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Archive for the ‘Erlebnisse’ Category

Silence

Bemerkenswertes Erlebnis gestern am Flughafen Edinburgh: Die Schweigeminute zu Ehren der Opfer des Manchester-Anschlags. Was ich nie geglaubt hätte, daß es funktioniert – um elf Uhr herrschte für eine Minute im gesamten Flughafen Stille.

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Weil’s mir kürzlich wieder auffiel.
Händeschütteln ist nicht unbedingt etwas, an das Eltern denken, ihren Kindern beizubringen. Aber sie sollten. Oder alternativ sollte es etwas sein, auf das in Ausbildung oder Studium unter dem Stichwort „Soft skills“ eingegangen wird.
Händeschütteln lernt sich nicht von selbst. Ich habe noch klare Erinnerungen daran, wie es mir als Teenager beigebracht wurde. Ich bin froh, daß sich jemand die Zeit dafür nahm.
Kaum etwas wirkt tatsächlich unprofessioneller (von unangenehm ganz zu schweigen) als ein Händeschütteln, das keines ist. Ich habe es jetzt ein paarmal bei jüngeren Leuten (jünger als ich – mit zunehmendem Alter werden das immer mehr) erlebt und dachte: „Aha!“ Denn genauso machte ich es aus Unwissen, bis man mich eines besseren belehrte. Ungeachtet des Namens legt man nicht einfach seine Hand schlaff in die des Gegenübers und läßt sie schütteln, sondern beide Seiten geben einen kurzen, aber festen Händedruck. Bei Augenkontakt.

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Da hatte ich nachsichtig gelächelt in Outlanders 1. Staffel, als Claire das F-Wort so frei in der Rede führte – was für eine Frau von 1945 extrem anachronistisch ist. Jamie wiederum hat keinerlei Ahnung, was sie meint.
Zu meiner nicht geringen Verblüffung fand ich eine Weile darauf das F-Wort in zeitgenössischen Quellen des 18. Jahrhunderts. Während es also in unseren Tagen erst relativ kürzlich wieder aufkam und zu Claires Zeit außer Gebrauch war, verwendete man es zu Jamies Zeit durchaus schon. Zugegeben, es waren Militärquellen, wir reden also von Soldatensprache, die bekanntlich etwas… krude war. Aber es sind verdrehte Verhältnisse. Claire sollte das Wort nicht kennen, Jamie hingegen schon; ob Jack als Soldat seiner Zeit mit Claires ausdrucksstarker Beschimpfung etwas anfangen kann oder nicht und somit anachronistisch ist oder nicht, erfahren wir leider nicht.

Geflucht wurde bei der zweiten Runde Outlander Cookbook wenig, immerhin haben Theresas Rezepte den Anspruch, idiotensicher zu sein. Es ist auch erstaunlich, wie wenig Schnickschnack gebraucht wird.
Okay, ich mit meiner Irgendwie-zusammengesammelt-Küchenausstattung schaute dann schon mal dumm aus der Wäsche, als eine flache 22x22cm-Auflaufform verlangt wurde (9-inch square baking pan), aber ich beschloß, daß es meine 27x19er auch tun würde.
Gleiches galt für die „8- or 9-inch pan“, also eine flache feuerfeste Schüssel von ~20 oder 22 cm, für die meine runde 19cm-Auflaufform auch gut genug war, wie ich mir sagte. Gebraucht für „Black Jack Randall’s Dark Chocolate Lavender Fudge“, s. obiges Bild.

Dieses Rezept hat eine bizarre Hintergrundgeschichte für mich. Ich wußte schon lange bevor ich je von Jack Randall hörte, daß Lavendel der Geruch des Bösen ist. Ich verabscheue Lavendelduft aus tiefster Seele. Entsprechend nickte ich in Outlanders „To Ransom a Man’s Soul“ nur wissend.
Aber: Fudge. Kannte ich immer nur aus Harry Potter und wollte es endlich mal ausprobieren. Also brauchte ich Lavendel. Den eßbaren Biolavendel. Im März sah’s damit noch extrem schlecht aus, Blütezeit ist ab Juni. Ich fand einen Anbieter, der zu Anfang April liefern konnte – na, immerhin. Vielleicht würde ich das Sträuchlein ja überzeugen können, etwas schneller zu blühen. Sicherheitshalber kaufte ich noch getrockneten – den gibt’s allerdings für Tee, ergo mit Blättern und Stengeln (aua!). Es wurde April, mein Hidcote zeigte keinerlei Anzeichen für Wachstum, geschweige denn Blüte. Und in den Supermärkten tauchten die ersten blühenden Duftlavendel aus Italien und Holland auf. Nicht zum Verzehr geeignet! Aber als Deko ja ganz nett, sagte ich mir und kaufte einen Pott. Dank Black Jacks Fudge bin ich als Lavendelhasserin nun also Eigentümerin zweier Lavendelbüschchen und einer Tüte Lavendeltee. Manchmal ist das alles seltsam.

Die Trockenmischung stellte mich beim Zubereiten vor ungeahnte Probleme. War beim Rezept frischer oder getrockneter gemeint? Theresa schreibt zu Kräutern, bei getrockneten solle man etwa die halbe Menge der frischen nehmen. Ich entschloß mich also für einen 3/4 EL als Mittelmaß, was sich als ausreichend für einen intensiven Lavendelgeschmack erwies! (Urgh.) Nicht vergessen, die Blüten vom Rest der Pflanze zu trennen.
Fudge stellte sich im fertigen Zustand als sehr klebrige Masse heraus, und ich verfluchte meine Entscheidung für eine runde Schüssel mit Worten des 18. und 21. Jahrhunderts. Das Heraushebeln erfordert nämlich Kraft, Strategie und ein stabiles Hebewerkzeug. Aber das fertige Produkt ist ebenso superdekadent.

Mr. Willoughby’s Coral Knob

Daß das Rezept 240 ml Mayonnaise verlangte, war für mich der ausschlaggebende Grund, es um die Hälfte zu reduzieren.
Monterey Jack, kann ich gleich vorab jedem Interessierten sagen, gibt es hierzulande nicht, und die Suche nach weißem Kuhmilchkäse führte bestenfalls zu nachgemachtem Feta. Nun hätte ich keinerlei Probleme, mit Ziegen- oder Schafskäse zu substituieren, aber nicht jeder ist ein Fan deren Eigengeschmacks. So nahm ich den hellgelbsten Kuhmilchkäse, der sich finden ließ.
Ich bin etwas skeptisch, was dieses Rezept angeht, die Konsistenz war nicht so ganz richtig. Vielleicht mehr Mayonnaise beim nächsten Mal…
Serviert habe ich’s nicht nach Vorschrift, denn a) ist der Käse in einer Schüssel schon gut aufgehoben, und b) erinnert mich das eigentliche Arrangement weniger an Korallenschmuck als an… nun ja.

The MacKenzies‘ Millionaire’s Shortbread

Warnung: Man braucht mehrere Stunden für dieses Rezept, weil die Karamellmasse komplett abkühlen muß – und wer schon einmal Karamell gemacht hat, weiß, wie heiß das Zeug wird!

Ein weiteres sehr, sehr dekadentes Süßkram.

Die Schokoladenmenge haute leider nicht ganz so hin wie gedacht. Die 27x19er Form statt 22×22, hm? Wie an der leicht brüchigen Oberfläche zu erkennen. Aber: Hjam! Schmeckt ähnlich wie Twix, nur üppiger. Vorsicht beim Schneiden und Servieren: Das Karamell hat die Eigenschaft, davonzulaufen.

Honey-Buttermilk Oat Bread at Madame Jeanne’s

Toll, aber wem’s bei den Zutaten noch nicht auffallen sollte: Es ergibt eine Riesenmenge.
Beim Kneten, das ich grundsätzlich per Hand mache, weil man nur so ein wirkliches Gefühl für die Teigkonsistenz bekommt, ergänzte ich mehrmals Flüssigkeit, denn die Masse bröckelte sehr.
Statt zu zwei Broten (wer hat schon zwei Brotformen zu Hause?) verarbeitete ich die andere Hälfte zu Brötchen.
Übrigens auch ein Rezept, das mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Man beachte die Geh- und Abkühlzeiten.

Broccoli Salad (nur im Buch zu finden)

Knackiger bunter Salat mit vielen verschiedenen Geschmacksnoten. Als Vegetarierin verzichtete ich nicht auf den Schinken, sondern ersetzte ihn durch die Sojavariante, bzw. verschiedene Varianten. Auch diese lassen sich im Ofen knusprig machen.
Ich nahm die Hälfte der Zutaten, was, wie man sieht, immer noch mehr als ausreichend für fünf Personen ist!

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Eine etwas losere Fortsetzung der beliebten Artikelserie „Karola kocht“ (Der heruntergekommene Lucull).

Auf der Suche nach neuen Rezepten, die ich an meiner Rollenspielgruppe ausprobieren servieren könnte, mußte ich nicht weit schauen, denn es gibt das Outlander Kitchen Cookbook, basierend auf der OK-Website. Die Geschichte dahinter ist sehr nett, wer sich belesen möchte. Und wen die Rezepte reizen, die englische Sprache aber abschreckt: Angeblich soll dieses Jahr eine deutsche Übersetzung erscheinen.
Beim Stöbern auf der Website jedoch fand ich ein Gericht, das ich gleich erst einmal zu Ostern testen wollte: Vegetarian Rolls with Pigeon & Truffles.

(Jetzt endlich bessere Aufnahmen dank besserer Kamera!)

Der Name ist etwas irritierend (ähnlich wie die vegetarische Ente im China-Restaurant um die Ecke – ich weiß bis heute nicht, was sich dahinter verbirgt), erklärt sich aber aus der Entstehungsgeschichte des Rezepts. Die Tauben-Trüffel-Rollen waren Theresas erstes Outlander-Rezept, und nun gibt’s diesen Klassiker eben in einer vegetarischen Variante. Ohne Tauben und auch ohne Trüffel.

Shiitake gab’s weder bei Denn’s noch bei Netto noch bei Edeka noch bei Rewe, weshalb ich schließlich Austernpilze substituierte. Auch frischer Thymian war nicht zu bekommen, so daß der getrocknete her mußte, und Panko war definitiv zu speziell für meine Supermärkte, aber meine „Paniermehl“sammlung (Krümel von Zwiebacken, Knäckebrot etc.) tat’s auch problemlos. Außerdem war ich faul und griff auf fertigen Blätterteig zurück, was wunderbar funktioniert – allerdings sollte die Füllmasse dann auch recht exakt halbiert werden, um eine ausreichende Menge Teig für beide „Würste“ zu haben. (Ich spreche aus Erfahrung.)
Die Füllmasse allein roch beim Zubereiten schon so köstlich (und sah erstaunlicherweise appetitlich aus), daß ich das fertige Produkt kaum abwarten konnte. Und es war tatsächlich lecker! Die Viertelstunde abkühlen sollte sich von selbst erklären und beachtet werden, denn die Rollen sind innen wirklich heiß!
Gut dazu paßt übrigens Kräuterquark.

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Jep, Udo sang über Politik, aber irgendwie trifft’s auch immer noch auf die Post zu. Neueste Erfahrung in meinem leider sehr reichen Repertoir: Freitag warf ich zwei Sendungen in den Briefkasten, der gleich um die Ecke steht. Erst zu spät stellte ich fest, daß der Zettel mit den Leerzeiten umgedreht worden war, ergo – keine Anzeige. Natürlich hatte ich sofort diverse Szenarien im Kopf. Hat das so seine Richtigkeit? Wurde der Kasten stillgelegt, ohne die geschätzten Kunden zu informieren? Wird er abgebaut und wenn ja, wann? Sollen die Sendungen bis dahin versauern? Was ist mit meinen Kunden?

Nachdem ich zuerst gedachte, die Sache auf sich beruhen zu lassen und das Beste zu hoffen, sprach meine Erfahrung leider dagegen. Ich rief also den Kundenservice an. Den, den ich schon einmal aufgefordert hatte einzustellen. Leider hört niemand auf mich, denn: Die erste Mitarbeiterin meldete einen Systemabsturz. Ob ich bitte die Nummer noch einmal wählen und dann bei einer Kollegin landen könnte? Gemacht. Nein, vermeldete diese, sie könnten online nicht sehen, welche Briefkästen es gäbe. Online? Bedeutete das, im Kundenservice schaut man einfach nur auf der Website der Deutschen Post nach? Danke, das kann ich auch selbst. Aber ich könne eine E-Mail an die allgemeine Adresse schreiben, so und so. Okay…

Da stiefelte ich doch lieber zur nahen Filiale, vor der der nächste Briefkasten steht. Sieht man dort den Abholer? Nein, leider nicht. Hm. Aber wenn der Briefkasten noch stünde, würde er auch geleert, sonst hätte man ihn ja abgebaut. Vom logischen Standpunkt keine Frage. Leider habe ich über die Jahre zu viele Erfahrungen mit der Post und DHL gesammelt, um an Logik zu glauben. Nun gut. Wollte mich bis Montag geschlagen geben, aber Samstag früh kam mir der Gedanke, den Abholer beim Filialbriefkasten zur Mittagsleerung abzufangen. Während ich also vor Ort wartete, las ich mir den dortigen Zettel einmal gründlich durch. (Zuständig ist das BZ 30, Ludwig-Erhardt-Straße 39 in Pattensen – gut zu wissen für die Zukunft.) Als Servicehotline für die Briefkastenleerung war übrigens die Nummer angegeben, die ich tags zuvor schon bemüht hatte. Die, die einem keine Auskunft geben kann, weil: online.

Wider alle Erwartung (hatte bis dahin immer gedacht, die Leerzeiten seien ein Circa-Wert) tauchte Schlag halb eins der Abholer auf. Wie bereits befürchtet – die Post und DHL beschäftigen viele Syrer als Zusteller – kam ich mit Deutsch allerdings nicht weit. Ob Englisch besser sei? Ja, bitte. So ganz schien ich allerdings mein Problem trotzdem nicht an den Mann bringen zu können. Die Abholzeiten seien die gleichen wie die hier angezeigten. Wir sprächen über den gleichen Kasten, den die Straße runter beim Torbogen? Fahre er dort als nächstes hin? Ja. Wunderbar! Ich im Eilschritt zurück, sah ihn in der Ferne dann mit gefüllter Kiste vom Kasten zurück zum Auto eilen. Erleichterung breitete sich aus!
Beim Kasten angekommen, sah ich ein verdächtig aussehendes Stück Papier in Plastik auf dem Boden liegen. Jep, der Zettel mit den Leerzeiten, bis dahin definitiv nicht vorhanden gewesen. Anscheinend hatte man mich doch besser verstanden als gedacht. Dummerweise ist es offenbar nicht so einfach, das Ding anzubringen. Nachdem ich von außen kein Glück hatte, legte ich es notgedrungen auf den Kasten, von wo es vermutlich sonstwohin weht.

Übrigens machen sich andere Postkunden offenbar weit weniger Gedanken um solche Dinge als ich. Während ich noch am Basteln war, warf schon die nächste einen Brief ein. Optimistischer oder unerfahrener? Auf jeden Fall beneidete ich sie ein bißchen.

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Unser letzter Tag führte zu den zwei möglichen Stätten des biblischen Emmaus. Abu Gosh ist berühmt für den teuersten Hummus der Welt; unser Guide zeigte uns das Restaurant, damit wir auf keinen Fall dorthin gingen.
Es folgten zwei weitere Kirchen, eine Kreuzfahrerkirche, in der die Gruppe das Abendmahl zelebrierte, während ich im Untergeschoß meine Andacht abhielt, und Unsere liebe Frau von der Bundeslade (klingt schräg, aber es gibt eine Symbolik dazu). Dann nach Latrun, mehr Ruinen, die aber von der Entfernung her wohl nicht Emmaus gewesen sind. An diesem Tag regnete es kräftig.

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Schließlich ging es zurück nach Tel Aviv, Abschied nehmen. Zwei aus der Gruppe blieben noch ein paar Tage, der Rest von uns stürzte sich in die vier Sicherheitschecks, die man bei Abflug durchläuft. Im Flieger saß ich völlig ungeplant neben einem Mitglied unserer Gruppe, und wir verbrachten die vier Stunden Flug mit interessanten Gesprächen über Glaube und Dinge zwischen Himmel und Erde.

Ich möchte hier mit einem Zitat Pater Nikodemus‘ schließen.

Offenbar ist es auch nicht das Privileg einer bestimmten Religion, Idioten in ihren Reihen zu haben. Es war sicher nie leichter als heute, Gründe zu finden, um Atheist zu werden, auch wenn ein Blick auf die großen zerstörerischen atheistischen Ideologien wie den Nationalsozialismus oder den Kommunismus zeigen, dass ein Zurückdrängen von Religion und eine Abkehr von Gott offenbar auch keine wasserdichte Friedensalternative ist.
Ich weigere mich vehement, diese Gewalttäter im Namen einer Religion als gläubige oder religiöse Menschen anzusehen. Es ist unfair, diese Leute mit den oben beschriebenen 5:00 Uhr-morgens-Betern in einen Topf zu schmeißen! Das sind für mich nämlich die wahren religiösen Menschen! Die Gewalttäter haben dagegen so viel mit Religion zu tun wie ein Hooligan mit dem Fußballspiel! Während ich meine 5:00 Uhr-Freunde – um im Bild zu bleiben – mit den wahren Fußballfans vergleichen möchte, die voller Begeisterung und Leidenschaft für das brennen, was auf dem Platz geschieht, so sind die Gewalttäter für mich Hooligans, die zwar rein äußerlich wie ein echter Fan gekleidet sind, aber doch nicht wirklich für die Sache leben, also für das, was auf dem Platz geschieht, sondern allein das stärkende Gruppengefühl suchen und dieses in Abgrenzung zu anderen auch mit Gewalt ausleben: Das Fußballspiel selbst ist dabei lediglich der Anlass, um sich zur „dritten Halbzeit“, der Gewalteskalation, zu treffen.
Deshalb schlage ich vor, diese Menschen „Hooligans der Religion“ zu nennen. Sie sehen einem echten Gläubigen sehr ähnlich, da sie sich äußerlich mit allen Accessoires eines Religiösen schmücken – darin ja nicht unähnlich den Hooligans im Stadion, die Fanbekleidung tragen –, doch im Gegensatz zu den Tiefgläubigen, die voller Begeisterung und Leidenschaft für Gott brennen, geht es den Religionshooligans um die identitätsstiftende Gruppenidentität, welche immer wieder bewusst die Abgrenzung zu den anderen Religionen sucht, gerne auch gewaltsam.

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Am Morgen hatte ich dann allerdings einen kräftigen Sonnenbrand und zog meine langärmlige Bluse mit Kragen an. Darunter sah man das Kreuz sowieso kaum. Ein Tuch darüber – Fall erledigt. Mit einem solchen Kompromiß kann ich leben. (Unter den Nazis trugen die Kreuzträger ihr Kreuz verdeckt, und viele machen es heute im Alltag auch so. Ich ja auch, wenn ich einen Rollkragenpulli anziehe.) Sollte es trotzdem jemand bemerken und bemängeln, würde ich eben umkehren.
Beim Frühstück erntete mein Entschluß eine gewisse Zustimmung. Es führte zu einem guten Gespräch über das Einstehen (oder nicht) für eigene Werte, gerade in der christlichen Kirche, die von einigen durchaus als zu nachgiebig empfunden wurde.

Interessanterweise schreibt die aktuelle Jüdische Rundschau, die sowieso wieder gut in Fahrt ist:

Bei einem Besuch des Tempelbergs in Jerusalem nahmen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sowie sein katholischer Kollege Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz, ihre Brustkreuze ab, bevor sie den Tempelberg besuchten. Heinrich Bedford-Strohm rechtfertigt die Entscheidung mit diesen Worten: „Wir haben aus Respekt vor den Gastgebern gehandelt.“ Es handele sich „um eine Antwort auf den Wunsch der Gastgeber.“
Wie Bedford-Strohm vor Journalisten weiter sagte, trage er bei Moscheebesuchen sonst das Bischofskreuz: „Das halte ich für den Normalfall.“ Den eigenen Glauben im interreligiösen Dialog zu verleugnen, sei der verkehrte Weg. In dieser besonderen Situation in Jerusalem wäre es aber falsch gewesen, dem Wunsch der islamischen Gastgeber nicht nachzukommen, erklärte er.

Sehr geehrter Heinrich Bedford-Strohm,

da möchte ich ihnen [sic] vehement widersprechen. Gerade auf dem Tempelberg war es besonders falsch, das Kreuz abzunehmen, denn es gab da mal jemanden, der sagte, genau dieser Ort „soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.“ Wissen Sie, wer das gesagt hat? Jesus! Kennen Sie den? Wenn nicht, schlagen Sie mal bei Markus 11,17 nach.
Wissen Sie auch, was dieser Jesus mit Leuten gemacht hat, die den Ort, an dem Sie Ihr Kreuz abgenommen haben, nicht als einen Ort des Gebets für alle behandelt haben. Schlagen Sie mal bei Johannes 2,15 nach. Jesus wurde erstaunlich ungemütlich:
„Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus.“
Ich gebe zu, Jesus war an dem Tag etwas hart drauf. Sonst war er nicht so gewalttätigt [sic]. Eins aber war Jesus recht konsequent: Er stand zu seinen Überzeugungen und er leugnete seinen Glauben nie. Er ließ sich weder in der Wüste noch vom Hohen Rat von seinem Glauben abbringen. Aber hey, wer war schon dieser Jesus, nicht wahr, Herr Bedford-Strohm?

Abgesehen von der Parallele zu Lynn Austins Fehlschluß (s. Teil 1) ist sicherlich was dran. Wie ein Mitreisender sagte: „Man stelle sich mal vor, wenn wir als Christen so etwas [=Verbot anderer Glaubenszeichen in Kirchen] versuchen würden. Was dann los wäre!“ De facto hatten aber auch mehrere die Bibel auf ihrem Smartphone dabei, was völlig unkontrollierbar ist. Über Sinn und Unsinn der Kontrollen läßt sich also streiten.
In jedem Fall berichtete unser Guide, daß auch die meisten Zionisten nicht vorhätten, den Tempel wieder aufzubauen und zu Brandopfern zurückzukehren. Verständlich, wenn man bedenkt, daß sie beim geringsten Versuch, am Felsendom nur zu kratzen, die gesamte islamische Welt in Waffen am Hals hätten… Andererseits existiert auf muslimischer Seite die Verschwörungstheorie, die archäologischen Ausgrabungen zu Füßen des Tempelberges dienten dazu, den Berg zu unterhöhlen und den Felsendom einstürzen zu lassen. Seufz!

Zuerst ging es aber zur Westmauer. Ich gestehe, seitdem ist mein Vertrauen in die israelische Sicherheit ein bißchen erschüttert. Bei der Taschenkontrolle schlug das Gerät an, wohl weil ich mein Kindle mitführte. Der Wachtuende bat mich, am Tisch zu warten. Allerdings war er allein, und die Massen strömten. Ich wartete also und wartete… und fragte schließlich nach, ob er meine Tasche noch kontrollieren wolle.
Pause. „Sind Sie damit durchgegangen?“
„Äh…nein? Sie sagten mir, ich solle hier warten.“
Pause. „Habe ich das?“ Pause. „Ich erinnere mich nicht.“
Seufz! Schnabeline war also offiziell freigegeben. Unser Guide hielt wieder einmal einen zwar interessanten, aber viel zu langen Vortrag, so daß ich schon mal vorging. Was sich an der Mauer sammelte, waren einige Betende und viele Fotographierende. Es machte mich fertig, dieses Verhalten, das man überall antraf: Selfies in heiligen Stätten. Sich in Pose schmeißen vor heiligen Stätten. Alltagsgespräche in heiligen Stätten.
Nebenan in der Männerabteilung wurde Bar Mitzvah gefeiert.

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Beim Felsendom vertat sich unser Guide leider, da Araber offenbar eine andere Sommer- und Winterzeit haben. Uns blieb etwa eine Viertelstunde, dann scheuchten die Aufpasser bereits. Nicht, daß das unsere träge Gruppe irgendwie gestört hätte. Schnabeline schämte sich wieder einmal fremd.
Daraufhin standen wir eine geschlagene halbe Stunde an der „Kleinen Klagemauer“, der Weiterführung der Westmauer. Diese Stelle ist halbwegs akzeptiert als Ort, an dem jüdische Männer und Frauen gemeinsam beten, und entsprechend stecken auch überall Gebetszettel in den Ritzen und Löchern. Dennoch ist der Ort ein besserer Hinterhof. Eine halbe Stunde muß man dort nicht bleiben. Ich war wieder einmal frustriert.
Danach war endlich Zeit zur freien Verfügung. Unser Guide wollte noch durch die Davidstadt, dort etwas zeigen und erklären; unser Pfarrer, der meinen Unmut wohl bemerkt hatte, bot mir an, mich auf dem direkten Wege zur Grabeskirche, dem Sammelpunkt, zu bringen. Über das Damaskustor ging ich dann zum Gartengrab, einer Alternativstelle für Golgatha und das Grab. Ob historisch korrekt oder nicht, zumindest bekommt man dort ein viel besseres Gefühl dafür, wie die Stätten zur Zeit Jesu ausgesehen haben. Die Anlage ist wunderschön und friedlich, und ich hätte mich noch lange dort aufhalten können. Leider wurde sie über Mittag geschlossen.

We continue to walk for another block or two up a small hill until we reach the entrance to a walled garden. This peaceful, tree-filled grove contains a first-century tomb in its original state and I find it much easier to visualize the biblical events here. Whether or not this is the authentic site doesn’t matter.
We walk to the rear of the garden to view the craggy, undeveloped cliff that is part of this hill and see that the weathered rocks bear the features of a skull. As we make our way to a secluded grove to celebrate Communion, I hear voices and singing. Groups of tourists from all over the world sit tucked in private grottos, celebrating Communion, as well. Their songs are in several languages – German, Korean, Italian, and others that I can’t identify. […]
I’m reluctant to leave the garden and reenter the world, but that’s exactly what we are supposed to do. „Don’t cling to me,“ Jesus told the women that Easter Sunday. „Go and tell the others“ (see John 20:17). The minute I stop outside the garden walls and see cars and buses and people streaming by, I am hurled back from the past and into the present.

„I see more groups coming“, sagte der Guide einer anderen Gruppe, als wir noch vor dem Abendmahlsaal saßen. Wir lachten, denn das war ein gutes Motto für die gesamte Reise. Von nun an wurde es immer wieder gern zitiert.
Abschluß war St. Peter in Gallicantu, einer der zwei möglichen Orte für das Haus des Kaiphas. Es ist dreigeschossig, da am Hang liegend. Die obere Kirche hatten wir quasi für uns, weil alle Gruppen gleich nach unten strömten. Die untere Kirche war voll mit Finnen, die eine Andacht abhielten, die lange dauerte. Im untersten Geschoß sind dann Ruinen, in denen früher möglicherweise abtrünnige Juden gefoltert wurden, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Immer eine überzeugende Methode, finde ich.

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Sonntag. Als Motto des Tages wurde mein Zettel gezogen, ein Zitat aus der Gralsbotschaft:

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Wäre diese Bitte denn nötig, wenn der Kreuzestod ein notwendiges Opfer zur Versöhnung sein sollte? „Sie wissen nicht, was sie tun!“ ist doch eine Anklage der schwersten Art. Ein deutlicher Hinweis, daß es falsch ist, was sie tun.

Ich hatte die letzten beiden Tage schon gezittert, daß es drankäme und damit viel zu früh sei. Aber hier paßte es. „Sehr philosophisch“, äußerte sich unsere Ex-Pfarrerin diplomatisch.

Die Gruppe teilte sich am Jaffator, je nachdem, welchen Gottesdienst sie besuchen wollten. Die Dormitio bot den katholischen, die Erlöserkirche den protestantischen Reisenden einen deutschsprachigen Dienst. Ich setzte mich auf der Zitadelle in den schönen Außenbereich und hielt meine eigene Andacht.

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Anschließend ging es ins Israel-Museum mit dem großen Modell der Stadt zur Zeit des zweiten Tempels. Endlich erkannte man etwas und konnte zuordnen, wo wir was gesehen hatten. Die ältesten Schriftrollen der Welt bewunderte besonders ich aus Berufsgründen und als Hebräisch-Lernende im Schrein des Buches (und wurde aufgefordert, die vokalisierte Rolle vorzulesen, scheiterte aber kläglich). Das Museum selbst hätte Stunden verschlungen; wir wählten die extrem abgespeckte Version und sahen nur an, was bibelwesentlich war. Innerhalb von zwanzig Minuten oder so waren wir durch. 🙂 Völlig unverständlich blieb mir die Begeisterung meiner Mitreisenden über den Kreuzigungsnagel mit noch vorhandenem Fersenknochen. Hier war ein Mensch auf fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Jesus selbst, das Zentrum ihres Glaubens, war auf gleiche fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Berührt das diese Leute nicht? Mich packte einfach nur das nackte Grauen.

Yad Vashem war bewußt der letzte Stop des Tages. Die Meinungen waren unterschiedlich. Wir hatten nur eine Stunde zur Verfügung – ich persönlich wäre gern länger geblieben, andere fanden es positiv, daß die Berührung somit stark beschränkt blieb. Es waren auffallend viele orthodoxe Juden dort, von denen ich angenommen hätte, daß sie es längst kennen.

Vor dem Abendessen stattete ich dem Hotelshop einen Besuch ab und verbrachte eine unterhaltsame Zeit dort mit Anproben (der Betreiber gab mir ständig die falschen Größen) und generellem Schnack. Alles ist „Made in Israel“ dort; von „Made in China“ hält der Betreiber so überhaupt nichts.

Beim Abendtreff fiel uns dann auf, daß das Hotel offenbar als respektabler Treffpunkt für heiratswillige junge orthodoxe Juden gilt. Überall saßen Pärchen einander züchtig gegenüber und beschnupperten sich wohl.

Mein größter Konflikt des Tages galt dem nächsten Morgen, namentlich dem Besuch auf dem Tempelberg. Es ist nicht erlaubt, irgendein Glaubenszeichen mit hinaufzunehmen, das nicht muslimisch ist. „Also Bibeln, Kreuze besser im Hotel lassen.“ Klingt soweit machbar; allerdings ist mein Kreuz nicht einfach ein Schmuckstück oder ein Zeichen meines Glaubens, es ist das äußerliche Zeichen des Bundes mit Gott. Wo sollte ich also Kompromisse schließen? Am Ende kam ich zu dem Entschluß, daß mir Gott doch erheblich wichtiger sei als ein paar Muslime da oben auf dem Berg. Wesentlich wichtiger auch als ein Bauwerk. Also würde ich ganz einfach nicht mit hinaufgehen.

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Von biblischen Zeiten merkt man in der Metropole so gut wie nichts mehr. Die Höhen sind überbaut, durch die Täler ziehen sich Schnellstraßen. Vielleicht kann ich es also meinen Mitreisenden nicht verargen, daß sie so wenig religiöse Andacht an „heiligen“ Orten zeigten, obwohl das permanente Alltagsgeschnabbel meine Empfindung trotzdem verletzte.

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Wir starteten auf dem touristisch überlaufenen Ölberg mit seinen Souvenirhändlern. Unser Guide hatte uns schon darauf vorbereitet, daß er ein wenig „mitspielen“ müsse, da die Araber ihn (auf Arabisch) aufforderten, uns zum Kaufen zu animieren und er sie ja nun häufiger sehe… Beliebter waren der Esel und das Kamel, die für Fotos und als Taxi zu Verfügung standen.

Den Ölberg ging es hinab zur Kirche Dominus flevit, die ich mir aufgrund der Touristenscharen ersparte. Der Garten war einer Andacht viel zuträglicher, mit seiner noch einigermaßen authentischen Landschaft aus Felsen und Olivenbäumen. Netterweise hatte ich ihn auch größtenteils für mich, weil eben alle in der Kirche waren und der nächste Schwung erst etwas später kam.
Am Ölberg lassen sich übrigens strenggläubige (und wohlhabende) Juden bestatten, weil im Jüngsten Gericht dort die Toten als erste auferstehen…

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Der Garten Getsemane ist heute kleiner als erwartet, denn – wie überraschend – auf einem Großteil steht eine Kirche. Auch hier ersparte ich sie mir und hielt statt dessen meine persönliche Andacht ab.
Am Fuß des Berges wartete das orthodoxe Mariengrab mit viel Weihrauch und Gold, aus dem ich gleich wieder floh.
Viel schöner die Kreuzfahrerkirche St. Anna mit ihrer wunderbaren Akustik, die unsere sangesfreudige Gruppe gleich wieder etwas zu exzessiv nutzte. Zum Glück vor dem professionellen Männerchor, der dann nachrückte und zeigte, was Singen ist. Herrliches Erlebnis! Eine wohl amerikanische Gruppe kam danach dran, beziehungsweise ihre Solistin, die sicherlich mit Mikrophon gut rüberkommt, aber deren Stimme viel zu dünn war, um hier zu wirken.
Anschließend zu den Ruinen am Teich Bethesda, wo Jesus am Sabbat einen Gelähmten heilte (inzwischen hatten wir eine ganz gute Vorstellung, warum die jüdischen Priester so sauer darüber waren – der Gelähmte durfte nämlich, da Sabbat, im Anschluß auch nicht seine Trage schleppen). Wieder einmal eine Predigt voll Allgemeinplätze. Noch vor Ort notierte ich mir:

„Dafür braucht man einen Pfarrer: Daß er mit seinen Auslegungen, Bezügen, Symbolen, modernen Deutungen im Weg steht zwischen Mensch und Gott.“

Es stellte sich später heraus, daß ich nicht die einzige war, die so empfand. Das Nicht-vertiefen-Können wurde durchaus kritisiert. Und ein protestantisches Mitglied der Gruppe erklärte, es fiele jetzt erst so richtig auf, wie wortlastig die evangelische Kirche sei.

Mittag gab es wie immer in einem arabischen Lokal, wo wir endlich die berühmte Limonade zu trinken bekamen. Trotz Bedenken, denn mehrere Reisende hatten inzwischen die gefürchteten gesundheitlichen Probleme des Nahen Ostens zu spüren bekommen, vermutlich durch das Leitungswasser, das es abends kostenlos gab.

Eigentlich sollte die Via Dolorosa schweigend zurückgelegt werden – nun ja, bei unserer Gruppe ein vergebliches Unterfangen. Mich nahmen zumindest die ersten Stationen doch sehr mit. Später, inmitten des arabischen Bazars, verlief sich das. Dank unseres Guides, der ja jeden kennt, konnte wir sogar offiziell Station 1 besuchen, die heute in einer arabischen Schule liegt, in direkter Nachbarschaft zum Felsendom. Im Innenhof, wurde uns berichtet, filmte Mel Gibson übrigens die Gerichtsszene seines Films Passion.
Die letzten fünf Stationen liegen innerhalb der Grabeskirche. Zunächst standen wir ahnungslos und friedlich in einem verlassenen Hinterhof und sahen Gerüste der wirklich notwendigen Renovierung, die derzeit stattfindet. Und dann ging es ins Innere.

We walk into the church through an arched doorway and enter an altogether different world. These holy places have been gilded and polished and adorned by thousands of years of Christian devotion until I feel as though I can hardly move forward through the glittering clutter. The trappings of ornate religion seem to weigh me down: gleaming silver and bronze, embroidered tapestries, sputtering candles, cloying incense, priests in flowing robes, marble statues. To say that it no longer resembles a place of execution or a graveyard is an understatement.
I wait in line to climb a short set of steps to where the cross supposedly stood, but once there, I can’t see past the gaudiness to imagine Christ’s passion. A man in a brown robe prods me and my fellow tourists to keep moving. I wait in line again to peer inside a square, stone monument, all that remains of the rocky hillside from which the borrowed tomb was hewn. Empty or not, it no longer resembles a tomb. I have to confess that since I don’t belong to the religious traditions represented in this church, I find it difficult to feel awe or amazement or any of the other emotions that I thought I would.

Unser Guide nannte diese Erfahrung später unser „Grabeskirchentrauma“. Von Andacht oder Heiligkeit keine Spur; alles, was man sah, waren Touristenmassen und Baugerüste. Wir blieben stecken, als vor dem heiligen Grab eine Feier stattfand und wegen Baumaßnahmen kein zweiter Weg frei war. Irgendwie schaffte unser Guide es dennoch, uns auf anderem Wege hinauszuführen; vor uns gab es fast eine Keilerei; ein orthodoxer Bischof mit Gefolge rückte an… „Keine zehn Pferde bringen mich da noch mal rein!“ erklärte ich, als wir endlich das Freie erreicht hatten. Denn Erklärungen mußten wegen Überfüllung und Zeitknappheit warten bis zu einem zweiten Besuch.

Auf dem Weg zur Dormitioabtei, wo ein Treffen mit den hiesigen Benediktinern anstand, beobachteten wir eine Szene, über die wir ein wenig rätselten. Eine Touristin fragte einen orthodoxen Juden nach dem Weg zur Westmauer, doch er ignorierte sie. Unfreundlichkeit? Oder Verbot?

In der Dormitio erwies sich, wie gut einige Mitreisende bereits „indoktriniert“ waren. Die Dormitio gehört zur Brotvermehrungskirche in Tabgha, und auch hier hatte es einen Brandanschlag gegeben sowie Schmierereien an den Außenmauern. Frage eines Mitreisenden: „Aber das waren die Juden, oder?“ Schnabeline stöhnte innerlich auf. Bruder Nathanael hielt es etwas differenzierter. In Tabgha habe man die Täter nicht gefaßt, aber die Vorfälle hier stammten von jüdischer Seite, ja. Die darauf folgende Frage, ob man seitens der israelischen Behörden Schikanen ausgesetzt sei, verneinte er entschieden. Natürlich wußte er nicht, welchen Hintergrund die Frage hatte, nämlich daß sich gerade besagter Frager ein wenig zu sehr ins Pro-Palästinensische hineingesteigert hatte. Das sind aber gerade die gleichen Personen, die, hätten wir einen israelischen Guide gehabt, zu 100% auf israelischer Seite gestanden hätten. Hinterfragen, abwägen ist das Geheimnis.
Bruder Nathanael jedenfalls schilderte, wie schockiert die Gemeinschaft gewesen sei. „Wir machen ja gar nichts, wir sind einfach nur hier. Und daß bewußt Menschenleben in Gefahr gebracht werden… das ist unverständlich.“
Pater Nikodemus schreibt in seinem Buch:

Uns allen hat geholfen, dass wir von einer unbeschreiblichen Welle der Solidarität und des Gebets getragen wurden: Juden, Christen, Muslime, Drusen und religiös weniger musikalische Menschen standen uns bei und haben auf vielfältige Weise an unserem Schicksal Anteil genommen. Da ist der Mann aus der Nachbarschaft, der fünf Brote und zwei Fische als Stärkung für Leib und Seele vorbeibrachte. Da sind die einheimischen Christen, die ein eigenes Solidaritäts-T-Shirt drucken ließen mit der Aufschrift „Angesichts des Feuers bezeugen wir das Licht“. Und da ist die Gruppe von Rabbinern, die eine eigene Crowdfunding-Kampagne unter orthodoxen Juden für den Wiederaufbau unseres Klosters initiiert haben, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Täter haben Hass und Zerstörung gesät, doch die Ernte in diesen Tagen war unbeschreibliche Solidarität von vielen, vielen Menschen, auch von jenen, bei denen wir es nicht immer erwartet hätten.

Und um nun auf Lifegate zurückzukommen: Unser Guide erzählte, daß Zionisten aktiv Häuser im arabischen Teil der Stadt aufkauften und dann dort provokativ die israelische Flagge aushängten. (Wir sahen Beispiele davon.) Ich hätte ja Angst um meine Fenster, aber bitte. Auf die Frage, warum die Araber ihre Häuser an Israelis verkauften, ging er auf die vorherrschende Mentalität ein. Das Gemeinschaftsgefühl, in diesem Fall der Staatsgedanke, sei ganz einfach nicht verbreitet. Den Eigentümern ginge es in erster Linie darum, gutes Geld für ihre Häuser zu bekommen, damit sie irgendwo, wo es ruhiger sei, mit ihren Familien leben könnten.

Abends hielt unsere mitreisende Pfarrerin a.D. einen spannenden Vortrag über die Legende der Heiligen Veronika. (Ihren ersten in Tiberias hatte ich wegen extremem Totseins geschwänzt.) Symbole waren immer ihr Ding; alles in der Bibel ist im Grunde genommen nur symbolisch gemeint. Ich fragte mich, warum sie eigentlich Christin sei und wann sie so weit sei zu sagen, auch Gott sei nur symbolisch gemeint. An diesem Abend sagte sie etwas, das eine schöne Antwort darauf war, nämlich nach einem Disput mit einer Katholikin, der der symbolische Hintergrund ziemlich wurscht war. (Eine der wenigen Mitreisenden, bei denen ich eine spirituelle Ader wahrnahm.) „Nun ja“, gab unsere gewesene Pfarrerin zu, „Theologie verdirbt jede Art des Glaubens.“

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Es blieb heiß!

Und meine Dauerfrage blieb auch hier, ob meine Mitreisenden meinten, mit einem dahergesagten Gebet und einer Predigt sei dem Glauben Genüge getan?

Durch das Jordantal, ein ödes Niemandsland, ging es zur Taufstelle. Über Jordaniens wichtige Rolle als Vermittler hatten wir schon einiges erfahren; im Westen ist das so gut wie unbekannt.
Der Jordan ist nach europäischen Maßstäben ein besserer Bach. Viele Christen erneuern hier im Jordanwasser ihre Taufe; es gibt dafür extra Taufgewänder und Duschen für hinterher. Vorherrschend sind vor allem die Fliegen, die man nicht los wird, aber auch nie erwischt, wenn sie erschlagen möchte. Die Gruppe hielt Andacht, ich saß wie immer ein Stück entfernt und hielt sie auf meine Art.

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Weiter zu den Ruinen von Jericho, die bisher so gar keine Bestätigung der biblischen Ereignisse herausrücken. Mit der Seilbahn schwebten wir dann hinauf zur Station unterhalb des orthodoxen Versuchungsklosters, wo ich mich wieder einmal fremdschämen mußte über die sangesfreudige Gruppe.
Dummerweise hatte unser Guide nicht das Schild gesehen, daß eine einstündige Mittagspause der Bahn von halb eins bis halb zwei verkündete – Freitagsgebet der Muslime. Wir waren also unter Zeitdruck auf dem Berg gestrandet. Nun konnte er immerhin die Betreiber dazu bewegen, unsere Gruppe als erstes nach unten zu befördern… aber wie üblich dauerte es ewig, bis sich die Masse überhaupt dazu aufschwang, mal das Lokal zu verlassen. Schnabeline schämte sich in Grund und Boden.

Qumran versprach spannend zu werden; leider kam zuerst das Mittagessen im angeschlossenen Selbstbedienungsrestaurant, das a) völlig überlaufen und b) dreckig war. Uns schauderte. In brütender Hitze schritten wir dann über das Ruinenfeld und schafften es, recht gut zwischen den Touristenströmen zu navigieren.

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Der beste Programmpunkt war dann das Tote Meer! Obwohl die Umweltschützerin in mir natürlich entsetzt ist über das Verschwinden dieses Binnenmeeres, dessen Ausmaße noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unser Guide uns zeigte – es liegen kilometerweite Flächen dazwischen! Im Wasser hätte ich stundenlang bleiben können. Nur waren die meisten anderen offenbar keine solche Wasserratten wie ich, und ich wollte ihnen nicht zumuten, drei Stunden später nach mir suchen zu müssen, während ich selig auf den Wogen dahintrieb… also zwang ich mir Zurückhaltung auf. Was einem übrigens keiner erzählt: Man merkt trotz Nichtuntergehens sehr schnell, daß man die Bauchmuskeln mehr trainieren sollte!

Nun ging es hinauf nach Jerusalem, das wir am Anfang der Reise schon durchfahren hatten; denn Betlehem und Jerusalem sind inzwischen fast zusammengewachsen.
Unser Hotel war ein streng jüdisches, das sogar das Zertifikat für koscheres Essen bekommen hat und einen eigenen Shabbat-Aufzug besitzt (da ganz strenggläubige Juden am Shabbat keinen Knopf drücken dürfen). Jetzt, am Freitagabend, war es voll mit feiernden Juden. Beim Essen hatte ich einen Blick auf eine feiernde Familie, und unser Guide erläuterte mir, was dort geschah. Die drei Söhne oder Schwiegersöhne waren keine praktizierenden Juden, denn sie hatten keine Kippah dabei; zwei legten sich schnell noch eine Serviette auf den Kopf, während der Patriarch der Familie den Wein segnete. Der dritte im Bunde jedoch verweigerte sich komplett. Man beobachtete also einen klassischen Generationenkonflikt; die Familie spielte mehr oder weniger mit, weil es Papa ja nun mal wichtig war…

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