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Posts Tagged ‘Gralsbotschaft’

Sonderbar ist der Streit über das Für und Wider eines Lebens nach dem irdischen Tode, eigentlich oft bis zur Lächerlichkeit. Wer ruhig, vorurteilsfrei und wunschlos zu denken und beobachten vermag, wird bald finden, daß tatsächlich alles, aber auch alles für die Wahrscheinlichkeit einer bestehenden andersstofflichen Welt spricht, die der jetzige Durchschnittsmensch nicht zu sehen vermag. Es sind so viele Vorgänge, die daran immer und immer wieder mahnen und die nicht einfach als nichtbestehend achtlos zur Seite geschoben werden können.
Dagegen ist für ein unbedingtes Aufhören nach dem irdischen Ableben weiter nichts vorhanden als der Wunsch vieler, die sich damit gern jeder geistigen Verantwortung entziehen möchten […].

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Spiritismus“)

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Kein Mensch denkt daran, die Persönlichkeit auch durch Ehrfurcht dem Körperlichen gegenüber zu dem zu machen, was sie sein sollte, sein kann und sein muß.
Der Körper hat gleich der Seele etwas Kostbares, deshalb Unantastbares zu sein, das man nicht zur Anlockung zur Schau stellt. Und deshalb läßt sich auf Erden auch in dieser Beziehung der Körper von der Seele nicht trennen. Beides ist gleichzeitig als Unantastbares zu achten und zu bewahren, wenn es irgendeinen Wert haben soll. Sonst wird es Plunder, an dem man sich beschmutzt, dem nur gebührt, in die Ecke geworfen zu werden, um dem ersten besten vorüberziehenden Trödler billig anzugehören.

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Die Ehe“)

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Mit der einfachen Erklärung der „unerforschlichen Wege Gottes, die alles zum Besten führen“, ist der Drang nach dem „Warum“ nicht aus der Welt geschafft. Wer damit zufrieden sein soll, muß sich stumpf darein ergeben, oder jeden fragenden Gedanken sofort als Unrecht unterdrücken.
So ist es nicht gewollt! Durch Fragen findet man den rechten Weg. Stumpfsinn oder gewaltsames Zurückdrängen erinnert nur an Sklaventum. Gott aber will nicht Sklaven! Er will nicht das stumpfsinnige Sichfügen, sondern freies, bewußtes Aufwärtsschauen.
Seine herrlichen, weisen Einrichtungen brauchen nicht in mystisches Dunkel gehüllt zu sein, sondern gewinnen an ihrer erhabenen, unantastbaren Größe und Vollkommenheit, wenn sie frei vor uns liegen! Unwandelbar und unbestechlich, in gleichmäßiger Ruhe und Sicherheit verrichten sie unaufhaltsam ihr ewiges Wirken.
Sie kümmern sich nicht um Groll oder Anerkennung der Menschen, nicht um ihre Unwissenheit, sondern sie geben jedem einzelnen bis auf das Allerfeinste abgetönt in reifen Früchten das zurück, was er als Saat ausstreute.

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Das Geheimnis der Geburt“)

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… wie flüchtige Leser eines Buches, die es um der Spannung willen lesen, nur um freie Stunden damit auszufüllen und sich abzulenken von dem einseitigen Denken über ihre alltägliche Tätigkeit.
Sie sehen während des Lesens nicht die Menschen in dem Buche vor sich lebend auferstehen, achten nicht der einzelnen Entwickelungen, die die darin handelnden Personen in sich zu durchleben haben, sehen nicht die daraus sich entwickelnden haarscharfen Folgerungen, welche die Verhältnisse und die Umgebung immer wieder zu verändern fähig sind. Das alles wird von ihnen nicht beachtet, sondern es geht sprunghaft vorwärts, nur um dieses oder jenes in der Handlung schnell noch zu erfahren! Sie haben keinen Nutzen von den besten Büchern, welche ein Stück Erdenleben wiedergeben, woraus der Leser vieles für sich schöpfen könnte, wenn er alles richtig in sich miterlebte!
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Verbogene Seelen“)

Wenn es etwas gibt, das man mir vorwerfen kann, dann sicherlich, daß ich Buch- und Filmcharaktere lebe. Ich ernte mitunter karierte Blicke, wenn ich zu einer Abhandlung über diese oder jene Zusammenhänge in den Entscheidungen der Figuren aushole; vielleicht sind meine geplagten Zuhörer beeindruckt, aber viel wahrscheinlicher halten sie mich einfach für merkwürdig.
Dennoch. Ich habe es schon mehrfach geschrieben und kann es nur wiederholen: Ein Buch, ein Film, eine Serie fesselt mich nur, wenn Charaktere darin auftreten, die mir etwas geben. Nehmen wir zum Beispiel mein aktuelles Nachholen der Superheldenfilme der letzten Jahre. Ja, Wonder Woman ist visuell großartig und Justice League sehr unterhaltsam. Aber ihre Charaktere haben zu wenige Facetten, sind viel zu schnell ausgeschöpft, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Betrachten wir dagegen den gar nicht so heimlichen Star diverser Marvel-Verfilmungen, Loki, und die Sache sieht schon anders aus.
(Achtung, Abhandlung.)
Sicherlich geschuldet der nicht ganz so erfolgreichen Koordinierung der Marvel-Filme und ihrer verschiedenen Drehbuchschreiber sowie der engen zeitlichen Abfolge, die es den Autoren nicht erlaubt, das endgültige Produkt ihrer Kollegen zu begutachten und danach ihr eigenes Drehbuch auszurichten (eigentlich hat man dafür einen Script Supervisor), variiert die Figur sehr. Eingeführt wird Loki in Thor, den ich aus so vielen Gründen für den besten Film der Reihe halte. Thors eigene Entwicklung ist ein Fall für sich, den ich schon einmal analysiert habe und deshalb hier weglasse; der Fokus dieses Blogeintrages liegt auf Loki.

Thor ist eine Geschichte über zwei Söhne und ihren Vater: Thor, strahlend, überragend, aber arrogant und selbstzufrieden; sein jüngerer Bruder Loki stets in seinem Schatten, obwohl ihm intellektuell überlegen, scharf beobachtend und dabei den Eindruck gewinnend, daß ihr Vater Odin den Erstgeborenen bevorzugt. Ein klassischer Geschwisterkonflikt, der nicht einfacher wird durch die Tatsache, daß Thor nach Odins naher Abdankung zum neuen König ernannt werden soll, eine Aufgabe, für die er in Lokis Augen denkbar ungeeignet ist. So versucht Loki, das Unvermeidliche für eine kurze Weile noch zu verhindern, doch die Ereignisse, die er in Bewegung setzt, verselbständigen sich. Thor endet in der Verbannung, Loki erfährt, daß er adoptiert wurde und hält nun diese Tatsache für die Erklärung aller vermeintlichen Zurücksetzung, die er erfahren hat. Er sieht sich als Schachfigur in den Plänen seines Vaters und ist taub für die Versicherungen Odins, er sei sein Sohn, Blut oder nicht. Als Odin in Folge des Streites zwischen ihnen in eine Art Koma fällt, wird Loki zwangsläufig Regent. Er schmiedet einen vom Standpunkt der Charakterentwicklung betrachtet komplexen Plan: Gleichermaßen sich zum Helden der Geschichte zu machen und es damit endlich Thor gleichzutun, als auch, das auszulöschen, was ihn anders, nach seinem irrtümlichen Verständnis in den Augen seines Vaters minderwertig macht.
Der Plan mißlingt. Odin ist willens, Loki zu verzeihen, doch dieser sieht in der sanften Ablehnung des letztlich aus Liebe geschmiedeten Planes eine Zurückweisung seiner Person. Und so läßt er wortwörtlich das gebotene Rettungsseil fahren und stürzt ins Bodenlose, vermeintlich in seinen Tod. (Man kann, wenn man möchte, hier sehr leicht eine christliche Symbolik erkennen.)
Als ein trauernder Thor am Ende zu seinem Vater sagt, er hoffe, ihn eines Tages stolz zu machen und Odin erwidert, Thor mache ihn bereits stolz, so meint man, darin auch die unausgesprochenen Selbstvorwürfe Odins zu erkennen, seinen beiden Söhnen niemals diese einfache Wahrheit mitgeteilt und damit vielleicht all das Leid verhindert zu haben.

Die Fortsetzung folgt in The Avengers, der sich berechtigterweise mehr um die Charakterzeichnung seiner zahlreichen Helden kümmert als um die des Gegenspielers, aber darum leider auch ärmer ist als er sein könnte. Loki taucht hier, nach einem Jahr des nicht näher erläuterten Umherirrens, in ganz anderer Gestalt auf. Er hat kaum etwas von der Verletzlichkeit, die ihn in Thor auszeichnet, nichts von der inneren Logik seines Verhaltens und seiner Pläne, die einzig und allein dem Bedürfnis entsprangen, sich in den Augen seines Vaters zu beweisen. In erster Linie wird ihm hier als Motiv Machtstreben unterstellt. Ich wünschte mir eine Zwischengeschichte herbei, die diesen krassen Schnitt erklärte – genau genommen wartete ich den ganzen Film auf die Enthüllung, daß das Szepter, das die Gedanken von Menschen manipulieren kann, auch ihn beeinflußt hatte.
Dabei gehen seine Beweggründe tiefer, wenn man genau darauf achtet. Sie wurden bereits in Thor etabliert: Während Loki im ersten Film Thor als Hindernis auf dem Weg zu seinem Ziel betrachtet (nicht auf dem Weg zur Macht – es ist wichtig, hier zu unterscheiden), so ist er nun zum Fokus von Lokis Haß geworden. Machtstreben, ja, aber als Ersatz für das, was Thor Loki nach dessen Auffassung genommen hat. Nicht von ungefähr ist Lokis Ziel die Erde, für die Thor sich verantwortlich fühlt. Es ist Rache, der Wunsch, Schmerz um Schmerz zurückzugeben. Schade, daß das nicht deutlicher herausgearbeitet wurde.
Einige wenige Momente werden ihm gegönnt. Es liegt da in seinen Augen eine tiefe Traurigkeit und Sehnsucht, als Thor ihn zweimal bittet, seinen Plan aufzugeben und nach Hause zu kommen. Er schleudert Thor entgegen, all die Jahre „als Schatten“ gelebt zu haben, überragt von seinem strahlenden Bruder. Zu seltenen Gelegenheiten beweist er seinen Witz. Doch mehr schöpft das Drehbuch aus diesen Möglichkeiten nicht. (Eigentlich seltsam, da Drehbuchautor Josh Whedon üblicherweise immer sprücheklopfende Bösewichte schreibt.)
So bleibt Loki in The Avengers ein größtenteils sehr einseitiger, klischeehafter Schurke, der am Ende in Ketten nach Asgard abgeführt wird, um dort der Gerichtsbarkeit zugeführt zu werden.

Thor – The Dark World muß nun mit diesem anderen, sehr viel finstereren Loki arbeiten und tut es mit Aplomb. The Dark World ist, als Gegenstück zu Thor, eine Geschichte über zwei Söhne und ihre Mutter. Frigga ist die einzige, die die Familie durch ihre Liebe noch zusammenhält. Odin, eine sehr viel härtere, kältere Version seiner selbst als in Thor, läßt sich von ihr dazu erweichen, Loki nicht zum Tode, sondern zu lebenslanger Gefangenschaft zu verurteilen, doch er verbietet ihr jeden Kontakt zu ihm. Lokis Haß auf Odin (und darunter sein Schmerz über dessen verlorene Liebe) steigt ins Unermeßliche.
In vielen kleinen Momenten und Gesten lernt der Zuschauer nun Friggas Einfluß auf ihren Mann und ihre beiden Söhne kennen, die Liebe, die jeder für sie hegt, ihre Weisheit und Menschenkenntnis. Sie ist die einzige, die Lokis Herz noch erreichen kann und der, wie man erfährt, immer eher „ihr“ Sohn war, so wie Thor eher Odins Sohn war.
Nachdem dies alles etabliert ist, folgt zwangsläufig Friggas gewaltsamer Tod.
Um sie zu rächen und die Urheber ihres Todes an ihren Plänen zu hindern, befreit Thor Loki aus seinem Kerker – auf Zeit, wie er dabei zur Bedingung macht. In ihrem unausgesprochenen Schmerz vereinigt, der sich bisweilen in bitteren Vorwürfen Bahn bricht, nehmen die beiden Brüder die Verfolgung der Mörder auf. Nachdem er seine Rache stillen konnte, täuscht Loki seinen Tod vor und kehrt unerkannt nach Asgard zurück.
Dort begegnet Thor ihm nach beendeter Mission in Gestalt Odins. Seinem vermeintlichen Vater gegenüber erklärt Thor, die Herrschaft nicht annehmen zu wollen, und verläßt Asgard, um auf der Erde zu leben.
The Dark World ist nach The Avengers wieder wunderbar vielschichtig. Vieles liegt in kleinen Dingen, in Blicken, Gesten oder auch in auf verschiedene Weise zu deutenden Szenen.

Thor: Ragnarok schließt als letzter Film der Trilogie den Kreis. Nach einer besorgniserregenden Prophezeiung durch den Feuerriesen Surtur kehrt Thor nach Asgard zurück und entlarvt Loki, der, wie man erfährt, Odin mit einem Zauber belegt und auf der Erde zurückgelassen hat. Die beiden Brüder suchen ihn auf, doch nach einer letzten versöhnlichen Aussprache mit seinen ungleichen Söhnen stirbt er. Sein Dahinscheiden ermöglicht es Hela, Odins totgeschwiegener Erstgeborenen, aus ihrem Exil nach Asgard zurückzukehren und die Macht an sich zu reißen. Fern des Geschehens gefangen, suchen Thor und Loki, jeder auf seine Art, Mittel, Wege und Verbündete, aus ihrer mißlichen Lage zu entkommen. Die Geschehnisse und die Enthüllungen über ihre Familie schweißen die Brüder zu einem erstaunlich guten Team zusammen, wenn sich auch am Ende Loki einmal mehr an Verrat versucht. Wohl eher aus Gewohnheit; denn als Thor sich beinahe im Alleingang an den Kampf gegen Hela und ihre Heere wagt, kommt Loki ihm (und ihrem Volk) gegen jeden Selbsterhaltungstrieb zu Hilfe. Ein drittes Mal scheint er in den sicheren Tod zu gehen, und ein drittes Mal entkommt er. Die Geschichte schließt mit Asgards Zerstörung durch Surtur, der Flucht der Überlebenden und Thors Ernennung zum neuen König, diesmal mit Loki an und auf seiner Seite.
Mit dieser, zweifelsohne der enormen Beliebtheit der Figur geschuldeten, versöhnlichen, teils humorvollen, teils nahezu heldenhaften, aber nie ganz vertrauenserweckenden Darstellung sind auch sämtliche Facetten des Lokis der nordischen Mythologie abgeschlossen. Ironischerweise ausgerechnet zu Ragnarök, als der mythologische Loki seinen Höhepunkt an Negativdarstellung erreicht.

Renate Steinbach schreibt in ihrem, sicher nicht zufällig 2012 (also nach Thors Kinostart und im Jahr der Avenger-Verfilmung) erschienenen Buch Loki Laufeyson – Die Geschichte eines Gottes:

Loki gilt als der widersprüchlichste Gott der nordischen Mythologie. Selbst jene, die sich bemühen, ihm wohlgesonnen zu sein, gestehen ihm bestenfalls die Notwendigkeit des negativen Gegengewichtes zu den hehren Asengöttern zu. […] Er brachte die Götter immer wieder in Verlegenheit und Gefahr, auch wenn er stets listenreich eine Lösung fand. […]
[W]er sich selbst auf Loki einlässt, der wird einem ganz anderen Gott begegnen, nämlich jemandem, der treu und verlässlich ist und dessen Heiterkeit sehr bereichert.

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Aus dem Autorenblog, paßt hier eindeutig besser.

Für den Menschen braucht es in der Schöpfung kein Mysterium zu geben, darf es nicht; denn Gott will, daß seine Gesetze, die in der Schöpfung wirken, dem Menschen gut bekannt sind, damit er sich darnach richten kann und durch sie leichter seinen Weltenlauf vollendet und erfüllt, ohne in Unwissenheit abzuirren.

Der ehemalige Herrenhäuser Pastor Jan Olaf Rüttgardt stellte am 23.1. im Kirchsaal der Herrenhäuser Kirche sein Buch Die Botschaft der Evangelisten vor. „Der Evangelisten“, wie er betonte, „nicht der Evangelien.“ Denn nach derzeitigem Stand der Forschung lassen sich die Berichte über Jesu Wirken erst auf Quellen aus zweiter bis dritter Hand zurückführen. Aufgrund der Kürze der Zeit konnte Herr Rüttgardt das spannende Thema seines Buches nur anreißen, ein Thema, das ihn spürbar fasziniert – ich mag es sehr, wenn ein Forscher vom Thema seiner Forschung begeistert ist und dies auch vermitteln kann! Gleichzeitig ist er bei aller Theologie, aller Wissenschaft also, ein gläubiger Mensch, und auch dies ist eine Mischung, die ich sehr wertschätze. Zurückdenkend an meine Israelreise beispielsweise konnte ich diese Mischung bei unserer mitreisenden Pastorin a.D. nicht feststellen; sie war Theologin allein mit Hirn, nicht mit Herz und sah alle Niederschriften als Symbol für etwas. Ich wartete nur darauf, daß sie eines Tages sagen würde, auch Gott sei nur ein Symbol. „Theologie zerstört jede Art von Glauben“, wie sie bekannte.

Das ist nun eine interessante Aussage. Herr Rüttgardt hätte sicherlich einiges darauf zu erwidern. Aber auch seine Sicht der Dinge ist aus dem Blickwinkel der Lehre der Gralsbotschaft befremdlich. Ja, die vier Evangelien widersprächen sich teilweise, erklärte er, und manches in ihnen stehe in direktem Widerspruch zu dem, was man heute als Christ erwarten würde. Vieles, so Rüttgardt, könne man aus heutiger Sicht, aus unserem kulturellen Umfeld heraus gar nicht verstehen. Denn man dürfe nicht vergessen, daß das Christentum in seinen Anfängen aus einer sehr fremden Kultur stamme. Und manches sei ganz einfach unverständlich. Das spiele aber gar nicht so eine wichtige Rolle, erläuterte er. Nicht für ihn und in seinen Augen auch nicht für das Christentum, für das Verständnis des Glaubens. Kurzgefaßt: Man muß nicht alles verstehen, um zu glauben.

Das sind nun zwei entgegengesetzte Standpunkte: Glauben, ohne sich von Widersprüchen, Unklarheiten oder auch wissenschaftlich belegten Fehlern in der Bibel beirren zu lassen versus dem Voranstellen wissenschaftlicher Erkenntnisse und dem damit verbundenen Verlust des – ich nenne es mal kindlichen – Glaubens. Ein dritter Standpunkt, auf den ich im Buch The Sisters of Sinai stieß: Echter Glaube überlebt wissenschaftliche Erkenntnisse. Nicht in dem Sinne, daß diese Erkenntnisse ausgeblendet werden, sondern daß der Glaube stark genug ist, Neuerungen zu überleben. Ich kann nicht sagen, welcher Standpunkt der wertvollere ist.

Die Gralsbotschaft ist sehr deutlich in dieser Hinsicht mit ihrer Warnung vor blindem Glauben. Und dennoch halte ich es für wichtig, sich auch als Kreuzträger Gedanken über diese Dinge zu machen. Im Vortrag „Im Lande der Dämmerung“ beispielsweise warnt Abd-ru-shin sehr deutlich auch die Kreuzträger. Es ist so bequem, diesen Vortrag nur auf das Christentum zu beziehen, weil dies das Beispiel ist, das aus der zur Zeit und im Umfeld des Herrn vorherrschenden Kultur heraus gewählt wurde. Vielleicht läßt man sich auch herab, andere Religionen, vielleicht noch den Spiritismus oder Okkultismus darin zu erkennen. Doch „… von dem ich heute nur einen ganz kleinen Teil erklärte“, warnt Abd-ru-shin im Abschluß des Vortrages. Von diesem An-Äußerlichkeiten-Festkrallen sehen wir unter den Kreuzträgern mehr als genug. Sei es das Schisma zwischen „Berg-Kreuzträgern“ und „Bewegungs-Kreuzträgern“ und allen den Splittergrüppchen, die nebenher existieren, sei es der Streit um die „richtige“ Ausgabe der Botschaft, sei es der Verjüngungs- und Modernisierungstick, der aktuell in der Bewegung grassiert (kein Feuerzeug verwenden beim Anzünden der Altarkerzen und die bizarre Begründung dafür – mir fehlen die Worte)… was ist das alles? Kein lebendiger Glaube, keine lebendige Überzeugung, so viel steht fest. Das ist Dogma. Das ist Sektierertum. Und das sind Äußerlichkeiten, über denen viele Kreuzträger vergessen, was wichtig ist.

Aber gehen wir noch weiter. Auch in der Botschaft finden wir Voraussagen, die sich sehr aktuell auf das Datum der Niederschrift bezogen lesen und bis heute nicht eingetroffen sind. Es gibt verschiedenste Reaktionen darauf, die alle dem Muster der drei oben genannten Standpunkte entsprechen. Die Wegbereiter sind unübersehbar persönlich eingefärbt und widersprechen sich in den gleichen Schilderungen, und dennoch gelten sie für die einen Kreuzträger als beinahe gleichbedeutend mit den Schriften Abd-ru-shins, während die anderen sie als Kitsch ablehnen. Die „Sekundärschriften“, Memoiren etc., widersprechen sich, je nach dem persönlichen Standpunkt des Erinnernden, und dennoch werden einzelne Aussagen von heutigen Kreuzträgern als Offenbarungen gehandhabt und andere abgelehnt. Muster unbekannt.

Wie gehen wir als Kreuzträger mit all dem um? Wie beziehen wir Widersprüche, Unklarheiten, Zweifel in unseren Glauben oder unsere Überzeugung mit ein? Sind wir, so beliebt es ist, sich als besser oder fortgeschrittener vorzustellen als beispielsweise die Christen, wirklich so anders?
Ich würde mir gern vorstellen, daß wir zumindest geistiger wären, nicht so ausschließlich dem Irdischen verhaftet, wie mir das Christentum in vielem zu sein scheint. Ob ich damit recht habe, wer weiß?

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wunderkreuz

Der Heiland am Kreuze! Zu Tausenden sind diese Kreuze aufgestellt, als Wahrzeichen dafür, daß Christus um der Menschheit willen litt und starb. Sie rufen den Gläubigen von allen Seiten zu: „Denket daran!“
Auf einsamer Flur, in den belebten Großstadtstraßen, in stiller Kammer, in den Kirchen, an Gräbern und zu Hochzeitsfeiern, überall dient es zum Trost, zur Stärkung und zur Mahnung. Denket daran! Um Euerer Sünden willen ist es geschehen, daß der Gottessohn, der Euch das Heil zur Erde brachte, an dem Kreuze litt und starb.
Mit innigem Erschauern tritt der Gläubige herzu, in tiefer Ehrfurcht und voll Dankbarkeit. Mit Frohgefühl verläßt er dann die Stätte in dem Bewußtsein, durch den Opfertod auch seiner Sünden ledig geworden zu sein.
Du ernsthaft Suchender jedoch, geh hin, tritt vor das Wahrzeichen heiligen Ernstes und bemühe Dich, Deinen Erlöser zu verstehen! Wirf ab den weichen Mantel der Bequemlichkeit, der Dich so angenehm erwärmt und Wohlgefühl behaglichen Geborgenseins erzeugt, das Dich hindämmern läßt bis zu der letzten Erdenstunde, wo Du dann jäh aus Deinem Halbschlummer gerissen wirst, Dich loslöst von der irdischen Befangenheit und plötzlich ungetrübter Wahrheit gegenüberstehst. Dann ist Dein Traum schnell ausgeträumt, an den Du Dich geklammert hast, mit dem Du Dich in Tatenlosigkeit versenktest.
Deshalb erwache, Deine Erdenzeit ist kostbar! Um Eurer Sünden willen kam der Heiland, das ist unantastbar und buchstäblich richtig. Auch daß er um der Schuld der Menschheit willen starb.
Doch dadurch werden Deine Sünden nicht von Dir genommen! Das Erlösungswerk des Heilands war, den Kampf mit dem Dunkel aufzunehmen, um der Menschheit Licht zu bringen, ihr den Weg zu öffnen zur Vergebung aller Sünden.
Wandern muß ein jeder diesen Weg allein, nach des Schöpfers unumstößlichen Gesetzen. Auch Christus kam nicht, die Gesetze umzustoßen, sondern zu erfüllen. Verkenne doch nicht den, der Dir Dein bester Freund sein soll! Nimm für die wahren Worte nicht irrtümlichen Sinn!
Wenn es ganz richtig heißt: Um der Menschheit Sünden willen geschah dies alles, so ist damit gesagt, daß Jesu Kommen nur deshalb notwendig wurde, weil sich die Menschheit nicht mehr allein aus dem selbstgeschaffenen Dunkel herauszufinden und von dessen Klammern zu befreien vermochte.
Christus mußte diesen Weg der Menschheit zeigen. Hätte sich diese nicht so tief in ihre Sünden verstrickt, das heißt, wäre die Menschheit nicht den falschen Weg gegangen, so würde das Kommen Jesu nicht notwendig geworden sein, ihm wäre der Kampf- und Leidensweg erspart geblieben.
Deshalb ist es ganz richtig, daß er nur um der Sünden der Menschheit willen kommen mußte, wenn diese nicht auf dem falschen Wege ganz in den Abgrund, in das Dunkel gleiten sollte.
Das sagt aber nicht, daß damit jedem Einzelmenschen im Handumdrehen auch seine persönliche Schuld quittiert werden soll, sobald er nur wirklich an die Worte Jesu glaubt und darnach lebt. Lebt er aber nach den Worten Jesu, so werden ihm seine Sünden vergeben werden. Allerdings erst nach und nach zu einer Zeit, sobald die Auslösung durch die Gegenarbeit des guten Wollens in der Wechselwirkung erfolgt. Nicht anders. Zum Unterschiede dafür ist bei denen, die nicht nach den Worten Jesu leben, eine Vergebung überhaupt nicht möglich.
Das besagt nun aber nicht, daß nur Angehörige der christlichen Kirche Vergebung der Sünden erlangen können.
Jesus verkündete die Wahrheit. Seine Worte müssen deshalb auch alle Wahrheiten anderer Religionen mitenthalten. Er wollte nicht eine Kirche gründen, sondern der Menschheit den wahren Weg zeigen, der ebensogut auch durch die Wahrheiten anderer Religionen führen kann. Deshalb finden sich in seinen Worten auch so viele Anklänge an damals schon bestehende Religionen.
Jesus hat diese nicht daraus entnommen, sondern, da er die Wahrheit brachte, mußte sich darin auch alles das wiederfinden, was in anderen Religionen schon von Wahrheit vorhanden war.
Auch wer die Worte Jesu selbst nicht kennt und ernsthaft nach der Wahrheit und Veredelung strebt, lebt oft schon ganz im Sinne dieser Worte und geht deshalb mit Sicherheit auch einem reinen Glauben und der Vergebung seiner Sünden zu. Hüte Dich deshalb vor einseitiger Anschauung. Es ist Entwertung des Erlöserwerkes.
Wer ernsthaft nach der Wahrheit, nach der Reinheit strebt, dem fehlt auch nicht die Liebe. Er wird, wenn auch manchmal durch harte Zweifel und Kämpfe, geistig von Stufe zu Stufe emporgeführt und, gleichviel, welcher Religion er angehört, schon hier oder auch erst in der feinstofflichen Welt dem Christusgeiste begegnen, der ihn dann letzten Endes weiterführt bis zur Erkenntnis Gottvaters, worin sich das Wort erfüllt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Das „letzte Ende“ beginnt aber nicht mit den letzten irdischen Stunden, sondern auf einer gewissen Stufe in der Entwicklung des geistigen Menschen, für den das Hinübergehen aus der grobstofflichen in die feinstoffliche Welt nur eine Wandlung bedeutet.

Nun zu dem Geschehen des großen Erlöserwerkes selbst: Die Menschheit irrte in geistiger Dunkelheit. Sie hatte sich diese selbst geschaffen, indem sie sich mehr und mehr nur dem Verstande unterwarf, den sie erst mühsam großgezogen hatte. Damit zogen die Menschen auch die Grenzen des Begriffsvermögens immer enger, bis sie gleich dem Gehirn bedingungslos an Raum und Zeit gebunden waren und den Weg zu Unendlichem und Ewigem nicht mehr erfassen konnten.
So wurden sie ganz erdgebunden, beschränkt auch Raum und Zeit. Jede Verbindung mit dem Licht, dem Reinen, Geistigen war damit abgeschnitten. Das Wollen der Menschen vermochte sich nur noch auf Irdisches zu richten bis auf wenige, die als Propheten nicht die Macht besaßen, durchzudringen, freie Bahn zu schaffen zu dem Licht.
Durch diesen Zustand waren dem Übel alle Tore geöffnet. Dunkel quoll herauf und strömte unheilbringend über die Erde. Das konnte nur ein Ende bringen: geistigen Tod. Das Furchtbarste, das den Menschen treffen kann.
Die Schuld an allem diesem Elend aber trugen die Menschen selbst! Sie hatten es herbeigeführt, da sie freiwillig diese Richtung wählten. Sie hatten es gewollt und großgezogen, waren sogar noch stolz auf die Errungenschaft in ihrer maßlosen Verblendung, ohne in der sich mühevoll selbst aufgezwungenen Beschränktheit des Begreifens die Furchtbarkeit der Folgen zu erkennen. Von dieser Menschheit aus war kein Weg zu dem Licht zu schaffen. Die freiwillige Einengung war schon zu groß.
Wenn Rettung überhaupt noch möglich werden sollte, mußte von dem Lichte aus Hilfe kommen. Sonst war der Untergang der Menschheit in das Dunkel nicht mehr aufzuhalten.
Das Dunkel selbst hat durch die Unreinheit eine größere Dichtheit, die Schwere mit sich bringt. Wegen dieser Schwere vermag es von sich aus nur bis zu einer bestimmten Gewichtsgrenze emporzudringen, wenn ihm nicht von anderer Seite her eine Anziehungskraft zu Hilfe kommt. Das Licht aber besitzt eine seiner Reinheit entsprechende Leichtheit, die es ihm unmöglich macht, sich bis zu diesem Dunkel hinabzusenken.
Es ist dadurch zwischen beiden Teilen eine unüberbrückbare Kluft, in der der Mensch mit seiner Erde steht!
In der Menschen Hand nun liegt es, je nach Art ihres Wollens und Wünschens dem Lichte oder dem Dunkel entgegenzukommen, die Tore zu öffnen und die Wege zu ebnen, damit entweder das Licht oder das Dunkel die Erde überflutet. Sie selbst bilden dabei das Postament, durch dessen Wollenskraft Licht oder Dunkel festen Halt bekommt und von da aus mehr oder weniger kraftvoll wirken kann.
Je mehr das Licht oder das Dunkel dadurch auf Erden Macht gewinnt, desto mehr überschüttet es die Menschheit mit dem, was es zu geben hat, mit Gutem oder Bösem, Heil oder Unheil, Glück oder Unglück, Paradiesesfrieden oder Höllenqual.
Der Menschen reines Wollen war zu schwach geworden, um in dem schon überwiegenden schweren, alles erstickenden Dunkel auf Erden dem Lichte einen Punkt zu bieten, an den es sich halten konnte, mit dem es sich zu verbinden vermochte, derart, daß es in ungetrübter Reinheit und dadurch ungeschmälerter Kraft das Dunkel spaltete und die Menschheit erlöste, die sich dann an der dadurch angeschlagenen Quelle Kraft holen und den Weg aufwärts finden konnte zu den lichten Höhen.
Dem Lichte selbst aber war es nicht möglich, sich so weit herabzusenken in den Schmutz, ohne daß ein starker Halt dazu geboten wurde. Deshalb mußte ein Mittler kommen. Nur ein Gesandter aus lichten Höhen konnte durch Fleischwerdung die durch der Menschen Wollen gebildete dunkle Mauer sprengen und unter allem Bösen das grobstoffliche Postament für das göttliche Licht bilden, das fest mitten in dem schweren Dunkel steht. Von dieser Verankerung aus vermochten dann die reinen Strahlen des Lichtes die dunklen Massen zu spalten und zu zerstreuen, damit die Menschheit nicht vollständig im Dunkel versank und erstickte.
So kam Jesus um der Menschheit und deren Sünde willen!
Die so geschaffene neue Verbindung mit dem Licht konnte bei der Reinheit und Stärke des Lichtgesandten nicht vom Dunkel abgeschnitten werden. Damit war für die Menschen ein neuer Weg zu den geistigen Höhen gebahnt.

Von Jesus, diesem entstandenen irdischen Postament des Lichtes, gingen nun dessen Strahlen in das Dunkel durch das lebendige Wort, das die Wahrheit brachte. Er konnte diese Wahrheit unverfälscht übermitteln, da er Wort und Wahrheit selbst war.
Die Menschen wurden nun aus ihrem Dämmerzustand aufgerüttelt durch die gleichzeitig geschehenden Wunder. Diesen nachgehend, stießen sie auf das Wort. Mit dem Hören der von Jesus gebrachten Wahrheit aber und dem Nachdenken darüber erwachte nach und nach in Hunderttausenden der Wunsch, dieser Wahrheit nachzugehen, mehr davon zu wissen. Und damit strebten sie dem Lichte langsam entgegen.
Durch den Wunsch wurde das sie umgebende Dunkel gelockert, ein Lichtstrahl nach dem anderen drang sieghaft ein, indem die Menschen über die Worte nachdachten und sie für richtig fanden. Es wurde heller und heller um sie, das Dunkel fand keinen festen Halt mehr an solchen und fiel zuletzt von ihnen abgleitend zurück, womit es mehr und mehr an Boden verlor. So wirkte das Wort der Wahrheit in dem Dunkel wie ein keimendes Senfkorn und wie Sauerteig im Brote.
Und das war das Erlöserwerk des Gottessohnes Jesus, des Licht- und Wahrheitsbringers.
Das Dunkel, das die Herrschaft über die gesamte Menschheit schon zu haben wähnte, bäumte sich dagegen auf in wildem Kampfe, um das Erlöserwerk unmöglich zu machen. An Jesus selbst konnte es nicht heran, es glitt an seiner reinen Empfindung ab. Da war es selbstverständlich, daß es sich seiner willigen Werkzeuge bediente, die es zum Kampfe zur Verfügung hatte.
Dies waren die Menschen, die sich ganz richtig „Verstandesmenschen“ nannten, also sich dem Verstande fügten und somit wie dieser fest an Raum und Zeit gebunden waren, wodurch sie höhere, geistige Begriffe, weit über Raum und Zeit stehend, nicht mehr erfassen konnten. Es wurde ihnen deshalb auch unmöglich, der Lehre der Wahrheit zu folgen.
Sie alle standen ihrer eigenen Überzeugung nach auf zu „realem“ Boden, wie auch heute noch so viele. Realer Boden aber heißt in Wirklichkeit ein arg beschränkter Boden. Und alle diese Menschen waren gerade die Mehrzahl derer, die die Macht vertraten, also obrigkeitliche und religiöse Gewalt in den Händen hatten.
So peitschte das Dunkel in tobender Gegenwehr diese Menschen auf bis zu den groben Übergriffen, die sie gegen Jesus mit der in ihren Händen liegenden irdischen Gewalt ausübten.
Das Dunkel hoffte, dadurch das Erlöserwerk zerstören zu können. Daß es diese Macht auf Erden überhaupt ausüben konnte, war lediglich Schuld der Menschheit, die durch ihre selbstgewählte falsche Einstellung ihr Begriffsvermögen verengt und somit dem Dunkel Oberhand gegeben hatte.
Und um dieser Sünde der Menschheit willen mußte Jesus leiden! Das Dunkel peitschte weiter bis zum äußersten: Jesus erlitt den Kreuzestod, wenn er bei seinen Behauptungen blieb, der Wahrheit- und Lichtbringer zu sein. Es galt die letzte Entscheidung. Eine Flucht, ein Sichzurückziehen von allem konnte ihn von dem Kreuzestod retten. Das aber würde Sieg des Dunkels im letzten Augenblicke bedeutet haben, weil dann das ganze Wirken Jesu langsam im Sande verlaufen wäre und das Dunkel sich siegreich über allem schließen konnte. Jesus hätte seine Sendung nicht erfüllt, das begonnene Erlösungswerk wäre unvollendet geblieben.
Der innere Kampf in Gethsemane war hart, aber kurz. Jesus scheute den irdischen Tod nicht, sondern ging für die von ihm gebrachte Wahrheit ruhig in den irdischen Tod. Mit seinem Blute am Kreuze drückte er das Siegel auf alles das, was er gesagt und gelebt hatte.
Durch diese Tat überwand er das Dunkel völlig, das den letzten Trumpf damit ausgespielt hatte. Jesus siegte. Aus Liebe zur Menschheit, der dadurch der Weg zur Freiheit in das Licht blieb, weil sie durch diesen Tod an der Wahrheit seiner Worte bestärkt wurde.
Ein Entziehen durch die Flucht und das damit verbundene Aufgeben seiner Arbeit hätte ihnen Zweifel bringen müssen.
Jesus starb also um der Menschheit Sünde willen! Wäre die Sünde der Menschheit nicht gewesen, die Abwendung von Gott in Einengung durch den Verstand, so konnte sich Jesus sein Kommen ersparen, ebenso seinen Leidensweg und seinen Kreuzestod. Deshalb ist es ganz richtig, wenn es lautet: Um unserer Sünde willen kam Jesus, litt und starb den Kreuzestod!

Darin liegt aber nicht, daß Du Deine eigenen Sünden nicht selbst zu lösen hättest!
Du kannst es nur jetzt leicht, weil Jesus Dir den Weg durch Überbringung der Wahrheit in seinen Worten gezeigt hat.
So vermag auch der Kreuzestod Jesu nicht einfach Deine eigenen Sünden wegzuwaschen. Sollte derartiges geschehen, so müßten vorher die ganzen Gesetze des Weltalls gestürzt werden. Das geschieht aber nicht. Jesus selbst beruft sich oft genug auf alles das, „was geschrieben steht“, also auf das Alte. Das neue Evangelium der Liebe hat auch nicht die Absicht, das alte der Gerechtigkeit zu stürzen oder abzustoßen, sondern zu ergänzen. Es will damit verbunden sein.
Vergiß deshalb nicht die Gerechtigkeit des großen Schöpfers aller Dinge, die sich nicht um ein Haar verrücken läßt, die ehern steht von Anbeginn der Welt und bis zu deren Ende! Sie würde gar nicht zulassen können, daß jemand die Schuld eines anderen auf sich nimmt, um sie zu sühnen.
Jesus konnte um anderer Schuld willen, also wegen der Schuld anderer, kommen, leiden, sterben, als Kämpfer aufzutreten für die Wahrheit, aber er selbst blieb unberührt und rein von dieser Schuld, deshalb vermochte er sie auch nicht persönlich auf sich zu nehmen.
Das Erlöserwerk ist deshalb nicht geringer, sondern ein Opfer, wie es größer nicht sein kann. Jesus kam aus der lichten Höhe für Dich in den Schmutz, er kämpfte um Dich, litt und starb für Dich, um Dir Licht zu bringen zu dem rechten Weg aufwärts, damit Du nicht im Dunkel Dich verlierst und untergehst!
So steht Dein Erlöser vor Dir. Das war sein gewaltiges Liebeswerk.
Gottes Gerechtigkeit blieb in den Weltgesetzen ernst und streng bestehen; denn was der Mensch säet, das wird er ernten, sagt auch Jesus selbst in seiner Botschaft. Kein Heller kann ihm nachgelassen werden auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit!
Daran denke, wenn Du vor dem Wahrzeichen heiligen Ernstes stehst. Danke innig dafür, daß Dir der Erlöser mit seinem Wort den Weg neu eröffnete zur Vergebung Deiner Sünden, und verlasse die Stätte mit dem ernsten Vorsatze, diesen Dir gezeigten Weg zu gehen, damit Dir Vergebung werden kann.
Den Weg gehen aber heißt nicht etwa nur, das Wort zu lernen und daran zu glauben, sondern dieses Wort zu leben! Daran zu glauben, es für richtig zu halten und nicht in allem auch darnach zu handeln, würde Dir gar nichts nützen. Im Gegenteil, Du bist schlimmer daran als solche, die gar nichts von dem Worte wissen.
Deshalb wache auf, die Erdenzeit ist für Dich kostbar!

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft)

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Ob ich diesen Artikel veröffentlichen solle, habe ich lange debattiert. Ich finde schon Herrn Roses Seite sehr abschreckend für alle Nichtkreuzträger, die nach der Gralsbewegung googeln – ich an ihrer Stelle würde schnell das Weite suchen. Andererseits wäre es für Kreuzträger natürlich schön, eine Plattform zum Austausch zu haben, denn mit der internen Kommunikation und, wenn man’s so nennen darf, Stärkung der Gemeinschaft ist es ja leider nicht weit her.

Vor längerer Zeit begann ich, zeitgenössische Zeitungsartikel über Abd-ru-shin zu suchen. Glücklicherweise gibt die fortschreitende Digitalisierung ja inzwischen einfache Möglichkeiten dazu. Eine große Hilfe war und ist die Datenbank ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek. Leider sind sie noch nicht bei den Innsbrucker/Schwazer Zeitungen angekommen, die sicher mehr und interessante Artikel aus Lokalsicht zu bieten haben.
Die großen Zeitungen in Wien konzentrieren sich aus der Natur der Sache heraus auf große Meldungen, und das sind leider ausschließlich die negativen.

Ohne etwas beizufügen, geht es selten nur aus einer Menschenhand oder aus einem Menschenmund, sogar aus Menschenhirn. Aufzeichnungen aus zweiter Hand sind nie Beweis, auf den sich eine Nachwelt stützen sollte. Der Mensch braucht doch nur in der Gegenwart gut zu beobachten. Nehmen wir nur ein Beispiel an, das ja in aller Welt bekannt wurde.
Die Zeitungen sämtlicher Staaten berichteten von dem geheimnisvollen „Schloß“ auf Vomperberg, dessen Besitzer ich sein sollte! „Der Messias von Tirol“ nannte man mich oder auch „der Prophet auf Vomperberg“! Mit großen, führenden Überschriften, selbst in den größten Zeitungen, die ernst genommen werden wollen. Es gab Berichte von so schauerlich-geheimnisvoller Art über zahlreiche unterirdische Verbindungsgänge, Tempel, Ritter in schwarzen Harnischen sowie in Silber, einen unerhörten Kult, auch große Parkanlagen, Autos, Marstall, und was alles so zu einem kranken Hirn gehört, das solches zu berichten fähig ist. Und Einzelheiten wurden angeführt, die manchmal phantasievoll schön, manchmal aber auch von so unerhörtem Schmutze starrend waren, daß jeder etwas Überlegende sofort die Unwahrheit, das Bösgewollte darin sehen mußte.
Und es war an allen nicht ein wahres Wort!
Wenn aber in Jahrhunderten, noch leichter in Jahrtausenden ein Mensch so einen üblen Hetzartikel liest… wer wird es ihm verdenken, wenn er daran glauben will und sagt: „Hier steht es doch berichtet und gedruckt! Einheitlich fast in allen Zeitungen und Sprachen!“
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Das verbogene Werkzeug“)

Wir werden gleich einige Beispiele dazu lesen. Das Stille-Post-Prinzip greift da mitunter; das „Schloß“ kam durch einen frühen Artikel ins Spiel, wie ich irgendwann entdeckte – man hielt Abd-ru-shin für den Eigentümer des Schlosses Sigmundslust oberhalb Vomps, eine Richtigstellung folgte. Aber dieser Irrtum sickerte wohl in spätere Artikel mit ein. Und die zunehmende Aufbauschung der Fotos ist auch leicht erklärt: Die Polizei Innsbruck sprach vermutlich nur von merkwürdigen Bildern (sicherlich die Herrschaften im Gewand), was die Presse sofort umdeutete.
Die Lokalblätter stehen wie gesagt leider nicht online zur Verfügung; es wäre interessant zu sehen, ob sie differenzierter schrieben als ihre Kollegen im fernen Wien. Weil die Artikel alle einen sehr ähnlichen bis identischen Wortlaut haben, nur eine kleine Auswahl. Heute gibt die dpa alle Meldungen vor, und auch heute betreiben Journalisten selten eigene Recherchen (wie am Beispiel der Frakturschrift gesehen), aber zumindest versuchen sie, eigene Formulierungen zu wählen.

Am einfachsten zu finden sind natürlich die Meldungen über die drei Verhaftungen, Dezember 1929, März 1936 und ab Juni 1938 über die Verhaftung und Beschlagnahme des Berges, die schon im März des Jahres stattfand. Es gibt aber auch einige Artikel, die ohne besonderen Anlaß geschrieben wurden. Leider ist mir noch nicht gelungen, einen längeren, positiven Bericht in den Münchener Neuesten Nachrichten zu finden, obwohl das genaue Datum bekannt ist – war er vielleicht in einer Beilage abgedruckt, die nicht mikroverfilmt wurde? Oder habe ich ihn schlichtweg übersehen? Außerdem liegt mir ein großer Bericht aus den 60er Jahren vor, den ich netterweise mit meinem Exemplar des schwer beschaffbaren Warum soviel Aufheben um die Gralsbotschaft Abd-ru-shins und um die Grals-Siedlung Vomperberg? von Daniel Swarovski erhielt.

Beginnen wir mit zwei Meldungen aus der Frühzeit der Gralssiedlung, nämlich zum Wegebau der Bernhardt-Straße.

Innsbrucker Nachrichten, 15.9.1928

Eine neue Fahrstraße zum Vomperberg. Aus Schwaz wird uns berichtet: Der erst vor kurzem gegründete Verschönerungsverein Vomp hat in aller Stille mit einem großen Werk begonnen, das weit über die übliche Tätigkeit ähnlicher Vereine hinausgeht. Er baut eine zum Teil ganz neu angelegte Fahrstraße von Vomp bis hinauf zur Gralshöhe. Diese neue Straße erschließt nicht nur die Schönheiten des Vomper Berges, sondern sie wird mit der Zeit besonders wirtschaftlich von großer Bedeutung werden, da der bisherige Gemeindeweg nur mühsam von den Bergbewohnern und Interessenten in Stand gehalten wurde und an vielen Teilen zuletzt fast unbenützbar geworden war. Das Unternehmen wurde von einem Mitgliede angeregt, das opferwillig zum Besten des Allgemeinwohles sofort den größten Teil der Ausführungskosten übernahm und sogar die Zahlung einer dauernden Aufsicht und Instandhaltung der fertigen Straße gewährleistete. Freudig beteiligen sich durch zeitweise freiwillige Arbeitsleistungen alle Interessenten an dem kostspieligen Unternehmen, und auch die Gemeinde Vomp, der die Straße dann gehört, hat sich entschlossen, einen wenn auch nur bescheidenen Teil beizutragen. Die Durchführung der Arbeit wurde dem Vomper Sebastian Pircher übertragen, dem ein beratender Tiefbauingenieur und ein Architekt zur Seite stehen. Die Nivellierung nahm der Oberstaatsförster d. R. I. Salchner vor. Der Bau ist bereits im vollen Gange.

Beinahe wortgleich die Meldungen zur Einweihung in den Innsbrucker Nachrichten (hier zitiert) und dem Tiroler Anzeiger, beide vom 3.11.1928

Eröffnung der neuen Straße Vomp – Vomperberg. Es wird uns berichtet: Die Einweihung der neuen, zwei Kilometer langen Straße Vomp – Vomperberg wurde von dem Pfarrer von Vomp unter starker Beteiligung der Bevölkerung am Sonntag vorgenommen. An die Rede des Pfarrers schlossen sich Ansprachen des Schriftstellers Bernhardt und zuletzt des Bürgermeisters von Vomp, während ein Tiroler Mädchen ein Gedicht sprach, das die Schönheiten des Vomperberges zum Ausdruck brachte, und als Verfasser den Pfarrer von Vomp hatte. Ein Quartett unter Leitung des Oberlehrers Geiger, sowie eine starke Musikkapelle bestritten den musikalischen [Teil] der Feier. Da der Straßenbau hauptsächlich durch die Spende eines Einwohners ermöglicht wurde, hat die Gemeinde Vomp in dankbarer Anerkennung der Straße den Namen Bernhardt-Straße gegeben.

Soweit aus den glücklichen Anfangsjahren. Der größte Pulk der Pressemeldungen erfolgte anläßlich der Verhaftung am 16.12.1929. Sie wurde angestoßen durch, wie es in einem einzigen(!) Artikel heißt, eine anonyme Anzeige in München. Recherche betrieben haben die berichtenden Zeitungen allesamt nicht. Man erkennt es an den (teilweise im gleichen Artikel) wechselnden Bezeichnungen von Haus Gralshöhe als Schloß oder Gutshaus, ebenfalls wechselnden Darstellungen von buddelnden Polizisten oder schon vorhandenen unterirdischen Gängen, Schilderungen von Höhlen, bewachten Mauern etc. Wer den Vomperberg kennt, kann einfach nur lachen. Oder weinen, je nachdem.

Prager Tagblatt, 20.12.1929

Das „Mysterium“ von Vomperberg. Schwaz (Tirol), 19. Dezember. Auf seinem Gute Vomperberg bei Schwaz wurde der Schriftsteller Oskar Ernst Bernhardt verhaftet. Er war vor einem halben Jahr aus Deutschland nach Schwaz übergesiedelt und erwarb hier das Gut Vomperberg. Vor einigen Monaten kaufte er von der Stadtgemeinde Schwaz ein größeres Gelände und erlangte die Baubewilligung für ein Privathotel, das zur Unterbringung seiner Gäste dienen sollte, da das Herrschaftshaus von Vomperberg sich bald als zu klein erwiesen hatte. Ueber das Gutshaus von Vomperberg waren in der Bevölkerung die sonderbarsten Gerüchte verbreitet. Allgemein wurde angenommen, daß sich dort eine Spielhölle befindet. Sowohl Bernhardt als auch seine Dienerschaft, die durchweg ortsfremd ist, zeigte sich sehr unzugänglich. Das Betreten des Gutshauses und des Parkes, der durch scharfe Hunde bewacht wurde, war untersagt. Der Grund der Verhaftung ist noch unbekannt. Die Verhaftung wurde von der Gendarmerie über Auftrag der Staatsanwaltschaft Innsbruck vorgenommen. Wie verlautet, sollen Bernhardt und seine Gäste in dem Gutshause einem geheimnisvollen Kult gehuldigt haben und es sollen dort Orgien und unsittliche Dinge vorgefallen sein. Im Interesse der Untersuchung verweigern die Behörden jede Auskunft.

Reichspost, Wien, 20.12.1929

Der „religiöse Kult“ des „Schriftstellers“. Wie die „Innsbrucker Nachrichten“ melden, ist Montag früh der seit geraumer Zeit am Vomperberg bei Schwaz ansässige „Schriftsteller“ Bernhard samt seiner Gattin auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft München verhaftet und dem Gericht in Schwaz überstellt worden. Der Mann betrieb angeblich einen „religiösen Kult“ und bezeichnete sich als „Abgesandten des Messias“. Dem Ehepaar werden angeblich Betrügereien zur Last gelegt. In seiner Villa verkehrten, wie das Blatt weiter berichtet, zahlreiche auswärtige Gäste aus hohen Kreisen, die einen schöngeistigen Zirkel bildeten, der sich mit altindischer Moralphilosophie beschäftigt haben soll. Frau Bernhard habe sich Heilversuche durch Handauflegen und Gesundbeten honorieren lassen. Hinter verschiedenen Bauprojekten, die Bernhard plante, soll ein reichsdeutscher Humanitätsverein als Geldgeber stehen.

Vielsagenderweise ist es die Lokalpresse, die ausgewogener berichtet und sich mit merklichem Kopfschütteln über die Kollegen in der fernen Hauptstadt lustigmacht.

Tiroler Anzeiger, 20.12.1929

Verhaftung eines Ehepaares. In Vomperberg wurden am Montag über Veranlassung der Staatsanwaltschaft München der 46jährige Schriftsteller und Verleger Ernst Oskar Bernhardt aus Sachsen und seine Frau Maria verhaftet. Sie werden beschuldigt, eine geheime Religionsgesellschaft gebildet zu haben; auch stehen sie unter Betrugsverdacht. Fest steht, daß Herr Bernhardt, der sich seit ungefähr zwei Jahren in Vomperberg aufhält und sich dort ein Landhaus gekauft hat, mit ungefähr 25 Anhängern, zu denen auch seine Familienmitglieder gehören, auf religionswissenschaftlicher und philosophischer Grundlage eine Religionsgemeinschaft gebildet hat. Sämtliche Mitglieder der Gemeinschaft sind Reichsdeutsche, ehemalige Offiziere, Kaufleute, Industrielle aus Süddeutschland und Sachsen, die sich ständig in Vomperberg niedergelassen haben, um in der nächsten Nähe Bernhardts zu sein. Die Bewohner der kleinen Berggemeinde sahen wohl die Bildung dieser reichsdeutschen Kolonie; daß diese jedoch regelmäßig Versammlungen abhalte und einen religiösen Kult pflege, scheinen die Bauern nicht gewußt zu haben. Sie zogen aus der Kolonie entsprechenden Nutzen und hatten sonst keine Ursache, sich über die Fremden aufzuhalten, die viel Geld im Orte ließen. Das Ehepaar befindet sich im Landesgericht Innsbruck in Untersuchungshaft. –
Anmerkung der Redaktion: Die Wiener Zeitungen deuten den Fall als Sensation aus. Die Wiener Blätter schreiben geheimnisvoll, wie die Religionsgemeinschaft ausgehoben wurde: Als die Gendarmerie von Schwaz davon erfuhr, suchte sie an einer der Versammlungen teilzunehmen. Da aber der Zutritt nur mit Losungswort gestattet war, mußte sich auf andere Weise sich Zutritt verschaffen. Es wurde unter der Baracke ein Erdgang gegraben (!), in den sich zwei Gendarmen hineinzwängten. So nahmen sie unterirdisch an einer Versammlung teil, von der sie allerdings nicht viel verstanden. Man kam aber immerhin darauf, daß es sich um eine Religionsgemeinschaft handelt. (Eine Tatsache, die in Innsbruck und in Vomp schon seit länger als einem Jahre bekannt war.) Nach Mitteilung der Münchener Staatsanwaltschaft ist Bernhardt mehrmals vorbestraft. Im Kürschners Literatur-Lexikon wird Oskar Bernhardt als Schriftsteller geführt, der auch eine Reihe von Theaterstücken geschrieben hat, die folgende bezeichnende Titel führen: „Der indische Fahir“, „Die indische Vestalin“, „Der Stahl des Unsichtbaren“, „Die Bajadere“, „Der Heimatlose“, „Freiwild“, „Salonbriganten“, „Der Abenteurer“, „Verfehmt“, „Der Skorpion“, „Der flammende Stern“, „Dämon Fantasie“, das Lustspiel „Narrengold“ und das Filmschauspiel „Das Tal des Unsichtbaren“.

Prager Tagblatt, 21.12.29

Gralsritter Abdruschin. Innsbruck, 20. Dez. Die Untersuchung gegen den Vomperberger Gralsritter Abdruschin-Bernhardt ergab, daß der Verhaftete unter dem Namen Egon von Bäreneck Bühnen- und Romanschriftsteller war. Später schrieb er Filmsujets. Er soll über beste Beziehungen in Deutschland verfügen und in der beschlagnahmten Korrespondenz fand man Briefe hochstehender Persönlichkeiten. Seine Gattin, mit der er seit 16 Jahren verheiratet ist und drei Kinder hat, ist wegen ihrer heilmagnetischen Kurpfuschereien in Dresden seinerzeit zu drei Monaten Gefängnis bedingt verurteilt worden. Die Anhänger der Vomperberger Gralssekte stellten dem „Ritter Abdruschin“ Beträge zwischen 500 und 3000 Mark zur Verfügung. Die Untersuchung geht hauptsächlich dahin, festzustellen, ob der in Vomperberg betribene Gralskult wirklich ganz unschuldig war. Es wurde ein Photographiealbum beschlagnahmt, der die Angehörigen der Sekte in sonderbaren Stellungen zeigt. Der Verdacht wird laut, daß Ritter Abdruschin diese Stellungen zu Erpresserzwecken aufnahm. Im letzten Halbjahr schätzt man die Einkünfte des Ritters auf etwa eine halbe Million Mark. Der Ritter und seine Frau lebten in Luxus. Neben mehreren Reitpferden hielten sie sich zwei Autos. Das Losungswort, mit dem man zu den Versammlungen der Sekte Einlaß erhielt, hieß „Lohengrin“.

Arbeiter-Zeitung, Wien, 21.12.29

Die Gralsburg von Schwaz.

Im fernen Land,
Unnahbar euren Schritten,
Steht eine Burg,
Die Montsalwatsch genannt.

Die Gralsritter.

In einer schwarz behangenen Halle saßen die Gäste, wohl fünfundzwanzig an der Zahl, in dunklen Gewändern, jeder ein goldenes Kreuz an der Brust. Der Raum empfing sein Licht von einer Kristallschale, die auf einer Marmorsäule ruhte. Auf einer Estrade stand der Gastgeber in strahlender Rüstung und sprach in singendem Tonfall zu seinen Zuhörern, die in ernstem Schweigen lauschten…
Kein Romanzitat, sondern ein Gendarmeriebericht über die Erhebungen in Schloß Vomperberg. Wir haben schon mitgeteilt, daß der Gutsherr von Vomperberg bei Schwaz, der Schriftsteller Ernst Oskar Bernhardt, verhaftet worden ist. Die Verhaftung geschah auf Ersuchen der Münchener Staatsanwaltschaft, die Bernhardt wegen Betruges verfolgt. Bevor sie die Gendarmen vornahmen, wollten sie sehen, was in dem geheimnisvollen Schloß, über das so vielerlei gemunkelt wird, eigentlich vorginge. Sie entdeckten im Park einen unterirdischen Gang, der zu einer Baracke führte. Der Gang mündete in eine Art Höhle, über der ein Altar stand. Vor dort aus beobachteten sie die oben beschriebene Szene.

Ritter Abdruschin.

Am nächsten Morgen erschienen die Gendarmen im Gutshaus Vomperberg, um Bernhardt und seine Frau, gegen die der Haftbefehl gleichfalls lautet, zu verhaften. Bernhardt fügte sich unter lebhaftem Protest. Von den Gästen waren die meisten bereits abgereist. Diejenigen, die noch im Schlosse angetroffen wurden, sprachen von Bernhardt, der als Gralskönig den Namen Ritter Abdruschin führt, mit Verehrung. Einige bezeichneten ihn als Gottessohn.
Bei der Hausdurchsuchung wurden Briefe bekannter Persönlichkeiten gefunden, mit denen Bernhardt in freundschaftlichen Beziehungen steht. Außerdem fand man ein Photographienalbum, das die Gralsritter in bedenklichen Stellungen zeigt.
Bernhardt wurde im Jahre 1875 in Bischofswerda bei Dresden geboren. Er wurde Offizier, dann Schriftsteller und beschäftigte sich mit Vorliebe mit indischen und mystischen Themen. Unter dem Namen Otto v. Berneck hat er eine große Zahl von Dramen und Romanen geschrieben. In den letzten Jahren war er als Filmschriftsteller tätig. In Kötzschenbroda, wo er bis zu seiner Uebersiedlung nach Schwaz wohnte, gründete er die Religionsgesellschaft der Gralsritter, wie er sagt, auf philosophisch-wissenschaftlicher Grundlage. Er behauptet, die Inkarnation des Gralsritters Abdruschin zu sein. Er habe von Gott die Mission erhalten, Menschen auf den Himmel vorzubereiten. Die „Berufenen“ müssen die Gralsburg passieren und sich strengen Prüfungen unterziehen. Dann erhalten sie unter feierlichen Zeremonien das Goldene Kreuz, das aus vergoldetem Messing besteht. Die Gralsritterschaft zählt derzeit etwa hundertzwanzig Mitglieder, die allen Berufen angehören. Die meisten sind ehemalige Offiziere, es befinden sich aber unter ihnen auch viele Kaufleute, Aerzte, Techniker und Angestellte, zumeist aus Süddeutschland und Sachsen.

Die Gralskönigin.

Bernhardt hat seine Gattin vor sechzehn Jahren in Kötzschenbroda kennengelernt. Sie verdiente sehr gut als Haderngroßeinkäuferin und erwarb mehrere Häuser in Dresden. Das Paar lebte nach seiner Verheiratung auf großem Fuß und machte kostspielige Reisen. Als nach der Stabilisierung der Mark das Vermögen dahinschmolz, ließ sich die geschäftstüchtige Frau in Dresden als „Nervenärztin“ nieder und machte heilmagnetische Kuren, die großen Zulauf gehabt haben sollen. Doch wurde Frau Bernhardt wegen Kurpfuscherei angeklagt und bedingt zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.
Aber inzwischen war die Gralsgemeinschaft gegründet worden und die Gralsritter verpflichtet, ihrem König finanziell beizustehen. Man schätzt, daß er im letzten halben Jahre etwa vierhunderttausend Mark erhalten hat. Seine Verhaftung soll von einem seiner Ritter veranlaßt worden sein, der Bernhardt beschuldigt, ihm einen großen Geldbetrag herausgelockt zu haben. Sowohl Bernhardt als seine Frau beteuern ihre Unschuld.

Die Neue Zeitung, 21.12.29

Der „Gralsritter“ aus Kötschenbroda.
Verhaftung eines betrügerischen Ehepaares in Tirol.

Schwaz, 20. Dezember. Die hiesige Gendarmerie hat dieser Tage den Besitzer des Gutshauses von Vomperberg Ernst Oskar Bernhardt und seine Frau Marie verhaftet, da man erhoben hatte, daß in dem Schloß allerlei geheimnisvolle Zusammenkünfte stattfanden.
Der Verhaftete gab an, er habe vor etwa drei Jahren in seinem Heimatsort Kötschenbroda bei Dresden eine Religionsgemeinschaft auf philosophisch-wissenschaftlicher Grundlage gegründet. Er selbst sei am 18. April 1875 in Kötschenbroda geboren, seine Seele habe ihren Anfang in der Gralsburg genommen und er sei die Inkarnation des Gralsritters Abdruschin. Er habe eine besondere Mission von Gott erhalten und habe die Aufgabe, die Menschen auf den Himmel vorzubereiten. Bevor aber die „Berufenen“ in den Himmel aufgehen, müssen sie die Gralsburg passieren und sich strengen Prüfungen unterziehen. Die Gralsritterschaft zähle derzeit etwa 120 Mitglieder.
Von der Gendarmerie wurden auch die im Schloß angetroffenen „Gralsritter“ verhört. Sie sprechen von Bernhardt mit besonderer Achtung und waren verpflichtet, dem Ritter Abdruschin, dem „Regenten der Gralsburg“, finanziell zur Seite zu stehen.
Der „edle Gralsritter“ führte ein großes Haus und hielt sich mehrere Reitpferde sowie zwei Autos. Er mußte zugeben, daß er in Deutschland wegen verschiedener Betrügereien vorbestraft wurde und daß auch jetzt ein Betrugsverfahren gegen ihn beim Münchner Landesgericht in Schwebe ist.
Der Verdacht, daß der „Ritter Abdruschin“ an den übrigen Rittern Erpressungen verübte, scheint nicht ganz ungerechtfertigt und es ist auch möglich, daß seine Frau, die früher heilmagnetische Kuren ausführte, die Opfer mit Hilfe der Hypnose gefügig machte.
Jedenfalls beschäftigen sich derzeit die Behörden eifrig mit der mysteriösen „Gralsburg“ und ihren Bewohnern.

Linzer Volksblatt, 21.12.29

Die Sekte des Abdruschin

Im Dorfe Vomperberg bei Schwaz hat sich vor einiger Zeit ein reichsdeutscher Schriftsteller namens Bernhard mit seiner Frau niedergelassen, die aus Bayern gekommen waren. Der Mann trieb einen religiösen Kult, indem er sich als Gesandter des Messias bezeichnete und eine Heillehre verkündete, wobei er sich als Nachfolger eines vor mehr als hundert Jahren verstorbenen Religionsstifters Abdruschin ausgab. In Vomperberg hatte er sich eine Art Tempel gebaut und religiöse Versammlungen abgehalten, an denen auch Anhänger aus Deutschland teilnahmen. Für die Weihnachtsfeiertage wurde die Ankunft weiterer Anhänger erwartet. Nunmehr wurde jedoch, da diese Vorgänge einerseits der Behörde auffielen, andererseits aber ein Haftantrag von der Staatsanwaltschaft München einlangte, das Ehepaar verhaftet. Die Verhaftung, bei der ein großes Gendarmerieaufgebot notwendig war, erregte unter der bäuerlichen Bevölkerung von Vomperberg große Erregung. Schriftsteller Bernhard hatte für Vomperberg große Bauprojekte. Wie die „Innsbrucker Nachrichten“ melden, soll hinter diesen Projekten ein reichsdeutscher Humanitätsverein als Geldgeber stehen.
Bernhard hielt sich seit ungefähr zwei Jahren in Vomperberg auf, kaufte dort ein Landhaus und hat stets etwa 25 Anhänger bei sich, mit denen er eine eigene Religionsgemeinschaft gebildet hat. Sämtliche Mitglieder der Gemeinschaft sind Reichsdeutsche, ehemalige Offiziere, Kaufleute usw., meist aus Süddeutschland und Sachsen, die sich ständig in Vomperberg niedergelassen haben, um in der nächste Nähe Bernhards zu sein. Die Zusammenkünfte der Gemeinschaft fanden in einer Baracke statt, in die nur Berufene Zutritt hatten, die ein eigenes Abzeichen trugen. Bernhard nannten sich seinen Anhängern gegenüber „Abdruschin“. Er sagte, er sei auf der Gralsburg geboren und habe eine besondere Mission von Gott erhalten, indem er auf Erden die Leute auf den Himmel vorbereiten solle. Bevor aber seine Anhänger in den Himmel eingehen, müssen sie die Gralsburg passieren, die ein Zwischendring zwischen Himmel und Erde sei.
Die Anhänger Bernhards erklären, daß sie von seiner Mission überzeugt seien. Die Versammlungen in der Baracke fanden unter geheimnisvollem Zeremoniell statt. Bernhard hat auch der Stadtgemeinde Schwaz große Grundstücke bereits abgekauft und wollte dort für die Zwecke seiner Religionsgemeinschaft ein Hotel von großem Ausmaß errichten. Außerdem stand er mit der bekanntlich wirtschaftlich zusammengebrochenen Stadtgemeinde Schwaz in Verbindung, um hier eine Entschuldungsaktion einzuleiten.
Zu Weihnachten hatten sich gegen hundert Anhänger Bernhards in Deutschland für einen Besuch im Bergdorf Vomperberg angekündigt. Es waren auch schon alle Vorbereitungen dazu getroffen, einige Anhänger haben für Bernhards Zwecke Gelder gegeben, so daß nunmehr der Verdacht auftauchte, Bernhard habe die Geldgeber mit seinen Phantastereien betrogen. Eine anonyme Anzeige gelangte an die Staatsanwaltschaft in München und nach längeren, gründlichen, hauptsächlich in Deutschland geführten Erhebungen wurde zu der bereits gemeldeten Verhaftung des Paares geschritten. Die Verhaftung selbst konnte nur mit Hilfe eines starken Gendarmerieaufgebotes durchgeführt werden, weil Verabredungsgefahr vorlag.
Frau Bernhard stammt aus Kötschenbroda in Sachsen und war früher Hadernhändlerin. Sie hat den Leuten bei Erkrankungsfällen die Hand aufgelegt und wird sich auch wegen Kurpfuscherei zu verantworten haben. Bernhard ist ihr zweiter Mann. Bernhard selbst hatte einen ständigen Sekretär, einen aus Bayern stammenden Offizier, bei sich.

Die Neue Freie Presse, Wien, 21.12.29, macht auf humoristisch, wäre aber witziger, wenn sie ihrem Job nachgekommen und Recherche betrieben hätte.

(Der Gralsritter von Schwaz.) Gralsritter Abdruschin, Lohengrins engerer Kollege, findet Schwaz, das entzückende Tiroler Städtchen, schöner als das heimische Kötschenbroda. Das ist Geschmackssache, und übrigens werden viele mit dem Gralsritter übereinstimmen, die sonst absolut kein Verständnis für seine Geheimlehre haben und auch darauf nicht im mindesten neugierig sind, was alles an Mummenschanz und Phrasendrescherei in den Versammlungen jener Sekte getrieben wurde. Jetzt ist die Gendarmerie gegen Abdruschin und die Seinen mobilisiert worden und der Tiroler Untersuchungsrichter wird sich darüber ins Klare kommen müssen, ob der Mann aus Kötschenbroda, der gleich dem Goldmacher Tausend seine Schritte nach Tirol gelenkt hat, bloß die anderen oder sich selbst dazu zum Narren hielt, ob er ein betrogener Betrüger gewesen ist oder ob er ausschließlich auf Kosten seines leichtgläubigen Anhanges sich ein angenehmes Leben zu schaffen verstanden hat. Drei Reitpferde und zwei Automobile werden ihm nachgesagt. Das ist freilich kaum mehr als ein bloßes Illustrationsfaktur, wobei erst gesagt werden müßte, was damit eigentlich illustriert werden soll. Von einem modernen Gralsritter kann man unmöglich verlangen, daß er sich als einziges Beförderungsmittel den bewußten Schwan aussuche. Ueberhaupt wollen wir nicht darauf vergessen, daß das neue Preßgesetz über uns hereingebrochen ist, und wir werden uns hüten, den Reigen zu eröffnen. Es sei ferne von uns, durch unwahre Mitteilungen tatsächlicher Art den Kredit oder das Fortkommen Ritter Abdruschins gefährden zu wollen. Am Ende waren es nur zwei Reitpferde und ein einziges Automobil. Wie dem immer sei, Abdruschin erfreute sich in Schwaz und Umgebung großer Popularität und ausgesprochener Sympathien. Nicht daß die Tiroler Bauern oder gar die Bewohner der Stadt Schwaz auf moderne Mystik und andere Alfanzereien besonders erpicht gewesen wären. Unter der einheimischen Bevölkerung dürfte Abdruschin wenig Proselyten gemacht haben. Die faßte vielmehr die ganze Sache von dem gesunden und nüchternen Standpunkt der Hebung des Fremdenverkehres auf und hat es sogar den geistlichen Herren, die über das geheimnisvolle Treiben der Gralsritter aufgebracht waren, höchst übel genommen, als sie die Staatsgewalt in Bewegung setzten, um den unliebsamen Zuzug aus Kötschenbroda wieder loszuwerden. Abdruschin hat, bevor er Sekten gründete, Romane geschrieben. Vielleicht hat er sich an seiner eigenen Phantasie entzündet. Außer Frage scheint zu stehen, daß es nicht billig war, ihm zuzuschwören. Und eben das erwies sich als nicht ungefährlich. Es steht nämlich jedermann frei, seinen Mitmenschen den Kopf zu verdrehen. Immer vorausgesetzt, daß diese sich nicht dagegen zur Wehr setzen. Bekanntermaßen wird auch von solcher gesetzlicher Erlaubnis allenthalben reicher Gebrauch gemacht. Nur muß es umsonst geschehen. Von denen, die an den Schleier der Sphinx rühren, darf keine Taxe eingehoben werden. Sonst mischen sich die Behörden hinein. Und dann wohnen in der Brust der meisten Schwärmer von heute die bekannten zwei Seelen dicht nebeneinander. Förmlich über Nacht bekehren sich die Gottsucher zu recht praktischen Erwägungen, und jene, die eben erst Hosianna geschrien haben, gehen zur Polizei und machen Ersatzansprüche geltend. So ist es auch Abdruschin ergangen. Er wird nunmehr die schimmernde Rüstung des Gralsritters notgedrungen ablegen und, statt mit seiner untreuen Gemeinde, es wieder mit seinen Verlegern zu tun haben. Wobei allerdings in den meisten Fällen weder Automobile noch Reitpferde herauszuschauen pflegen.

Eigentlich witziger, weil weniger bösartig als die NFP: Das Kleine Blatt, Wien, 21.12.29

Das Mirakel von Schloß Vomperberg.
Ritter Abdruschin aus Kötzschenbroda und die Ritterschaft vom heiligen Gral.

In fernem Land, unnahbar euren Schritten, steht eine Burg… scharfe Hunde bewachen ihre Zugänge und vor der Gartenpforte stehen drohend stumme Riesen, die allen Unberufenen den Weg verwehren. Die „Berufenen“ aber fahren in prunkvollen Automobilen vor; oft sind es ein Dutzend, manchmal noch weit mehr, und niemand weiß, was hinter den düsteren Mauern vorgeht. Nur die Legende blüht, flüsternd weiß sie seltsame Geschichten zu erzählen von gruseligen Messen, absonderlichem Teufelsspuk und frevlerischem Götzendienst, die der Schloßherr und seine Gäste treiben.
Wenn die Bauern von Schwaz und Vomp an Schloß Vomperberg vorbeikommen – so heißt das geheimnisvolle Schloß, das abseits des friedlichen Innstädtchens Schwaz gegen die Berge zu liegt –, so bekreuzen sie sich fromm. Denn der Pfarrer hat am Sonntag von der Kanzel herab wieder recht deutliche Anspielungen gegen das zuchtlose Treiben gemacht, das auch gesehen wird, wenn es noch so verschwiegen hinter Mauern sich abspielt. Die Bauern fürchten sich, daß es Schwefel und Pech wie über Sodom über ihr heiliges Land herabregnen wird; aber – ach, zwei Seelen wohnen in ihrer Brust: der Gutsverwalter vom Vomperberg zahlt gut für Milch, Fleisch und Eier und die vornehmen Gäste lassen auch sonst einen schweren Batzen Geld im Land. So haben die Bauern ein Kompromiß geschlossen: sie schimpfen und tratschen und bekreuzen sich, aber zwinkernd liefern sie dem Verwalter ihre Waren…

„Lohengrin.“

So ging das monatelang. Die Legende blühte und der Handel: die Bauern wurden reich und die Legende wuchs zum Gendarmeriebericht. Die Behörde entschloß sich, einzuschreiten.
Erst schlich sie sich ein, zwei Gendarmen gingen so lange um das Schloß herum spazieren, bis sie einmal hörten, wie ein ankommender Fremder auf das Losungswort „Lohengrin“ eingelassen wurde. Sie sagten daraufhin ebenfalls „Lohengrin“ und waren im Park. Dort entdeckten sie – wie das bei keiner mysteriösen Geschichten fehlen darf – einen unterirdischen Gang. Der Stollen führte in eine Höhle, von der aus sie in das Innere eines seltsamen Gebäudes sehen konnten.
Von außen her war den Hütern der Ordnung das Gebäude bekannt; es war eine unscheinbare Baracke, als Stall, Futterkammer oder Tenne anzusehen, und erst vor kurzem über Auftrag des Schloßherrn errichtet. Doch die dürftige Hülle barg ein köstliches Wunder.

Die Ritterschaft vom heiligen Gral.

Im sanften Scheine karfunkelleuchtender Ampeln saßen würdige Männer und Frauen im Rund auf hohen schweren Stühlen, sie waren angetan mit dunklen, wallenden Kleidern, ein goldenes Kreuz auf der Brust. Die Halle war ausgeschlagen mit schwarzem Samt, aber an der Stirnseite war ein flammendes Gleißen, wie von einer übernatürlichen Erscheinung: auf marmornem Altar stand dort eine kristallene Schale, in blendendes Licht getaucht: der heilige Gral.
Davor der Hausherr in strahlendem Rittermantel, mit feierlichen Gesängen zur Versammlung sprechend.
Den braven Gendarmen gingen die Augen über; für derartige Fälle sehen die Dienstvorschriften nichts vor. Also zogen sie sich zurück und meldeten am anderen Tag ihrem Vorgesetzen die wunderbaren Begebenheiten der Nacht.

Die Depesche aus München.

In die allgemeine Verwirrung der vorgesetzten Dienststelle, die sich hauptsächlich in bedenklichem Kratzen der ratlosen Köpfe ihrer Organe äußerte, platzte eine befreiende Depesche der Münchner Staatsanwaltschaft. Ein Haftbefehl gegen Ernst Oskar Bernhardt, Gutsbesitzer in Vomperberg, 54 Jahre alt, zuständig nach Kötzschenbroda bei Dresden, wiederholt vorbestraft, derzeit wegen verschiedener Betrügereien gesucht.
Der Dienststelle fielen Zentnersteine von den bekümmerten Herzen, die Verhaftung wurde ausgesprochen.

Ritter Abdruschin.

Der Gralsritter war wütend über den Einbruch der profanen Obrigkeit in sein weltabgewandtes Heiligtum. Aber alles Beschwören war zwecklos: Ernst Oskar Bernhardt samt Frau wurden dem Bezirksgericht Schwaz eingeliefert.
Vor dem Untersuchungsrichten machte er folgende Angaben: Er habe vor etwa drei Jahren in seinem Heimatsort Kötzschenbroda eine Religionsgesellschaft auf philosophisch-wissenschaftlicher Grundlage gegründet. Er selbst sei fleischlich am 18. April 1875 geboren, seine Seele habe aber ihren Anfang in der Gralsburg genommen, und er sei die Inkarnation des Gralsritter Abdruschin. Er habe eine besondere Mission von Gott erhalten, und habe die Aufgabe, die Menschen auf den Himmel vorzubereiten. Bevor aber die „Berufenen“ in den Himmel aufgehen, müssen sie die Gralsburg passieren, und sich strengen Prüfungen unterziehen. Die Gralsritterschaft zähle derzeit etwa 120 Mitglieder, die allen Berufen angehören. Vor einem halben Jahre übersiedelte er nach Vomperberg. Von nun an wurde in der im Schloßpark von Vomperberg erbauten „provisorischen Gralsburg“ der Kult abgehalten.

Gottessohn braucht viel Geld.

Von der Gendarmerie wurden auch die im Schlosse angetroffenen Gralsritter verhört. Sie sprechen von Bernhardt mit besonderer Achtung, einige bezeichnen ihn sogar als Gottessohn. Die „Berufenen“ mußten sich vielerlei Prüfungen unterziehen, und erhielten nach verschiedenen Zeremonien das „goldene Kreuz“. Die Gralsritter waren verpflichtet, dem Ritter Abdruschin, dem „Regenten der Gralsburg“, finanziell zur Seite zu stehen, und Bernhardt dürfte sehr namhafte Geldbeträge von seinen Anhängern erhalten haben.
Er hatte das Gotteshaus auf das Prächtigste herrichten lassen. Im Stalle hielt er mehrere Reitpferde. Zwei Autos standen ihm und seiner Frau zur Verfügung. Vor einigen Monaten hatte er ein großes Gelände erworben, um dort für seine Gäste ein Hotel zu errichten.
Nach vorläufigen Schätzungen erhielt Bernhardt im Verlauf des letzten halben Jahres etwa 400 000 Mark.

Frau Gralsritter – Hadernhändlerin und Kurpfuscherin.

Die Erhebungen der Behörden ergaben, daß der verhaftete Ernst Oskar Bernhardt auf Grund der Anzeige eines seiner Anhänger, dem er einen sehr bedeutenden Geldbetrag herausgelockt hatte, von der Staatsanwaltschaft München verfolgt wird.
Die Gattin Bernhardts, die auch seine Gehilfin ist, hatte früher ein Tuchgeschäft betrieben. Während der Inflationszeit war die geschäftstüchtige Frau in Kötzschenbroda als Haderngroßeinkäuferin tätig. Nach der Stabilisierung der Mark schmolz aber das Vermögen rasch dahin. Vor etwa zwei Jahren kam Bernhardt mit einigen Freunden auf den Gedanken, eine Gralsgemeinschaft zu gründen. Angeregt soll dies ein Patient seiner Frau haben, die sich damals in Dresden als „Nervenärztin“ etabliert hatte. Sie machte „heilmagnetische Kuren“, die außerordentlichen Erfolg gehabt haben sollen. Schließlich schritt die Behörde ein und Frau Bernhardt wurde wegen Kurpfuscherei zu drei Monaten Gefängnis bedingt verurteilt.
Während die Zuschrift der Münchner Staatsanwaltschaft Bernhardt als wiederholt vorbestraften Mann bezeichnet, leugnet er, jemals gerichtlich verurteilt gewesen zu sein. Wohl sei er einige Male in Untersuchung gekommen, doch habe sich stets seine Schuldlosigkeit herausgestellt.
Bernhardt hat sich unter dem Pseudonym Egon von Berneck einen Namen als Schriftsteller gemacht. Vor dem Kriege wurde auf deutschen Bühnen eine Reihe seiner Dramen aufgeführt, nach dem Kriege war er als erfolgreicher Filmschriftsteller tätig.

Der Sieg des Mammons.

Dieses ist die wunderbare Geschichte von den seltsamen Begebenheiten auf Schloß Vomperberg ihre letzte Pointe wird im Gerichtssaal zu hören sein. Die Burg ist bezwungen, der Gralsritter sitzt im Gefängnis, des Heiligtums Licht ist erloschen.
Wer aber nun glaubt, daß die Bauern von Vomp und Schwaz dem Himmel danken, daß er das Schicksal Sodoms abgewehrt und den satanischen Orgien ein Ende gesetzt hat, irrt. Da der Geldstrom nun so plötzlich versiegt ist, haben die Bauern plötzlich ihr Herz für den Teufelsanbeter entdeckt und rotten sich zu Versammlungen, die zugunsten Bernhardts eintreten. Vor seiner Verhaftung hat er ihnen nämlich sagen lassen, daß er einen Tempel der Christenheit in Schwaz erbauen wolle, zu dem tausende Fremde pilgern werden.
Und nun ist das große, lockende Geschäft zunichte geworden.

Sehr viel weniger Zeitungen vermeldeten, wie der Tiroler Anzeiger am 27.12.29, die Haftentlassung:

Enthaftung des Schriftstellers Bernhardt. Wie berichtet, wurden in der Vorwoche der Schriftsteller Oskar Bernhardt und seine Frau, die in Vomperberg eine mystische Religionsgemeinschaft gegründet hatten, über Aufforderung der Staatsanwaltschaft München wegen Betrugsverdacht verhaftet und dem Landesgerichte Innsbruck eingeliefert. Ueber Antrag des Rechtsanwaltes Dr. Heller willigte die Ratskammer in die Enthaftung ein; Herr und Frau Bernhardt wurden nun auf freien Fuß gesetzt. Die Strafuntersuchung wegen Betrugsverdachtes wird weitergeführt; die Sektenbildung kommt als strafbares Delikt nicht in Betracht. Als Kaution wurden 50.000 S erlegt.

Frau Gecks schildert die Geschehnisse so:

Nun kam der entsetzliche Dezembermorgen, es war wohl der 16. Dezember 1929, da war in der Frühe um 6 Uhr das Gralshaus und unsere anderen umstellt von einem großen Gendarmerieaufgebot. Niemand konnte sein Haus verlassen, niemand dem Herrn und Frau Maria zur Hilfe kommen. Sie wurden beschuldigt, uns durch hypnotische Beeinflussung und Katastrophendrohung auszunützen und unser Geld sich anzueignen, deshalb verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis in Innsbruck abgeführt. Dann wurde jeder von uns verhört; die Polizisten müssen da schon den Eindruck gewonnen haben, daß dieser Verdacht nicht stimme, die Anzeige auf falscher Annahme beruhe. […]
Was die goldene Frau Maria durchgemacht hatte – sie war mit einer Brandstifterin zusammen eingesperrt – , hatte sie erzählt; das ist gar nicht wiederzugeben. Unter Lachen und Weinen erzählte sie uns die unerhörten Fragen, die der Untersuchungsrichter ihr vorgelegt. Es war aber befreiend, wenn dabei Frau Maria auch erzählte, selbst darüber lachend, wie sie des öfteren den Richter auf seine grotesken Fragen hin einfach ausgelacht hätte. […]
Frau Maria war am 4. Tage wieder frei geworden. Nun war sie ohne Geld in Innsbruck auf der Straße. Da fiel ihr ein Kellner ein, den sie im Hotel Tiroler Hof getroffen und der im Kriege mit Abd-ru-shin auf der Isle of Man in England interniert gewesen war. Wir hatten ein paar Mal mit dem Herrn und Frau Maria in Innsbruck im Tiroler Hof gesessen, da hatte der Kellner „Herrn Bernhardt“ strahlend vor Freude begrüßt. Auch der Herr hatte Freude daran. Die Internierten dort im Lager hatten Herrn Bernhardt sehr verehrt, und die Engländer hatten ihn als so eine Art Lagerleiter eingesetzt. So hatte „Herr Bernhardt“ so weit dies möglich war gut für alle sorgen können und wurde geschätzt und verehrt, wie es auch an diesem Manne noch zu merken war. – An diesen nun wendete sich Frau Maria zur Hilfe. Nach telefonischem Anruf, wie mir erinnerlich, wurde sie dann von Innsbruck abgeholt.
Der Herr kam erst am 23. Dezember zurück. Es lag solch Grauen und Schmerz noch in Seinen Zügen. Das war entsetzlich. Ich meine, keiner wagte eine Frage. Der Herr schwieg über all das Häßliche dieser Tage. Einmal sagte nur der Herr zu mir, daß der Richter gesagt hätte: „So verteidigen Sie sich doch!“ Aber Er hätte dagestanden, ohne ein Wort hervorzubringen. Er hätte geschwiegen im Grauen vor den Menschen, vor so viel Häßlichkeit und Lüge […].
Daß solches überhaupt möglich war, daß auf eine rein verleumderische Anzeige hin vom Staatsanwalt ein Haftbefehl erlassen werden kann, ist furchtbar […]. Die erste Vermutung über den Anzeiger erwies sich als falsch. In Wirklichkeit war es ein Oberst aus dem Bekanntenkreis von Halsebands, der immer sehr viele Vorteile und Einladungen von diesen genoß. Der Name wurde dann durch den Rechtsanwalt oder das Gericht bekannt, soviel ich weiß. Aus Verärgerung heraus, dies alles nun entbehren zu müssen, hatte er sich bis zu der Anzeige hineingesteigert. Der Herr hätte ja Klage gegen ihn erheben können; er hat es nicht getan. Er sprach auch niemals mehr darüber.
(Elisabeth Gecks: Erinnerungen aus meinem Grals-Erleben)

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Bekommt immer noch vieles falsch hin, aber einer der wenigen sachlichen Berichte über den Vomperberg: Tiroler Wochenzeitung, 15.12.1933

Die neuen Gralsritter am Vomperberg

Vomp, Dezember 1933. (Eigener Bericht.) Vomp bei Schwaz ist in den letzten Jahren oftmals genannt worden. An sich ist der Ort zwar nicht wichtig – man muß ihn sehr bäuerlich nennen. Bloß zwölfhundert Einwohner – meist Landwirtschaft betreibend – zählt Vomp, Vomperberg und Fiecht zusammen. Der unzähligen Ausflüglern und Wallfahrern bekannte Georgenberg gehört auch noch zu Vomp. Dem Flächenmaß nach ist die Gemeinde also eine der größten in Tirol. Die Vomper erklären sogar: Eine größere Gemeinde als Vomp gibt es im Lande nicht! Es streiten sich jedoch auch andere Gemeinden um den Ruhm, die „allergrößte“ zu sein.
Nicht ihrer „Größe“ wegen wird von Vomp viel gesprochen. Es gibt ja noch mehrere Orte, die vom Inntal bis fast an die bayrische Grenze reichen. Was Vomp in aller Munde brachte, ist der – Vomperberg. Das heißt, die seltsamen Fremden dort, die seit einigen Jahren als Gralsritter und -ritterinnen sich angesiedelt haben und ihrem Kulte huldigen. Ueber diese Jünger der „heiligen Schüssel“, Gral genannt, wurde soviel gesprochen, geschrieben, gewettert, daß es die Gralsritter gar nicht nötig hatten, irgendwie Propaganda zu machen. Das besorgten – allerdings ganz ungewollt – all die Gegner der „Ritter“.

Der Vomperberg – als Gralsberg

Schon der Gralsritter wegen lohnt es sich, das Dörfchen Vomp aufzusuchen. Es liegt in schönster Lage gegenüber von Schwaz und ist vom Schwazer Bahnhof kaum zwanzig Minuten entfernt. Bald ist auch Vomperberg, eine ausgedehnte Ebene im Mittelgebirge, mit herrlicher Aussicht auf das Inntal erreicht. Eine Reihe villenähnlicher Häuser im Heimatstil gibt dem Oertchen ein nettes, anziehendes Gepräge. Wie man in Vomperberg erfährt, ist in den Jahren 1931, 1932 und auch noch 1933 hier ständig gebaut worden. Von schlechten Zeiten, schlechtester Wirtschaftslage scheint man also in der „Gralsstadt“ nicht viel zu spüren.
Ein deutscher Schriftsteller namens Bernhardt machte aus dem simplen Vomperberg im Unterinntal einen modernen Montsalwatsch. Der Sagenberg Montserat bei Barcelona, auf welchem nach dem Glauben mittelalterlicher Ritter in einer wundervollen Jaspisschüssel, Gral genannt, das vom letzten Abendmahl stammende Blut Christi augbewahrt und verehrt wurde, hat sich später in eine noch sagenhaftere Burg Mont-Salwage verwandelt und wurde in Montsalwatsch verdeutscht. Und jetzt ist diese Verdeutschung noch modernisiert worden! Schriftsteller Bernhardt ging her, schuf auf dem Vomperberg eine „Gralsverwaltung“. mit Telephonanschluß usw. – und fand bald Anhang! Allerdings nur in jenen Kreisen, denen es samt Familie auch in den schwersten Zeiten noch so gut geht, daß sie sich Extravaganzen leisten und so leben können, wie es ihnen paßt.
Zur Zeit sind in den netten Häuschen am Vomperberg achtzig bis hundert Anhänger der Gralsidee wohnhaft. Sie huldigen der heiligen Schüssel – und bezeichnen den Leib des Menschen ebenfalls als Gral. Er enthalte die Seele, das ewige Leben, und deshalb müsse dieser „Gral“ gepflegt, gehütet werden.
Da sich nicht einmal alle Gralsritter ganz klar sind, was sie denn eigentlich wollen, so ist es dem Fremden, der da in die „Gralsstadt“ am „heiligen Berg“ eindringt, sehr schwer, Klares zu erfahren. Man kommt schließlich zu folgender „Klarheit“: Die Gralidee ist eine Mischung von Christentum nach mittelalterlicher Ansicht, deutscher Natur- und Heidenreligion, Rittertum, naturgemäßer Lebensweise, körperlich-seelischer Reinheit und geistig-sittlicher Fabelei!

Die Ritter als gute Kunden

Die Anhänger Bernhardts sind harmlose Menschen, schaden niemand und wollen auch keinem Menschen ihre Idee, ihre Lebensart propagandistisch aufdrängen. Trotzdem hatten sie anfänglich Feinde und Gegner. Man wollte die [unleserlich] Ritter“, die „Sektierer“, nicht gerne seßhaft sehen – obwohl man sonst so ungemein für den Fremdenverkehr, für den Aufenthalt und die Ansiedlung geldkräftiger Fremder in der Gegend warb.
Der mittelalterlich-romantische Bernhardt scheint aber nicht unpraktisch zu sein. Trotz der himmlichen Phantastereien steht er mit beiden Füßen auf der Erde – und weiß sich auf ihr sehr gut einzurichten. Vor allem benahm er sich sehr klug gegen Widersacher. Da seine Anhänger nicht arm sind, ließ er die teilweise schon vorhandene Straße nach Vomperberg ausbauen, zum Teil neu anlegen und erwarb sich dadurch viele Freunde. Auch der Pfarrer Anton [Henbacher?] kam nämlich – und weihte die „Gralsritterstraße“ feierlich ein…
Die Geschäftsleute in Schwaz, die Bauern und Kleinbauern in Vomp und Vomperberg sahen bald ein: Es ist besser, sich mit den Bewohnern der „Gralsburg“ auf guten Fuß zu stellen, als sie anzufeinden! Die Gralsritter kommen in der heutigen schlechten Zeit vor allem als hocherwünschte gute Kunden der Geschäftsleute in Betracht. Und die Bauern der Gegend haben eine direkte Absatzquelle. Sie bringen ihre Produkte weit lieber den „Rittern“ als auf den Schwazer Markt, wo die Käuferinnen und Käufer viel feilschen. Die Gralsritter dagegen zeigen sich von der vornehmsten Art. Sie kaufen sogar manches, das sie gar nicht benötigen, um den jammernden Bauern zu helfen. Daß der gestrenge Abt Lambrecht des nahen Benediktinerstiftes Fiecht noch immer den „Sektierern“ nicht recht geneigt scheint und sie lieber wo anders als am Vomperberg sähe, kümmert die ansonsten dem Stifte sehr ergebenen Bauern in der Notzeit nicht.

Die Gralsritter wollen 1934 ein großes Hotel bauen!

Die Anhänger Bernhardts werden in der Gegend immer beliebter, wie es scheint. Das hat allerdings eine sehr reale Bewandtnis. Es heißt nämlich – bei jedem Krämer kann man es schon hören – daß die Gralsritter im kommenden Jahr ein eigenes großes Unterkunftshaus – eine Art Hotel – bauen wollen. Dieses „Gral-Hotel“ soll höchst eigenartig und trotzdem hochmodern, komfortabel und sehr bequem werden. Eingeweihte Schwazer Kreise wissen bereits, wie hoch und wie groß der neue Gralbau wird.
Die Anhänger des klugen Bernhardt verbinden das Angenehme der ihnen sehr zusagenden Lebensweise mit dem Notwendigen und Nützlichen. Es handelt sich durchaus nicht um krankhaft dumme Schwärmer. Nebst ihrer Gralsidee huldigen sie dem praktischen Gelderwerb der kapitalistischen Gesellschafts“ordnung“, erwerben sich Reichtümer – und setzen sich erst dann am Vomperberg zur Ruhe, wenn sie keine finanziellen Sorgen mehr haben. Von heute auf morgen läßt sich aber für die allermeisten kein Vermögen erwerben. So reisen denn viele der Gralsanhänger nur als Gäste nach der Gralsstadt: Dreimal im Jahr finden auf dem „Montsalwatsch“ bei Schwaz große Feiern statt. Hunderte von Gästen kommen! Und hauptsächlich für diese Festgäste, die unter ihresgleichen die Gralsfeste feiern wollen, soll die neue hotelähnliche Gralsburg errichtet werden. Geld dazu ist vorhanden!
Wo Geld, Geldeswert ist, gibt’s auch Klassen und Klassenunterschiede. So sind denn auch die Vomperberger Gralsritter in zwei Klassen zerteilt, getrennt. Die „besseren“ tragen goldene Kreuze auf der Brust – die anderen bloß silberne. Auch im neuen Hotel soll es – wie man jetzt schon erfährt – „geziemende“ Grenzen zwischen den goldenen und silbernen Rittern geben.
Zu erwähnen ist noch, daß die Gralsritter keine Freunde der Hakenkreuzbewegung sind und von Hitler und seinem „Dritten Reich“ anscheinend nichts wissen wollen. Die Gralbewegung und ihre Anhänger nimmt man übrigens schon ihrer ernsten Pläne wegen – weiterer Ankauf von Hausgründen, Bau von villenartigen Siedlungen und eines Großhotels im nächsten Jahre – für sehr ernst. Man kann und darf sie nicht als bloße „Sekte“ abtun.

Alpenländische Rundschau, 21.3.36

Der Gralsritter und die Devisenvorschriften

Aus Schwaz wird gemeldet: Auf dem Vomper Berg besteht seit Jahren unter Leitung des Reichsdeutschen Bernhard, der sich Ritter Abdrschin nennt, eine sogenannte Grals-Sekte, die sich meist aus Reichsdeutschen zusammensetzt und eine außerordentliche Bautätigkeit entwickelt. Auf dem östlichen Teile des Vomper Berges ist bereits ein schmuckes Dorf entstanden, das nur dieser Kolonie dient. Für die Lieferungen wurde sogar eine Drahtseilbahn aus Schwaz zum Dorfe hinauf gebaut. Ueberraschenderweise wurden nun am 15. März der Leiter dieser Sekte, Bernhard, und sein Sekretär Halseband verhaftet. Es verlautet, daß die Verhaftung auf Betreiben der reichsdeutschen Behörden wegen Devisenvergehens und Vergünstigungen solcher Vergehen erfolgt sei. Die Verhafteten wurden dem Landesgerichte Innsbruck übergeben. Bernhard war schon vor mehreren Jahren einmal verhaftet worden, auf Grund einer Betrugsanzeige einer seiner Anhängerinnen, die ihm ihr ganzes Vermögen zur Verwaltung gegeben hatte. Nachdem er in Innsbruck längere Zeit in Haft gewesen war, wurde die Untersuchung gegen Bernhard damals mangels Beweisen eingestellt.

Frau Gecks:

Im Frühling 1936 waren Beamte nach oben gekommen und hatten den HERRN und Herrn Halseband wegen Devisen-Vergehen verhaftet. Der HERR wurde glücklicherweise ins Gefängnis selbst nicht gebracht, sondern war mit einem Wächter in dem Städtischen Krankenhaus untergebracht und konnte im Garten gehen und nach Innsbruck, und es ist wohl bezeichnend, was dieser Wachbeamte für einen Eindruck hatte. Denn nachdem der HERR nach einigen Wochen wieder frei war, hat der Beamte ein Bild sich von Ihm erbeten.
Und nun möchte ich aber dies betonen: Der HERR hatte ja Herrn Halseband über alle irdischen Dinge eingesetzt und eben auch für alle Belange des Berges, weil Er gesagt hatte, Er muß sich von allen derartigen irdischen Fragen und Belangen jetzt ganz zurückziehen, um eben ganz in Seinem Eigentlichen zu leben. […] Nun waren viele auf dem Berge […], die ja ihre Gelder in Deutschland hatten. Und da sie auf dem Berge leben wollten, mußte natürlich von ihrem Geld auch einiges hinüberkommen. Und nun hat Herr Halseband sich anscheinend nicht zu helfen gewußt. Er hätte ja einfach Eingaben machen können, daß der Berg das braucht. Aber er hat einen Mann gefunden, der eben für lange Zeit die Gelder von drüben herüberbrachte. Und es war einige Zeit vor dem schon, daß man natürlich bei den Behörden aufmerksam wurde. Man fragte sich: „Wovon leben denn die Leute eigentlich da oben auf dem Berg?“ […]
Und so kam es eben eines Tages auch, daß dieser von ihm angestellte Mann an der Grenze erwischt wurde, wo ihm auch bestimmt schon aufgelauert wurde.

Das katholische Vorarlberger Volksblatt veröffentlichte am 30.3.36 einen recht interessanten Artikel.

Feldkirch, 27. März. (Ueber die Gralsritter am Vomperberg) erschien in der Nummer 67 des „Vorarlberger Volksblatt“ ein Artikel vom Lande, der ganz mit Recht gegen die Propaganda Stellung nimmt, die nun auch in Vorarlberg für diese Sekte betrieben wird. Wir möchten dem noch folgendes beifügen: Es ist bezeichnend, daß schon vor einigen Jahren eine liberale Tiroler Zeitung für die Gralssiedlung des Abdruschin recte Oskar Ernst Bernhardt auf dem Vomperberg bei Schwaz Reklame machte. Da anscheinend die Behörden das Unternehmen gewähren und ihm wegen einiger guten Seiten vielmehr noch Förderung angedeihen ließen, waren wir kürzlich auch im Begriffe, auf die Gefahren einer Propaganda in unserem Lande aufmerksam zu machen. Inzwischen hörte man von den behördlichen Maßregeln gegen Abdruschin, den Leiter der Gralssiedlung, die vielleicht den befürchteten Gefahren eine Schranke setzen werden. Gleichwohl erscheint es angezeigt, auf die Sache noch weiter aufmerksam zu machen. Neben dem krassesten Unglauben und Gotteshaß und der zügellosesten Genußsucht geht heute ein gewaltiges Gottsuchen und ein mächtiger Drang nach Rückkehr zu einfacher, naturgemäßer Lebensweise durch die Welt. Ein solcher Zug weht auch in der Gralssiedlung, die unbestreitbar auch ihre guten Seiten hat. Eine ernste Gefahr für unser katholisches Volk liegt aber ebenso unbestreitbar in der religiösen Seite der Bewegung, da die Gralsritter in dieser Hinsicht ihre eigenen Wege gehen, sich nicht an die Kirche halten, sondern diese vielmehr in ihrem Sinne reformieren wollen. Abdruschin stellt jede Sektiererei entschieden in Abrede. Das mag für ihn Geltung haben, da er vielleicht nie einer Kirche angehörte, aber für unsere katholischen Vorarlberger bedeutet die Gralsbewegung unzweifelhaft eine Sekte. Ihre Anhänger sondern sich von der Kirche ab, halten vielfach auf ihre eigene Weise Gottesdienst und wollen die Gläubigen veranlassen, ihr Heil nach den Lehren Abdruschins zu wirken. Was nun die anderen Seiten der Gralsbewegung betrifft, beruht die Anhängerschaft wohl auf der falschen Voraussetzung, daß außerhalb der Sekte das Gesuchte nicht zu finden sei. Leute ohne feste Grundsätze lassen sich sehr leicht durch das Gefühl und durch schöne Worte beeinflussen und für etwas begeistern, was ihnen gut erscheint und von ihrer Umgebung nicht geboten wird. Es kann nun leider nicht geleugnet werden, daß gerade in katholischen Kreisen für die Bestrebungen nach einer Lebens- und Ernährungsform, die sich nicht ohne Opfer verwirklichen läßt, vielfach recht wenig Verständnis herrscht, der Begriff „Askese“ weithin ganz verlorengegangen ist und daß uns im Kampfe gegen die Genußsucht, gegen Alkohol und Nikotin, unsere Gegner schon lange überlegen waren und uns beschämen. Die Enthaltung von Alkohol, Nikotin und Fleischnahrung wird weit mehr in katholischen Kreisen verspottet, als anderswo und da darf man sich freilich nicht wundern, wenn man sich dorthin wendet, wo man für die Sache Verständnis hat und wo dasjenige, was man sucht, geboten wird. Es ist bezeichnend, daß hierlands die Propaganda für die Gralsritter, wie auch aus dem Artikel vom Lande hervorgeht, besonders von solchen Leuten ausgeht, die sich für Lebens- und Ernährungsreform einsetzen; ein Beweis dafür, daß bei uns die Lebensreform noch nicht erkannt und gewürdigt ist. Wir fragen aber, ist es wirklich notwendig, dieselbe bei einer Sekte kennenzulernen? Haben wir Katholiken in unserer heiligen Religion nicht die wertvollsten Elemente für eine gründliche, die Erneuerung unseres Volkes ermöglichende Lebensreform? Die katholische Religion hat noch nie versagt. Diejenigen, die versagt haben und versagen, sind die Katholiken, die den Grundsätzen ihres Glaubens untreu geworden sind, in ihrer Lebensweise falschen Grundsätzen folgen und den Anschein erwecken, als ob man bei uns für Lebensreform nichts lernen könne und sich anderswohin wenden müsse. […] Darüber, daß auch gründliche Lebensreformen notwendig sind, um die leidigen Hemmungen unseres religiösen und sozialen Aufbaues zu überwinden, kommt man nicht mehr hinaus. Wenn nun die führenden katholischen Kreise den Fragen der Lebensreform die gebührende Aufmerksamkeit schenken würden, sich an Einsicht, Tatkraft und dem nötigen Opfermut nicht übertreffen ließen und allen mit dem guten Beispiele vorangingen, dann wäre kein Anlaß vorhanden, sein Heil anderswo zu suchen und Reklame zu machen für die Gralsritter am Vomperberg.

Nach anfänglichem Spott zum Ende hin doch beachtlich ausgewogen: Salzburger Volksblatt, 8.6.1937

Der „Prophet auf dem Vomperberg“.
In der Gralssiedlung Abdruschins.

In den letzten Jahren hat die Gralssiedlung Abdrushins am Vomperberg bei Schwaz in Tirol durch zahlreiche Zubauten wieder eine ansehnliche Vergrößerung erhalten. Immer wieder wird durch irgendwelche Ereignisse die Aufmerksamkeit der breiteren Öffentlichkeit auf diese eigenartige Niederlassung gelenkt. Im Vorjahre war es die Verhaftung Abdrushins, des „Propheten vom Vomperberg“, wie ihn die ländlichen Bewohner nennen. Dieser Mann, der mit seinem bürgerlichen Namen Oskar Ernst Bernhardt heißt, wurde damals auf Betreiben reichsdeutscher Behörden wochenlang wegen Devisenvergehens in Gewahrsam gehalten und erst nach langwierigen Verhandlungen und einem Ausgleiche mit den deutschen Devisenstellen, der Bernhardt allerhand gekostet haben soll, wieder freigelassen. Dieser Tage wußten nun verschiedene Blätter zu berichten, daß ungefähr 600 Anhänger Abdrushins aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Holland, Frankreich, England und aus der Tschechoslowakei zu einem Fest in die Gralssiedlung am Vomperberg gekommen waren und zu mehrtägigem Aufenthalt in der Siedlung in Tirol weilten.
Regelmäßig finden jedes Jahr dreimal solche Feste am Vomperberg statt, zu denen stets einige hundert „Pilger“ von auswärts herbeiströmen. Der Staatenzugehörigkeit nach ist nämlich die Anhängerschaft Abdrushins überhaupt sehr bunt zusammengesetzt; auch die, die sich ständig in der Vomperberg-Siedlung niedergelassen haben, stammen aus aller Herren Länder. Unter den Leuten, die sich zu Abdrushins Lehren bekannten, sind auch sehr wohlhabende Persönlichkeiten, zum Teil solche, die nicht mehr wußten, wohin mit ihrem Gelde, nachdem sie alle Genüsse des Lebens ausgekostet hatten.
Geld scheint bei Abdrushin überhaupt keine geringe Rolle zu spielen. Seine getreuen Anhänger steuern kräftig zum Ausbau der Siedlung bei. Es soll aber auch in der friedlichen Gralssiedlung schon zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn einer, der sich von der Gralslehre wieder abwandte, sein Geld zurückhaben wollte, es aber nicht bekam. Wenn derartige Vorfälle in die Öffentlichkeit sickern, so wächst immer schnell wieder Gras darüber. Nicht mit Unrecht vielleicht sagt man dem Führer der Gralsbewegung nach, daß er außer dem „geistigen Führer, der durch seine Gralsbotschaft den irrenden Menschen hoffnungsvolle, klare Wege der Erkenntnis weist“, auch ein recht guter Geschäftsmann ist.

Worin besteht die Lehre Abdrushins?

Ausgehend von der Erkenntnis des freien Willens jedes einzelnen Menschen will Abdrushin – als Ritter nimmt er unter dieser Bezeichnung an der Tafelrunde König Artus teil – seine Anhänger dahin führen, daß sie die Begriffe „freier Wille“ und „Verantwortung“ nicht nur im Munde führen, wie man es heutzutage von vielen hört, die sich für besonders aufgeklärt und fortgeschritten halten, sondern jeder einzelne soll diese Grundsätze auch befolgen und verwirklichen in der ganzen Art seiner Lebensführung, seines Denkens, Redens und Handelns. Abdrushin fordert die Befolgung dieser Grundsätze seiner Lehre von allen seinen Anhängern. Sein Ruf, abzuweichen von den Irrwegen, auf denen sie unbewußt wandelt, und nach den von Gott gegebenen Naturgesetzen zu leben, ergeht an die gesamte Menschheit. Er weist die Wege, die diesen Gesetzen und Notwendigkeiten entsprechen, die aus den Verwirrungen der Welt herausführen. Wer nun die Überzeugung von der Richtigkeit dieser grundsätzlichen Welteinstellung erkannt hat, reiht sich unter die Grals-Anhänger ein.
Eine Mustersiedlung kann man das, was Abdrushin bisher auf dem Vomperberg schuf, nennen. Um das Landhaus mit dem großen Kreuz, in dem der Führer der Gralsbewegung mit seiner Familie wohnt, sind die übrigen Bauten entstanden. Ein einfacher Holzbau dient als Andachtshalle, für die Jüngsten der Siedlung gibt es Schule und Kindergarten, die Wohnhäuser für die Siedler sind vorwiegend zusammenhängende, neuzeitlich angelegte Holzbauten, im ganzen ungefähr zwanzig Häuser. Die Ausdehnung der Siedlung brachte es mit sich, daß bereits eine Feuerwehr gegründet wurde; etwas abseits der Siedlung wurde auch ein idyllischer Waldfriedhof angelegt. Jedes Jahr erhalten die „Kreuzler“, wie dei Anhänger der Gralslehre von den Bauern genannt werden, Zuwachs, und so entstehen auch jedes Jahr neue Zubauten. Die Lebensweise dieser Menschen ist einfach, fast alle nehmen die Mahlzeiten in einer gemeinsamen Speisehalle ein. Vor dem Essen, das in der Regel aus einfach zubereiteten Fleischgerichten besteht, spricht ein Apostel ein kurzes Tischgebet. […]

Möglich, daß man sich leicht verleiten läßt, über Abdrushin und seine Lehren zu lächeln; Tatsache ist, daß seine Anhängerschaft wächst und viele Menschen am Vomperberg eine Stätte der Ruhe und Zufriedenheit gefunden haben. Man ist vielleicht geneigt, zu ironisieren, wenn man über irgend etwas so wenig erfährt, wie gerade von der „Gralsburg am Vomperberg“. Wenn in den Berichten, die in den letzten Tagen durch die Presse gingen, davon gesprochen wurde, daß die „Ritter“ im „Schloß“ am Vomperberg geheimnisvolle Beratungen abhielten, daß Abdrushin, in eine strahlende Ritterrüstung gehüllt, an seine Anhänger eine feierliche Ansprache hielt, so darf man solchen „lebendigen Schilderungen“ doch nicht allzuviel Glauben beimessen. Es gibt keine Burg und kein Schloß am Vomperberg, nur die oben geschilderte schmucke Siedlung. Ebensowenig ist anzunehmen, daß Abdrushin auf einmal als Ritter gerüstet erscheinen soll, wenn er sich bisher mit einem einfachen, an den Talar eines evangelischen Pfarrers erinnernden Mantel begnügt hat. Die Behörden haben auch noch keinen Grund gehabt, gegen Abdrushin wegen seiner Lehre einzuschreiten. Tirol wid außerdem die Bedeutung dieser Siedlung für den Fremdenverkehr zu schätzen wissen.
Dr. K. W.

Meine Lieblingsmeldung, glaube ich: Tiroler Anzeiger, 14.9.1937

Vomp und die Gralssiedlung

Vomp, 10. September.
Am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, fand auch heuer wie immer die herrliche Lichterprozession auf den Kreuzbühel zu der von Pfarrer Raaß selig erbauten Lourdesgrotte statt, wozu sich ganz Vomp, Gemeindevorstehung mit Bürgermeister, Musikkapelle, Kirchenchor sowie die ganze Bevölkerung vom Greise bis zum kleinen Kinde mit Hunderten von Kerzen und Lampions einfanden. Diesmal war auch Prälat Albert Grauß von Fiecht gekommen, um der großen Huldigungsprozession der Gottesmutter beizuwohnen. Vor der schön verzierten Grotte sang der Kirchenchor ein tiefempfundenes, alle Herzen ergreifendes Marienlied, worauf der Abt eine herrliche Ansprache über den schönsten Mariengruß, das Ave Maria, hielt, eine wundersame Bergpredigt im milden Scheine der unzähligen Lichter.
Noch unter dem tiefen Eindruck der Lichterprozession, der schönen jährlichen Weihe von Vomp an die Gottesmutter, versammelte sich der Gemeindetag zu einer Festsitzung, wozu auch der hochwürdigste Prälat von Fiecht und Oberlehrer Geiger erschienen waren. Den Anlaß dazu bot die schon mehr als acht Jahre auf dem Vomper Berg bestehende Gralssiedlung, deren Begründer in seiner Lehre die Mutter Gottes in der unerhörtesten Weise angreift und sie aufs schmählichste verunehrt.
Der Seelsorger wurde eingeladen, das Wort zu ergreifen und setzt nun in kurzen Worten den Sinn und Zweck der Festsitzung auseinander. Sie sei eine Sühneleistung an die Unbefleckte für diese Schmähung, ein Dank für ihren besonderen Schutz – kein einziger von der Gemeinde Vomp habe sich bisher der fremden Lehre angeschlossen – und eine Bitte an sie, daß sie auch in Zukunft diese Gemeinde ein Schutz nehme und sie einig im katholischen Glauben erhalte. Es wurde dann folgende Resolution eingebracht und einstimmig angenommen:
„Der Gemeindetag von Vomp, selbst einig und unentwegt treu dem katholischen Glauben, erkennt nur im katholischen Glauben Grundlage und Gewähr für das wahre zeitliche und ewige Glück der Gemeinde und hofft, daß Vomp für alle Zukunft einig im Glauben und treu der katholischen Kirchen bleibe. Für das Sitzungszimmer wurde ein großes, schönes Marienbild gestiftet, dessen Weihe der anwesende Herr Prälat vornahm. Der Gemeindetag beschloß in Zukunft bei jeder Sitzung die Muttergottes mit einem Ave zu grüßen und ihren Segen zu erbitten mit der Anrufung: „O Maria, Sitz der Weisheit, bitte für uns.“

Ich frage mich, ob sich das bis heute erhalten hat und ob noch jemand weiß, was der Anlaß dafür war.

Dann kam das Jahr 1938, im März der Anschluß Österreichs und quasi am gleichen Tage die Verhaftung Abd-ru-shins. Die Zeitungen berichteten erst im Juni darüber; bis dahin war die gleichgeschaltete österreichische Presse damit beschäftigt, die wundersamen Verbesserungen in Österreich gegenüber der früheren korrupten und unfähigen Regierung zu preisen. Negativmeldungen – außer in Form beginnender Propaganda für den kommenden Krieg – findet man in diesen drei Monaten nicht.

Tages-Post, Linz, 10.6.1938

Das Ende der „Gralsritter“. Am Vomperberg bei Schwaz hatte sich seit Jahren eine seltsame Gesellschaft niedergelassen. Es war eine religiöse Sekte, die sich den Titel „Die Gralsritter“ zugelegt hatte und dort, angetan mit langen weißen Tuniken, ihr Unwesen trieb und ihre Siedlung „Gralshöhe“ benannte. Ihr oberster Heiliger legte sich den Namen „Abdruschin“ bei; richtig hieß er Bernhard. Nun sitzt er seit dem Umbruch wegen gewaltiger Devisenschiebungen hinter Schloß und Riegel. Am Donnerstag nachmittags wurde nun diese Siedlung auf Befehl des Reichsinnenministers Dr. Frick von der Staatspolizeistelle Innsbruck mit 25 SS-Männern besetzt. Die Liegenschaften wurden dem Lande Oesterreich überantwortet und zur Verwaltung der Gauleitung übertragen. Auf Verfügung des Gauleiters Hofer wird die Siedlung zur Gauschulungsburg umgewandelt. Der Gau Tirol erhält damit eine Schulungsburg, wie in solch schöner Lage in Deutschlands Gauen keine zweite zu finden sein dürfte.

Vorarlberger Tagblatt, 11.6.38

Die Hakenkreuzfahne auf dem Vomper Berg.

Unweit von Schwaz im Unterinntal gegenüber den Zillertaler Bergen steht auf dem Vomper Berg an einem der schönsten Plätze von ganz Tirol eine Siedlung, die von einem gewissen Oskar Bernhardt, dem Gründer der Sekte „Die Freunde der Gralsanhänger“ hier errichtet worden war. Wald und Wiesen, Aecker und Gärten, ein großes Verwaltungsgebäude, zahlreiche landwirtschaftliche Anwesen, eine eigene Schule und ein eigener Tempel, alles neuzeitlich eingerichtet, gehören zu dieser Siedlung, die vor etwa 10 Jahren gegründet wurde und nach dem Verbot der Sekten in Deutschland einen mächtigen Auftrieb erhielt. An die 80 Personen beiderlei Geschlechtes waren zuletzt auf dem Vomper Berg untergebracht, alle ganz und gar ergeben dem Oberapostel Bernhardt, der in den ersten Tagen des Umbruches in der Ostmark in Haft genommen werden mußte.
Am Donnerstag wurde die Siedlung von einer Abteilung der Schutzstaffel besetzt. Der Leiter der Staatspolizeistelle Innsbruck, Regierungsrat Dr. Harster, machte vor den Vertretern der Partei, unter ihnen auch der stellvertretende Gauleiter Christoph, erläuternde Ausführungen über den Sinn und Zweck der Beschlagnahme. Er stellte dabei fest, daß die Tätigkeit der volksverdummenden Sekten im Dritten Reich nicht mehr geduldet werden könne. Das Sektenunwesen habe heute keinen Platz mehr, weshalb im Reich überall die Sekten verboten worden seien. Dr. Harster teilte mit, daß sich die Sekte vom Vomper Berg nunmehr aufgelöst hat und ihr Vermögen zugunsten der Ostmark beschlagnahmt wurde. Er gab bekannt, daß die Siedlung an die Gauleitung Tirol-Vorarlberg übergehe und zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Schulungsburg für den Gau umgebaut werde.
Die Hakenkreuzfahne, die jetzt auf dem Vomper Berg weht, kündet weithin dem Lande, daß die NSDAP aufräumt mit allen Einrichtungen, die als staatsfeindlich angesehen werden mußten. Die Bevölkerung, die noch niemals für die Gralsritter vom Vomper Berg Verständnis aufbrachte, hat den Entschluß der Räumung lebhaft begrüßt.

Die Innsbrucker Nachrichten brachten am 2.7.38 einen ganzseitigen Bericht, sogar mit Foto, aus dem die Tiroler Bauern-Zeitung (s.u.) stark gekürzt zitierte. Interessant dabei ist, wie in jeder Literatur, die unter einem „Regime“ veröffentlicht wird, nicht so sehr das, was berichtet, sondern was ausgelassen wird. Zum Beispiel folgender Auszug, der verrät, daß die Kritik am Vorgehen offensichtlich laut genug war, daß man es seitens der Autoritäten für nötig erachtete, eine großangelegte Schmierkampagne zu starten.

Die Beschlagnahme der „Gralsrittersiedlung“ hatte damals allgemein Befriedigung ausgelöst. Trotzdem werden hie und dort Stimmen laut, die zwar nicht gegen die Auflösung dieses ganzen Zauberspuks am Vomperberg reden, die aber immerhin die Meinung vertreten, daß es ganz gut sei, wenn man mit solchem Unsinn ein Ende mache, „Abdruschin“ selbst aber für einen harmlosen Phantasten halten, der als „verlorener Idealist“ oder Narr eben zu bedauern sei und eher in eine Internierungsanstalt oder in ein Narrenhaus gehöre als ins Zuchthaus. Diesen Volksgenossen die Augen über die „irdische Wahrheit“ um Oskar Ernst Bernhardt, alias „Abdruschin“, zu öffnen, ist nun Zweck der folgenden authentischen Erhebungen, die Bernhard ohne Zweifel als Betrüger und schwer belastetes Individuum entlarven.

Tiroler Bauern-Zeitung, 7.7.38

Aus „Abdruschins“ Vergangenheit

Wie schon seinerzeit berichtet, wurde die Siedlung der Gralsritter am Vomperberg beschlagnahmt und wird dort eine Gauschulungsburg errichtet werden.
Die Gralsritter waren eine Sekte irregeführter Menschen, welche der Leiter dieser Sekte vorerst in seinen Bann brachte und sie dann zu seinem Vorteil ausnützte.
Es mag daher interessieren, sich diesen Leiter genauer anzusehen. Oskar Ernst Bernhard wurde am 18. April 1875 in Bischofswerda geboren, war vorerst Schriftsteller und wurde dann „Menschensohn“. Tatsächlich ist dieser „Gottessohn“ aber mehrmals wegen Eigentumsdelikte schwer vorbestraft. So wurde er wegen Betrug vom Landgericht Dresden 1901 zu fünf Monaten Gefängnis, 1902 vom gleichen Gerichte wegen Betruges zu acht Monaten Gefängnis und 1909 in Bern wegen Fälschung von Privaturkunden, Betrug und betrügerischen und leichtsinnigen Konkurses zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Abdruschin war allerdings schlau genug und verglich seine gerichtliche Verfolgung und Bestrafung mit der Verfolgung Christi. Er haßte selbstverständlich alle irdische Gerechtigkeit und hüllte sich in einen haarsträubenden Mantel von Geheimtuerei. Indem er sich einerseits Gotteseigenschaft beilegte und andererseits seine Anhänger laufend mit Weltuntergang und allem möglichen Spuk in Schrecken versetzte, verstand er es, diese in absoluter Abhängigkeit zu seiner Person zu bringen.
Dieser Mann hat jahrelang sein Schwindelgeschäft unter den Augen einer christlichen Regierung getrieben. Als einmal die Landesregierung tatsächlich zugreifen wollte, stellte sich der Bürgermeister von Schwaz schützend vor ihn, weil er mit seiner Sekte für Schwaz ein gutes Geschäft war.
Nach der Machtergreifung machte der Nationalsozialismus allerdings mit diesem Burschen kurzen Prozeß. Die Geheime Staatspolizei nahm Herrn Abdruschin trotz seiner Göttlichkeit beim Kragen und steckte ihn ins Loch. Die Gemeinde wurde aufgelöst und die Anhänger veranlaßt, auseinanderzugehen, wobei bemerkt wird, daß die Regelung der Vermögensverhältnisse der einzelnen Mitglieder streng sachlich durchgeführt wurde, weil diese ja meist selbst nur Betrogene waren.
So hat der „Heilige Berg“ seinen Zauber verloren, dafür aber wird diese herrliche Mittelgebirgslandschaft wieder Vomperberg genannt, wo nunmehr Nützlicheres für die Volksgemeinschaft geschaffen werden wird.

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Ein langer Blick von außen, durchaus interessant. Heutzutage ist die Gralsbewegung wesentlich offener mit Informationen, so daß Schreiber nicht auf naheliegende, aber völlig irreführende Quellen wie Haltet-die-Gemeinde-rein-katholisch-Jesacher und – der Gipfel! – Herrn Koennecke angewiesen sind.

Neue illustrierte Wochenschau, 22.9.1968

Das „Fest der reinen Lilie“
Ein Tag auf dem „heiligen Berg“ in Tirol

In Vomperberg bei Schwaz in Tirol begingen vom 6. bis 8. September die Gralsanhänger das „Fest der reinen Lilie“, eine von jenen feierlichen Veranstaltungen im Jahr, die nach dem Willen des Begründers dieser religiösen Bewegung nunmehr schon seit vier Jahrzehnten im Tirolischen abgehalten werden. Was sich bei diesen Festen zuträgt auf dem Vomperberg, darüber wurde schon viel geschrieben und gerätselt, aber noch immer weiß die Öffentlichkeit nichts von den Details. Denn die Anhänger der Bewegung, von denen einen Gralsritter genannt, von den eigenen Leuten nach den schriftlich niedergelegten Prinzipien des Begründers als „Versiegelte“ bezeichnet, leben, scheint’s, nach einem strengen Reglement: Sie schweigen. Wie in allen Religionsgemeinschaften und Sekten gibt es auch auf dem Vomperberg Abtrünnige, Leute, die als Gottsuchende auf den „heiligen Berg“ bei Schwaz kamen und dort gefunden zu haben glaubten, was sie in ihrem tiefsten Inneren ersehnten. Und die sich enttäuscht wieder lossagten von der Gralsbotschaft, die der aus dem Schlesischen nach Österreich zugewanderte Oskar Ernst Bernhardt verkündet hat.
Warum aber, so muß man sich fragen, schweigen die „Versiegelten“? Warum scheut man auf dem Vomperberg die Öffentlichkeit? Wir wußten natürlich im voraus, daß es für den Außenstehenden keine befriedigende Antwort auf derlei Fragen geben konnte, selbst wenn man sich als Zaungast „unters Volk“ begab. Es sei dazu vorweg festgestellt: Die Behauptung etwa, nur der Wunsch, eine Sensation zu entdecken, habe uns den Vomperberg besuchen lassen, trifft nicht zu. Denn niemand in Mitteleuropa, das ist eine unumstößliche Wahrheit, an der nicht gerüttelt werden kann, darf sich vor den Augen der Behörden mit undurchschaubaren Geheimnissen umgeben. Das gilt für den einzelnen Menschen ebenso wie für Vereine, Verbände und Gemeinschaften jedweder Art.
Vom Inntal, von Schwaz und Vomp aus führt eine schmale Straße durch den Wald hinauf zur Gralssiedlung. Einige hundert Meter über der breiten Talniederung weiten sich, vom Inn aus nicht sichtbar, die zum „heiligen Berg“ gehörenden Felder und Fluren. Hierher kam vor vier Jahrzehnten Oskar Ernst Bernhardt. Er hatte, wie es hieß, während seines Aufenthaltes in Amerika und England Begegnungen mit verschiedenen Begründern von religiösen Sekten und okkult begabten Leuten gehabt. Er nannte sich „Diener des Lichts“ (Abd-ru-shin). Was er verkündete, so sagten später seine Gegner, sei eine bunte Zusammenfassung von Inhalten anderer Lebensanschauungen und Religionen. Er sprach vom Karma, vom wiederholten Erdenleben. Durch visionäre Schauungen habe er sein vorletztes Erdenleben betrachten können. Er sei ein Araberfürst gewesen, als ihm das Gralskreuz erschien, und er sei von der geistigen Führung aufgefordert worden, der Menschheit eine Botschaft zu vermitteln.
Im Jahre 1928, vor genau vierzig Jahren, erwarb Oskar Ernst Bernhardt auf dem Vomperberg ein Jagdhaus. Später kamen noch andere Gebäude und einiges Land hinzu, das wirtschaftliche Fundament für den „geistigen Mittelpunkt der internationalen Gralsbewegung“.
Es war kein Geringes, was der aus Schlesien Zugewanderte verkündete, und es darf darum nicht wundernehmen, wenn die Zahl derer, die sich zur „Gralsbotschaft“ bekannten, erstaunlich schnell zunahm. Für viele Menschen, die auf viele Fragen des Daseins und nach den Hintergründen der Schöpfung keine befriedigende Antwort wußten, bedeutete der Inhalt des ersten Buches von Oskar Ernst Bernhardt geradezu eine Offenbarung. Der vielversprechende Titel lautete „Im Licht der Wahrheit – die Botschaft vom Heiligen Gral“. Die Anhänger kamen aus Österreich, namentlich aus Deutschland, aber auch aus Übersse. Im Mittelpunkt der Bewegung aber standen von Anfang an auch Bernhardts Gattin Marie, genannt die „fleischgewordene Liebe Gottes“, die Stieftochter Irmingard, genannt die „reine Lilie“, und der Sohn Alexander, der „Schwertträger“ in der „Botschaft“.
In diesen Tagen, anläßlich des „Festes der reinen Lilie“, weilten rund tausend Besucher auf dem Vomperberg. Die zu erwartende Besucherzahl war in einer Vorausmeldung an die Gendarmerie mit 1053 angegeben worden. „Sie sind da sehr genau“, stellte man im Gendarmerie-Bezirkskommando in Schwaz fest. „Man kann sich da verlassen. Da wird jede einzelne Person gemeldet.“ Die Teilnehmer kamen aus Deutschland und West-Berlin, aus Österreich selbstverständlich, aber auch aus Südamerika, aus Afrika und aus einigen Ostblockländern.
Oskar Ernst Bernhardt hat die drei großen Feste für die Gralssiedlung festgelegt: für Ende Mai das „Fest der heiligen Taube“, für Anfang September das „Fest der reinen Lilie“ und für Ende Dezember das „Fest der Rose“. Tausend und mehr Menschen strömen in diesen Tagen auf der Gralshöhe zusammen, um in der Andachtshalle, die 1500 Personen faßt, den jeweiligen Höhepunkt der feierlichen Begebnisse gemeinsam zu begehen. Was hier wirklich geschieht, ist der Außenwelt nicht bekannt, denn der Zugang in den Andachtsraum ist nur dem auserwählten Kreis der „Versiegelten“ gestattet. Warum eigentlich nur diesen Leuten?
Ich war Zaungast auf dem Vomperberg während des „Festes der reinen Lilie“, bin durch die Siedlung gewandert, habe manchem Gespräch zugehört. Die Frauen trugen – auch im Tal, wo sie zum Teil ihr Quartier hatten, da ja nicht alle „auf dem Berg“ untergebracht werden konnten – an langer Kette das Gralskreuz auf der Brust. Die Männer hatten das Gralszeichen im Knopfloch des Sakkos hängen. Dazu die Gendarmerie: „Ihr Verhalten ist vorbildlich. Es gibt einfach keine Klage, und die Haltung der Bevölkerung diesen Leuten gegenüber ist gut.“
Alles ist sauber und gepflegt auf der „Gralshöhe“ hoch über dem Inntal. Die Wege sind staubfrei gemacht, die Äcker waren bestellt, die Ernte ist bis auf den Hafer eingebracht, da und dort liegt das zweite Heu zum Trocknen. Die vielen Menschen, die zum Teil von weit her zum „geistigen Mittelpunkt“ ihrer Bewegung gekommen waren, sind einander offensichtlich nicht fremd. Auf und ab und aus und ein auf den Wegen wandern die Leute. Man hört Französisch vor allem, dann Englisch, aber auch Tschechisch und Deutsch mit norddeutschem Akzent. Sie besuchen die Grabstätte Abd-ru-shins. Der Verkünder der „Botschaft“ war 1938 von den Nazis verhaftet und in seine schlesische Heimat geschickt worden. Dort starb er während des Krieges. Frau Marie, die Witwe, brachte den Leichnam später nach Tirol. Nun ruht sie selbst neben dem Gatten unter der Pyramide, wo zu Beginn dieses Jahres auch der Sohn Alexander, der „Schwertträger“ der Gralsbewegung, seine letzte Ruhestätte fand.
Nun ist die Tochter Irmingard, die den Beinamen „reine Lilie“ erhielt, das Oberhaupt der Gralsleute vom Vomperberg. Sie steht im sechzigsten Lebensjahr und war jetzt sicherlich Mittelpunkt der Feierlichkeiten, die mit einer Zusammenkunft aller Teilnehmer in der geräumigen Andachtshalle den Abschluß fanden.
Dem Zaungast bot sich in diesen Stunden ein eigenartiges, ungewohntes Bild. Sie waren alle in der ohne Zweifel vorgeschriebenen Festtagskleidung erschienen. Sie kamen aus dem Tal in ihren Autos angefahren, sie waren aus den umliegenden Häusern und Villen herbeigeströmt, mehr als tausend Menschen, die Frauen ohne Ausnahme in knöchellangen weißen Kleidern und weißen Schuhen, die Männer mindestens in schwarzem Anzug, viele im Smoking, gar nicht wenige im Frack und mit Zylinder. Alle mit weißen Handschuhen.
Eine seltsame Stille liegt zu dieser Vormittagsstunde über der Siedlung. Wegauf und wegab finde ich im ganzen Dorf nur einen einzigen Menschen, einen jungen Mann, der als Feuerwehrmann Dienst macht. Auf seinem Helm ist das Kreuzzeichen des Grals angebracht. Er zeigt sich nicht sehr gesprächig, aber auch nicht abweisend. Er stamme aus Schottland, erzählt er. Als er von der „Botschaft“ erfuhr, sei es sein Wunsch gewesen, einmal nach Tirol zu kommen, wo Abd-ru-shin wirkte. Nun sei er bereits zwei Jahre hier, ein Jahr wolle er noch bleiben. Was er mache, wovon er lebe? Er arbeite im Rahmen der Gralsverwaltung, seit einigen Monaten im Stall der Reitschule, bei den Pferden. Man denkt, wie man sieht, im Dorf der Tiroler „Graleler“ auch an sehr äußerliche zeitgemäße Dinge.
Ich darf ihn sogar photographieren, den jungen Feuerwehrmann aus Schottland, der sich selbst als „Kreuzträger“ bezeichnet; aber indem ich mich verabschiede und weitergehe in Richtung Andachtshalle, werde ich höflich darauf aufmerksam gemacht: Wenn ich dort vorüberkomme – er weist hin zur Halle – , möge ich mich absolut still verhalten. Ich werde mich gern an seine Weisung halten, verspreche ich.
Als die Glocken im hölzernen Turm vor der Halle das Ende des Festes verkünden, ist der ganze Berg mit einem Male wie zu neuem Leben erwacht. Tausend und mehr Menschen, ältere Leute und sehr junge Paare stehen auf kleinen Plätzen beisammen, schreiten stumm die Wege entlang, streben den Quartieren oder ihren Autos zu, die auf einem Wiesenplatz abgestellt worden waren – ein bewegtes Bild in Schwarzweiß. Und man hat den Eindruck: Es ist ohne Zweifel ein bedeutungsvoller Augenblick, den die Menschen da erleben.
Die Sache hat freilich auch eine „andere Seite“. Von Anfang an gab es rund um den Vomperberg auch sehr negative Stimmen. Von diesen erfuhr auch der Pfarrer von Vomp, Friedrich Jesacher. Abtrünnige erzählten, daß alles oben auf dem „heiligen Berg“ grundbücherlich auf den Namen der Frau Marie Bernhardt eingetragen wurde, obwohl doch auch das äußerliche Besitztum der Gralsbewegung gewidmet sei. Ein paar Menschen behaupteten sogar, sie seien über den Umweg der Hypnose gezwungen worden, diesen oder jenen Wert der Bewegung zu vermachen.
Der Priester Friedrich Jesacher schrieb in einem Brief an eine Frau nieder, was er sich dachte. „Es ist kein Wunder“, so hieß es da, „denn Sie sind einer raffinierten, unter dem Mantel der Religionsfreiheit getarnten Schwindlerin, ja Verbrecherbande zum Opfer gefallen.“ Als Marie Bernhardt von dem Inhalt dieses Briefes erfuhr, brachte sie gegen den Pfarrer beim Bezirksgericht Schwaz die Ehrenbeleidigungsklage ein. Nach vier Verhandlungen wurde Friedrich Jesacher freigesprochen.
Pfarrer Friedrich Jesacher wirkt heute in Wenns bei Imst. „Das Gralsunternehmen hat mit Religion nichts zu tun“, sagt er, „weshalb man mir nicht den Vorwurf der Unduldsamkeit in religiösen Dingen machen kann. Aber lesen Sie nach im Urteil des Schwazer Prozesses. Es ist dazu eigentlich nichts weiter zu sagen.“
Offen für den Nichteingeweihten bleibt die Frage: Was bewegt die Menschen, die getreulich Jahr um Jahr ins Dorf der „Graleler“ kommen, die an die „Botschaft“ glauben?
Vielleicht wußte ein gewisser Friedrich Koennecke darauf die Antwort. Er war bei der Gründung der Gralssiedlung mit als erster dabei und wohnte sechs Jahre lang „auf dem Berge“. Seine Aussagen erweckten vor dem Schwazer Gericht „den Eindruck größter Sachlichkeit und unbedingter Glaubwürdigkeit“. Er nahm in seinen Darstellungen die Anhänger in Schutz. Auf dem Vomperberg, so schrieb er auch wörtlich nieder, „war und ist eine autosuggestive Kraft am Werke. Sie wird immer neu gestärkt durch die gleichmäßige Veranlagung der Gott suchenden Menschen, die sich gegenseitig in ihrem Banne und ihrer Opferbereitschaft steigern, um dem angeblich hohen Zwecke zu dienen.“

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Vor vielen Jahren, als das Internet noch ein überschaubarer Ort war, gerade, was Suchtreffer zur Gralsbewegung betraf, entdeckte ich eine Seite, die man heute wohl als Schreibwerkstatt bezeichnen würde. Die Geschichten der Mitglieder waren nicht öffentlich, nur eine Zusammenfassung gab es. Und darunter fand sich eine Jugenderzählung des Inhalts, ein junges Mädchen stünde kurz vor der „Aufnahme in die Gralsbewegung“, sei sich über ihren zukünftigen Weg aber nicht sicher und verliebe sich. Eine klassische Sektengeschichte, denke ich. Nun hatte die Autorin, deren Namen ich längst vergessen habe, sicher nicht von ungefähr diesen Rahmen gewählt; vermutlich war sie die Tochter von Kreuzträgern. Ich kenne die „Problematik“, um mal diesen Ausdruck zu wählen, was sicherlich ein gutes Thema für eine eigene Folge in dieser Serie wäre…

Im fiktionalen/erzählenden Bereich sieht es mit Umsetzungen der Gralsbotschaft mau aus. Es gibt die Wegbereiter, nun gut. Die erzählenden Werke von Susanne Schwarzkopf. Frau Wolfrum hat das von mir sehr geliebte Büchlein Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde… (Neuauflage unter dem Titel Die unsichtbare Brücke) geschrieben. Einige extrem seltene Exemplare des Buches von Maria Halseband, Ich klopfe an!, haben überlebt. Und das ist im großen und ganzen auch schon alles. Klassiker für Kreuzträger sind Die drei Lichter der kleinen Veronika, Von Stufe zu Stufe oder Ein Wanderer im Lande der Geister. Von einem Markt wie beispielsweise für christliche Romane kann keine Rede sein. Als Leserin von christlichen Romanen stelle ich mir manchmal vor, einen Roman mit der Thematik Gralsbotschaft zu schreiben. Als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Aber inzwischen habe ich gelernt, daß erzählende Literatur mir nicht liegt. Ich kann Sachbücher schreiben (und habe es getan), aber ich kann keinen Plot aufbauen. Das muß also anderen überlassen bleiben.
Wie sähe ein solcher Roman aus? Wer wären seine Protagonisten, und mit welchen Konflikten hätten sie zu kämpfen?

Was sonstige Fiktionen angeht: Über Erdenbann von Oskar Ernst Bernhardt habe ich hier schon mehrfach geschrieben; das wohl einzige seiner fiktionalen Werke, das bereits viele geistige Inhalte besitzt. Gerade das Vorspiel ist gewaltig.
Dann gab es das bei Kreuzträgern damals nicht sehr beliebte Filmessay Der Gral – ein Weg von Marion Jerrendorf und Olga Kuksinskaja, das ich wegen seiner zweiten Hälfte mit Aufnahmen vom Berg für mich wiederentdeckt habe. Und wer Interesse hat, sei auf meine Artikelserie Unterhaltungsmedien und die Botschaft aus dem Licht verwiesen. Herr Huemer betreibt zwei Videokanäle mit interessanten Beiträgen, und natürlich gab es die Grals-TV-Produktionen, das sind aber alles Sachvideos.

Nachtrag:
Herr H. wies mich auf einen weiteren Roman hin, Ludwig II. – Aufstieg ins Licht von Johanna Arnold. Darin wird die Gralsbotschaft explizit erwähnt, und es wird auch weitflächig aus ihr zitiert. Dennoch kann ich das Buch nur der Neugierde halber empfehlen. Es weist leider sämtliche klassischen Schwächen einer Selbstpublikation auf: Miserabler Stil, hölzerne Dialoge (zudem sämtlich in Kursiv!), Rechtschreibfehler ohne Zahl, und die Zeichensetzung ist auch schauerlich. Eine Aussage und letztlich auch eine Handlung sucht man vergebens; mir erschien es eher, als habe die Autorin versucht, all ihr angelesenes „Wissen“ über Ludwig II., Alchemie und verschiedene Glaubensrichtungen vorzuführen und es dafür in eine dünne Romanhandlung zu packen.

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So sollte der Titel eines geplanten Blogs lauten, und gänzlich vom Tisch ist der Gedanke noch nicht. Doch ich will erst einmal sehen, was an Themen zusammenkommt, und außerdem habe ich hier (und im Autorenblog) ja bereits so einige Beiträge geschrieben, die damit zusammenhängen. Also: Neue Kategorie, die für den interessierten Leser schnell zu finden ist; alle nicht interessierten Leser können gleich wegklicken, wenn sie die Überschrift sehen.

Karfreitag fand nachmittags in der Herrenhäuser Kirche eine Andacht statt, mit Auszügen aus der Markus-Passion und aus dem Markus-Evangelium. Ich ging hauptsächlich wegen der Musik hin, aber auch, weil ich den Tag „begehen“ wollte und mir wegen des ganzen Stresses in der letzten Zeit nicht in den Sinn kam, mich bei Herrn Bernstein zu erkundigen, ob im Hannoveraner Gralskreis eine Andacht stattfände.

Ich schrieb ja schon mehrfach an anderer Stelle, daß ich mit der christlichen (und anderen) Religionsausübung keinerlei Erfahrungen habe – naja, inzwischen dank Israel-Reise ein bißchen mehr. Aber sie ist mir immer noch sehr fremd und wird es vermutlich auch immer bleiben. Diese Andacht fing gleich mit dem vollen Negativprogramm an: Gemeinsames Singen (ich kannte das Stück nicht, hätte mich vielleicht hineinfinden können, aber mein Sitznachbar sang so fürchterlich falsch – und laut – , daß ich eher Mühe hatte, mir ein Lachen zu verkneifen) und Wechselherunterleiern. Danach aber wurde es weitaus angenehmer, denn bis zum Vaterunser (mehr Leiern) beschränkte sich der Ablauf auf abwechselnd Passionsmusik und Lesung aus dem Markus-Evangelium. Es ist schön, daß auf die sonst so üblichen (Um-)Deutungsversuche und Bezügesucherei verzichtet wurde. Der Text spricht für sich, sehr viel eindringlicher und aussagekräftiger als jede Predigt.

Doch ich muß noch einmal zurückgehen zum Anfang. Es war mir ganz persönlich an diesem Tag ein Anliegen, mich dem Anlaß entsprechend festlich zu kleiden. Ich kenne es auch nicht anders aus den Andachten im Sinne der Gralsbotschaft, aber das spielte hier nur eine zweite Rolle. Dennoch berührte es merkwürdig, die meisten anderen Besucher in normaler Alltagskleidung zu sehen. Ja, ich kenne sämtliche Anmerkungen dazu von christlicher Seite. Dennoch fühlt es sich falsch an, respektlos vielleicht, gleichgültig in jedem Fall. Man kommt vom Sofa und geht nach der Veranstaltung auch wieder dort hin. Das Anlegen einer besonderen Kleidung für besondere Anlässe ist ja etwas, das einem selbst hilft, sich auf dieses Besondere einzustellen. Wir sprechen von geistigen Dingen, geistiger Aufnahmefähigkeit, nicht von „Gott liebt uns auch in Jeans“.

Oh, und ist es heutzutage auch nicht mehr in, pünktlich zu kommen? Was da lange nach Beginn noch hereinströmte, war erstaunlich.

Warum gehen all diese Menschen in die Kirche? Und sie war voll, keine Frage. Was führt sie also dorthin? Was geht ihnen während der Andacht im Kopf herum? Was nehmen sie am Ende mit? Es ist doch wohl eher Tradition, etwas, „das man eben so macht“, als echte Gläubigkeit. Gerade die christliche Kirche, scheint mir, ist sehr eng verwoben mit… wie soll ich es nennen? Einem Gemeinschaftsgefühl im Sinne eines sozialen Zusammenkommens. Man trifft Bekannte. Man „besucht“ gemeinsam einen Gottesdienst, wie Abd-ru-shin das bereits betonte.
Nicht, daß Kreuzträger dagegen gefeit sind, wie ich leider sagen muß. Nach meiner Erfahrung sind viele von ihnen auch mehr an irdischen Dingen interessiert, und ich frage mich oft, warum sie Kreuzträger geworden sind, wenn sie so sichtlich nichts von einer Andacht mitnehmen und schon beim Herausgehen wieder schnabbeln müssen, natürlich über rein irdische Dinge. Sollten Bekenner der Gralsbotschaft es nicht viel besser wissen?

Andererseits – und darüber sprach ich schon mehrfach mit meiner Mutter – habe ich große Hochachtung vor Kreuzträgern, die an ihrer Überzeugung festhalten, obwohl sie vielleicht ein Leben lang kein… nennen wir es: sichtbares Zeichen erhalten oder zumindest es nie wahrnehmen. Meine Mutter und ich „sehen“. Wir haben vieles erfahren dürfen. Und obwohl wir natürlich auch im Alltag versumpfen und kräftig Fehler begehen, ist das Zweifeln erheblich schwerer, wenn man einmal im Frieden des Lichtes gestanden hat.
Genauso ist die Nichtigkeit und Kleinheit der meisten Menschen danach schwer zu verstehen.

In jedem Fall: Wie kann es sein, daß all die Menschen in der Herrenhäuser Kirche nicht erschüttert waren? Vielleicht waren es einige, das will ich nicht ausschließen. Die anderen kommentierten über die Geigenkästen für die Kollekte, wie schön das Konzert war…
Gerechterweise muß vielleicht bedacht werden, daß der Karfreitag nach der christlichen Kirchenlehre ja eigentlich ein Freudentag ist. Aber auch davon merkte man nicht unbedingt etwas.

Ich wünschte mir streckenweise, doch lieber zur Andacht in eine Lichtstätte gegangen zu sein. Andererseits: Keine Markus-Passion. Perfekt bekommt man’s nie. Aber zumindest hatte ich eine Menge Anregung zum Nachdenken.

Nun möchte ich’s aber nicht so dargestellt lassen, als wäre ich nur am Kritisieren. Heute erst in „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ gelesen:

Sogar die sogenannten Wahrheitssucher sind jetzt selten auf dem rechten Wege. Neun Zehntel davon werden nur zu Pharisäern, die kritisierend hochmütig auf ihre Nebenmenschen schauen, dabei noch eifrig sich befehdend.

Ich habe die Tendenz, gebe ich ja zu. Also: Ich sehe auch viel Gutes im Christentum, und auch darüber schreibe ich natürlich gern.

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Es ist vollbracht! Das inhaltsschwere Wort des Gottessohnes wurde aufgegriffen von der Menschheit und als Abschluß des Erlöserwerkes hingestellt, als Krönung eines Sühneopfers, welches Gott für alle Schuld der Erdenmenschheit bot.
Mit Dankesbeben lassen deshalb die gläubigen Christen den Schall dieser Worte auf sich wirken, und das Gefühl des wohligen Geborgenseins löst sich dabei mit einem tiefen Atemzuge aus.
Doch das Gefühl hat hierbei keinen echten Untergrund, sondern entstammt nur einer leeren Einbildung. Mehr oder weniger versteckt ruhet in jeder Menschenseele immer dabei eine bange Frage: Wie war ein solches großes Opfer von Gott möglich? Ist ihm die Menschheit so viel wert?
Und diese bange Frage ist berechtigt; denn sie kommt aus der Empfindung und soll eine Warnung sein!
Der Geist bäumt sich dagegen auf und will durch die Empfindung sprechen. Deshalb läßt sich die Mahnung nie beschwichtigen mit leeren Worten, welche in dem Hinweis ruhen, daß Gott ja die Liebe ist und die göttliche Liebe für den Menschen unerfaßbar bleibt.
Mit derartigen Worten sucht man Lücken auszufüllen, wo ein Wissen fehlt.
Doch für die leeren Redewendungen ist nun die Zeit vorbei. Der Geist muß jetzt erwachen! Er muß; denn anders bleibt ihm keine Wahl.
Wer sich mit leeren Ausflüchten begnügt in Dingen, die das Heil der Menschen tragen, zeigt sich als geistesträg in den wichtigsten Fragen dieser Schöpfung, somit als gleichgiltig und faul den Gottgesetzen gegenüber, die ja in dieser Schöpfung ruhen.
„Es ist vollbracht!“ Das war der letzte Seufzer Jesu, als er sein Erdensein beschloß und damit seine Leiden durch die Menschen!
Nicht für die Menschen, wie sich diese noch in ihrem unverantwortlichen Dünkel vorzumachen suchen, sondern durch die Menschen! Es war der Ausruf der Erleichterung, daß nun das Leid zu Ende ging, und damit die besondere Bestätigung der Schwere dessen, was er schon gelitten hatte.
Er wollte damit nicht anklagen, weil er als Verkörperung der Liebe nie anklagen würde, doch die Gesetze Gottes wirken trotzdem unerschütterlich und unabwendbar überall, also auch hier. Und hier gerade doppelt schwer; denn dieses große Leiden ohne Haß fällt nach dem Gesetze zehnfach auf die Urheber des Leidens nieder!
Der Mensch darf nicht vergessen, daß Gott auch die Gerechtigkeit selbst ist in unantastbarer Vollkommenheit! Wer daran zweifelt, frevelt gegen Gott, höhnt gegen die Vollkommenheit.
Gott ist lebendiges und unverbiegbares Gesetz von Ewigkeit zu Ewigkeit! Wie kann sich da ein Mensch vermessen, das anzuzweifeln durch den Wunsch, daß eine Sühne von Gott angenommen werden kann durch jemand, der nicht auch die Schuld selbst in die Schöpfung setzte, der nicht selbst der Täter ist!
So etwas ist nicht einmal irdisch möglich, wieviel weniger im Göttlichen! Wer unter Euch, Ihr Menschen, würde es für wahrscheinlich halten, daß ein Erdenrichter ganz bewußt an Stelle eines Mörders einen an der Tat ganz unschuldigen Menschen hinrichten zu lassen fähig ist und daß er dann den eigentlichen Mörder dafür ohne Strafe gehen läßt! Nicht einer unter Euch würde so Widersinniges für richtig halten! Über Gott jedoch laßt Ihr Euch solches von den Menschen sagen, ohne Euch dagegen auch nur innerlich zu wehren!
Ihr nehmt es sogar dankend hin und sucht die Stimme als ein Unrecht stets zu unterdrücken, die sich in Euch regt, um Euch zum Nachdenken darüber anzuregen!
Ich sage Euch, die Wirkung des lebendigen Gesetzes Gottes achtet nicht der falschen Anschauungen, denen Ihr Euch gegen Eure eigene Überzeugung darin hinzugeben sucht, sondern sie fällt nun schwer auf Euch und bringt gleichzeitig ihre Auswirkungen auch noch für den Frevel solchen falschen Denkens! Wacht auf, damit es für Euch nicht zu spät ist! Reißt Euch los von einschläfernden Anschauungen, die sich mit der göttlichen Gerechtigkeit niemals in Einklang bringen lassen werden, sonst kann es Euch geschehen, daß Todesschlaf für Euch aus diesem trägen Hindämmern entsteht, der den geistigen Tod zur Folge haben muß!
Ihr dachtet bisher, daß das Göttliche sich ungestraft verhöhnen und verfolgen lassen soll, während Ihr Erdenmenschen für Euch selbst das wahre Recht in Anspruch nehmen wollt! Die Größe Gottes soll nach Euch darin bestehen, daß er für Euch leiden darf und Euch noch Gutes bietet für das Schlechte, das Ihr an ihm tut! So etwas nennt Ihr göttlich, weil es nur ein Gott nach Euren Begriffen fertigbringen kann.
Ihr stellt also den Menschen damit viel gerechter seiend hin als Gott! In Gott wollt Ihr nur alles Unwahrscheinliche erkennen, aber auch nur dort, wo es Euch selbst zum Besten dient! Nie anders! Denn sonst schreit Ihr gleich nach dem gerechten Gott, wenn es sich einmal gegen Euch zu wenden droht!
Ihr müßt doch selbst das Kindische bei derartig einseitiger Anschauung erkennen! Schamröte muß Euch aufsteigen, wenn Ihr nur einmal den Versuch macht, recht darüber nachzudenken!
Gott würde ja nach Eurem Denken das Gemeine und das Niedere durch seine Nachsicht großziehen und stärken! Ihr Toren, nehmt die Wahrheit auf:
Gott wirkt den Kreaturen gegenüber, also auch Euch, in dieser Schöpfung überhaupt nur durch die ehernen Gesetze, welche darin fest verankert sind von Anfang an! Unverbiegbar sind sie, unantastbar, und ihr Wirken erfolgt stets mit unfehlbarer Sicherheit. Es ist auch unaufhaltsam und zermalmt, was sich ihm in den Weg zu stellen sucht, anstatt sich wissend einzufügen in ihr Schwingen.
Wissen aber ist Demut! Denn wer das wahre Wissen hat, kann Demut niemals ausschalten. Es ist so gut wie eins. Mit wahrem Wissen zieht gleichzeitig auch die Demut ein als selbstverständlich. Wo keine Demut ist, dort ist auch niemals wahres Wissen! Demut aber ist Freiheit! Nur in der Demut liegt die echte Freiheit jedes Menschengeistes!
Das nehmt noch zum Geleite! Dabei vergeßt nie wieder, daß die Gottesliebe sich von der Gerechtigkeit nicht trennen läßt!
Wie Gott die Liebe ist, so ist er auch lebendige Gerechtigkeit! Er ist ja das Gesetz! Die Tatsache nehmt endlich auf und legt sie Eurem Denken nun für alle Zeit zu Grunde. Dann werdet Ihr den rechten Weg zur Überzeugung von der Größe Gottes nie verfehlen, und Ihr werdet sie erkennen, an Eurer Umgebung wie bei der Beobachtung des alltäglichen Lebens! Seid deshalb geistig wach!

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Es ist vollbracht!“)

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