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Archive for the ‘Ahnenforschung’ Category

Landleben

Ein Foto, das ich kürzlich wiederfand (draufklicken zum Vergrößern):

Die Überlieferung besagte, es sei ein Erntefoto, aber wenn mich meine Recherche nicht gänzlich täuscht, ist die Gerätschaft ein Pflug – das Ding rechts, wohlgemerkt, der Antrieb ist das andere Monster links im Bild. Sie waren, wohl um auf das Foto zu passen, auseinandergekoppelt worden, wie die hängenden Ketten links beweisen. Also: Pflügen vermutlich mit anschließender Aussaat in Selsingen, Bremervörde, Anfang der 1920er. Circa-datiert werden konnte das Bild, weil meine Großmutter (Baujahr 1917) darauf zu sehen ist: Das kleine Mädchen, das rechts am Rand hockt.

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Die Hildesheimer Akte bietet einen unvorhergesehenen Humorfaktor. Ein Erbstreit, der völlig aus der Bahn gerät; ein frühes Beispiel von unklaren Zuständigkeiten. Nachdem Stadtsoldat Pfingsten sich beharrlich weigerte, seiner Stiefschwiegermutter eine Quittung über die eingeklagten Erbstücke seiner Frau auszustellen, weil er noch weitere Forderungen hatte, nervte „die Wittwe Probsten“ das Neustädter Amt so lange, bis dieses Pfingsten vorlud. Er dachte gar nicht daran, Folge zu leisten, und das geplagte Amt wandte sich schließlich an die „Krieges Stube“, also die Kommandantur der Hildesheimer Stadtsoldaten. Pfingstens Chef und auch die übrigen Herren der Kriegsstube versprachen, mit dem Kollegen zu sprechen, aber auch das half nicht. So wurde Stadtsoldat Pfingsten schließlich an einem Sonntag auf dem Weg zur Kirche von Leuten des Neustädter Rathauses verhaftet. „Bürgermeister und Rath“ der Altstadt, wo Pfingsten entweder wohnte oder arbeitete oder beides, nahm Anstoß an dieser Aktion und wandte sich erbost an ihr Pendant in der Neustadt. Dieses als verhaftende Instanz im Gegenzug sah sich völlig im Recht durch mangelnden Erfolg der Konkurrenz und umständliche Dienstwege und ärgerte sich über die Beschuldigung, ständig ihre Zuständigkeiten zu überschreiten. 1748 war gar nicht so anders als heute.

Mit einer Akte aus dem 18. Jahrhundert hatte ich, wenn ich mich recht erinnere, bislang noch nicht zu tun. Sie bietet zusätzliche Erschwernis. In die deutsche Schreibschrift liest man sich schnell wieder ein, Ausnahme Sauklaue des Altstadt-Schreibers, aber natürlich muß man dabei bedenken, daß viele Wörter ganz, ganz anders geschrieben wurden als in ähnlichen Akten des 19. Jahrhunderts, von der Sprache als solcher ganz zu schweigen. Und es hat lateinische Phrasen! Ich hielt das bisher immer für ein Element aus komischen Opern. Beispiel gefällig?

Da nun endlich Magistratus um des vielen Überlaufens der Wittwe Probsten überhoben zu seyn, bewogen worden, deren Bedienten Befehl zu ertheilen, den beharrlich contumacem realiter zu citiren, welche ihn, weil er nicht ehender habhaft zu werden, sondern die Neustadt gemieden, Sonntags den 11ten Febr. a: c: so lange ad Custodiam gebracht, biß er den 14ten [unleserlich] die General Quitung von sich gestellet, worauf Er so gleich dimittiret worden.

(Soweit klar? Der störrische Stadtsoldat Pfingsten wurde auf freien Fuß gesetzt, nachdem er nach drei Tagen Haft endlich weichgekocht war.)

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Wie das dann immer so kommt. Angeregt von Franks Recherchen in Outlander hatte ich vor, meine Familienforschung wieder aufzunehmen, namentlich den eigentlichen Hauptzweig, wenn man so will, von dem ich meinen Nachnamen habe. Konzentrierte mich lange Zeit auf meine mütterliche Linie, weil, ganz einfach, diese wesentlich einfacher nachzuverfolgen war – denn ehrlich, so häufig ist „Kleehaas“ nicht… (Schweizer Wurzeln, früheste bisher gefundene Erwähnung 1331. Das ist älter als manches Adelshaus.)
Bei den Schnabels sieht’s schon schwieriger aus. Google hilft einem da auf Anhieb nicht weiter. Was ich auf alle Fälle näher begutachten wollte (und immer noch will), ist die Geschichte der zwei Brüder Carl und Christoph Schnabel aus Heyersum. Ich habe mir sagen lassen, daß in Heyersum ein Zwist zwischen zwei Schnabel-Linien existiert(e), von denen offenbar keiner mehr weiß, wie er entstanden ist, und möglicherweise liegen die Wurzeln bei diesem Brüderpaar. Es ging um die Erbschaft des Pachthofes – dramatische Geschichte, mir liegt die Akte vor.
Während ich aber noch hier nachschlug, kam mir der bisher älteste bekannte Ahnherr dieses Familienzweiges in den Sinn, der Hildesheimer Stadtsoldat Johann Otto Schnabell, auch ein interessanter Kandidat. Ich sah mir also seine Daten an… und mußte lachen. Zwar weiß ich bisher nicht viel über ihn, aber er heiratete 1750 Anna Catharina Pfingsten, verwitwete Fernhaber. Somit sind wir genau in der Zeit, die Outlander behandelt. Und sie teilen sogar einen Vornamen. Ich hoffe, die Parallelen enden hier – einen Black Jack Schnabell brauche ich wirklich nicht in meinem Stammbaum.
Johann Ottos Vater war vermutlich ebenfalls Stadtsoldat, und hier wird’s interessant. Im Stadtarchiv Hildesheim nämlich gibt es eine Akte „Klage des Neustädter [=Hildesheimer Neustadt] Magistrates gegen den Juden Moses Herz, den Advokaten Klebert und wegen des Stadtsoldaten Pfingsten. 1744-1748“. Dieser Stadtsoldat Pfingsten war unter Garantie entweder der Bruder oder der Vater von Anna Catharina, denn wie ist es bis heute? Man lernt die meisten Menschen durch den Beruf kennen. Und die Schnabels und die Pfingstens waren offenbar militärische Traditionsfamilien. Genauere Forschung folgt.

Was machten Hildesheimer Stadtsoldaten eigentlich? fragte ich mich. Laut den Beiträgen zur Hildesheimischen Geschichte, enthaltend die darauf Bezug habenden Aufsätze der sämmtlichen Hildesheimischen Wochen- und einiger kleinen Gelegenheitsschriften bis zum Jahre 1828, Band 1 (1829), Aufsatz „Von dem Landsturme, den Landsknechten und Soldaten im Hildesheimischen“:

Beständige Stadt-Soldaten hatte man aber in Hildesheim im sechzehnten Jahrhundert noch nicht, denn, ob wir gleich in den Chroniken lesen, daß die Stadt Hildesheim in der Stiftsfehde, außer den bewaffneten Bürgern, auch Knechte, d. i. Soldaten gehalten, und damit für Bischof Johann IV. die Festung Peine besetzt habe, so wurden diese doch nach beendigter Fehde wieder entlassen, wie dieß die Fürsten mit ihren Landsknechten eben so machten. Die ersten Versuche, beständige Stadt-Soldaten anzuwerben, fallen in die ersten Jahre des siebenzehnten Jahrhunderts. Die städtischen Chroniken besonders, das mehr erwähnte Verzeichniß der Merkwürdigkeiten des Stifts und der Stadt Hildesheim erzählt, daß im Jahre 1606 Soldaten angenommen, und täglich jedes Thor mit 6 Mann derselben besetzt worden sey. Eine andere Chronik erwähnt, daß 1614 den 20. September, im Rathe zu Hildesheim bewilliget sey, 100 Soldaten anzunehmen, und damit die Wache Tag und Nacht zu bestellen, und daß diese Neuerung aus Besorgniß einer Kriegsgefahr, weil die Spanier im gedachten Jahre Wesel eingenommen hätten, veranlaßt worden; diese Soldaten wären auch den 26. September gedachten Jahrs bewaffnet, aber bald wieder abgedankt, weil die Bürger sich geweigert hätten, das Soldatengeld aufzubringen. Ferner: am 20. Febr. 1620, wären 100 Mann Stadt-Soldaten angenommen, um die Wache auf den Wällen und vor den Thoren zu halten, sie wären mit rothen Manteldecken, mit gelben Schnüren (die Farbe des Stadtwappens) besetzt, bekleidet gewesen, und die Bürger hätten monatlich sechs Groschen Soldatengeld geben müssen.
Der bald nachher im dreißigjährigen Kriege in Hildesheim eingetretene gewaltsame Zustand, wo die Stadt in der Zeitperiode von 1632 bis 1643, zweimal von fremden Truppen occupirt wurde, und daher ihrer nicht mächtig war, ließ an keine eigene militärische Einrichtung denken; im Jahr 1643 wurde aber die Stadt, vermöge der damals abgeschlossenen Recesse in den Stand, worin sie vor 1630 gewesen hergestellt, und hiernächst vom Magistrat am 9. November 1643, eine Stadtmiliz von 450 Mann angenommen, welche Zahl sich aber später um etwas vermindert hat. Sie war in drei Compagnien eingetheilt, deren jede von einem Offizier, nämlich eine von dem Capitain-Lieutenant, die andere von dem Lieutenant, und die dritte von dem Fähnrich angeführt wurde. Das Ganze stand unter dem obenerwähnten Stadt-Capitain oder Commandanten, welcher, wenn er einen höhern Titel wünschte, sich solchen von einem Fürsten, dem er vorhin gedient hatte, verschaffte, z. B. Major ec. Zum Unterhalte dieser Stadt-Soldaten, war vorzüglich der Licent oder die Accise angewiesen. Man sehe das Licent-Patent des Magistrats von 1644.
Nichts destoweniger blieben auch die, in ihre neun Beuerschaften der Alt- und Neustadt, als so viele Compagnien, eingetheilten Bürger bewaffnet, unter Anführung ihrer Lieutenants, Fähnriche und Führer, und besetzen die innern Thore der Stadt, wogegen die Stadt-Soldaten die äußern Thore bewachten, man sehe z. B. die Verordnung des Magistrats der Neustadt Hildesheim, vom 13. Mai 1717. Erst in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, hörte die Bewachung der innern Thore durch die Bürger auf, und wurde den Stadt-Soldaten allein überlassen. Nur am Tage des jährlich abgehaltenen großen Freischießens, sahe man noch außer dem Stadt-Militair einige Compagnien der mit Ober- und Untergewehr bewaffneten Bürger mit ihren Fahnen, und unter Anführung ihrer Bürgeroffiziere, den feierlichen Aufzug machen, um das Andenken ihrer alten militärischen Einrichtung zu erhalten.

Auf http://www.polizeiuniform.de/html/body_tagespolizei.html heißt es:

Die in Hildesheim bereits 1643 gebildete Stadtmiliz trug gegen Ende des 18. Jahrhunderts blaue Röcke mit roten Aufschlägen. Rot waren auch Weste und Beinkleider, der schwarze Dreispitz bildete den Kontrast.

(Ähnlich wie der dort abgebildete Göttinger Nachtwächter, denke ich.)

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Weil in Ellen Moodys Blogs so oft die Rede davon ist*, legte ich mir Staffel 1 von Outlander zu. Wie erwartet, ist die Geschichte eher Standard, mit allen Historische-Romanze-Zutaten: Gleich zwei historische Settings (1945 als „Gegenwart“ und 1743), jede Menge Braveheart, klassische Rollenverteilung (Held, Schurke, comic relief…) und eine Heldin, die oft gerettet werden muß (ich zählte 8 Male in 16 Folgen). Das Nachkriegssetting war in meinen Augen eine praktische Erklärung, woher unsere Heldin die Fähigkeiten hat, die sie so brauchbar im Schottland des 18. Jahrhunderts machen; moderne Heldinnen wären da entweder völlige Loser oder komplett unglaubwürdig. Was mal eine interessante Überlegung ist.
Claire verhält sich und spricht natürlich wie jemand aus 2015, nicht 1945 – sind sich die Macher nicht bewußt, daß man sich vor siebzig Jahren anders ausdrückte als heute? Und daß Claire mit diesem Verhalten in 1945 nicht als moderne Frau, sondern als Gossenweib mit entsprechendem miesen Benehmen eingestuft würde? Von 1743 ganz zu schweigen.
Outlander ist letztlich in guter Tradition beginnend mit Doctor Who oder wohl noch älter. Ich schrieb schon einmal, daß der gute Doctor anfänglich auch nur ein Storyelement war, das erklärt, wie unsere Helden historische Epochen aufsuchen und erleben können. Bei ihm war’s außerirdische Technologie, in Outlander ist es eben Magie.

Während die Handlung eher gemächlich fortschreitet, fand ich überraschenderweise die formalen Dinge viel fesselnder. Die Kameraarbeiten bestechen; mir gefielen besonders die Teaser, die Detailaufnahmen aus alternativen Einstellungen, die für die opening credits verwendet wurden.

Auch die Farbgebung – blaß für 1945, kräftigere Einfärbung für 1743 – gefällt. Bear McCrearys Musik ist großartig, und insbesondere die Verflechtung beider Zeitlinien durch Musik ist originell: Wir finden idyllische Highlandszenen des 18. Jahrhunderts unterlegt mit Jazz… Außerdem natürlich zwei meiner großen Leidenschaften: Kostüme und Sprache! Lange Dialogstrecken in Outlander erfolgen tatsächlich in Gälisch. Was wieder einmal eine meiner Theorien als Hobby-Philologin bestätigt, nämlich daß Dialekte Überreste früherer Stammes- oder Regionalsprachen sind. Die Sprachen selbst sind verschwunden, aber ihre Melodie hat sich erhalten. Vergleicht man die Sprachmelodie des Gälischen und des schottisch eingefärbten Englisch, erhält man das gleiche Ergebnis.

Was gibt’s zur Besetzung zu sagen? Ich kannte bis auf Gary Lewis keinen einzigen der Darsteller, aber das ist das Schöne an der Hoch-Zeit, die Serien aktuell erleben (was ein Thema für einen eigenen Blogeintrag wäre): Es haben viel mehr Schauspieler die Gelegenheit, einen Job und Bekanntheit zu erringen als es bei der früheren Fixierung auf Hollywood-Spielfilme der Fall war.
Eine imposante Erscheinung ist Graham McTavish als der vielschichtige und sich immer in der Grauzone bewegende Dougal – klassischer können die schottischen Highlands nicht werden! Caitriona Balfe mag oder mag nicht eine gute Wahl für Claire sein – ich kenne die Bücher nicht und kann das somit nicht beurteilen. Ich gestehe, mir ging die angebliche Heldin der Geschichte sehr auf die Nerven. Sie ist keine starke, moderne Frau, sondern kurzsichtig, egozentrisch und mitunter schlichtweg dumm, aber vielleicht soll das im Zuge der Charakterentwicklung so sein. Ihre große Stunde schlägt, wie für alle drei Hauptfiguren und ihre Darsteller, erst am Ende der Staffel. Sam Heughan dürfte natürlich der Fanliebling sein, mit viel Schmachtfaktor. Schön dargestellt ist ohne Zweifel die Entwicklung der Beziehung zwischen Claire und Jamie. Sie fängt weder mit Schmacht noch wilder Leidenschaft an, sondern schreitet langsam und über einen langen Zeitraum rein freundschaftlich voran.
Die beste Rolle beziehungsweise Rollen hat Tobias Menzies ergattert: Seine Darstellung wechselt kraß zwischen Claires liebendem, wenn auch zweifelndem Ehemann Frank und dem völlig unberechenbaren, direkt aus einem de-Sade-Roman entstiegenen „Black Jack“ Randall. (Ellen Moody analysiert ausgezeichnet die Faszination dieser grundverschiedenen Darstellung.) Entsprechend ist nach all den mehr oder weniger Standardepisoden die Abschlußdoppelfolge „Wentworth Prison“ / „To Ransom a Man’s Soul“ großes, wenn auch nicht leichtes Kino. Sexszenen sind nie einfach darzustellen; gewalttätige Sexszenen vermutlich noch schwerer; und eine Nummer wie diese… sagen wir, Tobias Menzies und Sam Heughan dürfen sich die Seele aus dem Leib spielen.

Bemerkung am Rande: Ich habe die FSK-Freigaben immer noch nicht verstanden. Dachte lange Zeit, das Zeigen von primären Geschlechtsteilen verdiene eine rote 18, aber schon bei True Blood stellte ich Ungereimtheiten fest. Auch Outlander 1 ist im Deutschen mit einer 16er-Freigabe eher entspannt (UK und US: 18), trotz „the full monty“.

Und noch was, das mir so in den Sinn kam: Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, daß die Redcoats in Fiktion (zumindest bis zu Napoleon) immer als die Bösen dargestellt werden? Ich habe nach Büchern oder Filmen gegoogelt, in denen dem nicht so ist, aber null Treffer. Das nennt man mal einen schlechten Ruf. Findet sich denn so gar kein Schreiber von historischen Romanen mit einem Herz für die britische Armee?


Staffel 2 bricht dann erheblich mit der Highlander-Romantik, als Claire und Jamie ins französische Exil gehen. Da ich nun so überhaupt keine Faszination für die französische Kultur und vor allem für die fiktionale Umsetzung von Paris Mitte des 18. Jahrhunderts aufbringen kann, war es erst einmal eine Beobachtungsübung in „Wie viele Klischees können wir bedienen?“ Auch die Kostüme, die natürlich mehr als üppig sind, halfen da nicht weiter. Zum Glück gab es brauchbarere Szenen – die Staffel mit dem Ende beginnen zu lassen, als eine schwer traumatisierte Claire 1948 ihren (ersten) Ehemann Frank wiedersieht und ihr Leben im modernen Zeitalter wieder aufnehmen muß, war nicht nur eine gute Entscheidung, sondern bietet Raum für einige der besten Charakterszenen. Und a propos, entgegen meiner Befürchtung, daß die Macher bezüglich Jamie schnell zur Tagesordnung übergehen würden, wird sein Trauma nicht ignoriert. Reduziert vielleicht, auf Momente, die Claire betreffen, namentlich versuchte (und scheiternde) Intimitäten oder Jamies Schlaflosigkeit, die Claire zum Handeln treibt, aber zumindest wird nicht behauptet, die Geschehnisse hätten keine Spuren hinterlassen.**

Was dann natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf Claires Plan hat, einerseits die Zukunft zu verändern, andererseits aber nicht. Man muß nicht einmal andere Zeitreisegeschichten kennen, um zu wissen, daß das zum Scheitern verurteilt ist! „History takes care of itself“ hieß es sinngemäß in einer anderen Zeitreisegeschichte. Wir sehen das in Outlander: Je mehr Claire und Jamie versuchen, die Geschichte umzuschreiben, desto mehr repariert sich jeder angerichtete Schaden, bis am Ende schließlich alles auf das gleiche Ergebnis hinausläuft.
Meine Mutter äußerte sich einmal, hätte sie einen früheren Verehrer genommen, wäre ihr Leben vermutlich trotzdem sehr ähnlich verlaufen. Es gibt Punkte, die man abarbeiten muß.
So ziehen sich gar nicht mal versteckt übergeordnete Zusammenhänge durch die Handlung der beiden Staffeln. Jack Randall nennt es das Werk des Schicksals, Reverend Wakefield Gottes Plan.

Charaktertechnisch nett zu sehen, daß Claire nach ihrer bitteren Selbsterkenntnis am Ende der 1. Staffel endlich so weit ist, auch Frank in ihre Überlegungen einzubeziehen, nachdem sie ihn zuvor ja recht entspannt zugunsten ihres schottischen Abenteuers abgestreift hatte.
St. Germain als Gegenspieler wollte so gar nicht überzeugen. Während Jack Randalls Verfolgung von Claire und Jamie innerhalb seiner perversen Persönlichkeit immerhin noch Logik ergab, fehlte mir der gesamte Zusammenhang für St. Germains Feindseligkeiten.
Nicht nur Claire und Jamie sind erleichtert, schließlich Paris den Rücken zu kehren und heim nach Schottland zu gehen. Hier nimmt die Handlung auch endlich Fahrt auf.

Die letzte Folge springt – für meinen Geschmack ein bißchen zu viel – zwischen „Neuzeit“ und Vergangenheit hin und her. Die Verwebungen selbst sind schön gemacht und erinnern daran, daß, so selten wir uns das bewußt machen, die Vergangenheit unlösbar mit uns und unserer Gegenwart verwoben ist. Weniger glaubhaft hingegen ist, daß Claire sich zwanzig Jahre später immer noch so nach Jamie sehnt wie gleich nach ihrer Trennung. Stoff für einen Liebesroman, sicher, aber mal ehrlich… (Ich mußte an des Scouts Kritik am Titanic-Ende denken!)

Staffel 2 dreht sich in vielen Dingen um Gut und Böse und wie dünn die Grenze ist, die zwischen ihnen verläuft. Unsere Helden verlieren zunehmend ihren Anspruch auf Rechtschaffenheit, als sie versuchen, die Schlacht von Culloden zu verhindern. Im Gegenzug, wie mit jedem Schurken, den man so lange haßt, bis er zu einem beliebten Gesicht der Truppe geworden ist, werden am Ende selbst Black Jack einige lichtere Momente gegönnt. Auch hier finden wir wieder die Verknüpfungen, Zusammenhänge, Bande, wenn man so will, die die Charaktere der Geschichten aneinander fesseln, so daß jede ihrer Handlungen Auswirkungen auf sie alle haben.
So wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft sind und – ich verweise noch einmal auf Ellen Moody – durch das Medium des Films beständig einander überlappen, sich kreuzen, ineinander übergehen, ist natürlich das Thema der Ahnen, das einen so großen Bereich in Outlander einnimmt, noch ein weiterer Aspekt davon. Frank ist auf den Spuren Jack Randalls, dem Claire begegnet, woraufhin sich der gesamte Stammbaum als verzweigter erweist als gedacht; Brianna wurde 1746 gezeugt und trifft 1968 sowohl den Nachfahren Geillis’ und Dougals als auch dessen Ahnherrin Geillis/Gillian selbst. Eine Metapher für den Einfluß, den die Vergangenheit immer auf die Gegenwart haben wird? Wie es bei Tolkien ungefähr heißt: Es ist immer noch die gleiche Geschichte, nur die Charaktere haben gewechselt. Und, wenn man wie ich an Reinkarnation glaubt, nicht einmal das!

Outlander sollte somit unbedingt mit einem Auge auf die Metaebene gesehen werden, nicht nur auf Handlung und Liebe – langweilig wird das nie!

Übrigens: Schottlands Touristikbranche hat eine nette Seite zu Outlander: https://www.visitscotland.com/see-do/attractions/tv-film/outlander/



* Zum Beispiel (Achtung, massive Spoiler): Folge 1, 2-3, 4-5, 6-7, 8-9, 10-11, 12-13, 14-16, klick, klick und klick

Ich kann nicht allen ihrer Interpretationen zustimmen; sie schreibt grundsätzlich, nicht nur bezüglich Outlander, aus einer Mann-vs.-Frau-Sicht, die, wie jede Auslegung, mehr über ihre persönlichen Anschauungen verrät als über das Thema ihrer Abhandlungen. So entgeht ihr beispielsweise, daß Jack Randall nicht so sehr von Fragen des Geschlechts motiviert ist, sondern von Erniedrigungs- und Unterwerfungsphantasien. Soll heißen, ob er bisexuell/homosexuell ist (sie behauptet in verschiedenen Artikeln beides), hat keinerlei Einfluß auf die Wahl seiner Opfer. Es ist ihm offenkundig völlig egal, ob Männlein oder Weiblein, jung oder alt, die Hauptsache ist, daß er am Ende ihren Widerstand und Willen gebrochen hat. Wir sehen das am Beispiel von Jenny und natürlich Jamie sowie versucht bei Claire und in geringerem Maße („nur“ als Bestrafung für Diebstahl gedacht) bei Fergus. Daß Ellen Moody als Expertin für Literatur des 17. bis 19. Jahrhunderts die klaren Anleihen bei de Sade nicht erwähnt, inklusive Randalls völlig rationale Vorgehensweise, überrascht.

** Angesichts der Popularität der Outlander-Romane wundert es mich ein bißchen, daß dieser Aspekt erst so viel später kopiert wurde. Ich meine, so weit ich das sehen kann, bedeutete Outlander bei Mills & Boon / Harlequin das Ende der Bürgerkriegs- und den Beginn der Highlander-Romanzen. Das ist ein gesamtes Genre. Sexueller Mißbrauch an den Helden von Liebesromanen hingegen tauchte erst in den letzten paar Jahren wieder auf, beispielsweise in Gena Showalters Original Heartbreakers-Serie, Jane Kindreds Waking the Serpent oder Sidney Bells Bad Judgment.

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Alles, was es braucht, um sich zu entstressen und ein Dauerlächeln auf dem Gesicht zu haben, sind für mich die Farm-Serien der BBC: Victorian Farm, Edwardian Farm, Wartime Farm, Tudor Monastery Farm. Insbesondere auch die Christmas Specials, die es zum Glück allesamt auf YouTube gibt, weil die DVDs inzwischen teilweise sehr schwer und teuer zu beschaffen sind. (Oder, im Falle von Tudor, gar nicht.)
Die Folgeserie Secrets of the Castle überzeugte mich nicht so, was wahrscheinlich daran lag, daß unser erprobtes Team dort eher Zaungäste waren, die irgendwo am Rande des Projekts verstaut wurden. Nun gab es das neueste Abenteuer: Full Steam Ahead. Ruth, Peter und nach längerer Auszeit wieder Alex erkunden das Zeitalter der Dampfeisenbahn. Während mich auch diese sechsteilige Serie nicht so mitriß wie es bei den wesentlich längeren Farm-Serien der Fall war, fand ich es doch interessant zu erfahren, welche Bedeutung die Bahn für Großbritannien hatte. Man hört immer viel vom Eisenbahnbau in den USA, aber daß auch und besonders in Europa wesentliche gesellschaftliche Veränderungen erst durch die Bahn in Gang gesetzt wurden, macht man sich fast nie klar. Ich mußte – logisch – viel an meinen Uropa, denken, Eisenbahner und Bahnhofsvorsteher von Nordstemmen zur Zeit der Dampfloks.

Eine Folge, die mich immer wieder besonders anspricht. Viele meiner Vorfahren waren über Generationen Bergleute – nicht in Devon oder Cornwall, sondern in Saarpfalz und Ruhrpott, aber die Bedingungen waren regional nicht wirklich verschieden.
Vielleicht ist das auch ein zusätzlicher Grund, weshalb ich die Farm-Serien so mag. Sie erkunden Geschichte aus dem Blickwinkel des kleinen Mannes. Und das ist es, was meine Familie allesamt war. Bauern und Bergleute. Erst in relativer Neuzeit kam der Mittelstand dazu.

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Selbstportrait

Beim weiteren Vervollständigen (ha!) meiner Kleehaas-Sammlung entdeckte ich „Unterm Ebereschenbaum“, eine Illustration zu einem Gedichtchen in der Illustrirten Welt (ja, ohne ie geschrieben). Für diese scherzige kleine Arbeit überlegte sich Ur(…)onkel Theodor einen eigenen Scherz: Er stellte nämlich sich selbst in der Rolle des Liebsten dar. Ohne Bart, aber trotz Holzschnittreproduktion sofort zu erkennen.

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Fragt sich nun: Brachte er seine Frau in der Rolle der Liebsten unter?

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Und deutet das Gebäude im Hintergrund auf einen spezifischen Ort hin, ähnlich wie sich in „In Kriegsobhut“ ein Hinweis auf den Urlaub in Görnitz verstecken muß?

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Nach wie vorausgesehen langer Zeit kam am Wochenende eine Antwort der Deutschen Dienststelle auf meine Anfrage in Sachen Opa K.s Militärkarriere. Viel mehr als die Familie wußte man dort aber auch nicht. Unterlagen gibt’s nur für 1941, alles andere ist futsch, „vermutlich durch Kriegseinwirkung“, wie es so euphemistisch heißt. Im April 1941 jedenfalls gehörte Opa K. der 14. Kompanie des IR 489 an, die der 269. ID in Ostpreußen unterstand. Macht Opa theoretisch zu einem Kandidaten für den Angriff auf die Sowjetunion, aber man weiß ja nichts. Und zu Kriegsende war er vermutlich in Norwegen, wenn man die Familienüberlieferung richtig deutet. Nun ja. Noch so’n Rätsel mehr, das mit ins Grab genommen wurde.

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Am Wochenende Emma in der entzückenden Adaption von Sandy Welch gesehen und fand meine Gedanken interessante Wege gehen. In Harriet treffen wir eine uneheliche Figur an, womit, wie wir erfahren, sie keinerlei Chancen auf eine bessere Partie oder auf einen Job als Erzieherin oder Gesellschafterin hat. Nun hat es sich Austen hier sehr einfach gemacht und Harriet als Dummchen geschrieben, das sowieso als Bauersfrau bestens aufgehoben ist. Problem gelöst, bevor es überhaupt angefangen hat. Es erinnerte mich daran, daß Sir Charles Grandison aus dem gleichnamigen Roman nach seiner Rückkehr aus Italien zwei uneheliche Söhne seines Vaters vorfindet. Seine Schwestern haben sie samt dazugehöriger Mutter immerhin schon erfolgreich aus dem Haus verscheucht, aber was macht ein tugendhafter Held des 18. Jahrhunderts in so einer Situation? Daß er sich kümmert, ist klar. Vielsagender in modernen Augen jedoch, daß immer nur die Rede von den Kindern Mrs. Oldhams ist. Als Halbgeschwister werden sie niemals betrachtet. Und das, obwohl Richardson so großzügig war, ihre Mutter immerhin aus guter Familie stammen zu lassen.
Natürlich: Sir Thomas’ Söhne werden alle bürgerlichen Karrierechancen haben, schließlich sind sie a) Söhne und b) unter dem Schutz Sir Charles’. Aber die gläserne Decke gilt auch für sie.

Ich dachte ja immer, uneheliche Geburt sei früher ein echter Makel gewesen, so stellt es die Literatur jedenfalls dar. Bis ich meine Ahnenforschung begann und permanent über uneheliche Kinder stolperte. Inwieweit meine erweiterte Familie darin im statistischen Mittelfeld liegt, weiß ich natürlich nicht – vielleicht waren es alles lose Vögel. Ich überlege: Da gehe ich eine Generation zurück und lande bei meinem Onkel, der sich eiligst nach Kanada verdrückte, als ein Kind anstand. Heck, wahrscheinlich laufen in Afrika noch Halbgeschwister von mir herum. Oder ich gehe noch eine Generation zurück und bin bei meinem Großvater K., der parallel zwei Mädchen schwängerte und – man muß praktisch denken – diejenige heiratete, die den Erbhof mit in die Ehe brachte. Noch eine Generation zurück meine unehelich geborene Uroma und mein unehelich geborener Uropa. Und so geht das weiter. Die Ahnin mit zwei unehelichen Kindern von zwei verschiedenen Männern gefiel mir immer am besten, vor allem, da einer ihrer Liebhaber vor Gericht gegen ihre beabsichtigte Heirat mit dem zweiten Liebhaber klagte.
Karriereeinbußen erlitt wohl keiner der Ahnen dadurch, aber soweit ich weiß, war auch kein adliger Erzeuger beteiligt. Bauern, Bergleute, ein Kutscher, ein Zeitsoldat und vielleicht mal ein Handwerker. Würde mich interessieren, ob die Ahnen tatsächlich Probleme in dieser Situation hatten oder ob ihr niedriger Stand derlei Fehltritte leichter verzieh.

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Nach Ur(…)onkel Theodors zweiter Frau wurde gefragt, ich staune. Noch mehr staune ich, daß ich bei Ancestry keine Daten für sie eingetragen habe. Bin mir extrem sicher, daß auf der Grabplatte, so verwittert und unleserlich sie auch ist, die Daten stehen und daß ich sie mir seinerzeit notiert hatte. Hoffentlich habe ich die Aufzeichnungen noch irgendwo.

Ist natürlich Blödsinn, bei zurückkehrender Erinnerung. Seine Frau ist ja gar nicht dort begraben, es sind seine Schwiegermutter und Schwägerin. Seufz. Zu viel anderes Kram im Kopf. Immerhin: Neue Verwandtschaft in Amiländle gefunden. Wer weiß, welche Infos dadurch noch zu Tage kommen?

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Gelesen: The Diary of Dr. John William Polidori, das ein vorbildliches Beispiel ist für zwei Dinge: Die verlorene Kunst der Reisebeschreibung und die gute Forschung.
Erstere blühte, nehme ich an, durch die mangelhafte bildliche Darstellung, die erforderte, dem Leser einen exakten Eindruck dessen zu vermitteln, was der Schreibende sah. Vor Jahren schrieb ich über ein Buch ähnlichen Genres, Anna Mary Howitts An Art-Student in Munich, und wer bisher glaubte, Dracula sei komplett konstruiert, weil niemand solche Tagebucheinträge oder Briefe verfassen würde, sei eines Besseren belehrt. Diese Bücher sind Fenster in ein Europa, das es nicht mehr gibt. Bauwerke, Bräuche, Kunst, Personen – alles wird detailliert festgehalten. Wenn Polidori und die Menschen, der er trifft, den Vandalismus der napoleonischen Truppen beschreiben, ist das recht aktuelles Zeitgeschehen (1816), und man fragt sich, wie viele von den Dingen, die man in diesem Fenster zur Vergangenheit sieht, mehrere Kriege später wohl noch existieren. Man lernt, welche Namen damals verehrt wurden, die heute vergessen sind. Man sieht Landschaften, die heute kaum noch als diese erkennbar sind. Ich kann jedem empfehlen, sich an einem trüben Tag mit einer solchen Reisebeschreibung hinzusetzen und einen Ausflug in die Vergangenheit zu machen!

Der zweite Punkt, gute Forschung, erfreute mich fast mehr als die Reisebeschreibung selbst. William Michael Rossetti, Polidoris Neffe und selbst Schriftsteller und Biograph, brachte das Tagebuch seines Onkels lange nach dessen Tod heraus – mein Exemplar beruht auf der Ausgabe von 1911; ob das generell das Erscheinungsjahr der Erstausgabe ist, weiß ich nicht (und habe gerade auch keine Lust, es nachzuschauen). Posthum veröffentlichte Werke gibt es ja wie Sand am Meer, mit Vorworten, Nachworten und Erläuterungen, und jeder muß seine Mutmaßungen vortragen und weiß am besten, wie alles lief. Ich finde das ein wenig anstrengend. Habe ja nun – im Zuge der Marta-Forschung, der Marès-Forschung oder in rein privatem Interesse – mehr als genug Werke dieser Art gelesen. Ich habe nichts dagegen, daß ein Sachbuchautor seine Meinung hat; die haben wir alle. Was mich stört, sind Autoren, die sich nicht auf ihre Meinung beziehen, sondern ihre Meinung als feststehende Tatsache verkaufen. Meine Güte: Ich glaube, eine recht gute Vorstellung von Martas Charakter zu haben, aber ich würde nie behaupten, daß sie so war, wie ich glaube, daß sie war.
Ist es also ein Wunder, daß Rossetti (ob da Verwandtschaft zu dem Maler besteht?) meine uneingeschränkte Sympathie zuflog, als ich seine Erläuterungen las? Er mutmaßt wie jeder andere auch und gibt das offen zu. Er stellt Fragen in den Raum, die er nicht beantworten kann, und überläßt deren Beantwortung denen, die mit der Information etwas anfangen können. Viele seiner Überlegungen sind gut; anderen konnte ich anhand des Textes klar widersprechen; und zu manchen Dingen, die ich anhand des Textes nie verstanden hätte, gibt Rossetti eine logische Erklärung.
Ungemein sympathisch auch sein Vorwort über die Geschichte des Tagebuches, und das führt uns weiter unten zu einem ganz anderen Punkt. In der Familie war natürlich viel Hintergrundwissen vorhanden, das bis zu diesem Punkt nie in die offizielle Forschung gelangt war. Rossetti konnte sich also auf Informationen beziehen, die seinen Vorrednern nicht zugänglich waren, und deshalb war er die ideale Person, um dieses Buch herauszugeben. Die unglaublichste Anekdote, die Rossetti selbst mit einem lachenden und einem weinenden Auge schildert und die, glaube ich, recht typisch ist, ist die seiner Tante Charlotte. Diese, eine unverheiratete Schwester Polidoris, hatte das Originaltagebuch in ihrem Besitz und lieh es Rossetti, als er sein Buch über Shelley schrieb. (Ich kann nur wiederholen: Was folgt, ist ungemein typisch. Ich habe selbst Informationen innerhalb meiner Familie gesammelt.) Offenbar hatte Tante Charlotte das Tagebuch bis zu diesen Zeitpunkt nie gelesen, aber da nun plötzlich jemand Interesse daran zeigte, sagte sie sich wohl, sie könne ja auch mal reinschauen. Rossetti gab das Tagebuch nach erfolgter Arbeit zurück, Tante Charlotte las es und war über gewisse freizügige Passagen schockiert. Kurzerhand schrieb sie den Text ab, ließ gefährliche Passagen weg und zerstörte das Original.
(Das ist der Punkt, wo jeder Leser sagen darf: „AAAAAAAAAAAARRRRRGGGGHHHH!!!!!!!!!“)
Glücklicherweise erinnerte sich Rossetti, der nach Charlottes Tod in den Besitz der Abschrift gelangte, zumindest an den Inhalt, wenn auch nicht an den genauen Wortlaut der zensierten Einträge. Andere Einträge waren Tantchens Zensur entgangen, weil sie sie – Erleichterung! – nicht verstand.

Familienüberlieferung ist eine der großen, wenn auch zum Teil unsicheren und oft unterschätzten Quellen der Forschung. Wie Rossettis Beispiel zeigt: Wer hätte diese vielen Einzelheiten gewußt, wenn sie nicht in der Familie allgemein bekannt gewesen wären? Auch was „meine“ beiden Damen, Marta Dietschy-Hillers und Jolanthe Marès, betrifft, war die Familienüberlieferung unersetzlich.
Letzte Woche führte ich mit zwei Kollegen ein Gespräch über unsere Familien und Altvorderen. Es kamen so viele Anekdoten zusammen, die einen interessanten Blick in frühere Anschauungen vermittelten, daß meine Kollegin lächelnd fragte, ob ich darüber nicht mal ein Buch schreiben wolle. Ich gebe zu, der Gedanke beschäftigt mich. Natürlich kann es nicht in Form einer reinen Anekdotensammlung erscheinen, es braucht schon einen gewissen Rahmen. Aber mein Kollege hat recht: Diese Überlieferungen sind kostbar. Wir haben heute ein bestimmtes Bild von der Vergangenheit, aber sie war mitunter komplett anders, wie eben nur das Familienwissen beweist. Viele Dinge sind in der öffentlichen Erinnerung sogar schon vergessen.

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