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Archive for the ‘(Neben-)Beruf’ Category

Die Entdeckungen reißen nicht ab. Nachdem ich die Tage ja erst die Verlinkung zum Berlin-Tempelhof-Eintrag auf Wikipedia entdeckt hatte, erfuhr ich nun (vielen Dank, Frau K.!), daß mein Rübezahl-Artikel ebenfalls seinen Weg auf Wikipedia gefunden hat: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCbezahl_%E2%80%93_der_Herr_der_Berge

Ich hatte mich schon gewundert, woher die gestiegenen Zugriffszahlen stammten…

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Das ist etwas, das mich auch reizen würde – das Recherchieren und Zusammenstellen, meine ich, nicht der Gang: Dundee Women’s Trail und das Vorgängerprojekt.

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Oder: Was eine Google-Suche so alles enthüllt.

Wikipedias Quellen-Richtlinien leuchten mir nicht ganz ein. Stellte nun fest, daß meine englische Artikelserie zu Marta im Berlin-Tempelhof-Eintrag zitiert wurde (nebenbei komplett falsch*) und das offenbar den Regeln entspricht. Meine Biographie als solche, von der die Blogserie ja nur eine übersetzte Kurzfassung ist, würde den Regeln allerdings nicht entsprechen, weil sie eine On-demand-Veröffentlichung ist. Hm.

Oh, und übrigens ist die Serie auf DVD erhältlich und diente als Grundlage für den Film A Woman in Berlin. Ich sollte dringend meine Tantiemen einfordern.


* Marta war keine „Tochter“ Tempelhofs, sondern lebte nur einige Jahre dort, sie wohnte in verschiedenen Häusern der Richthofen-Straße, und die Nr. 13 war niemals vorher die Nr. 31. Das Haus Richthofen-Straße 31 wurde zerbombt. Daraufhin zog Marta vorübergehend in die Nr. 13.

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Die Brexit-Befürworter haben ein Klima von Wut und Angst geschaffen. Sie müssen einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen, dass ein Verrückter die proeuropäische Labour-Abgeordnete und langjährige Oxfam-Mitarbeiterin Jo Cox ermordete.
(Hans Dembowski: Schlechte Nachricht aus London)

Nach einigem Lesen in Ellen Moodys privatem Blog kam mir plötzlich der Gedanke um Völkerkarma. Heute nicht mehr unbedingt bekannt außer bei Leuten, die sich mit der Zeit beschäftigen (so eben auch yours truly), aber ein heißes Thema nach Ende des Zweiten Weltkriegs war, in erster Linie gepusht von den USA, die Kollektivschuldfrage. Soll heißen: Das deutsche Volk als solches trage die Schuld an den Verbrechen des Nazi-Regimes. Die Begründungen dafür muten naiv an, aus der unerschütterlichen Sicherheit eines rechtsstaatlichen, demokratischen Systems heraus geboren. The Land of the Free statt Old Europe. Und natürlich ist die Schuldfrage, die letztlich mit der Geschichte der Demokratie in Deutschland zusammenhängt, ein weites Feld, über das sich trefflich diskutieren und streiten läßt. Mein Punkt hier ist ein spiritueller. Ellen Moody und Caitlin Kiernan und viele andere beobachten mit Sorge die Entwicklung in ihrem Land. Es wird viel Unheil prophezeit, das eintreten mag oder auch nicht. Die interessante Frage ist: Sollte besagtes Unheil eintreten, vielleicht gar auf internationaler Ebene – oder ganz breit gefächert könnte man auf das bereits angerichtete Unheil eingehen, das die USA seit Jahrzehnten in aller Welt anrichten – würde das US-amerikanische Volk seine eigene Geschichte darin wiedererkennen? Trägt nach der gleichen Logik, die seitens der USA damals auf Deutschland angewandt wurde, nicht auch das amerikanische Volk als solches die Schuld an den Verbrechen seiner Führung?
Früher oder später holen einen diese Dinge immer wieder ein.

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Jep, Udo sang über Politik, aber irgendwie trifft’s auch immer noch auf die Post zu. Neueste Erfahrung in meinem leider sehr reichen Repertoir: Freitag warf ich zwei Sendungen in den Briefkasten, der gleich um die Ecke steht. Erst zu spät stellte ich fest, daß der Zettel mit den Leerzeiten umgedreht worden war, ergo – keine Anzeige. Natürlich hatte ich sofort diverse Szenarien im Kopf. Hat das so seine Richtigkeit? Wurde der Kasten stillgelegt, ohne die geschätzten Kunden zu informieren? Wird er abgebaut und wenn ja, wann? Sollen die Sendungen bis dahin versauern? Was ist mit meinen Kunden?

Nachdem ich zuerst gedachte, die Sache auf sich beruhen zu lassen und das Beste zu hoffen, sprach meine Erfahrung leider dagegen. Ich rief also den Kundenservice an. Den, den ich schon einmal aufgefordert hatte einzustellen. Leider hört niemand auf mich, denn: Die erste Mitarbeiterin meldete einen Systemabsturz. Ob ich bitte die Nummer noch einmal wählen und dann bei einer Kollegin landen könnte? Gemacht. Nein, vermeldete diese, sie könnten online nicht sehen, welche Briefkästen es gäbe. Online? Bedeutete das, im Kundenservice schaut man einfach nur auf der Website der Deutschen Post nach? Danke, das kann ich auch selbst. Aber ich könne eine E-Mail an die allgemeine Adresse schreiben, so und so. Okay…

Da stiefelte ich doch lieber zur nahen Filiale, vor der der nächste Briefkasten steht. Sieht man dort den Abholer? Nein, leider nicht. Hm. Aber wenn der Briefkasten noch stünde, würde er auch geleert, sonst hätte man ihn ja abgebaut. Vom logischen Standpunkt keine Frage. Leider habe ich über die Jahre zu viele Erfahrungen mit der Post und DHL gesammelt, um an Logik zu glauben. Nun gut. Wollte mich bis Montag geschlagen geben, aber Samstag früh kam mir der Gedanke, den Abholer beim Filialbriefkasten zur Mittagsleerung abzufangen. Während ich also vor Ort wartete, las ich mir den dortigen Zettel einmal gründlich durch. (Zuständig ist das BZ 30, Ludwig-Erhardt-Straße 39 in Pattensen – gut zu wissen für die Zukunft.) Als Servicehotline für die Briefkastenleerung war übrigens die Nummer angegeben, die ich tags zuvor schon bemüht hatte. Die, die einem keine Auskunft geben kann, weil: online.

Wider alle Erwartung (hatte bis dahin immer gedacht, die Leerzeiten seien ein Circa-Wert) tauchte Schlag halb eins der Abholer auf. Wie bereits befürchtet – die Post und DHL beschäftigen viele Syrer als Zusteller – kam ich mit Deutsch allerdings nicht weit. Ob Englisch besser sei? Ja, bitte. So ganz schien ich allerdings mein Problem trotzdem nicht an den Mann bringen zu können. Die Abholzeiten seien die gleichen wie die hier angezeigten. Wir sprächen über den gleichen Kasten, den die Straße runter beim Torbogen? Fahre er dort als nächstes hin? Ja. Wunderbar! Ich im Eilschritt zurück, sah ihn in der Ferne dann mit gefüllter Kiste vom Kasten zurück zum Auto eilen. Erleichterung breitete sich aus!
Beim Kasten angekommen, sah ich ein verdächtig aussehendes Stück Papier in Plastik auf dem Boden liegen. Jep, der Zettel mit den Leerzeiten, bis dahin definitiv nicht vorhanden gewesen. Anscheinend hatte man mich doch besser verstanden als gedacht. Dummerweise ist es offenbar nicht so einfach, das Ding anzubringen. Nachdem ich von außen kein Glück hatte, legte ich es notgedrungen auf den Kasten, von wo es vermutlich sonstwohin weht.

Übrigens machen sich andere Postkunden offenbar weit weniger Gedanken um solche Dinge als ich. Während ich noch am Basteln war, warf schon die nächste einen Brief ein. Optimistischer oder unerfahrener? Auf jeden Fall beneidete ich sie ein bißchen.

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https://clarissaschnabel.wordpress.com/
Unter anderem eine spannende neue Übersetzung von Eine Frau in Berlin. Ich finde die Ausgabe hochpolitisch…

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Berliner Börsenzeitung, Abendausgabe, 1.12.1900

Paris, 30. November (C.T.C.) Der Dichter Oskar Wilde ist gestorben.

Neues Wiener Abendblatt, 1.12.00

(Oscar Wilde +) Ein Telegramm aus Paris meldet den Tod des englischen Schriftstellers Oscar Wilde, der, 44 Jahre alt, einer Meningitis erlegen ist.

Arbeiterwille, 2.12.00

Paris, 30. November. Oskar Wilde ist an Hirnhautentzündung gestorben. (Anm. d. Red. Der Dichter Wilde war wegen Unzucht mit männlichen Personen verurtheilt.)

Volkszeitung, 2.12.00

Oskar Wilde, jener englische Dichter, dessen Sittlichkeitsverbrechen mit Zuchthausstrafe geahndet wurden, ist in Paris gestorben. Wilde hat vor wenigen Jahren noch als Modeschriftsteller in der Londoner Gesellschaft eine nicht unbedeutende Rolle gespielt.

Nachrufe:

Neues Wiener Journal, 2.12.00

(Oskar Wilde gestorben.) In Paris ist vorgestern der englische Schriftsteller Oskar Wilde an Hirnhautentzündung gestorben. Wilde hat im Jahre 1895 durch seinen sensationellen Proceß nicht nur in England, sondern auch in Deutschland und Oesterreich Aufsehen hervorgerufen. Er wurde in diesem Processe wegen Blasphemie, Unsittlichkeit und Beleidigung hochstehender Persönlichkeiten verurtheilt und mußte eine längere Freiheitsstrafe im Gefängniß abbüßen. Wilde’s Theaterstücke erfreuten sich vorher in London, wo er als Gentleman lebte und ein Haus machte, in der Gesellschaft eines großen Ansehens, seine Gedichte fanden zahlreiche Leser, er hatte seine Jünger und Anhänger; aber sein ganzes Thun und Treiben war eine einzige Extravaganz. Er bereiste Amerika in Kniehosen, einen Schattenspender in der Hand und Italien als Dandy à la Byron; in einer eigenen Yacht streifte er um die normanischen Küsten; er lebte in London üppig und vornehm und hatte sich trotz all seiner überspannten Lebensweise eine gesellschaftliche Position geschaffen. Der Fall Wilde war literarisch wie criminal psychologisch gleich merkwürdig. Wilde war gewissermaßen der Führer des Decadententhums in England. Nach Abbüßung seiner Freiheitsstrafe lebte Wilde in Paris, wo er nunmehr gestorben ist.

Wiener Abendpost, 1.12.00

(Oskar Wilde +.) Aus Paris kommt die Nachricht vom Tode Oskar Wilde’s. Oskar Wilde war ein Poet von edler Begabung; seine Verse gehören zu den schönsten der neueren englischen Literatur. Was die Präraffaeliten in der Malerei zum Ausdrucke brachten, das kleidete Oskar Wilde in Worte. Die englische Decadence sah in Wilde ihr Haupt und ihren Führer. Wilde lebte in einer glänzenden gesellschaftlichen Stellung, machte weite Reisen. Er suchte mit seiner Yacht die französischen Küsten auf. Oskar Fingall O’Flahertie Wills Wilde war in Dublin im Jahre 1858 geboren; sein Vater war der berühmte Augenarzt der Königin Victoria, die Mutter besaß ein gefälliges dichterisches Talent. Wilde studirte zu Oxford und stand frühzeitig an der Spitze jener Literaten, die eine Verjüngerung und Verfeinerung der Sprache anstrebten. Seine Poetenlaufbahn begann er mit idealischen, zarten Märchen. Er war ein Gegner des Naturalismus. Eines seiner letzten Werke war „The ballad of Reading Gaol“, eine düstere Dichtung voll großartiger, seelischer Effecte. – Dem großen Publicum ist Wilde nur durch ein peinliches Gerichtsverfahren bekannt. Als Mensch war er eine Extravaganz, ein verirrter, armer Mann, der nicht allein der Literatur-Geschichte, sondern auch der Criminal-Psychologie angehört.

Die Arbeiter-Zeitung, 2.12.00, politisiert natürlich:

Der Schriftsteller Oskar Wilde ist gestern in Paris an einer Gehirnhautentzündung gestorben. Er hat nur ein Alter von 42 Jahren erreicht. Oskar Wilde war der bekannteste Literat Englands in den letzten Jahren, aber eben ein Literat. Er hat nicht nach dem Volksruhm Rudjard Kiplings oder dem poeta laureatus-Ruhm Alfred Tennysons gestrebt, ihm war es bis kurz vor seinem Tode stets nur um den Ruhm bei einzelnen zu thun. In England, das der schlechteste Boden für Literatenthum ist, konnte er nicht viel erreichen. Seine Werke kamen zu so hohen Preisen heraus, daß nur die reichste Bourgeoisie sich sie beschaffen konnte. Ueberdies wurden die meisten seiner Werke in England verboten, darunter auch sein bestes, das einaktige Drama „Salome“. Oskar Wilde hatte sich eine Theorie der literarischen Dekadenze zurecht gelegt, die er in zahlreichen Aufsätzen immer wieder betonte. Die spekulative künstlerische Phantasie schien ihm wichtiger wie der natürliche Reichthum an Daseinsformen. Die gefärbte „grüne Nelke“ war das Zeichen für seinen Kreis von etwas verdrehten ästhetischen Köpfen, deren Erkennungszeichen die unechte Blume war. Durch die erbitterte Gegnerschaft, die er fand, wurde er immer tiefer in seine geistreichen Klügeleien verbohrt, bis er schließlich in Aufsätzen über „Die Masken des Lebens“ ein geregeltes System der Unaufrichtigkeit und Kritiklosigkeit gegen sich selbst entwickelte. Vor einigen Jahren wurde er wegen eines Sittlichkeitsdeliktes zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt. In seiner letzten und besten Dichtung „Ballade des Stockhauses“ zeigt er ohne falschen Aufputz, den er früher liebte, ein grauenvolles Bild englischen Gefängnißlebens. Zum erstenmal wuchs da die sonst flüsternde Stimme dieses Schriftstellers zu dem stark tönenden Ruf eines leidenschaftlich bewegten Dichters an. Diese „Ballade vom Stockhaus zu Reading“ ist weit entfernt davon, eine nur-ästhetische Spielerei zu sein; sie ist ein hinreißender Gesang gegen die Schmach des modernen und speziell des englischen Gefängnißlebens.

„Ein jedes Gefängniß, das Menschen gebaut,
Ist gebaut mit Quadern der Schande
Und mit Eisen verrammelt, damit Christus aus seinen Himmeln
Nicht sehe, wie Menschen ihre Brüder verstümmeln.“

Das Leben mußte diesen Schriftsteller erst in seine harte Faust nehmen, um aus ihm wirklich einen Dichter zu machen… Wilde hat sich von seiner Gefängnißzeit nicht mehr erholt. Sein letztes Werk wird weiterleben!

Berliner Tageblatt, 2.12.1900

Oskar Wilde +. Ein im innersten Kern zerstörtes Leben hat Freitag in Paris seinen Abschluß gefunden: Oskar Wilde, der „Aesthet“, der seinen Namen durch geistreiche Werke berühmt gemacht und seinen Ruf durch einen widerwärtigen Prozeß befleckt hat, ist in dem kleinen Hotel in der Rue des beaux arts gestorben, wo er nach verbüßter Gefängnißstrafe Zuflucht gesucht hatte.
Es ist auch nach dem Tode des merkwürdigen Mannes nicht leicht, über ihn ohne irrende Parteilichkeit zu urtheilen. Seine glänzenden Geistesgaben, seine hervorragende dichterische Befähigung vereinigten sich mit einer sittlichen Verworfenheit, die um so häßlicher wirkt, weil sie sich mit dem prunkvollen Mantel „schönheitsfreudigen freien Menschenthums“ zu umhüllen suchte. Seine Gedichte, seine Dramen, seine Romane – von denen „Dorian Grey“ wohl auch in Deutschland bekannt geworden ist – seine schwärmerischen und dabei doch scharfgeistigen Essays über seine neue Kunstanschauung verschafften ihm, als er auf der Höhe stand, in seinem Vaterlande eine Geltung, die oft in nahezu groteske Bewunderung ausartete, und die man doch verstehen konnte, wenn man Wilde an seinen landsmännischen Zeitgenossen maß. Um so jäher war der Sturz, der den gefeierten Modedichter in den dunkelsten Tiefen des Lasters verschwinden ließ. Und auch nach seinem Zusammenbruch war er noch nicht verloren. In seinem Pariser Exil (er lebte in der Seinestadt unter dem Namen Sebastian Memnoth) schrieb er eine Dichtung, die unter glücklicheren Umständen ausgereicht hätte, seinen Namen von Neuem bekannt zu machen: seine „Salome“, die Sarah Bernhardt nicht spielen wollte, und die dann, wenn die Erinnerung nicht täuscht, von dem wagemuthigen Luguct Poe gegeben wurde.
Es mag ein Trost für die Freunde des Dichters Oskar Wilde sein, daß sein Leben so in gewissem Sinne künstlerisch schön ausklang. Wie immer man über den Mann urtheilen mag: was er Uebles that, das that er vor allen Anderen sich selbst, uns aber hat er viele Werke von nicht gewöhnlicher Schönheit gegeben.

Neues Wiener Tagblatt, 2.12.00

(Oscar Wilde.) Die Nachricht von dem vorgestern in Paris erfolgten Hinscheiden des englischen Schriftstellers, die wir bereits im Abendblatte verzeichnet haben, weckt wieder die Erinnerung an einen Mann, der durch nahezu zwei Jahrzehnte durch sein Talent wie durch seine Excentricitäten, durch Erfolge wie durch Mißerfolge, in der ersten Reihe des literarischen und gesellschaftlichen England gestanden, und der in der letzten Zeit ein gänzlich Verschollener, dessen Name in den trüben Fluthen eines unerhörten Scandalprocesses untergegangen war. Als Sohn eines namhaftenAugenarztes, Alterthumsforschers, Statistikers und Schriftstellers in Dublin 1856 geboren, hatte er literarische Begabung in gleichem Maße auch von der Mutter geerbt, welche als Dichterin und Schriftstellerin bekannt gewesen. Nach glänzend absolvirten Studien erntete er, noch nicht 24 Jahre alt, seine ersten Erfolge mit der Veröffentlichung eines preisgekrönten Gedichtes „Ravenna“, in dem sich erstaunliche versificatorische Gewandtheit mit graciöser, an französische Muster erinnernder Frische verband. Mit Einem Schlage wurde er der anerkannte Führer der jüngeren englischen Dichterschule der Aestheten, die in der Literaturbewegung ein Seitenstück bieten wollten zur präraffaëlitischen Kunstbewegung. Gingen auch Andere, minder Talentirte, bald in Maniertheit unter, wurde auch Wilde ängstlich mmit seiner Präraffaëlitentracht das Gespött von London und Paris, wo er sehr oft weilte, so verstand er es doch, in seiner eigenen literarischen Production sich jahrelang auf einer respectablen Höhe zu halten. Nach großen moralischen und financiellen Erfolgen, die er als Conférencier über Kunst und Literatur in Amerika, England und Paris geerntet, errang er mit Werken, wie dem Drama „Vera“, dem satirischen Zeitmärchen „Der glückliche Prinz und andere Geschichten“, dann „Lady Windermere’s Fächer“ größte Anerkennung. Sein im Jahre 1893 aufgeführter Einacter „Eine unbedeutende Frau“ war ein durchschlagender Erfolg und die Einleitung einer ganzen Reihe ähnlicher Arbeiten, in denen geistsprühender Dialog, ein für die englische Prüderie ungewöhnlicher Cynismus und starke Blasirtheit die Hauptbestandtheile der Mache bilden. Auf dem Höhepunkt seiner Wirksamkeit stand er, als die englische Censur die Aufführung seiner einactigen Tragödie „Salome“ verbot, die dann in Paris von Sarah Bernhardt aufgeführt wurde. Im Jahre 1895 brach über Wilde die Katastrophe herein in Folge eines von ihm selbst angestrengten Verleumdungsprocesses, bei welchem sittliche Verirrungen des Dichters an den Tag kamen, an denen auch ein hervorragendes Mitglied der jungen englischen Aristokratie betheiligt gewesen war. Ein Strafproceß folgte, der im Jahre 1896 mit der Verurtheilung Wilde’s zu zweijährigem Gefängniß schloß. Die Wirkung dieser Enthüllungen war eine derartige, daß sämmtliche Theater Londons, welche Stücke Wilde’s aufführten, trotz der materiellen Einbuße, die sie hiedurch erlitten, seine Komödien vom Spielplan absetzen mußten. Nach verbüßter Strafe ließ sich Wilde in Paris nieder, noch immer schriftstellerisch thätig, aber gezwungen, sich unter verschleierter Anonymität zu verbergen. Er wählte die Chiffre „C 33“, vielleicht eine Erinnerung an die Zeit, wo er als Sträfling eine Nummer war. Noch im Jahre 1898 veröffentlichte er eine crasse und wuchtige Verbrechertragödie „The Ballad of Reading Gaol“, die so ungewöhnliches Aufsehen erregte, daß trotz des gesellschaftlichen Fluches, der auf Wilde’s Name lastete, die „Review of Reviews“ sich veranlaßt sah, die geheimnißvolle Autorchiffre aufzuklären. Oscar Wilde hinterläßt eine Witwe und zwei Kinder.

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Da offenbar niemand wußte, wer Alfred Taylor war:

Neue Freie Presse, 20.4.95

[Telegr.] London, 19. April. (Die Affaire Wilde-Taylor.) Oskar Wilde und Taylor wurden vor das Schwurgericht gewiesen. Die Hinterlegung einer Bürgschaft wurde abgelehnt.

(Ebenso Die Presse und Neues Wiener Journal, 20.4.)

Neue Freie Presse, 2.5.95

[Telegr.] London, 1. Mai. (Proceß Oskar Wilde.) Das Urtheil im Processe Wilde lautete auf Freisprechung, nachdem der Staatsanwalt die Anklage wegen strafbarer Verabredung und wegen Versuches der Begehung einer schweren Unsittlichkeit zurückgezogen und die Geschworenen betreffs der übrigen Anklagen sich nicht geeinigt hatten. – Eine später eingelaufene Depesche besagt: Nachdem Wilde und Taylor bezüglich der vom Staatsanwalte fallen gelassenen Anklagepunkte freigesprochen und in den Gewahrsam zurückgeführt waren, wurde der Antrag auf Stellung einer Bürgschaft für Wilde zurückgewiesen und eine neuerliche Verhandlung vor dem nächsten Schwurgerichte anberaumt.

(In einer oder zwei Meldungen in Die Presse, 2.5., Berliner Börsenzeitung, 2.5., Neues Wiener Journal, 2.5. und 3.5., Wiener Zeitung, 2.5., Norddeutsche allgemeine Zeitung, 2.5., Allgemeine Zeitung München, 2.5.)

Berliner Tageblatt, 2.5.

Der Fall Wilde vor dem Schwurgericht. Wir erhalten aus London, 1. Mai, das folgende Telegramm der Central News of Germany: In dem Kriminalprozesse gegen den Schriftsteller Oskar Wilde konnten sich die Geschworenen heute nach dreistündiger Berathung auf kein Urtheil einigen. Der Richter entließ die Geschworenen und ordnete an, daß beide Angeklagten von Neuem unter Anklage zu stellen und bis zum Verhandlungstermin in Haft zu behalten seien. Die Kautionsstellung wurde wiederum abgelehnt.

Volkszeitung, 2.5.

Der Prozess Wilde ist noch keineswegs beendet. Gestern wurde telegraphisch gemeldet, daß die Angeklagten Wilde und Taylor wegen der vom Staatsanwalt fallen gelassenen Anklagepunkte freigesprochen worden seien. Heute aber kommt uns die Nachricht zu, daß beide in ihr Gewahrsam zurückgeführt worden sind. Ein Antrag auf Bürgschaftsstellung für Oskar Wilde wurde vom Richter zurückgewiesen. Eine neuerliche Verhandlung wird vor dem nächsten Schwurgericht stattfinden.

Derweil weiß die Berliner Börsen-Zeitung, 26. 5., Aufsehenerrendes zu berichten:

Im Fall Wilde wird den „Münch. N. N.“ aus London, den 22. d., geschrieben: Gestern Nachmittag kam es auf einer der belebtesten Straßen Londons, in Piccadilly, zu einem scandalösen Auftritt. Der alte Marquis of Queensberry, der ursprüngliche Verfolger Wildes, begegnete dort zufällig seinem Sohn, dem Lord Douglas, dem Freund und Bürgen Wildes. Kaum sah der Sohn den Vater, als er ihm laut die Frage zurief, ob er nun gefällig aufhören wolle, seiner (des Lords) Frau Schandbriefe zu schreiben, und dann hinzufügte: „Sie haben mir gedroht; führen Sie nun Ihre Drohung aus; Sie Lügner und Verleumder!“ Der Marquis antwortete mit Flüchen und Schimpfworten und erklärte, er würde sich wenig fürchten, mit seinem Sohn, wo es auch sei, für 200 000 Mk. zu – boxen, er möge aber in Piccadilly keine Scene machen. Nun schlug der Sohn dem Vater den Cylinder vom Kopf; bevor es aber zu etwas Weiterem kam, trennte sie ein Polizeidiener. Der Skandal war damit nicht zu Ende, der alte Queensberry ging nun auf die andere Seite der Straße, der Sohn folgte, und im Augenblick war ein regelrechter Faustkampf im Gang! Nun eilten verschiedene Polizeidiener herbei, trennten die Kämpfenden, von denen der jüngere ein geschwollenes Auge hatte, und brachten sie auf die Polizeiwache. Der ganze Auftritt hatte natürlich eine gewaltige Menschenmasse angelockt, die dem alten Marquis eine kleine Ovation brachte, als er die Polizei verließ. Heute Morgen hatte sich das edle Paar wegen „unordentlicher Aufführung“ vor dem Polizeirichter zu verantworten. (Wie telegraphisch gemeldet, wurden Beide verurtheilt, 500 Pfd. Sterl. als Bürgschaft für ihr Wohlverhalten in den nächsten 6 Monaten zu stellen.)

Die Neue Freie Presse, 23.5.1895, vermeldet nur das Ergebnis:

[Telegr.] London, 22. Mai. (Aus dem Londoner High-life.) Marquis v. Queensberry und sein Sohn Lord Douglas erschienen heute vor dem Polizei-Gerichtshofe unter der Auflage der Aergerniß erregenden Aufführung. Beiden wurde aufgetragen, eine persönliche Bürgschaft von je 500 Pfund für ihr Verhalten in den nächsten 6 Monaten zu stellen.

Dito Die Presse, Berliner Tageblatt und Allgemeine Zeitung München, 23.5.

Es folgen ziemlich gleichlautende kurze Meldungen zum Urteil:

Arbeiter-Zeitung, 26.5.1895

London, 25. Mai. [Telegramm.] (Das Ende des Prozesses Wilde.) Die Jury sprach Oskar Wilde schuldig, worauf der Gerichtshof ihn und Taylor zu je zwei Jahren Zwangsarbeit verurtheilte.

(Auch Die Presse, Neue Freie Presse, Neues Wiener Journal, Wiener Zeitung, 26.5.95)

Englische Namen, schwere Namen: Deutsches Volksblatt, 26.5.95

London, 25. Mai. Die Jury sprach Oscar Wilde schuldig, worauf der Gerichtshof ihn und Tapler zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurtheilte.

Allgemeine Zeitung München, 27.5.

Der Wahrspruch der Geschworenen gegen Oscar Wilde wurde heute, am 25. Mai, gefällt. Er lautete auf schuldig. Der Gerichtshof hat in Folge dessen Wilde und dessen Mitschuldigen Taylor zu je zwei Jahren Zwangsarbeit verurtheilt.

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Wieder unter oft gleichem Wortlaut folgen nun ausführlichere Artikel.

Allgemeine Zeitung München, 7.4.

Der scandalöse Libellproceß, welchen der Schriftsteller Oskar Wilde gegen Lord Queensberry angestrengt hatte und der vor dem Old Bailey Criminal-Gericht unter ungeheurem Zudrang des Publicums zum Abschluß gebracht wurde, hat einen für den Kläger verhängnisvollen Ausgang gehabt. Nach Beendigung der Verhandlungen erklärte der Kronanwalt, er gebe seine Einwilligung zu einem Urtheilsspruche, der auf „Nichtschuldig!“ laute. Hiemit wird stillschweigend eine verbrecherische Handlungsweise des geistreichen Causeurs und erfolgreichen Dramatikers für erwiesen erachtet. Die Geschworenen fügten dem den Lord Queensberry freisprechenden Urtheil die Bemerkung hinzu, die Anklagen gegen Wilde beruhten auf Wahrheit und Lord Queensberry verdiene sogar den Dank der Nation, daß er Wilde an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt habe. (Bei dieser moralischen Bloßstellung und Verurtheilung wird es sein Bewenden jedoch nicht haben, denn es wurde gegen Oskar Wilde alsbald ein Haftbefehl erlassen, der, wie der Telegraph gemeldet hat, bereits zur Ausführung gelangt ist. Der Kläger von gestern befindet sich heute hinter Schloß und Riegel. D. Red.)

Neue Freie Presse, 8.4.95

London, 6. April. (Ein Scandalproceß.) Einer der größten Scandalprocesse, welcher in in England seit Jahren vorgekommen ist, eine Verleumdungsklage des Schriftstellers Oskar Wilde gegen den Marquis von Queensberry, fand gestern nach dreitägiger Verhandlung gottlob ihren frühzeitigen Abschluß. Oskar Wilde war früher der gefeierte Dichter der Damenwelt. Er galt als ein idealer, feinsinniger Poet, doch hat seine persönliche Eitelkeit und Gefallsucht stets Anstoß erregt. Der Marquis Queensberry hat nun Wilde einer verbrecherischen Unsittlichkeit beschuldigt, durch welche auch sein Sohn Lord Alfred Douglas, compromittirt wurde. Absichtlich, so erklärte der Marquis, wolle er die Sache auf die Spitze treiben, um seinen zwanzigjährigen Sohn zu retten. Die bei den Gerichtsverhandlungen an das Licht gekommenen Thatsachen waren so empörender Natur, daß die conservative St. James Gazette die Berichterstattung einstellte und sich auf die Mittheilung des Resultates beschränkte. Der Daily Chronicle erklärte seinen Lesern, daß er den Proceß nur in aller Kürze bringen könne.
Die Vertheidigung sucht am ersten Tage aus Oskar Wilde’s Schriften dessen verbrecherische Neigungen zu beweisen. In dieser Beziehung hat die zuerst in Lippincott’s Magazine veröffentlichte Novelle „Dorian Grey“ für den Criminal-Psychologen äußerst interessante Beiträge. Die am zweiten Tage verlesenen Briefe des Lord Alfred Douglas an Wilde und seine an diesen gerichtete Ode brachten ein Grabesschweigen im Gerichtssaale hervor. Auch die Briefe, welcher der junge Mann an seinen Vater, den Marquis Queensberry, gerichtet hatte, gelangten zur Verlesung. Dieselben enthüllten traurige Familienverhältnisse. In einem derselben heißt es: „Ich bin volljährig und mein eigener Herr, du hast mich schon zwölfmal enterben wollen. Wenn Oskar Wilde dich strafrechtlich belangen wollte, so würdest du sieben Jahre Zuchthaus bekommen. Obgleich ich dich verabscheue, will ich dennoch im Interesse unserer Familie es vermeiden. Wenn du mich angreifst, so werde ich mich mit dem Revolver vertheidigen. Es wäre völlig gerechtfertigt, wenn ich oder er dich erschösse, da wir uns nur vertheidigen würden gegen einen gefährlichen Raufbold. Ich glaube, nicht Viele würden dich vermissen, wenn du todt wärest.“ Einen unerwarteten Abschluß fand der Proceß gestern, als die Vertheidigung ihre Zeugen vorführen wollte. Der Anwalt Wilde’s, Sir Edward Clarke, erklärte zum allgemeinen Erstaunen, daß sein Client die Anklage zurückziehen und derselbe sich mit dem Verdict „Nichtschuldig“ zufrieden geben wolle. Der Anwalt des Marquis, Carson, hatte nichts dagegen einzuwenden. Die Jury verließ gar nicht ihre Bank, sondern gab sofort den Wahrspruch „Nichtschuldig“ ab. Oskar Wilde wurde noch gestern Nachmittags in einem Hotel in Chelsea verhaftet.

Die Presse, 8.4.

London, 6. April.
(Proceß Wilde gegen Marquis Queensberry.)
Einer der größten Scandalprocesse, welcher in England seit Jahren vorgekommen ist, die Verleumdungsklage des Schriftstellers Oskar Wilde gegen den Marquis von Queensberry, fand, wie schon berichtet, gestern nach dreitägiger Verhandlung gottlob ihren frühzeitigen Abschluß.
Der Marquis hatte bekanntlich Wilde des unzüchtigen Umganges mit seinem zwanzigjährigen Sohne Lord Alfred Douglas beschuldigt. Absichtlich, so erklärte der Marquis, wolle er die Sache auf die Spitze treiben, um seinen Sohn zu retten. Die bei den Gerichtsverhandlungen an das Licht gekommenen Thatsachen waren so empörender Natur, daß die conservative „St. James Gazette“ die Berichterstattung einstellte und sich auf die Mitteilung des Resultats beschränkte. Der „Daily Chronicle“ erklärte seinen Lesern, daß er im Interesse des öffentlichen Anstandes den Prozeß nur in aller Kürze bringen könne. Die allermeisten Londoner Zeitungen wählten allerdings einen anderen Weg und tischten ihren Lesern seitenlange Berichte auf, welche jedenfalls unermeßlichen Schaden gestiftet haben.
Die Vertheidigung suchte am ersten Tage aus Oskar Wildes Schriften dessen contrasexuale Eigenschaften zu beweisen. In dieser Beziehung bot die zuerst in „Lippincott’s Magazin“ veröffentlichte Novelle „Dorian Grey“ für den Criminal-Psychologen äußerst interessante Beiträge. Die am zweiten Tage verlesenen Briefe des Lord Alfred Douglas an Wilde und seine an diesen gerichtete Ode brachten ein Grabesschweigen im Gerichtssaal hervor. Auch die Briefe, welche der junge Mann an seinen Vater, den Marquis von Queensberry, gerichtet hatte, gelangten zur Verlesung. Dieselben enthüllten traurige Familienverhältnisse. In einem derselben heißt es: „Ich bin volljährig und mein eigener Herr. Du hast mich schon zwölfmal enterben wollen. Wenn Oskar Wilde Dich strafrechtlich belangen wollte, so würdest Du sieben Jahre Zuchthaus bekommen. Obgleich ich Dich verabscheue, will ich dennoch im Interesse unserer Familie es vermeiden. Wenn Du mich angreifst, so werde ich mich mit dem Revolver vertheidigen. Es wäre völlig gerechtfertigt, wenn ich oder er Dich erschösse, da wir uns nur verteidigen würden gegen einen gefährlichen Raufbold. Ich glaube, nicht Viele würden Dich vermissen, wenn Du tot wärest.“
Im Laufe der Verhandlung behauptete die Vertheidigung, daß Wilde verbotenen Umgang mit einer ganzen Anzahl junger Männer, unter Anderm mit Bediensteten des Savoy-Hotels, gepflogen habe. Einen unerwarteten Abschluß fand der Proceß, als die Vertheidigung ihre Zeugen vorführen wollte. Der Anwalt Wildes, Sir Edward Clarke, erklärte zum allgemeinen Erstaunen, daß sein Klient die Anklage zurückziehen und derselbe sich mit dem Verdict „Nichtschuldig“ zufrieden geben wolle. Der Anwalt des Marquis, Carson, hatte nichts dagegen einzuwenden. Die Jury verließ gar nicht ihre Bank, sondern gab sofort ihren Wahrspruch „Nichtschuldig“ ab. Oskar Wilde wurde noch gestern Nachmittags in einem Hotel in Chelsea verhaftet. Der Proceß könnte eine gute Folge haben, wenn er dazu diente, daß dergleichen Fälle endlich in England „in camera“ verhandelt würden. Dazu besteht aber wenig Aussicht. Die Engländer haben sich eine eigenthümliche Theorie vom „öffentlichen Interesse“ gebildet.

Die Volkszeitung, 9.4., hat schon ihr Urtheil Urteil gefällt:

Jenseits von Gut und Böse. In London regt gegenwärtig ein Skandalprozess die Gemüter des Publikums auf. Kläger war der Bühnendichter Oskar Wilde, den die Engländer ihren Sardon nannten und der als Führer der englischen „Decadenten“ galt. Dieser Wilde streute sich selber Weihrauch, seine Kleidung wurde von der goldenen Jugend nachgeäfft und seine geistreich sein sollenden Aussprüche wanderten als Oscarismen von Klub zu Klub. Der Marquis von Queensberry, dessen Sohn Alfred Douglas mit Wilde sehr intime Beziehungen unterhielt, gab eines Tages in Wilde’s Klub seine offene Visitenkarte ab, auf der er dem Schriftsteller unnatürliche Laster vorwarf. Wilde blieb nun nichts anderes übrig, als den Marquis wegen verbrecherischer Verleumdung zu belangen. Der Marquis verteidigte sich durch Antritt des Wahrheitsbeweises, und das zweitägige Kreuzverhör, mit dem sein Anwalt, der äußerst schneidige und geschickte Mr. Carson, den Schriftsteller bearbeitete, enthüllte eine so seltsame Geschichte, daß die Rollen zwischen Kläger und Beklagtem bald vertauscht waren und Wilde sich gegen eine Reihe von Anklagen zu verteidigen hatte, wie sie schwerer gegen einen Gentleman nicht erhoben werden können. Mr. Carson eröffnete seinen Angriff auf die Moralität des Schriftstellers mit einer Analyse seiner anrüchigen Novelle „Dorian Grey“, sowie mit einer Reihe von Phrasen und Philosophien für den Gebrauch der Jugend, die Wilde für eine Oxforder Studentenzeitung, das „Chamäleon“, geliefert hatte. Der „Schriftsteller“ antwortete hier dem „banausischen“ Rechtsanwalt als „echter Künstler“ mit Epigrammen und Paradoxen wie: „Es giebt kein solches Ding, wie ein unmoralisches Buch.“ – „Wenn ich ein Stück, ein Buch oder sonst etwas schreibe, so habe ich es nur mit Literatur, das heißt mit Kunst zu tun.“ – „Ich wünsche nicht, schlecht oder recht zu handeln, sondern ein Ding zu schaffen, das einige Qualität von Schönheit besitzt.“ – „Sich selbst zu verwirklichen, ist das erste Ziel des Lebens, und sich durch Lust zu verwirklichen, ist besser als durch Schmerz. Ich stehe hier ganz auf Seiten der Alten – der Griechen.“ – „Ich habe niemals einem Menschen eine Herrschaft über mein Herz eingeräumt.“ – Ich halte es für ganz natürlich, daß ein Künstler einen jungen Mann intensiv bewundert und liebt. Das ist eine Episode im Leben beinahe eines jeden Künstlers“ etc. Der zweite Pfeil auf Mr. Carlson’s Bogen waren vier Briefe, die Wilde an Lord Alfred Douglas geschrieben hatte. Sie waren in fremde Hände gefallen und Wilde hatte sie zurückgekauft. Einer kam zur Verlesung, den den Schriftsteller schwer belastete. Wilde meinte kühl: „Es ist gewiss kein gewöhnlicher Brief. Es ist ein schöner Brief. Nur ein Künstler kann ihn schreiben. Er ist ein Sonett in Prosa.“ Nach dieser Briefepisode zeigte Mr. Carson, daß der „vornehme Schriftsteller“ mit einer ganzen Reihe zweifelhafter junger Leute, Diener, Zeitungsjungen, Lehrlinge etc., befreundet war, mit ihnen dinierte, sie beschenkte und sich von ihnen duzen ließ. Was war die Veranlassung zu diesen seltsamen Freundschaften? „Oh“, lautete Wilde’s Antwort, „das Vergnügen an der Gesellschaft junger, glücklicher, sorgloser, origineller Leute… Für mich ist die bloße Tatsache der Jugend etwas so Wundervolles, daß ich eine halbe Stunde Plaudern mit einem jungen Manne selbst einem Kreuzverhör vor Gericht vorzöge.“
Der Prozess endete mit der Verweisung Wilde’s vor das Kriminalgericht. Er wurde verhaftet, als er eben von seinem Bankier kam. Er heuchelte bei seiner Festnehmung Gleichaftigkeit, aber sein Gesicht war bleich und arg verzerrt.“ Oskar Wilde, der die Frechheit hatte, seinen Beleidiger zu verklagen, wird sich jetzt gegen eine schwere Anklage zu verteidigen haben. Die Verbrechen, welche man ihm zur Last legt, werden in England mit langjähriger Zuchthausstrafe geahndet.

Dagegen findet sich ein sehr sympathischer Artikel im Berliner Tageblatt, 9.4. Nach heutigen Maßstäben ist er natürlich immer noch sehr wertend, aber man erkennt doch die gute Absicht des Schreibers.
Leider fehlen im Digitalisat einige Wörter am Rand des Artikels. Ich habe sie nach Möglichkeit rekonstruiert, teils auch geraten und teils wegen Ratlosigkeit weggelassen. Sie sind [in eckigen Klammern] zu finden.

Zum Prozeß Wilde.
London, 5. April.
Die Mänaden zerrissen Orpheus wegen Vergehens gegen § 175 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich. Die Träger der öffentlichen Meinung haben, obwohl die Gerichte noch nicht definitiv ihr Urtheil über Oskar Wilde, den Orpheus der Decadence Englands, gesprochen, ihn ebenfalls bereits zerrissen und ihn aus denselben Gründen moralisch wie gesellschaftlich zu tödten gesucht, aus denen es dem armen Ursänger schlecht gegangen ist. Auch literarisch sucht man Wilde nunmehr umzubringen. Diesseits und jenseits des Oceans stehen Stücke Wildes auf dem Repertoir. Hier in London giebt man gleichzeitig auf zwei verschiedenen Theatern: „An Ideal Husband“ und „The Importance of Being Earnest“. Die Vorstellungen waren gestern wie vorgestern sowohl im Haymarket wie im St. James Theater gut besucht und verlief ohne jede feindliche Demonstration gegen den angeklagten Dichter. Aber draußen auf dem Theaterzettel war auf Veranlassung der Direktoren der Name des Verfassers schwarz überpinselt, – [seine] schwarze Flagge, die in England gezogen wird, wenn der Henker den Deliquenten vom Brett gestoßen und er sich in der Luft todt zappelt. In Amerika hat man, wie uns der in dieser Angelegenheit für meinen Geschmack allzu heftig arbeitende Telegraph meldet, Aehnliches unternommen und eine Theaterdirektorin hat sogar „A Woman of Importance“ von dem Spielplan ihres Theaters abgesetzt. Dies wird ja nun, wenn wirklich etwas in den Wildeschen Arbeiten steckt, nicht hindern, daß sein Name, trotz des bürgerlichen und moralischen Todes des Trägers, in der Mitwelt und in der Nachwelt weiter leben wird, wie die eines Sokrates, eines Aristoteles eines Byron, eines Platen weiter gelebt haben. Das Moralische versteht sich immer von selbst, und darum war der Prozeß gegen den gefallenen Mann auf dem Theaterzettel eine überflüssige Demonstration, da Wilde, der Literat, ganz und gar nichts mit Wilde, dem Menschen, zu thun hat. In mehreren Blättern findet man [in] der voraussichtlichen Bestrafung Wildes eine Sühne für die Schändung unserer modernen Literatur überhaupt und jubelt darüber, daß [mit] der Bestrafung die Modernen von der Weiterverfolgung ihrer eingeschlagenen Richtung abgeschreckt werden würden. Man schließt, [wäre] Wilde persönlich moralisch verkommen, so müßten auch alle Literaten seiner Richtung verkommen sein und sich in der Scham ihrer [Laster] nicht weiter an das Tageslicht wagen. Wir brauchen nicht erst nachzuweisen, daß dies ein Trugschluß ist.
Man kann auch nicht einmal davon sprechen, daß der [Pe…?] Wilde die Verworfenheit der oberen Stände in England wiederspiegele. Das Leben der großen Städte zeitigt, namentlich in Kreisen, die den Genuß à tout prix, selbst um den der Selbstachtung auf ihre Fahne geschrieben haben, derartige scheußliche Laster, wie sie Wilde eigen waren. Dieselben sind selbst durch die Schärfe des Gesetzes nicht auszurotten. Sie existieren in Wien in wie in Berlin, in Paris wie in Petersburg. Typisch für die Londoner Gesellschaft ist der Fall nicht, wennschon es hier mehr Entnervte als in vielen anderen Städten giebt, da der reiche junge englische Edelmann nicht die ernste Arbeit kennt und nur dem Genuß lebt. Bei Wilde trifft der Vorwurf der Trägheit nicht zu. Aus ihr sind seine sträflichen Neigungen schwerlich hervorgegangen. Er hat stets gearbeitet, [ja,] war fleißig. Kein Jahr verging, ohne daß er der Bühne mindestens ein und meist interessantes Stück, wenn auch meist mit einer […] Moral lieferte. Wir glauben bei Wilde daher vielmehr an [eine] krankhafte Belastung. Wilde ist auch noch nicht so alt, daß wir sein Laster als die Ausgeburt eines eintretenden Senilismus ansehen können. Er ist krank. Sein Auftreten in dem Verleumdungs-Prozeß, die Thatsache selber, daß er denselben angestrengt hat, legen die Ansicht nahe, daß wir es mit einem Maniak zu thun haben. Schon nach dem ersten Tage der Verhandlung mußte er erkennen, daß seine Sache verloren war. Er entfloh nicht, er blieb, weil er für die Tragweite seiner That gar kein Verständniß hat. Er hat auch selbst dann nicht den Versuch der Flucht gemacht, als Lord Queensberry freigesprochen wurde, und er erfuhr, daß gegen ihn die Staatsanwaltschaft einschreiten würde. Der Versuch der Flucht im letzten Augenblicke wäre ihm freilich schwerlich gelungen, da er von den Queensberryschen Privat-Detectivs dauernd beobachtet wurde.
Wenn das Publikum sich zu dieser milderen Auffassung in der Beurtheilung Wildes bekehren würde, dann würde die Indignation gegen ihn vielleicht weniger groß sein. Der Wildesche Fall ist meiner Ansicht nach viel eher ein solcher für Beobachtung in einer Irrenanstalt als für Bestrafung in einem Gefängniß.
Das Beklagenswerthe ist, daß Wilde verheirathet ist und zwei Kinder hat. Die Frau muß jahrelang geduldet und geschwiegen haben um des Namens ihrer Kinder willen. Sie muß ein Engel von Güte und treuer Mutterpflicht-Erfüllung sein. Aber alle ihre Diskretion hat nichts geholfen. Der Tag furchtbarer Rache ist ohne ihr Zuthun gekommen.
Und da kommen wir nun auf die Individuen in dem Prozeß, deren Thun und Treiben allerdings beste Streiflichter auf die traurigen Familienverhältnisse in der englischen Aristokratie wirft. Wir meinen Lord Queensberry und seinen Sohn Baron Alfred Douglas. Weder der Vater noch der Sohn genießen großes Ansehen in der Gesellschaft. Ersterer ist von seiner ersten Frau geschieden, und eine zweite Ehe wurde auf Forderung der Frau für null und nichtig erklärt. Für seine Empfindungswelt mag der Umstand einen Maßstab bieten, daß er als der Verfasser der von den professionellen Boxern angenommenen Regeln für den Ring gilt. Seit Jahren sah er seinen Sohn, der seine Karriere in Oxford aufgegeben hatte, ohne es zu einem Abschluß zu bringen in den Händen Wildes, dessen Lebensführung in schriftstellerischen und Theaterkreisen kein Geheimnis war. Erblickte er in diesen Beziehungen einen seinem dreihundertjährigen Adelsschild angethanen Schimpf? Oder wollte er wirklich seinen Sohn aus der Lasterhöhle retten? Er führte den Schlag, wie es des Verfassers des Boxer-Codex würdig, mitten in das Gesicht der öffentlichen Meinung, indem er den trotz seiner verächtlichen Sitten viel umschwärmten Dichter, in dessen Gesichtsausdruck mich übrigens Vieles an die Physiognomie des unglücklichen verstorbenen Königs Ludwig von Bayern erinnert, eines Vergehens bezichtigte, welches die Gesetze mit schwerer Strafe und die öffentliche Meinung mit Verachtung belegt. Der Marquis weiß, daß er damit seinen Sohn kompromittirt, einen 25jährigen Burschen, dem allerdings jedes moralische Empfinden und jedes Pietätsgefühl abgeht. Dennoch unternimmt er den Schritt mit dem Erfolge, den wir kennen. Ob aber Baron Douglas nicht noch dasselbe Geschick ereilt wie Herrn Wilde, ist noch nicht ausgemacht, dann hätte freilich Lord Queensberry wohl weit über das verfolgte Ziel hinausgeschossen, und der Applaus seiner Freunde nach Beendigung des Beleidigungs-Prozesses dürfte ihn schwerlich für diese Eventualität entschädigen.
Das indignirte Publikum folgt dem Prozesse mit der Gier eines Assafötida-Fressers, der Bandwurm der Entrüstung geht danach kolonnenweise ab. Cant, Cant nichts als Cant.

Berliner Börsen-Zeitung, 9.4.

Wir haben bereits telegraphisch über den Ausgang des Processes berichtet, den der Englische Dramatiker Oskar Wilde gegen den Marquis Queensberry in London angestrengt hatte. Der Lord wurde freigesprochen; der Kläger Wilde erscheint nun als Angeklagter in einem zweiten Scandalprocesse, der wohl demnächst stattfinden wird, nachdem er bereits am Sonnabend verhaftet worden ist. Wilde, ein 40jähriger Mann und Familienvater, war nicht blos ein berühmter und populärer Dichter, sondern auch ein allbekanntes Mitglied der Londoner haute volée. Er ist Schöngeist und excentrisch, die Seele der „ästhetischen“ Bewegung in England, deren Jünger als Symbol eien Lilie in der Hand zu tragen pflegten und welche in Sullivans „Mikado“ so vortrefflich carricirt ist. Auch der Marquis von Queensberry gehört zur Klasse der Excentricisten. Bei der Erstaufführung von Oskar Wildes „The importance of being earnest“ (Die Nothwendigkeit ernst zu sein“) erschien er mit einem ungeheueren – Gemüsebouquet im Theater. Als ihm ein Polizist den Eintritt damit verweigerte, warf er den sonderbaren Strauß durch den Schalter des Kassenfensters dem Billetverkäufer an den Kopf mit der Bemerkung, es sei für Oskar Wilde bestimmt. Die beleidigenden Aeußerungen Lord Queensberrys waren auf einer von diesem dem Portier des Albemarle-Clubs für Wilde übergebenen offenen Visitenkarte enthalten. Der Marquis hatte, wie seiner Zeit berichtet, Wilde des unzüchtigen Umganges mit seinem zwanzigjährigen Sohne, Lord Alfred Douglas, beschuldigt. Absichtlich, so erklärte der Marquis, wolle er die Sache auf die Spitze treiben, um seinen Sohn zu retten. Die bei den Gerichtsverhandlungen an das Licht gekommenen Thatsachen waren so empörender Natur, daß die conservative „St. James Gazette“ die Berichterstattung einstellte und sich auf die Mitteilung des Resultats beschränkte. Der „Daily Chronicle“ erklärte seinen Lesern, daß er im Interesse des öffentlichen Anstandes den Prozeß nur in aller Kürze bringen könne. Die allermeisten Londoner Zeitungen wählten allerdings einen anderen Weg und tischten ihren Lesern seitenlange Berichte auf, welche jedenfalls unermeßlichen Schaden gestiftet haben. – Die Vertheidigung suchte am ersten Tage aus Oskar Wildes Schriften dessen contrasexuale Eigenschaften zu beweisen. In dieser Beziehung bot die zuerst in „Lippincotts Magazin“ veröffentlichte Novelle „Dorian Grey“ für den Criminalpsychologen äußerst interessante Beiträge. DIe am zweiten Tage verlesenen Briefe des Lord Alfred Douglas an Wilde und seine an diesen gerichtete Ode brachten ein Grabesschweigen im Gerichtssaal hervor. Auch die Briefe, welche der junge Mann an seinen Vater, den Marquis von Queensberry, gerichtet hatte, gelangten zur Verlesung. Dieselben enthüllten traurige Familienverhältnisse. In einem derselben heißt es: „Ich bin volljährig und mein eigener Herr. Du hast mich schon zwölf Mal enterben wollen. Wenn Oskar Wilde Dich strafrechtlich belangen wollte, so würdest Du sieben Jahre Zuchthaus bekommen. Obgleich ich Dich verabscheue, will ich dennoch im Interesse unserer Familie es vermeiden. Wenn Du mich angreifst, so werde ich mich mit dem Revolver vertheidigen. Es wäre völlig gerechtfertigt, wenn ich oder er Dich erschösse, da wir uns nur verteidigen würden gegen einen gefährlichen Raufbold. Ich glaube, nicht Viele würden Dich vermissen, wenn Du tot wärest.“ Im Laufe der Verhandlung behauptete die Vertheidigung, daß Wilde verbotenen Umgang mit einer ganzen Anzahl junger Männer, u. a. mit Bediensteten des Savoy-Hotels, gepflogen habe. Einen unerwarteten Abschluß fand der Proceß, als die Vertheidigung ihre Zeugen vorführen wollte. Der Anwalt Wildes, Sir Edward Clarke, erklärte zum allgemeinen Erstaunen, daß sein Klient die Anklage zurückziehen und derselbe sich mit dem Verdict „Nichtschuldig“ zufrieden geben wolle. Der Anwalt des Marquis, Carson, hatte nichts dagegen einzuwenden.

Berliner Gerichts-Zeitung, 11.4.

Der verhaftete englische Dramatiker Oskar Wilde, ein 40jähriger Mann und Familienvater, war nicht bloß ein berühmter und populärer Dichter, sondern auch ein allbekanntes Mitglied der Londoner haute volée. Er ist Schöngeist und excentrisch, die Seele der „ästhetischen“ Bewegung in England, deren Jünger als Symbol eine Lilie in der Hand zu tragen pflegten, und welche in Sullivans „Mikado“ so vortrefflich karrikiert ist. Auch der Marquis von Queensberry gehört zur Klasse der Excentrizisten. Bei der Erstaufführung von Oskar Wildes „The importance of being earnest“ (Die Notwendigkeit ernst zu sein) erschien er mit einem ungeheueren – Gemüsebouquet im Theater. Als ihm ein Polizist den Eintritt damit verweigerte, warf er den sonderbaren Strauß durch den Schalter des Kassenfensters dem Billetverkäufer an den Kopf mit der Bemerkung, es sei für Oskar Wilde bestimmt. Die beleidigenden Aeußerungen Lord Queensberrys waren auf einer von diesem dem Portier des Albemarle-Klubs für Wilde übergebenen offenen Visitenkarte enthalten. Der Marquis hatte Wilde des unzüchtigen Umganges mit seinem 20jährigen Sohne, Lord Alfred Douglas, beschuldigt. Absichtlich, so erklärte der Marquis, wolle er die Sache auf die Spitze treiben, um seinen Sohn zu retten. Die bei den Gerichtsverhandlungen an das Licht gekommenen Thatsachen waren so empörender Natur, daß die Konservative „St. James Gazette“ die Berichterstattung einstellte und sich auf die Mitteilung des Resultats beschränkte. Der „Daily Chronicle“ erklärte seinen Lesern, daß er im Interesse des öffentlichen Anstandes den Prozeß nur in aller Kürze bringen könne. Die allermeisten Londoner Zeitungen wählten allerdings einen anderen Weg und tischten ihren Lesern seitenlange Berichte auf, welche jedenfalls unermeßlichen Schaden gestiftet haben. – Die Verteidigung suchte am ersten Tage aus Oskar Wildes Schriften dessen kontrasexuale Eigenschaften zu beweisen. In dieser Beziehung bot die zuerst in „Lippincotts Magazin“ veröffentlichte Novelle „Dorian Grey“ für den Kriminalpsychologen äußerst interessante Beiträge. Die am zweiten Tage verlesenen Briefe des Lord Alfred Douglas an Wilde und seine an diesen gerichtete Ode brachten ein Grabesschweigen im Gerichtssaal hervor. Auch die Briefe, welche der junge Mann an seinen Vater, den Marquis von Queensbery, gerichtet hatte, gelangten zur Verlesung. Dieselben enthüllten traurige Familienverhältnisse. In einem derselben heißt es: „Ich bin volljährig und mein eigener Herr. Du hast mich schon zwölf Mal enterben wollen. Wenn Oskar Wilde Dich strafrechtlich belangen wollte, so würdest Du sieben Jahre Zuchthaus bekommen. Obgleich ich Dich verabscheue, will ich dennoch im Interesse unserer Familie es vermeiden. Wenn Du mich angreifst, so werde ich mich mit dem Revolver verteidigen. Es wäre völlig gerechtfertigt, wenn ich oder er Dich erschösse, da wir uns nur verteidigen würden gegen einen gefährlichen Raufbold. Ich glaube, nicht viele würden Dich vermissen, wenn Du tot wärest.“ Im Laufe der Verhandlung behauptete die Verteidigung, daß Wilde verbotenen Umgang mit einer ganzen Anzahl junger Männer, u. a. mit Bediensteten des Savoy-Hotels, gepflogen habe. Einen unerwarteten Abschluß fand der Prozeß, als die Verteidigung ihre Zeugen vorführen wollte. Der Anwalt Wildes, Sir Edward Clarke, erklärte zum allgemeinen Erstaunen, daß sein Klient die Anklage zurückziehen und derselbe sich mit dem Verdikt „Nichtschuldig“ zufrieden geben wolle. Der Anwalt des Marquis, Carson, hatte nichts dagegen einzuwenden.

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Vor langer Zeit, wahrscheinlich als ich mir die Oscar-Wilde-Box der BBC zulegte, betrieb ich zum Thema ein bißchen Recherche. Namentlich: Was schrieben deutschsprachige Blätter zu den zwei großen Schlagzeilen im Leben des Schriftstellers – seinem Prozeß und seinem Tod? Das Ergebnis ist nicht uninteressant, erkennt man doch mit Zeitabstand wesentlich besser etwas, das es auch heute noch gibt: Berichterstattung aus einem politisch oder weltanschaulich geprägten Blickwinkel (ganz zu schweigen von dem sturen Abschreiben ganzer Artikel).

Weil ich am Wochenende das Grundgerüst für einen eventuell zu veröffentlichenden Blogeintrag zur zeitgenössischen Berichterstattung über Abd-ru-shin und die Gralssiedlung erstellte (sprich: Ich tippte alle Artikel ab!
G e s p e r r t e Wörter sollten verboten werden, sage ich nur. Wobei… heute gibt es sie ja, glaube ich, gar nicht mehr), kam mir der Gedanke, meine Wilde-Sammlung hier zu präsentieren. Kein Anspruch auf Vollständigkeit natürlich; ich kann nur vorstellen, was digitalisiert wurde und was ich finden konnte.
Sämtliche Rechtschreibfehler bzw. veraltete Schreibweisen *sollten* auf Vorlage beruhen, aber ich will nicht ausschließen, daß der eine oder andere Tippfehler von mir stammt. Alle Falschinformationen (Salome wurde nicht im Exil geschrieben, beispielsweise, und es war nicht The Mikado, sondern Patience) sind definitiv original. Oh, und: G e s p e r r t e Wörter habe ich entsperrt.


Der Rummel beginnt

Die meisten Blätter beschränken sich zunächst auf entweder eine Meldung, der in der nächsten Ausgabe ein Nachtrag folgt, oder, wenn die Drucklegung spät erfolgte, gleich auf eine kombinierte Meldung. Zum Beispiel die
Norddeutsche allgemeine Zeitung, 6.4.1895

London, Freitag 5. April. Gegen den Schriftsteller Oskar Wilde ist ein Verhaftsbefehl erlassen worden in Folge des Ausganges der Verleumdungsklage Wildes gegen den Marquis v. Queensberry, die heute mit der Freisprechung des Marquis endete.
London, Freitag 5. April. Im Laufe des Abends ist die Verhaftung des Schriftstellers Wilde ausgeführt worden.

oder die von mir sehr geschätzte
Neue Freie Presse, 6.4.95

London, 5. April. In Folge des Ausganges einer Verleumdungsklage des Schriftstellers Oskar Wilde gegen Marquis Queensberry, welche mit der Freisprechung des Marquis endete, wurde gegen den genannten Schriftsteller ein Verhaftsbefehl erlassen und derselbe heute Abends verhaftet.

Ähnlicher bis gleicher Wortlaut in der Berliner Börsen-Zeitung, 6.4.95, der Allgemeinen Zeitung München, 6.4., Das Vaterland, 6.4., Deutsches Volksblatt, 6.4., Wiener Zeitung, 6.4., sowie die Berliner Gerichts-Zeitung, 9.4.
Mehr zu sagen hat die
Volkszeitung, 6.4.95

Eine böse Skandalaffaire erregt in London ungeheures Aufsehen. Der Schriftsteller Oscar Wilde, einer der am meisten gefeierten englischen Dramatiker und Mitglied eines der „vornehmsten“ Londoner Klubs, war von dem Lord Queensberry öffentlich beschuldigt worden, sich in sittlicher Beziehung schwer vergangen und eine Anzahl von jungen Leuten aus der „besten“ Gesellschaft zur Begehung beziehungsweise zur Duldung von Sittlichkeitsverbrechen verleitet zu haben. Der so schwer Beschuldigte erhob infolgedessen gegen Lord Queensberry die Klage wegen Verleumdung. Die Sache wurde am Donnerstag und Freitag vor dem Londoner Gericht verhandelt. Nach Schluss der umfangreichen Beweisaufnahme erklärte, wie aus London gemeldet wird, der Kronanwalt, er gebe seine Einwilligung zu einem Urteilsspruche, der auf Nichtschuldig lautete. Die Geschworenen fügten dem den Lord Queensberry freisprechenden Urteil die Bemerkung hinzu, die Anklagen gegen Wilde beruhten auf Wahrheit und Lord Queensberry verdiene den Dank der Nation, daß er Wilde an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt habe. – Gegen Wilde wurde alsbald ein Haftbefehl erlassen.
Im Laufe des gestrigen Abends ist, wie telegraphisch gemeldet wird, die Verhaftung Wilde’s ausgeführt worden.

Oder
Die Presse, 6.4.

(Eine Londoner Scandal-Affaire.) Aus London wird dem “Ill. Wr. Extrabl.“ gemeldet: „Der vom Dramatiker Oskar Wilde gegen den Marquis Queensberry angestrengte Proceß wegen Charakterschmähung endete nach dreitägiger Verhandlung mit der glänzenden Freisprechung des Angeklagten. Marquis Queensberry hatte den Wahrheitsbeweis für die Beschuldigung angetreten, daß Wilde Sittlichkeitsverbrechen verübt habe. Die Jury erkannte die Beschuldigung für wahr, worauf Wilde selbst im letzten Augenblicke von der Anklage zurücktrat, aber zu spät. Oskar Wilde wurde gestern Abends verhaftet und in das Gefängnis in der Bow Street abgeführt. Hier stattete ihm Lord Alfred Douglas, der Sohn des Marquis Queensberry, einen Besuch ab. Als Wilde verhaftet wurde, hatte er bereits seine Koffer gepackt. Er war offenbar im Begriffe, in das Ausland zu flüchten. Der sensationelle Schluß des Processes erregt in allen Kreisen das größte Aufsehen. Zwei Londoner Theater, welche allabendlich Wilde’s Dramen aufführen, beseitigten sofort Wilde’s Namen von den Placaten und Theaterzetteln. – Ein zweiter Bericht meldet: „Ungeheure Sensation wurde gestern dadurch hervorgerufen, daß der Kronanwalt in dem Wilde’schen Libellprocesse gegen Lord Queensberry feierlichst erklärte, er gebe seine Einwilligung zu einem Urteilsspruche, der auf „Nichtschuldig“ laute. Hiermit wird stillschweigend eine verbrecherische Handlungsweise des geistreichen Causeurs und gefeierten Dramatikers für erwiesen erachtet und dieser selbst wird fortan von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die Geschworenen fügten dem den Lord Queensberry freisprechenden Urtheil die Bemerkung hinzu, die Anklagen gegen Wilde beruhten auf Wahrheit und Lord Queensberry verdiene den Dank der Nation, daß er Wilde an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt habe.“

Auch
Berliner Gerichts-Zeitung, 6.4.

Eine Kriminal-Verhandlung gegen den Marquis of Queensberry, welcher angeklagt ist, den dramatischen Schriftsteller Oskar Wilde schwer verleumdet zu haben, ist in London, im Old Bailey Kriminal-Gericht eröffnet worden. Lord Queensberry händigte seinerzeit seine Visitenkarte dem Portier des Klubs, in welchem Oskar Wilde Mitglied ist, für letzteren aus. Auf der Karte waren in Bleistift Worte geschrieben, welche Wilde unnatürlicher Vergehen bezichtigten, ihn auch anklagten, jüngere Mitglieder der englischen Aristokratie zu derartigen Vergehen verleitet resp. angestiftet zu haben. – Der Gerichtssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, da der Fall ungeheures Aufsehen erregt. – Weiter wird hierzu folgendes gemeldet: In der Verhandlung gegen den Marquis of Queensberry gab der Anwalt Wildes zu, daß dieser einen etwas übertriebenen Brief an den Sohn des Lord Queensberry, Lord Alfred Douglas, geschrieben und in diesem Briefe den Empfang eines Gedichtes bestätigt habe. Die Briefe des Lord Alfred seien gestohlen worden. Die Diebe derselben hätten versucht, von Wilde Geld zu erpressen, indem sie mit der Veröffentlichung der Originale drohten. Wilde habe die Ueberfahrt für einen der Erpresser bezahlt, habe sich jedoch geweigert, anderen Geld zu verabfolgen. Die Briefe Wildes an Douglas wurden dann in der Verhandlung vorgelesen. Sie bewegten sich insgesamt in anzüglichen, leidenschaftlich sinnlichen Ausdrücken. Wilde behauptet, es seien Gedichte, im Dienst der wahren Kunst abgefaßt. Das Kreuzverhör durch den berühmten irischen Rechtsanwalt Carson zeigte sehr schnell, daß die Verteidigung auf außerordentlich starken Füßen stand. Wilde gab zu, daß der eine Erpresser namens Wood, den er bezahlt habe, um nach Amerika zu gehen, sein beständiger Gefährte gewesen sei, und daß sie allnächtlich Hotels und Restaurants zusammen besuchten, obgleich Woods gesellschaftliche Stellung weit unter der seinigen gewesen sei. Wilde gab ferner zu, den Knaben Shelley, der im Dienste seines Verlegers gestanden, mit zu sich in sein Haus genommen, ihm allein ein Diner gegeben, ihn mit Wein regaliert und ihm Geld geschenkt habe. Er habe ihn auch in Theater und Restaurants geführt, habe mit ihm in Privatzimmern diniert und soupiert. Wilde räumte ferner ein, daß er den Knaben Conway zufällig im Seebade getroffen, ihm Kleider gekauft, Geschenke gemacht, ihn nach Brighton mitgenommen und im dortigen Hotel ein an dasjenige des Knaben anstoßendes Zimmer bewohnt habe. Trotz all dieser schwerwiegenden Umstände leugnete Wilde mit Nachdruck jeden unnatürlichen Verkehr mit ihm und entwickelte in seinen Argumenten mit den Advokaten der Gegenpartei eine bewundernswerte Gewandtheit in der Rede. Die Verleumdungsklage endete nach dreitägiger Verhandlung mit glänzender Freisprechung des Angeklagten. Queensberry hatte den Wahrheitsbeweis geführt für seine Beschuldigung, daß Wilde mit seinem Sohne Lord Alfred Douglas und anderen jungen Männern unzüchtige Handlungen getrieben hätte. Die Geschworenen fanden die Beschuldigung im wesentlichen wahr. Wilde wird voraussichtlich in Anklagezustand versetzt werden.

Tags darauf wird dann in allen Zeitungen sehr ähnlich berichtet:

Neue Freie Presse, 7.4.95

[Telegr.] London, 6. April. (Sittlichkeits-Verbrechen.) Der Schriftsteller Oskar Wilde, welcher gegen den Marquis von Queensberry einen Proceß wegen Charakterschmähung angestrengt hatte und im Verlaufe der Verhandlung selbst mehrerer Sittlichkeits-Verbrechen beschuldigt und sodann verhaftet wurde, erschien heute vor dem Polizeigerichte. Die Beweisaufnahme gestaltete sich sehr belastend. Das Gericht lehnte die Freilassung des Beschuldigten gegen Bürgschaft ab.

(Ebenfalls Das Vaterland, Deutsches Volksblatt, Die Presse, Wiener Zeitung, Berliner Börsen-Zeitung, Berliner Tageblatt, Volkszeitung oder Norddeutsche allgemeine Zeitung, alle vom 7.4.)

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