubt, nicht einmal das!

Outlander sollte somit unbedingt mit einem Auge auf die Metaebene gesehen werden, nicht nur auf Handlung und Liebe – langweilig wird das nie!

Übrigens: Schottlands Touristikbranche hat eine nette Seite zu Outlander: https://www.visitscotland.com/see-do/attractions/tv-film/outlander/



* Zum Beispiel (Achtung, massive Spoiler): Folge 1, 2-3, 4-5, 6-7, 8-9, 10-11, 12-13, 14-16, klick, klick und klick

Ich kann nicht allen ihrer Interpretationen zustimmen; sie schreibt grundsätzlich, nicht nur bezüglich Outlander, aus einer Mann-vs.-Frau-Sicht, die, wie jede Auslegung, mehr über ihre persönlichen Anschauungen verrät als über das Thema ihrer Abhandlungen. So entgeht ihr beispielsweise, daß Jack Randall nicht so sehr von Fragen des Geschlechts motiviert ist, sondern von Erniedrigungs- und Unterwerfungsphantasien. Soll heißen, ob er bisexuell/homosexuell ist (sie behauptet in verschiedenen Artikeln beides), hat keinerlei Einfluß auf die Wahl seiner Opfer. Es ist ihm offenkundig völlig egal, ob Männlein oder Weiblein, jung oder alt, die Hauptsache ist, daß er am Ende ihren Widerstand und Willen gebrochen hat. Wir sehen das am Beispiel von Jenny und natürlich Jamie sowie versucht bei Claire und in geringerem Maße („nur“ als Bestrafung für Diebstahl gedacht) bei Fergus. Daß Ellen Moody als Expertin für Literatur des 17. bis 19. Jahrhunderts die klaren Anleihen bei de Sade nicht erwähnt, inklusive Randalls völlig rationale Vorgehensweise, überrascht.

** Angesichts der Popularität der Outlander-Romane wundert es mich ein bißchen, daß dieser Aspekt erst so viel später kopiert wurde. Ich meine, so weit ich das sehen kann, bedeutete Outlander bei Mills & Boon / Harlequin das Ende der Bürgerkriegs- und den Beginn der Highlander-Romanzen. Das ist ein gesamtes Genre. Sexueller Mißbrauch an den Helden von Liebesromanen hingegen tauchte erst in den letzten paar Jahren wieder auf, beispielsweise in Gena Showalters Original Heartbreakers-Serie, Jane Kindreds Waking the Serpent oder Sidney Bells Bad Judgment.

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Ich wünschte, ich hätte einen netten Jahresanfang-Eintrag, aber leider hat sich bisher noch nichts gefunden. WordPress* hat nach den „tollen Verbesserungen“ im letzten Jahr offenbar den beliebten Service „The Year in Review“ eingestellt, und ich fange an, mich zu fragen, wann ich mir eine bessere Plattform suche. Also: In diesem Jahr kein statistischer Rückblick – nicht meine Schuld.
Bin derzeit an einem extremen Tiefpunkt angelangt; nicht wegen WordPress natürlich, aber diese Aktion half auch nicht. Worauf habe ich Silvester getrunken? „Daß 2017 besser werde als das fürchterliche 2016.“ Bisher sehe ich noch keine Verbesserung (schlimmer geht immer, ist eine bekannte Weisheit).
Was sind so die kleinen Lichtblicke? Diesen Monat erscheint die I’m Not Ashamed-DVD, interessanterweise bisher nur in den USA, obwohl Großbritannien und neuerdings auch Deutschland bei den Pureflix-Produktionen recht zeitnah folgen. Vielleicht wird’s eine Last-Minute-Bekanntgabe. Und es kommt eine Spielfilmadaption von The Case for Christ, von der ich mir zwar nicht viel verspreche, aber die ich mir wohl antun werde.



* Ich schreibe es hier mit kleinem p, da ich Binnengroßbuchstaben boykottiere. Die automatische Rechtschreibkorrektur, die wirklich nur für den Begriff WordPress durchgeführt wird (die Herrschaften müssen echt viel von sich halten), ändert das jedesmal. Ich möchte hier nur nachdrücklich darauf hinweisen. Keine freiwilligen Binnengroßbuchstaben bei Schnabeline!

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Die Sprache soll den Menschen Macht und Schwert sein, um die Harmonie zu fördern und zu schützen, aber nicht, um Leid und Zwiespalt zu verbreiten.

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Dank“)

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Las mich kürzlich durch das Pure-Flix-Blog und stieß dabei auf einige kuriose Artikel. Als da zum Beispiel wäre: Ostereier heißen nicht mehr Ostereier! http://insider.pureflix.com/news/keeping-easter-in-uk-chocolate-eggs

Da ich üblicherweise keine Schokoeier kaufe, ist mir etwas in der Art noch nicht aufgefallen – muß nächstes Jahr mal darauf achten. Hingegen ist aufgefallen und wurde befürchtet, daß die Überraschungseier etwa ihren Namen geändert hätten?! Aber nein, sie sind nur in Sommerpause, und es gibt ein neues (natürlich englischsprachiges) Produkt. http://www.kinderueberraschung.de/?gclid=CLb-r8zAp80CFasV0wodzJ4MOA

Und noch was Kurioses: http://insider.pureflix.com/news/christian-themed-resort-proposed-san-diego/
Sehr amerikanisch, würde ich sagen.

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Nachdem ich so angetan war von Richardsons Clarissa, wollte ich mir ihr männliches Gegenstück nicht entgehen lassen. Sir Charles Grandison (The History thereof, sollte ich sagen) war ein Hit besonders bei den Damen – das Ideal eines Mannes, das natürlich ebenso wenig erreicht wird wie die ideale Clarissa.
Ich stellte allerdings schon bei der Penguin-Ausgabe der romantischen Poesie fest, daß neuzeitliche Auflagen sich irgendwie falsch anfühlen. Bei mir jedenfalls. Wahrscheinlich liegt es daran, daß die Herausgeber ihren Lesern wenig bis nichts zutrauen und daher die Orthographie in moderne Formen fassen. Vielleicht mit Recht. Wer weiß zum Beispiel noch, daß im älteren Englisch die ed-Endung ausgesprochen wurde? „Finished“ wurde genauso gesprochen wie man’s schrieb – faßte man es kürzer (meist die poetische Version), war es „finish’d“. Ich weiß es noch. Und Leute, die sich mit so was befassen. Um es aber für die Allgemeinheit lesbar zu machen, wird heute im Falle einer Betonung „finishéd“ daraus. Und ich gebe zu, mich stört das.

(Jetzt, wo ich darüber nachdenke: alle auf t oder d endenden Verben haben aus naheliegenden Gründen ihre ursprüngliche Betonung behalten.)

Die Gelegenheit ergab sich, Charles Grandison in einer alten Fassung zu bekommen. Nun hatte ich vor langer Zeit mal versucht, Chaucers Canterbury Tales zu lesen, aber bald aufgegeben, weil die Anmerkungen fast genauso lang waren wie der Text und es sein mußten; der Unterschied zum modernen Englisch ist nämlich bereits fast so groß wie der zwischen Mittelhochdeutsch und modernem Deutsch. Was ich allerdings begeistert entdeckte, war, daß Chaucers Englisch noch sehr stark in der germanischen Sprachfamilie wurzelte und sich viele Erklärungen für einen deutschsprachigen Leser erübrigten – er kannte den Begriff in seiner Muttersprache. Der französische Einfluß kam erst später und sorgte für den großen romanischen Einschlag, den das heutige Englisch hat. Meine Chaucer-Ausgabe war eine moderne; somit blieb mir bis zu Charles Grandison eine Eigenheit verborgen, die das ältere Englisch mit dem Deutschen teilte: Es besaß das lange und das runde S. (Das lange S war das gebräuchlichere; das kurze, heute ausschließlich verwendete S stand nur am Ende eines [Teil-]Wortes.)

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Im ersten Band (von sieben) der The History of Sir Charles Grandison vermißt man den Titelcharakter, dessen Geschichte angeblich erzählt wird, bis über die Hälfte der Handlung hinaus. Stattdessen findet man viele Parallelen zu Clarissa; die Heldin der Geschichte, Harriet Byron, ist allerdings eine nette Mischung aus Clarissa Harlowe und Anna Howe. Unser Ritter tritt dann endlich in voller Form auf, als er Harriet aus den Händen ihres Entführers befreit und sie stilgemäß – hach! – in seinen Armen davonträgt. Heute wird dieses längst verkitschte Bild so oft parodiert, daß es fast schon wieder nett ist, es in seinem Ursprung anzutreffen.
Köstlich, aber bestimmt inzwischen nicht mehr politisch korrekt ist Harriets Beschreibung einer „vermännlichten“ Frau, die sie in der Londoner Gesellschaft kennenlernt. Diese veritable Amazone schwärmt für starke, furchtlose Krieger der Antike und hat (obwohl ich bezweifle, daß Richardson ernsthaft glaubte, so etwas gäbe es) eine ausgeprägte lesbische Seite.
Vielleicht merkte Richardson selbst oder wurde darauf hingewiesen, daß sein Ansatz nicht funktionierte. Der geneigte Leser hörte eine Menge über Sir Charles, alles berichtet von der zunehmend verliebteren Harriet, aber als Person blieb er fremd. In Band 3 begann Richardson daher endlich, seinen Titelhelden selbst in Briefen zu Wort kommen zu lassen. Ich vermute, das Problem lag in einer gewissen Hemmschwelle. „Frauen“, sagte sich Richardson wohl, „können einander ihr Herz ausschütten.“ Und in Clarissa war es unbedingt notwendig, Lovelace eine Stimme zu geben, um seine Pläne und self-conceit (so Richardson – ein besseres Wort gibt es dafür nicht, auch nicht in Übersetzung) deutlich zu machen. Aber Lovelace ist ein Prahler und somit mehr als bereit, seine Gedanken in Briefen offenzulegen. Charles Grandison dagegen ist diskret und nicht geneigt, ein schlechtes Wort über irgendjemanden zu sagen (was mit seiner angeblichen, von allen Seiten gerühmten Natürlichkeit und Offenheit kollidiert). Seine Briefe stellten daher ein ziemliches Problem für den Autoren dar: Wie vermittelt man eine Handlung, wenn der Berichtende aus Höflichkeit die Hälfte ausläßt? Langsam jedoch arbeitete sich Richardson in seine Figur hinein und schaffte schließlich das Kunststück, die Geschehnisse zu schildern, ohne Sir Charles‘ Charakter Schaden nehmen zu lassen.

Was mir an Charles Grandison jedoch fehlt, ist ein roter Faden. Ich spreche hier nicht einmal von den kapitellangen Diskursen über Religion und Bildung; wie gesagt, Richardson schrieb zu Zwecken der Moral, nicht der Unterhaltung, und als solches nehmen sie völlig berechtigt Platz in der Geschichte ein. Aber die Handlung, wie man im dritten bis vierten Band endlich erkennt, erstreckt sich auf ein schlichtes: Kriegen sie sich oder nicht? Alles drumherum ist Tugend und Ehrenhaftigkeit – der Leser erfährt, wie tugendhaft Held und Heldin sind und wie ironischerweise ihre Ehrenhaftigkeit ihrem gemeinsamen Glück im Wege steht. Man mißverstehe mich nicht: Es ist trotzdem eine schöne Geschichte. Aber an Handlung steht Charles Grandison weit hinter Clarissa zurück.

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But above all, the passing of 200 years since Lyrical Ballads has had the effect of limiting awareness. Early readers of Romantic poetry knew Latin, knew the Bible in detail, and Paradise Lost almost as a second Bible. Notes cannot take the place of the countless pleasurable recognitions that we have lost, but they can help.

Ich bin ein bißchen entsetzt. Las die Tage One Summer in Geneva 1816 mit Erläuterungen und fing mit The Penguin Book of Romantic Poetry an, ebenfalls erläutert… und wollte meinen Augen nicht trauen, was da alles erläutert wurde. Nun gebe ich gern zu, daß ich ein Faible für altes Kram habe. Aber ich bin immerhin kein native speaker. Wenn die Herausgeber meinen, Begriffe wie „vehement“, „though unforgiving“, „ravished“, „oblivion“ und viele andere erklären zu müssen, frage ich mich doch, wie es mit dem durchschnittlichen Wortschatz aussieht.
Ich denke es oft, wenn ich Unterhaltungen auf der Straße mitanhöre: Sich gut ausdrücken zu können, ist etwas Wunderschönes. Dazu muß man gar nicht mal Poesie deklamieren.
Mit weiteren Gedanken zum Untergang des Abendlandes (beides Caitlin Kiernan) schließe ich reichlich deprimiert diesen Beitrag.

This is what happens when you create a medium that relies on at least a minimal degree of literacy, but is primarily the realm of the functionally illiterate. (Über das Internet)

I live in a world where children are no longer being taught cursive. Apparently, this has been going on for some time, but I was only recently made aware of it. It saddens me deeply, a culture simply throwing away part of itself like that. How long until schools stop teaching handwriting altogether?

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… und erinnert, daß ich es um des Gags willen hier einstellen wollte. Na, wer kann’s lesen? 😉 (Das Bild läßt sich durch Daraufklicken vergrößern.)

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Vermischtes.

Diese Rede (anläßlich der ersten Oxford German Olympiad) entdeckte ich dank Die deutsche Schrift und finde sie klasse. Nicht zuletzt die Anmerkungen in Sachen Übersetzung (Seite 3). Abendgymnasium. Ich kann völlig sachlich und ohne Angabe behaupten, daß ich eine der Besten des Englischkurses war. Aber dann bat mich unsere Lehrerin einmal, eine Passage ins Deutsche zu übersetzen, und ich kam aus dem Stottern nicht heraus. Wie Mr. Cornwell (John le Carré) in seiner Rede sagte: Ich übersetze nicht, wenn ich englische Literatur lese oder englische Filme sehe, ich schalte ganz einfach in diese „zweite Persönlichkeit“ um. Und deshalb bin ich eine miserable Übersetzerin.

Etwas, auf das ich seit Jahren hereingefallen bin, bis der neueste Sicherheitsbeauftragter mich eines besseren belehrte: Wildbeeren sind völlig sicher zu essen, bisher ist kein einziger Fall von Fuchsbandwurm durch wildwachsende Brom- oder Himbeeren nachgewiesen worden. Dann brauche ich mich ja zukünftig nicht mehr zurückhalten. In die Beeren gehen – hurra!

Ich glaube, kein Mensch, der im Bibliotheks- oder Archivwesen arbeitet, macht sich Illusionen über den Mythos der Langzeitarchivierung, auch wenn aktuell alle möglichen Modelle dazu entwickelt werden. Elektronische Daten sind nicht darauf ausgelegt, für die Ewigkeit (oder das, was in unseren Kreisen dafür gilt) aufbewahrt zu werden. Wissen und wissenschaftliche Forschung sind Kreaturen des Augenblicks geworden. Die großen wissenschaftlichen Verlage, aber auch viele Institutionen und Firmen stellen zunehmend auf e-only um, das sind rein monetäre Beweggründe. Wenn die Inhalte eines Tage futsch sind – was kümmert das die Leute hier und jetzt? Die Forschenden und Studenten sind froh, daß sie die Inhalte für ihre aktuellen Arbeiten haben, aber ob ihre Quellen in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren überhaupt noch einzusehen sind, ist ihnen im Moment egal. Ob ihre eigenen Arbeiten in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren noch einzusehen sind, darüber denken sie nicht nach. Die Kultur der Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit. So war es sehr rührend, kürzlich mit einer Fachreferentin Altbestand-Geschenke durchzugehen, ob sie in unseren Bestand übernommen werden sollten oder nicht. Bis auf zwei Titel entschied sie sich, alles zu nehmen. „Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, es zu makulieren“, sagte sie wiederholt. „Wenn wir es nicht nehmen, ist es weg. Und wenn es die elektronische Form eines Tages nicht mehr geben sollte, sind das Schätze.“

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