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Archive for the ‘(Neben-)Beruf’ Category

Im neuesten Journal der T. E. Lawrence Society wurden die ersten Beiträge aus dem Symposium 2018 abgedruckt, einer davon von Alexander Will, der für Peter Thorau eingesprungen war und über Lawrences Bekanntheitsgrad bei den Mittelmächten sowie nach dem Krieg in Deutschland und Österreich referierte. Gar nicht mal wenige Sätze fielen dabei auch zu Dagobert von Mikusch; ich fremdfreute mich direkt über das ausgesprochene Lob. Allerdings hat meine wesentlich spezialisiertere Recherche dazu, die man ja nun wahrhaftig nicht von Will/Thorau erwarten konnte, inzwischen zu teilweise ganz anderen Ergebnissen geführt, aber das tut der Sache keinen Abbruch.
Ich liege derzeit in den letzten Zügen mit meinem Paper über Mikusch; warte eigentlich noch auf eine Rückmeldung der Newsletter-Redaktion (die dummerweise gerade einen neuen Verantwortlichen sucht), aber wie so oft fast immer in dieser Recherche herrscht mal wieder tiefes und ausdauerndes Schweigen im Walde. Der Fluch des Oberst Lawrence. Nun ja. Dann wird halt eine Fußnote nicht ganz stimmen oder eine doppelte Quelle haben; sei’s drum.

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Bei der Sichtung, was seinen Weg zu Momox finden soll und was nicht, wieder zur Hand genommen: Behind the Lawrence Legend und The Boy in the Mask. Ich kann mich von beiden Büchern nicht trennen. Sie beschreiben, jedes auf seine Art, die Freuden des Recherchierens so perfekt. Die Personen, denen man begegnet. Die toten Enden. Die ungeahnten Schatzfunde. Und auch lange, frustrierende Fleißarbeit. (Gestern zum Beispiel fast den gesamten Tag damit verbracht, digitalisierte Zeitungen auf Meldungen hin durchzusehen. Einzige vorhandene Suchfunktion: Die eigenen Augen.) Sie fassen das zusammen, was das ganze ausmacht, und sie sind eine Liebeserklärung, die jeder, der ähnliches unternommen hat, sofort versteht. Bei mir kamen so viele Erinnerungen wieder hoch! Das Endprodukt, eine Biographie, ist ja nur die Hälfte der Geschichte. Ich habe während der Marta-Recherche oft gewitzelt, ich müßte ein Making of schreiben. Und immer war da das schwer in Worte zu fassende Gefühl, Fäden aus anderen Leben aufzunehmen und weiterzuführen, neu zu verknüpfen. Was Marta und Trude und all die anderen wohl dazu gesagt hätten, daß ihre Freunde und Verwandten und deren Nachfahren plötzlich aktiviert und miteinander verbunden würden?

Dabei kurioser Fund diese Woche: Dagobert von Mikusch schrieb an einen Bekannten in der Steiermark, ehemals Oberleutnant, also mit größter Wahrscheinlichkeit einer seiner Kriegskameraden. Geboren, aufgewachsen und zum Zeitpunkt des Ersten Weltkrieges wohnhaft war dieser Oberleutnant in St. Ingbert. Bergmann von Beruf, wie nicht überrascht. Ich mußte blinzeln und etwas schief lächeln. St. Ingbert, die alte Heimat meiner Kleehaas-Seite (einige entfernte Verwandte leben noch dort), bevor die Altvorderen weiterzogen in den Ruhrpott und im Falle meines Großvaters dann von dort nach Norddeutschland.

An all die Personen, denen ich im Laufe meiner Recherchen begegnen durfte, also an dieser Stelle noch einmal: Es war eine Freude und eine Ehre, Sie/euch kennenlernen zu dürfen. Mir wurden Inkunabel-Sammlungen und Berliner Zimmer gezeigt, kofferweise Material überlassen, ich wurde zum Essen eingeladen, und wir haben gemeinsam an Lösungen und Zusammenhängen gekniffelt. Man hat mir Brote geschmiert und mich zum Bahnhof und/oder Hotel gefahren. Kontakte wurden vermittelt und Verwandtschaften neu entdeckt. Ich erhielt Einblicke hinter vermeintlich heile Fassaden und in vergessene Stadtviertelgeschichten. Häuser mit Vergangenheit wurden aufgesucht, Archivare haben sich für meine Suche begeistern lassen, und ohne diverse unbürokratische Verwaltungsangestellte wäre ich nie ans Ziel gekommen. Ganz, ganz herzlichen Dank an alle!

Ich liebe Recherche.

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Irgendjemand hat ganz klar etwas gegen meine jetzige Recherche. Entweder bekomme ich keine Rückmeldung (sehr auffällig diesmal) oder die Leute wissen nichts, und nun, da ich nach wirklicher Hochleistungsermittlung eine Beinahe-Zeugin ausfindig machen konnte, was passiert? a) Sie kommt nicht durch, weil Muttern die Leitung blockiert, b) bevor ich sie zurückrufen kann, fällt sie die Treppe hinunter. Ernsthaft.
Ich bin ein großer Fan von Ironie. Aber irgendwo hört’s dann auch auf. Allmählich fange ich an zu glauben, daß all die Verschwörungstheorien um Lawrence stimmen. Er wurde umgebracht. All die Leute, die mir etwas erzählen könnten, starben entweder eines verdächtig frühen Todes oder schweigen eisern, und wenn jemand bereit ist zu reden, erleidet er/sie einen Unfall…
(Leseempfehlung: The Murder of Lawrence of Arabia von Matthew Eden!)

Sollte also auch ich plötzlich verstummen und dieser Beitrag auf mysteriöse Weise gelöscht werden, ist tatsächlich was dran.

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The job of researchers is to try to assemble the pieces, which do not always fit together smoothly: no single piece of evidence tells the whole story, and the researchers must try to assemble them in a way that gives the best fit on the basis of their expert knowledge of similar material and its wider contexts. This is the case for all academic research.

(Maev Kennedy, Lin Foxhall: The Bones of a King)

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Es gibt Punkte in der Recherche, an denen man nicht weiterkommt, weil die wesentlichen Kontakte fehlen und sich nicht herstellen lassen. So geschehen bei meinen Bemühungen um die beiden Einheiten, die 1945 Berlin-Tempelhof einnahmen. In russischen Militärforen, wo ja nun mal die Experten sitzen, wurde ich entweder ignoriert (Frau! Deutsche! Und spricht kein fließendes Russisch!) oder bei der Registrierung gar nicht erst akzeptiert. Über Kontakte, die vielleicht Kontakte hätten, klappte auch nichts. Da soll man nun was machen.

Gleiche Geschichte bei der eigentlich sehr interessanten Recherche nach einem Brief T. E. Lawrences „an einen deutschen Offizier“. Die wenigen, extrem vagen Anhaltspunkte, die mir dazu vorliegen, scheinen mir (muß nicht stimmen, daher ja Recherche) auf Dagobert von Mikusch-Buchberg hinzudeuten, den deutschen Übersetzer von Seven Pillars und der Kurzfassung Revolt in the Desert. Es gibt ein wenig, aber nicht wirklich viel Literatur über Herrn Mikusch. Und was ich bei der 8. Gardearmee noch irgendwo verstehe (wenn auch albern finde), leuchtet mir in diesem Fall nicht ein. Wir sprechen hier von T. E. Lawrence, über den jedes Jahr mindestens ein neues Buch erscheint. Und über einen Einheimischen, dessen Familie jetzt nicht wirklich schwer zu ergoogeln ist. Aber keiner rührt sich. Weder Lawrences „offizieller Biograph“ läßt sich herab, mal zu antworten, noch Mikuschs Angehörige. (Eine davon war gerade erst in den Nachrichten, zu meinem Amüsement.) Und auch bei der Recherche über Reinhard Hüber, der den Brief als erster zitierte, reagiert fast niemand. (Ausnahme Sven Olaf Berggötz – meinen herzlichsten Dank!) Was soll man da machen?

Vielleicht bin ich verwöhnt. Bei der Marta-Recherche wurde ich so offen und selbstverständlich aufgenommen, daß es mich oft verblüffte. Daß man nicht als Grundhaltung mißtrauisch beäugt und aller möglichen Dinge verdächtigt oder aber geringschätzt wurde, empfand ich so wohltuend in unserer heutigen Zeit, und es gab mir Hoffnung. Auch bei Jolanthe Marès stieß ich nie auf Argwohn oder Zurückhaltung. Wundervoll. Aber möglicherweise war das doch die Ausnahme, und nun begegne ich der Norm.

Nachtrag 23.12.18

Michael Yardley zitiert in Backing into the Limelight Stanley Weintraubs Private Shaw and Public Shaw nach „Erik Lonroth“ (nehmen wir Erik Lönnroth), daß ein Kurt von Ludecke (eher Kurt Lüdecke? Nicht alle Deutschen sind „von“s, you know) 1932 Lawrence kontaktierte – vielleicht also bezieht sich Lawrences Brief an das Air Ministry darauf? (Nur daß Lüdecke kein Offizier war.) Ich werde der Sache nachgehen.

Nachtrag 7.1.19

Zumindest habe ich nun an versteckter Stelle lesen können, daß Jeremy Wilson zwischenzeitlich verstorben ist. Das entschuldigt. Wäre nur hilfreich, solche wesentlichen Infos stünden auf seinen offiziellen Seiten…

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Kein Lawrence in Berlin, das kann ich bestätigen. Dafür viel Gejökele mit der Deutschen Bahn, die freitags ja immer noch übler ist als sonst. Daß sich Vorstand, Aktionäre und Politik nicht schämen, ist mir schleierhaft. (Wahrscheinlich hat man, wenn man es auf die Ebene schafft, längst alle Scham verloren.) In unserer regulären Mitarbeiterbefragung kommt stets ein Punkt vor, der eindeutig aus dem Amerikanischen herübergeschwappt ist: „Sind Sie stolz, bei der TIB zu arbeiten?“ Ich lasse diesen Punkt immer aus, weil ich die Frage lächerlich finde – ich arbeite entweder gern oder ungern irgendwo. Stolz? Das müßte schon eine besondere Errungenschaft beinhalten. Aber ich bezweifle stark, daß irgendjemand bei der DB stolz auf den Laden ist.
Immerhin, das gemeinsame Leiden schweißt zusammen. Auf der Hinfahrt quetschten wir uns im nach Wolfsburg reinen Frauenabteil zusammen, ich bot selbstgebackene Weihnachtsplätzchen als Trostpflaster an, und es war alles sehr nett. Ich habe schon oft beobachtet, daß gerade auf den üblen Touren eine sehr gute Atmosphäre der Fahrgäste untereinander herrscht. Nicht, daß das die Bahn entschuldigt.

Das Bundesarchiv Lichterfelde präsentierte sich wie immer – und diesmal konnte ich endlich formulieren, woran es da scheitert: Es herrscht ganz einfach keine Freundlichkeit. Es ist nicht so, daß man als Nutzer unfreundlich behandelt würde (wobei ich auch das schon erlebt habe), aber es fehlen die einfachen kleinen zwischenmenschlichen Gesten. Untereinander haben die Angestellten damit keine Probleme, aber den Nutzern gegenüber hört es sofort auf. Kein Lächeln, bloß keine Reaktion auf Scherze, kein noch so kleines Danke oder Bitte. Sie geben Tipps und Hilfestellungen, aber Service würde ich ein bißchen breiter definieren.
Leider nicht viel zu finden für das, was ich suche, dafür:

– D. H. Lawrence hat in der Akte von T. E. nichts zu suchen. Schon damals pennte der Sachbearbeiter. Hey, keine Ursache für den Hinweis, liebes BArch. Auch wenn Ihre Reaktion natürlich in erster Linie war: „Sagen Sie den Kollegen [bei der Aus-/Abgabe], daß es ans Referat statt ans Magazin geht.“ Gerne doch. Kollegin an der Abgabe: *muffel* [„blödenutzerindieoberenseitennichtzudenanderenindieaktezupackendasistzwarnichtr
ausgefallenhätteaberkönnenichmußihrdasdurchmeinstummesmißfallenundanmerkun
genzuverstehengeben“] Pädagogisch-feindlicher Blick auf das seitlich angebrachte Post-it. „Ist das von Ihnen?“ – „Nein, von Ihrer Kollegin.“ (Klar, ich beklebe ständig Archivmaterial. Ist so’n Hobby.) – „*muffel*“

– Bei Gertrud Becker, Buchhändlerin zu Düsseldorf, wurde 1936 Aufstand in der Wüste von der örtlichen Gestapo beschlagnahmt. Ups. Stand ja gar nicht auf der schwarzen Liste. Die Reichsschrifttumskammer schritt ein. Nette Korrektur übrigens auf dem Brief der Gestapo Berlin an die Kollegen in Düsseldorf: „Ich ersuche um Bericht zu dem Vorfall der Angelegenheit.“
(Und auch hier, im Mikroformen-Lesesaal: „Für mich soll hier etwas liegen.“ – [grob] „Film oder Fiche?“ – Wird einem beim Bestellen nicht angezeigt, Entschuldigung auch. Ich habe die Signaturengruppen jetzt nicht alle im Kopf.)

Und zur Rückfahrtzeit war die Bahn wieder voll im Verzug. Standardverspätung lag bei 60 Minuten, nicht nur für die Züge, die von der Bombenräumung betroffen waren. Erstaunlicherweise kam meiner pünktlich, wenn auch in verkehrter Reihung, ohne Anzeige der Reservierungen und mit Stromausfall in einem Waggon. Aber alles in allem, so im Vergleich gesehen, richtig gut.

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In Planung ist ein Artikel, wohl fürs Autorenblog: „Die neue Religiosität in Hollywood“. Kein Beitrag über christliche Filme, sondern über die Ballung christlicher Motive in Filmen und Serien während der letzten Jahre. Da alle künstlerischen Trends ein Zeichen ihrer Zeit sind, frage ich mich, ob das auch für andere Religionen zutrifft. Falls jemand etwas weiß, bitte melden.

Unter anderem in meinem Stapel abzuarbeitender DVDs und Bücher: Agents of S.H.I.E.L.D., Staffel 4 + 5, Supergirl, Staffel 3, sowie jede Menge Lawrence und verwandte Thematik.
Nachdem Agents 3 die mangelhafte 2. Staffel ausgeglichen hatte, wollte ich ja nun wissen, wie es gerade in Hinsicht auf Infinity War weiterging – stelle mir die Planung schwierig vor. Staffel 4 ist insbesondere in der ersten Hälfte ausgezeichnet und greift – daher der Eingangsabsatz – die christliche Symbolik der 3. Staffel wieder auf. Mit etwas Terry Brooks gemischt, großartig! Danach wird’s schwächer. Mindfuck-Episoden treten in jeder Serie dann auf, wenn Fonzies Hai übersprungen ist. Kein gutes Zeichen also. Ebenso, wenn eine Serie anfängt, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Das passiert bereits in Staffel 4 und nimmt in Staffel 5 erheblich zu. Sie hat ihre Momente, kein Zweifel. Yoyo nimmt zum ersten Mal eine zentrale Rolle ein und rettet die fünfte Staffel, gemeinsam mit den wiederkehrenden Agenten der zweiten Liga. Komponist Bear McCreary, seit Outlander immer wieder gern gehört, verzerrt das Titelthema in eine kaum wiedererkennbare Form – mir fiel’s nur auf, weil er eben diesen Trick auch bei Outlanders „Stone Theme“ anwandte. Die Framework-Variante in Staffel 4 ist einfach bizarr; die – oh, das muß jetzt einfach sein – „Zukunftsmusik“ in Staffel 5 macht starke Anleihen bei dem phantastischen Blade Runner 2049-Score.
Aber alles in allem ließ mich Staffel 5 ratlos zurück. Zeitreisen sind immer eine unlogische Angelegenheit, aber Doctor Who beispielsweise hatte sehr viel sinnmachendere Plots. Ich verstehe immer noch nicht, wie unsere Helden nun eigentlich die Schleife durchbrochen haben. An Coulson kann es nicht gelegen haben, obwohl das nahegelegt wird, aber die Handlung spricht dagegen. Ebenso rätselhaft ist der Masken-Tick der Ausstattung. Er dient keiner Symbolik – wäre es um Masken im übertragenen Sinne gegangen, wunderbar! Aber so läuft ganz einfach jeder mit einer Maske herum. Warum auch immer. Talbot als unbeabsichtigter Superschurke hingegen hat was.

Und a propos, „Talbot“ und „Piper“ finden sich in ähnlichen Rollen im DC-Universum wieder, nämlich als Agentin zweiter Liga auf Supergirls Seite sowie als Schurke (wenn auch nicht Super-) in Staffel 3. Und, Überraschung, die christliche Symbolik ist da! Leider auch der bereits in Staffel 2 erkennbare Trend zur Soap. Supersoap. Beste Folge der Staffel ist „Midvale“, über Karas und Alex‘ ersten Fall und ihre nicht ganz einfachen Anfänge als Schwestern; Brainy bereichert das Team, obwohl man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß die Legion of Superheroes hier ein breites Sprungbrett für ihre eigene neue Serie bekam. Unsinnig, aber immerhin vollkommen im Modus der Comics sind die Wiederkehr sowohl J’onns Vater als auch Karas Mutter.
Das diesjährige DC-Crossover hat gegenüber seinem Vorgänger erheblich zugelegt. Das Zusammenspiel der Charaktere ist hervorragend, wobei Alex und Sarah natürlich den Vogel abschießen, die Handlung ist rund, und endlich, endlich, hurra!: Eine Serie (mehrere Serien? Ein Seriencrossover?) hat sich getraut! Bedeutete bis dato (ich meckerte hier bereits darüber und könnte noch so viel mehr sagen) Homosexualität ausschließlich zwei heiße Frauen, so hat Crisis on Earth X endlich den Mut, nicht nur ein männliches Pärchen aufzubieten, sondern dabei auch einen schwulen Superhelden.

Und dann hat’s, kaum weniger verwirrend als S.H.I.E.L.D.s Zeitreise, die Lawrence-Literatur. „Consistency for Lawrence was a matter of the utmost inconsequentiality“, schreibt Rodney Legg in Lawrence in Dorset. „It was to be his lasting joke at the expense of historians and his annual biographers who are accustomed to taking such things seriously.“ Und er hat recht. Nichts paßt wirklich zusammen. Es ist kein Wunder, daß Philip Walker in seinem wunderbaren Erstlingswerk Behind the Lawrence Legend – The Forgotten Few Who Shaped the Arab Revolt offen sagt, Lawrence sei unerklärbar. Man kann sich einzelnen Facetten seiner Persönlichkeit nähern, aber niemals der Gesamtheit, ganz gleich, was manche Forscher glauben. Natürlich hilft es nicht, wenn beispielsweise Legg Quellenangaben für überflüssig hält… und das in einem Werk, das Quellen aufführt, die vorher und seitdem von niemandem beachtet worden zu sein scheinen!
Nichtsdestotrotz, speziell Walker, aber auch Michael Asher oder all die interessanten Beiträge im diesjährigen T. E. Lawrence Society Symposium, zeigen Forschung mit Herzblut und Entdeckerfreude. Ich erkenne meine beste Marta-Zeit darin wieder. Es macht mich glücklich zu sehen, daß diese Art Forschung existiert, und gleichzeitig bricht es mein Herz. Seit Jahren suche ich nach einer neuen Richtung für mein Leben, denn da ist nichts, das es auszufüllen scheint. Nachdem ich Walkers Buch zu Ende gelesen hatte, schrieb ich in mein Tagebuch:

[I]ch weiß, was ich will, und es ist Recherche. So sehr. Das ist es, was mir Freude macht.
Was soll ich tun?

Und das ist das grundlegende Problem in meinem Leben. Nichts paßt zusammen. Ganz ohne Lawrencesches Lügengebilde. In meinem Beruf hat Forschung keinen Platz, und ich kann Forschung nicht zu meinem Beruf machen, weil mir eine hochtönende Qualifikation fehlt, ohne die ich immer als Laie abgestempelt bleibe. Eine entsprechende Qualifikation, spricht Studium, nachzuholen ist unmöglich, weil ich nun einmal finanziell auf meinen Job angewiesen bin. (Selbst die Recherche zu Martas Biographie kostete mich eine Menge Erspartes.)
In jedem Fall. Ich genieße auch die Forschung aus zweiter Hand, grolle über unsinnige Schlußfolgerungen oder das Ignorieren von anderen Quellen und schreibe Anmerkungen für niemanden zu beispielsweise Oliver Stallybrass‘ Einleitung zu E. M. Forsters The Life to Come and Other Stories, in der er sich über Lawrences Reaktion – Gelächter – zur Titelgeschichte wundert… offenbar ohne sich über die frömmelnde, heuchlerische Situation in seinem Elternhaus belesen zu haben, die so ausgezeichnet zu Forsters Werk paßt. Oh, ja, und ich vermute, Lawrence hat sich wie immer nicht die Mühe gemacht, seinem Freund diesen Hintergrund zu erläutern.

The Life to Come and Other Stories jedenfalls ist eine Lektüre wert. „Dr Woolacott“, das Lawrence so in seinen Bann geschlagen hatte (er schrieb einen bemerkenswerten Brief darüber an Forster), gehört zu den hervorstechenden Geschichten, ebenso das sehr viel direktere „Arthur Snatchfold“. „The Obelisk“ bewahrt sich seine wahre Überraschung für den Schluß auf – großartig! Bitterböse und ungemein erotisch „The Torque“. „The Other Boat“ ist nicht nur schreibtechnisch interessant (wiederverwertete Fragmente), sondern auch eine auf vielen Leveln funktionierende Gesellschaftskritik.

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Wundervoll zusammengefaßt. 🙂 Malcolm Brown im Nachwort zu Lawrence of Arabia – The Selected Letters. Ich muß irgendwann doch noch mal das Making of zu Martas und Jolanthes Biographien schreiben.

Partly you’re delighted at finding a new letter offering an unexpected aspect or a lively piece of description; partly you’re afraid that it might disturb the pattern of a section you had thought rounded and complete. In that case it’s like the arrival of an unexpected guest in the middle of a dinner party: you find yourself shuffling the chairs ad the table mats just when you thought you could bring in the coffee. And there’s that other constant snare threatening you: the reference you failed to identify, or identified wrongly, on which, inevitably, some reviewer or other will delightedly pounce. Pounce, and, all too often, denounce. ‘Mr. So-and-so’s unawareness of such-and-such leaves one in the gravest doubts as to the quality of his editorship overall.’ ‘Connoisseurs of the writings of X still await an interpreter with the necessary scholarship.’ You almost feel you’re reading one of you old school reports. ‘Requires more application.’ ‘Must do better next term.’
The trouble is you resent being found wanting but know your critic is probably right. Yet what you can’t say in reply is, ‘Look at the footnote on such-and-such a page. That reference took weeks to trace and needed the wit of Hercule Poirot, plus the help of half the brains in the Bodleian Library to find the answer. That note has added to the sum of human knowledge.’ There was such a footnote in my book, though I didn’t need all the Bodleian staff – just one, to whom I shall be ever grateful for finding the vital clue in an extremely obscure magazine of the early 1920s. The problem is that your readers can’t see the work behind those lines in minuscule print at the bottom of the page; they simply glance at them (or not, as the case may be) and move on. They expect the explanation to be there, and would be offended if it wasn’t.

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Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Kenntnis der Gralsbotschaft ist der erweiterte Blick auf die Dinge. Namentlich im näheren Umfeld, wo so manches „gesehen“ wird. Wir haben über die Jahrzehnte viel erfahren dürfen.
Nun wird das nicht an die große Glocke gehängt, weil auch Kreuzträger dem oft skeptisch gegenüberstehen. Keine unbedingt schlechte Sache, finde ich, denn wie überall hat’s auch in der Bewegung Spinner. („Die Gralsspinner“, wie die großartige Frau J. es so schön ausdrückte.) Man muß unterscheiden lernen zwischen echt und Ente, nicht immer einfach mit den eigenen Wunschvorstellungen, die so gern dazwischengrätschen. Am besten ist eine zweite, unabhängige Meinung.

Den Weg einer Seele durch verschiedene Erdenleben verfolgen zu können, ist spannend. Allerdings auch oft ernüchternd. Man erkennt die Persönlichkeit – jedenfalls nach meiner Erfahrung – leicht, was in erster Linie bedeutet, daß man sich weniger verändert, als man hofft. Ich betrachte die Personen, die ich einmal war und wünschte mir, ich wäre in diesem Leben so patent wie sie; Tatsache hingegen ist vermutlich, daß sie ähnliche Unsicherheiten aufwiesen wie ich. (Mein römisches Ich tut mir sehr leid – ich kann mich gut in sie hineinversetzen.) Meine Mutter kritisiert die Fehler ihrer früheren Inkarnationen, ohne zu bemerken, daß sie sie immer noch besitzt. Mein Vater war in hohem Maße er selbst geblieben; ich lache jedesmal, wenn ich über seine zwei wohl berühmtesten Leben lese, weil ich ihn so sehr darin wiedererkenne. Mein Bruder hat es nie gelernt, sich in den Hintern zu treten… mit traurigem Ergebnis heute. Und so weiter.

Vor diesem Hintergrundwissen betrachtet man natürlich auch all die religiös/nationalistisch/rassistisch/sonstwie extremistisch begründeten Hetzereien mit… nun, sicher nicht Humor, aber einer gewissen Ironie. Die so fanatisch verfochtene Sache läßt man mit jedem Leben zurück – nur der Fanatismus kommt mit. Was dazu führt, daß im nächsten Leben vielleicht gegen genau die Sache gehetzt wird, die man vorher verfocht. Lachhaft, wenn’s nicht so traurig wäre.
Amüsanter, wenn auch nicht weniger seltsam, sind die Fans historischer Persönlichkeiten. Natürlich sehen sie (wie Fans moderner Berühmtheiten) nicht die wirkliche Person, sondern in erster Linie ihre eigene Phantasie. Aber auf einer Website zu lesen, die Schreiberin sei „besessen“ davon, Informationen über mein früheres Ich zu finden und habe nie ein Bild von ihr finden können; ob *diese* Miniatur vielleicht…? Das war schon seltsam. Ich habe nicht nur einen Fan, sondern einen Stalker. (Meine Mutter schlug vor, ich könne ihr ja ein aktuelles Foto schicken. „Leider kein Bild von damals, aber so sehe ich heute aus.“)

Andererseits bin ich vermutlich selbst nicht besser. Als Biographin und historisch Interessierte greife ich gern Figuren der näheren oder ferneren Vergangenheit auf, versuche sie zu verstehen – und frage mich, wie es mit ihnen weiterging, nachdem sie jenes Leben hinter sich ließen. Ich habe leider bislang nur einmal (nun ja, immerhin!) eine Antwort erhalten. Geht mich ja auch gar nichts an. Trotzdem…

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Meine Mutter träumt immer noch davon, einen vergrabenen Schatz zu finden. Ich habe diese spezielle Phantasie mit meinen Schneiderbuch-Tagen abgelegt, glaube aber, daß sie in vielen Menschen auch im Erwachsenenalter fortlebt – nur in anderer Form.
Für uns Biographen (schreibt man das nach neuer Rechtschreibung „Biografen“? Weckt interessante Vorstellungen) und Forscher in Personen, deren Privatleben uns eigentlich überhaupt nichts angeht, sind diese Schätze oft vermeintlich unscheinbare Dinge: Funde in Adreßbüchern, Akteneinträgen, Steuerlisten. Simple Sätze in Briefen oder Memoiren. Wohl dem, der viele solcher Schatztruhen hebt!

Kürzlich, in Münster, wo ich zur Septemberfeier weilte, hatte ich einen Traum, daß ich – Zusammenhang kam nicht mit ins Erwachen hinüber – Unterlagen über Martas Major fand. Was mich im Wachzustand milde verwunderte, denn ihn hatte ich seit langem nicht mehr auf dem Schirm. Ich hatte meine Hoffnung damals auf Militärforen gesetzt, denn dort sitzen die Experten, die Details kennen oder von Aufzeichnungen wissen, die man nicht so einfach findet. Und von dort aus hätte man Fäden aufnehmen können. Aber die Sprachbarriere erwies sich leider als zu groß, und vielleicht spielte die Tatsache, daß ich nicht nur Frau (Horror), sondern auch Deutsche bin, eine Rolle bei der scheiternden Kontaktaufnahme.
Schätze, die nicht gehoben wurden.

Um so mehr lächelte ich über diese Meldung der T. E. Lawrence Society. Für den nichtforschenden Leser ist sie nerdig. Der forschende Leser hingegen erfreut sich an dem gelungenen Schatzfund und weiß ihn zu „schätzen“ – der berüchtigte „paper trail“ ist eine zeitraubende Arbeit, die Forschung sehr kleinteilig, aber eben oft mit Gold und Edelsteinen durchsetzt.

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