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Archive for the ‘(Neben-)Beruf’ Category

In Planung ist ein Artikel, wohl fürs Autorenblog: „Die neue Religiosität in Hollywood“. Kein Beitrag über christliche Filme, sondern über die Ballung christlicher Motive in Filmen und Serien während der letzten Jahre. Da alle künstlerischen Trends ein Zeichen ihrer Zeit sind, frage ich mich, ob das auch für andere Religionen zutrifft. Falls jemand etwas weiß, bitte melden.

Unter anderem in meinem Stapel abzuarbeitender DVDs und Bücher: Agents of S.H.I.E.L.D., Staffel 4 + 5, Supergirl, Staffel 3, sowie jede Menge Lawrence und verwandte Thematik.
Nachdem Agents 3 die mangelhafte 2. Staffel ausgeglichen hatte, wollte ich ja nun wissen, wie es gerade in Hinsicht auf Infinity War weiterging – stelle mir die Planung schwierig vor. Staffel 4 ist insbesondere in der ersten Hälfte ausgezeichnet und greift – daher der Eingangsabsatz – die christliche Symbolik der 3. Staffel wieder auf. Mit etwas Terry Brooks gemischt, großartig! Danach wird’s schwächer. Mindfuck-Episoden treten in jeder Serie dann auf, wenn Fonzies Hai übersprungen ist. Kein gutes Zeichen also. Ebenso, wenn eine Serie anfängt, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Das passiert bereits in Staffel 4 und nimmt in Staffel 5 erheblich zu. Sie hat ihre Momente, kein Zweifel. Yoyo nimmt zum ersten Mal eine zentrale Rolle ein und rettet die fünfte Staffel, gemeinsam mit den wiederkehrenden Agenten der zweiten Liga. Komponist Bear McCreary, seit Outlander immer wieder gern gehört, verzerrt das Titelthema in eine kaum wiedererkennbare Form – mir fiel’s nur auf, weil er eben diesen Trick auch bei Outlanders „Stone Theme“ anwandte. Die Framework-Variante in Staffel 4 ist einfach bizarr; die – oh, das muß jetzt einfach sein – „Zukunftsmusik“ in Staffel 5 macht starke Anleihen bei dem phantastischen Blade Runner 2049-Score.
Aber alles in allem ließ mich Staffel 5 ratlos zurück. Zeitreisen sind immer eine unlogische Angelegenheit, aber Doctor Who beispielsweise hatte sehr viel sinnmachendere Plots. Ich verstehe immer noch nicht, wie unsere Helden nun eigentlich die Schleife durchbrochen haben. An Coulson kann es nicht gelegen haben, obwohl das nahegelegt wird, aber die Handlung spricht dagegen. Ebenso rätselhaft ist der Masken-Tick der Ausstattung. Er dient keiner Symbolik – wäre es um Masken im übertragenen Sinne gegangen, wunderbar! Aber so läuft ganz einfach jeder mit einer Maske herum. Warum auch immer. Talbot als unbeabsichtigter Superschurke hingegen hat was.

Und a propos, „Talbot“ und „Piper“ finden sich in ähnlichen Rollen im DC-Universum wieder, nämlich als Agentin zweiter Liga auf Supergirls Seite sowie als Schurke (wenn auch nicht Super-) in Staffel 3. Und, Überraschung, die christliche Symbolik ist da! Leider auch der bereits in Staffel 2 erkennbare Trend zur Soap. Supersoap. Beste Folge der Staffel ist „Midvale“, über Karas und Alex‘ ersten Fall und ihre nicht ganz einfachen Anfänge als Schwestern; Brainy bereichert das Team, obwohl man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß die Legion of Superheroes hier ein breites Sprungbrett für ihre eigene neue Serie bekam. Unsinnig, aber immerhin vollkommen im Modus der Comics sind die Wiederkehr sowohl J’onns Vater als auch Karas Mutter.
Das diesjährige DC-Crossover hat gegenüber seinem Vorgänger erheblich zugelegt. Das Zusammenspiel der Charaktere ist hervorragend, wobei Alex und Sarah natürlich den Vogel abschießen, die Handlung ist rund, und endlich, endlich, hurra!: Eine Serie (mehrere Serien? Ein Seriencrossover?) hat sich getraut! Bedeutete bis dato (ich meckerte hier bereits darüber und könnte noch so viel mehr sagen) Homosexualität ausschließlich zwei heiße Frauen, so hat Crisis on Earth X endlich den Mut, nicht nur ein männliches Pärchen aufzubieten, sondern dabei auch einen schwulen Superhelden.

Und dann hat’s, kaum weniger verwirrend als S.H.I.E.L.D.s Zeitreise, die Lawrence-Literatur. „Consistency for Lawrence was a matter of the utmost inconsequentiality“, schreibt Rodney Legg in Lawrence in Dorset. „It was to be his lasting joke at the expense of historians and his annual biographers who are accustomed to taking such things seriously.“ Und er hat recht. Nichts paßt wirklich zusammen. Es ist kein Wunder, daß Philip Walker in seinem wunderbaren Erstlingswerk Behind the Lawrence Legend – The Forgotten Few Who Shaped the Arab Revolt offen sagt, Lawrence sei unerklärbar. Man kann sich einzelnen Facetten seiner Persönlichkeit nähern, aber niemals der Gesamtheit, ganz gleich, was manche Forscher glauben. Natürlich hilft es nicht, wenn beispielsweise Legg Quellenangaben für überflüssig hält… und das in einem Werk, das Quellen aufführt, die vorher und seitdem von niemandem beachtet worden zu sein scheinen!
Nichtsdestotrotz, speziell Walker, aber auch Michael Asher oder all die interessanten Beiträge im diesjährigen T. E. Lawrence Society Symposium, zeigen Forschung mit Herzblut und Entdeckerfreude. Ich erkenne meine beste Marta-Zeit darin wieder. Es macht mich glücklich zu sehen, daß diese Art Forschung existiert, und gleichzeitig bricht es mein Herz. Seit Jahren suche ich nach einer neuen Richtung für mein Leben, denn da ist nichts, das es auszufüllen scheint. Nachdem ich Walkers Buch zu Ende gelesen hatte, schrieb ich in mein Tagebuch:

[I]ch weiß, was ich will, und es ist Recherche. So sehr. Das ist es, was mir Freude macht.
Was soll ich tun?

Und das ist das grundlegende Problem in meinem Leben. Nichts paßt zusammen. Ganz ohne Lawrencesches Lügengebilde. In meinem Beruf hat Forschung keinen Platz, und ich kann Forschung nicht zu meinem Beruf machen, weil mir eine hochtönende Qualifikation fehlt, ohne die ich immer als Laie abgestempelt bleibe. Eine entsprechende Qualifikation, spricht Studium, nachzuholen ist unmöglich, weil ich nun einmal finanziell auf meinen Job angewiesen bin. (Selbst die Recherche zu Martas Biographie kostete mich eine Menge Erspartes.)
In jedem Fall. Ich genieße auch die Forschung aus zweiter Hand, grolle über unsinnige Schlußfolgerungen oder das Ignorieren von anderen Quellen und schreibe Anmerkungen für niemanden zu beispielsweise Oliver Stallybrass‘ Einleitung zu E. M. Forsters The Life to Come and Other Stories, in der er sich über Lawrences Reaktion – Gelächter – zur Titelgeschichte wundert… offenbar ohne sich über die frömmelnde, heuchlerische Situation in seinem Elternhaus belesen zu haben, die so ausgezeichnet zu Forsters Werk paßt. Oh, ja, und ich vermute, Lawrence hat sich wie immer nicht die Mühe gemacht, seinem Freund diesen Hintergrund zu erläutern.

The Life to Come and Other Stories jedenfalls ist eine Lektüre wert. „Dr Woolacott“, das Lawrence so in seinen Bann geschlagen hatte (er schrieb einen bemerkenswerten Brief darüber an Forster), gehört zu den hervorstechenden Geschichten, ebenso das sehr viel direktere „Arthur Snatchfold“. „The Obelisk“ bewahrt sich seine wahre Überraschung für den Schluß auf – großartig! Bitterböse und ungemein erotisch „The Torque“. „The Other Boat“ ist nicht nur schreibtechnisch interessant (wiederverwertete Fragmente), sondern auch eine auf vielen Leveln funktionierende Gesellschaftskritik.

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Wundervoll zusammengefaßt. 🙂 Malcolm Brown im Nachwort zu Lawrence of Arabia – The Selected Letters. Ich muß irgendwann doch noch mal das Making of zu Martas und Jolanthes Biographien schreiben.

Partly you’re delighted at finding a new letter offering an unexpected aspect or a lively piece of description; partly you’re afraid that it might disturb the pattern of a section you had thought rounded and complete. In that case it’s like the arrival of an unexpected guest in the middle of a dinner party: you find yourself shuffling the chairs ad the table mats just when you thought you could bring in the coffee. And there’s that other constant snare threatening you: the reference you failed to identify, or identified wrongly, on which, inevitably, some reviewer or other will delightedly pounce. Pounce, and, all too often, denounce. ‘Mr. So-and-so’s unawareness of such-and-such leaves one in the gravest doubts as to the quality of his editorship overall.’ ‘Connoisseurs of the writings of X still await an interpreter with the necessary scholarship.’ You almost feel you’re reading one of you old school reports. ‘Requires more application.’ ‘Must do better next term.’
The trouble is you resent being found wanting but know your critic is probably right. Yet what you can’t say in reply is, ‘Look at the footnote on such-and-such a page. That reference took weeks to trace and needed the wit of Hercule Poirot, plus the help of half the brains in the Bodleian Library to find the answer. That note has added to the sum of human knowledge.’ There was such a footnote in my book, though I didn’t need all the Bodleian staff – just one, to whom I shall be ever grateful for finding the vital clue in an extremely obscure magazine of the early 1920s. The problem is that your readers can’t see the work behind those lines in minuscule print at the bottom of the page; they simply glance at them (or not, as the case may be) and move on. They expect the explanation to be there, and would be offended if it wasn’t.

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Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Kenntnis der Gralsbotschaft ist der erweiterte Blick auf die Dinge. Namentlich im näheren Umfeld, wo so manches „gesehen“ wird. Wir haben über die Jahrzehnte viel erfahren dürfen.
Nun wird das nicht an die große Glocke gehängt, weil auch Kreuzträger dem oft skeptisch gegenüberstehen. Keine unbedingt schlechte Sache, finde ich, denn wie überall hat’s auch in der Bewegung Spinner. („Die Gralsspinner“, wie die großartige Frau J. es so schön ausdrückte.) Man muß unterscheiden lernen zwischen echt und Ente, nicht immer einfach mit den eigenen Wunschvorstellungen, die so gern dazwischengrätschen. Am besten ist eine zweite, unabhängige Meinung.

Den Weg einer Seele durch verschiedene Erdenleben verfolgen zu können, ist spannend. Allerdings auch oft ernüchternd. Man erkennt die Persönlichkeit – jedenfalls nach meiner Erfahrung – leicht, was in erster Linie bedeutet, daß man sich weniger verändert, als man hofft. Ich betrachte die Personen, die ich einmal war und wünschte mir, ich wäre in diesem Leben so patent wie sie. Tatsache ist vermutlich, daß sie ähnliche Unsicherheiten aufwiesen wie ich. (Mein römisches Ich tut mir sehr leid – ich kann mich gut in sie hineinversetzen.) Meine Mutter kritisiert die Fehler ihrer früheren Inkarnationen, ohne zu bemerken, daß sie sie immer noch besitzt. Mein Vater war in hohem Maße er selbst geblieben; ich lache jedesmal, wenn ich über seine zwei wohl berühmtesten Leben lese, weil ich ihn so sehr darin wiedererkenne. Mein Bruder hat es nie gelernt, sich in den Hintern zu treten… mit traurigem Ergebnis heute. Und so weiter.

Vor diesem Hintergrundwissen betrachtet man natürlich auch all die religiös/nationalistisch/rassistisch/sonstwie extremistisch begründeten Hetzereien mit… nun, sicher nicht Humor, aber einer gewissen Ironie. Die so fanatisch verfochtene Sache läßt man mit jedem Leben zurück – nur der Fanatismus kommt mit. Was dazu führt, daß im nächsten Leben vielleicht gegen genau die Sache gehetzt wird, die man vorher verfocht. Lachhaft, wenn’s nicht so traurig wäre.
Amüsanter, wenn auch nicht weniger seltsam, sind die Fans historischer Persönlichkeiten. Natürlich sehen sie (wie Fans moderner Berühmtheiten) nicht die wirkliche Person, sondern in erster Linie ihre eigene Phantasie. Aber auf einer Website zu lesen, die Schreiberin sei „besessen“ davon, Informationen über mein früheres Ich zu finden und habe nie ein Bild von ihr finden können; ob *diese* Miniatur vielleicht…? Das war schon seltsam. Ich habe nicht nur einen Fan, sondern einen Stalker. (Meine Mutter schlug vor, ich könne ihr ja ein aktuelles Foto schicken. „Leider kein Bild von damals, aber so sehe ich heute aus.“)

Andererseits bin ich vermutlich selbst nicht besser. Als Biographin und historisch Interessierte greife ich gern Figuren der näheren oder ferneren Vergangenheit auf, versuche sie zu verstehen – und frage mich, wie es mit ihnen weiterging, nachdem sie jenes Leben hinter sich ließen. Ich habe leider bislang nur einmal (nun ja, immerhin!) eine Antwort erhalten. Geht mich ja auch gar nichts an. Trotzdem…

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Meine Mutter träumt immer noch davon, einen vergrabenen Schatz zu finden. Ich habe diese spezielle Phantasie mit meinen Schneiderbuch-Tagen abgelegt, glaube aber, daß sie in vielen Menschen auch im Erwachsenenalter fortlebt – nur in anderer Form.
Für uns Biographen (schreibt man das nach neuer Rechtschreibung „Biografen“? Weckt interessante Vorstellungen) und Forscher in Personen, deren Privatleben uns eigentlich überhaupt nichts angeht, sind diese Schätze oft vermeintlich unscheinbare Dinge: Funde in Adreßbüchern, Akteneinträgen, Steuerlisten. Simple Sätze in Briefen oder Memoiren. Wohl dem, der viele solcher Schatztruhen hebt!

Kürzlich, in Münster, wo ich zur Septemberfeier weilte, hatte ich einen Traum, daß ich – Zusammenhang kam nicht mit ins Erwachen hinüber – Unterlagen über Martas Major fand. Was mich im Wachzustand milde verwunderte, denn ihn hatte ich seit langem nicht mehr auf dem Schirm. Ich hatte meine Hoffnung damals auf Militärforen gesetzt, denn dort sitzen die Experten, die Details kennen oder von Aufzeichnungen wissen, die man nicht so einfach findet. Und von dort aus hätte man Fäden aufnehmen können. Aber die Sprachbarriere erwies sich leider als zu groß, und vielleicht spielte die Tatsache, daß ich nicht nur Frau (Horror), sondern auch Deutsche bin, eine Rolle bei der scheiternden Kontaktaufnahme.
Schätze, die nicht gehoben wurden.

Um so mehr lächelte ich über diese Meldung der T. E. Lawrence Society. Für den nichtforschenden Leser ist sie nerdig. Der forschende Leser hingegen erfreut sich an dem gelungenen Schatzfund und weiß ihn zu „schätzen“ – der berüchtigte „paper trail“ ist eine zeitraubende Arbeit, die Forschung sehr kleinteilig, aber eben oft mit Gold und Edelsteinen durchsetzt.

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Diesmal echt (obwohl von mancher Seite angezweifelt):

Aus: „Oberst Lawrence gestorben“, Neue Freie Presse, 20.5.35

Oberst Lawrence ist gestern in den frühen Morgenstunden gestorben, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Nach seinem Motorradunfall, bei dem er neben zahlreichen anderen Frakturen einen Bruch der Schädelbasis erlitten hatte, war er insgesamt hundertvierzig Stunden bewußtlos im Militärspital von Wool in Dorset gelegen. Die gerichtliche Prüfung der Todesursache und das Begräbnis werden morgen stattfinden. […]
Thomas Edward Lawrence, als Sohn eines wohlhabenden Grundpächters 1888 in Tremadoc, Wales, geboren, wußte die romantische Phantasie seines Volksstammes mit der feinsten Kultur Oxfords zu vereinen. Er bildete sich in der englischen Gelehrten- und Staatsmannatmosphäre zu einer jener renaissancehaften Gestalten, die heute noch seltsam genug in die moderne Politik Englands hineinragen. Als hervorragender Archäologe und Sprachenkenner Vorderasiens wirkte er in dem damals türkischen Arabien. Entscheidend für sein ganzes Leben und für seine geschichtliche Wirksamkeit war die Freundschaft des geistlichen Lehensfürsten der Araber, des Hattischerif Hussein in Mekka, die Lawrence zu gewinnen suchte. Mit den modern erzogenen Söhnen dieses Mannes, Abdullah (heute Emir von Transjordanien), Feisal (verstorbener König von Irak) und Ali (Exkönig des Hedschas), verband er sich auf das innigste und wußte schon vor dem Kriege den Kampf für ihre Unabhängigkeit von Konstantinopel vorzubereiten. 1914 wurde Lawrence dann dem Intelligence Service in Kairo zugeteilt und Lord Kitchener, der die unschätzbaren Eigenschaften des jungen Mannes klar erkannte, sandte ihn auf die Sinaihalbinsel hinüber. Und hier beginnt nun die unzweifelbar weltgeschichtliche Rolle Lawrences. Als einziger Weißer unter den aufrührerischen Schaichs organisierte er durch drei Jahre den Widerstand gegen die zunächst das Feld beherrschenden Türken und Deutschen (auch österreichisch-ungarische Artillerie kämpfte in dem weiten Gebiet vom Suezkanal bis Palmyra und Damaskus). Die genialen Methoden des skrupellosen Abenteurers Lawrence untergruben im Rücken des Feindes die Moral der Bevölkerung und bereitete den Engländern, als sie unter Allenby 1917 zur Offensive vorgingen, den Boden. Historisch geworden ist der Einmarsch Lawrences an der Spitze arabischer Irregulärer in Damaskus, während am anderen Ende der Stadt noch türkische und deutsche Truppen kämpften.
Nach dem Friedensschluß spielte Lawrence, mit Ehren überhäuft und der persönlichen Freundschaft Lord Curzons gewürdigt, eine maßgebende Rolle bei der Beteilung seiner Freunde, der Scherifprinzen Abdullah, Feisal und Ali, mit den neugeschaffenen Puppenstaaten Vorderasiens. Damals nahm Lawrence einen Posten im Kolonialministerium in London ein, den er aber bald aus Opposition gegen die verfehlten politischen Methoden seiner Vorgesetzten verließ. Er hatte ein Verfassungsprojekt für Vorderasien ausgearbeitet (Middle East Settlement), schied aber, als er es unberücksichtigt sah, grollend aus dem Dienst. […]

Allgemeine Trauer in England
Der Tod Colonel Lawrences infolge seines Motorradunfalls wird in England mit großer Teilnahme aufgenommen. Der legendäre Held Arabiens ruht, von einer britischen Flagge bedeckt, in einer Holzbaracke des Militärfeldspitals Bowington. Drei Londoner vorzüglichste Spezialisten waren noch in den letzten Stunden an sein Krankenlager gerufen worden, doch konnten sie den Colonel nicht mehr retten. Der Bruder des Verstorbenen, der Archäologieprofessor an der Universität zu Oxford A. W. Lawrence, weilte während der letzten Stunden ununterbrochen am Schmerzenslager seines Bruders und erklärte, er danke der göttlichen Vorsehung, daß sein Bruder starb, ohne aus seiner Ohnmacht erwacht zu sein, denn er war nur mehr ein Körper ohne Seele, da infolge des Unfalles die wichtigsten Nervenzentren verletzt worden waren.

Die Illustrierte Kronen-Zeitung macht wieder eine Räuberpistole daraus. Aus: „Der geheimnisvollste Mann des 20. Jahrhunderts – gestorben“ vom 20.5.35

Das Dunkel, das die letzten 20 Lebensjahre dieses Mannes umgab, sollte sich auch in den letzten Tagen nicht lüften. Der bewußtlose Oberst wurde ins Militärspital von Wool gebracht, den gleichfalls verletzten jungen Radfahrer brachte man in ein Zivil-Krankenhaus. König Georg von England schickte seinen Leibarzt und vier berühmte Londoner Professoren nach Wool, um das kostbare Leben dieses Mannes zu retten.
Die Atmosphäre des Geheimnisvollen wurde auch in Lawrences letzten Stunden aufrechtgehalten. Das Militärspital sowie das Haus des Obersten wurden streng bewacht, der Bruder des Obersten, der ununterbrochen am Krankenbett weilte, wurde verpflichtet, keinerlei Angaben zu machen. Sogar der vierzehnjährige Botenjunge, der das Unglück verschuldet hatte, wurde in seinem Spital militärisch bewacht, er durfte mit seinen Angehörigen bis zur Todesstunde des Obersten nicht in Verbindung treten.

Die Türkische Post vom 20.5.35 hat naturgemäß einen etwas kritischeren Blick auf die Dinge.

Oberst Lawrence seinen Verletzungen erlegen
London, 19. Mai (A.A.)
Nachrichten aus London melden, daß Oberst Lawrence den Verletzungen, die er sich bei einem Motorradunfall zugezogen hat, erlegen ist, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Damit ist ein Mann dahingegangen, der in der Geschichte des Nahen Ostens eine bedeutende Rolle gespielt hat, ein Mann, über dessen wahre Mission und wirkliche Tätigkeit in vieler Hinsicht bis heute noch ein tiefes Geheimnis schwebt.
Oberst Lawrence wurde am 15. August 1888 geboren und besuchte die Universität zu Oxford. Hierauf trat er in politische Dienste Englands und wurde dem „Intelligence Service“ eingegliedert.
Unter dem Vorwand, archäologische Studien zu betreiben, ging Lawrence nach Syrien und machte sich dort mit der Sprache und den Gewohnheiten des Landes aufs allersorgfältigste vertraut, sodaß er selbst bei den Arabern oft als Araber gelten konnte. Seine eigentliche Mission begann nach Ausbruch des Weltkrieges, wo er als Beauftragter Englands die arabischen Interessen zu wahren und durch großangelegte Unternehmungen den arabischen Standpunkt zu verteidigen vorgab und so geschickt in das Gefüge des Osmanischen Kaiserreiches Bresche auf Bresche schlug. Sein Endziel war es, die Araber vom Osmanischen Kaiserreich zu lösen, und es gelang ihm tatsächlich, einige Stämme für seine Ideen zu gewinnen, mit denen er nun einen Kleinkrieg gegen die osmanischen Heeresformationen begann.
Er kam zum Scherif von Mekka, den er überredete, sich gegen das Kaiserreich zu erheben; ferner befreundete er sich mit dem Emir Feisal, dem Sohn des Scherif, mit dessen Truppen er gegen den Norden des Reiches vordrang.
Nach Beendigung des Weltkrieges begleitete er Emir Feisal – dem späteren König vom Irak – zur Pariser Friedenskonferenz, wo er sich u. a. energisch gegen die Zuerkennung der Mandatsgewalt über Syrien an Frankreich aussprach. Unter der Maske eines Freundes der Araber vertrat er den englischen Standpunkt, da die Orientpolitik Englands ihn jedoch angeblich vor den Arabern persönlich bloßstellte, schied er aus dem politischen Dienst aus.
Um sich ganz von seinen bisherigen Bindungen zu lösen, legte er auch seinen Namen ab, nannte sich Shaw. Als solcher trat er in die englische Luftschiffahrt als gewöhnlicher Soldat ein. Von dieser Zeit an ist es um Oberst Lawrence außergewöhnlich still geworden, Man weiß bis heute nicht, ob er noch weiterhin geheime Aufträge für England zu erfüllen hatte. Tatsache bleibt jedoch, daß er sich zeitweise in Arabien, in Afghanistan und im Kaukasus aufhielt. Man erzählte sich sogar, daß er mit der assyrischen Frage irgendwie zu tun hatte, und daß er sich aus diesem Grunde längere Zeit im Iran und Irak aufhielt.
So sehr er sich auch als Freund der Araber ausgab, so hat er es dennoch verstanden, besonders nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Kaiserreiches, ihre Angelegenheiten mit den englischen Kolonialinteressen zu verknüpfen. In der Tat hat er es erreicht, daß die den Arabern versprochene Freiheit nur zu einer Scheinfreiheit wurde, zu einer Freiheit, die den arabischen Nationalstaat unter englisches Mandat stellte. Gewiß wird es manche arabischen Kreise tief berühren, daß Lawrence nunmehr verschieden ist, doch wird das Mitgefühl bei den meisten außerordentlich gemischt sein.

Eine der wenigen ausführlicheren Meldungen deutscher Zeitungen: Schwedter Tageblatt, 21.5.35

Lawrence, der Meister der Strategie
Ganz England nimmt lebhaften Anteil an dem Tod des Obersten Lawrence. Alle Zeitungen bringen warme Nachrufe und eingehende Schilderungen des außergewöhnlichen Lebens dieses Mannes. „Times“ bezeichnet ihn als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des modernen England, der Geschichte gemacht habe, und bringt im übrigen eine bemerkenswerte Erklärung zu den geheimnisumwobenen letzten Jahren des Verstorbenen. Der Militärdienst sei für Lawrence eine Art Kur gewesen, um sich von der Enttäuschung zu erholen, daß seine Versprechungen, die er den Arabern gegeben habe, im Friedensvertrag nicht gehalten wurden, eine Tatsache, die er nie verwunden hat und die ihn bestimmte, alle späteren Ehrungen durch die englische Regierung auszuschlagen. Neben den wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten des Obersten wird in den Zeitungen besonders seine militärische Befähigung hervorgehoben. Sein einziges Gefecht gegen die Türken, das er leitete, sei ein Meisterstück der Taktik gewesen, durch das es ihm gelang, mit 3000 undisziplinierten arabischen Reitern eine zwölffache Übermacht zu bewältigen. Auch in anderen Zeitungen wird hervorgehoben, daß die Strategie die Haupteigenschaft Lawrences gewesen sei, und es wird beklagt, daß die Nachkriegsregierung es nicht verstanden habe, diese seltene Fähigkeit in ihren Dienst zu stellen.

Die Neue Freie Presse (Morgenblatt) vom 21.5.35 verwendet für ihr Feuilleton eine Übersetzung des erwähnten Artikels aus der Times.

Der Held von Arabien
Tragisch sinnlos mutet der Tod Lawrences an. Dennoch paßt diese Todesart irgendwie zu diesem Manne: er schien ja im rasenden Tempo der Fahrt allein Ruhe vor quälenden Gedanken und dem Gefühl der Nichtigkeit zu finden.
„Lawrence of Arabia“ wurde er getauft, als sein Ruhm plötzlich zu erstrahlen begann. Dieser Beiname blieb ihm trotz seines Protests, er kennzeichnet nicht nur die Taten dieses Mannes, sondern auch seine Wesenseigentümlichkeit. T. E., wie seine Freunde ihn nannten – der Mitwelt war er unter den verschiedensten Namen bekannt – war eins mit dem Geist der Wüste, war ein Nomade seit seinen Kindheitstagen, ein Mensch, geboren für die Einsamkeit.
Lawrence erblickte am 18. August 1888 in Wales das Licht der Welt. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbrachte er in Schottland, Hampshire, in der Bretagne, auf der Insel Man und den Inseln des Aermelkanals. Als seine Eltern sich schließlich in Oxford niederließen, besuchte er die High School, doch empfand er die Schule als lästigen Zwang und Zeitvergeudung. Schon als Junge betrieb er auf eigene Faust archäologische Forschungen; in den Ferien wanderte er durch ganz Frankreich, mit dem Studium der mittelalterlichen Architektur beschäftigt. An der Hochschule – Jesus College in Oxford – ermöglichte ihm ein Stipendium eine Reise nach dem Osten. In glühender Sommerhitze durchwanderte er ganz Syrien, besuchte die Festungen der Kreuzfahrer, forschte nach Ueberresten aus der Zeit der Hittiten. Wenige Jahre später kehrte er abermals nach Syrien zurück, um an den Ausgrabungen in Carchemish teilzunehmen. Dann zog er durch Mesopotamien, Palästina, Aegypten, Kleinasien und Griechenland, wobei er sich seinen Unterhalt durch Gelegenheitsarbeiten verdiente, sich bald als Kameltreiber, bald als Taglöhner, und in Port-Said sogar einmal als Kohlenschipper verdingte. Die vollständige, durch Armut und Veranlagung bedingte Abkehr von den Gepflogenheiten des herkömmlichen Daseins machte aus dem Europäer, der frei von jedem Klassenbewußtsein war, einen „weißen Araber“. Er legte arabische Tracht an und wurde, trotz seiner hellen Hautfarbe, seines blonden Haares und seines bartlosen Gesichtes von den Arabern zwar nicht für einen der ihren, wohl aber für einen arabischsprechenden Eingebornen gehalten. Dabei kam ihm insbesondere die Fähigkeit zustatten, ihnen auch innerlich gleich zu werden, was um so leichter möglich war, als der tief wurzelnde Freiheitsdrang dieses Volkes, das sich gleich ihm wenig um materielle Güter kümmerte, die nur um den Preis einer Beschränkung der persönlichen Freiheit zu erwerben sind, eines der hervorstechendsten Charaktermerkmale Lawrences war. Das Geheimnis seines Erfolges bei der Behandlung der arabischen Soldaten lag in der Erkenntnis, die er selbst einmal äußerte, „daß nur der ihr Anführer sein könne, der ihr Leben teilt, ihre Kleidung trägt, dieselbe Kost ißt wie der gemeine Soldat und in dem sie dennoch den überlegenen Menschen spüren“.
Noch zwingender aber erhellt die Macht seiner Persönlichkeit aus dem Verhalten der aktiven britischen Offiziere, mit denen er in Kontakt kam, und die sich, obwohl seine Vorgesetzten, bereitwillig seiner Führung unterstellten. […] Das Führertalent Lawrences überwand die schwierigsten Hindernisse. Dabei führte er das Kommando, ohne Kommandant zu sein, mußte er seine Anordnungen in die Form von Ratschlägen kleiden.
Lawrence erschien auf dem Schauplatz, als Ibn Saud vorübergehend in den Hintergrund gedrängt wurde. Er war damals Mitglied des Intelligence Service in Aegypten und wartete auf die offizielle Bestätigung seiner Versetzung zu dem neuen arabischen Büro in Kairo. Im Oktober 1916 unternahm Lawrence eine Reise an die Hedschasküste, trat mit den arabischen Führern in Verbindung, mit dem Ergebnis, daß er knapp nachher als Verbindungsoffizier und Berater Feisals wieder nach dem Hedschas zurückkehrte, wo bereits seit Monaten eine Revolte des Emirs von Mekka gegen die Türken im Gange war, und England im ureigensten Interesse die Partei des Emirs ergreifen mußte. In Anbetracht der Sachlage im Jahre 1916 und der Notwendigkeit, eine Abhilfe für die prekäre Situation zu schaffen, in der England sich damals befand, blieb Lawrence keine andere Wahl, als sich der arabischen Aufrührer zu bedienen, die ja bereits gegen den gemeinsamen Feind kämpften. Niemand war sich der geringen Zuverlässigkeit dieser Verbündeten deutlicher bewußt als Lawrence, denn niemand kannte sie besser als er. Die Ereignisse der beiden nächsten Jahre aber zählen zu den glanzvollsten der Geschichte. Der Aufstand im Hedschas griff immer mehr um sich – im Besitz der Türken blieb eine einzige Garnison, die schließlich auch fallen mußte, wie eine reife Frucht vom Baum. Daran schloß sich die Einnahme von Aqaba durch die von Lawrence angeführten Araber, womit jede Gefahr für die Zufuhrstraßen der britischen Armee in Palästina und die Seeverbindungen des Empires durch den Suezkanal beseitigt war. In der nächsten Kampfphase – die Engländer hatten in der Zwischenzeit die unzulänglich verteidigte Front zwischen Gaza und Berscheba durchbrochen und Jerusalem und Jericho erobert – dienten die Araber als Schild für Allenbys Flanke und gleichzeitig als Hebel gegen die Türken.
Diese Kampfphase begann mit der Zerstörung der nach Norden führenden Eisenbahnlinien, eine Tat, die Lawrence von den ihn bewundernden Arabern den Beinamen „destroyer of engines“ eintrug. Hier offenbarte sich die meisterhafte Strategik Lawrences, der den Kampf gegen das Maschinenmaterial der Türken führte, an dem sie Mangel litten, statt gegen ihre Truppen, die seinen Arabern zahlenmäßig weit überlegen waren. Die Araber schnitten den Türken die Getreidezufuhr aus dem Gebiete östlich des Toten Meeres ab und Lawrence kaperte mit einem arabischen Reiterdetachement eine ganze Kornflotille. Diese Tat schloß sich an die einzige „Schlacht“ an, die Lawrence je gekämpft, und zwar im Januar 1918 bei Fafila [sic], wo er einen feindlichen Angriff erst aufhielt und dann den Feind in die Flucht schlug. Die Leistung, die er in diesen Monaten vollbrachte, vermag auch der ironische Ton nicht abzuschwächen, in dem er selbst später darüber sprach. Durch seine Taktik und die immer weiter um sich greifenden Unruhen, die sie im Gefolge hatte, gelang es Lawrence, die Aufmerksamkeit der Türken in der ersten Hälfte 1918 von Allenby abzulenken, der mehrere Armeekorps an die geschwächte französische Front abgeben mußte. Die taktische Geschicklichkeit Lawrences hatte auch noch zur Folge, daß der Feind außerstande war, sich durch einen Rückzug hinter die Linien beim See Genezareth zu retablieren, um so einem Angriff Allenbys zuvorkommen zu können. Liman von Sanders selbst gibt zu, daß er von diesem Gedanken abstehen mußte, „weil wir nicht mehr länger imstande gewesen wären, das Anwachsen der arabischen Insurrektion im Rücken unserer Armee hintanzuhalten“. Endlich, im September, war Allenby zum Losschlagen bereit. Fast die Hälfte der türkischen Truppen südlich von Damaskus konnte infolge der bedrängten Lage, die einige tausend Araber, angeführt von Lawrence, geschaffen hatten, nicht an die britische Front geworfen werden, und Allenby vermochte in dem Sektor, wo er den entscheidenden Schlag zu führen gedachte, dem Feind eine fünffache Uebermacht entgegenzustellen. In den vorangehenden Monaten war es Allenby durch ein Netz von Finten und Täuschungen gelungen, bei der türkischen Heeresleitung den Glauben zu erwecken, der Angriff Allenbys würde östlich gegen Amman statt nördlich gegen Galiläa erfolgen. In den letzten drei Tagen vor dem Kampf tauchten Lawrences Araber aus der Wüste auf, zerstörten die Eisenbahnlinien nördlich, südlich und westlich von Deraa und schnitten so den Türken jede Zufuhrsmöglichkeit ab. Die Lage der türkischen Armeen war daher im Augenblick, wo der Angriff Allenbys einsetzte, bereits eine sehr prekäre. Die beiden Armeen zwischen dem Jordan und der Mittelmeerküste waren im Handumdrehen vernichtet, die fliehenden Truppen von britischer Kavallerie eingekreist oder von englischen Flugzeugen beschossen. Nur die vierte Armee – die auch die stärkste gewesen – blieb bestehen, allerdings östlich des Jordans. Lawrence mit einer Abteilung Araber störte den geordneten Rückzug der Armee, die sich bald in müde, fußmarode, immer mehr zusammenschrumpfende Regimenter auflöste, denen die Anstrengungen des Marsches und die Lanzenstiche von Lawrences Beduinen übel mitspielten.
Der letzten geschlossenen Heeresabteilung der Armee wurde der Rückzug abgeschnitten und knapp vor Damaskus wurde sie von den Arabern vernichtend geschlagen, die ihren Sieg damit krönten, daß sie vor den Engländern in Damaskus einzogen. Drei Tage lang war Lawrence Herrscher in Damaskus, am vierten Tag verschwand er. Der Einzug in Damaskus war eine Rechtfertigung des arabischen Aufstandes und gleichzeitig auch des Gedankenganges Lawrences. Er war der Kulminationspunkt eines Feldzuges und einer taktischen Theorie, die Lawrence ausgearbeitet und in die Praxis umgesetzt hatte. Lawrence figuriert in der Geschichte des Krieges nicht als bloßer Anführer irregulärer Truppen, er war ein genialer Stratege, der genügend Weitblick besaß, um jenen Kleinkrieg im Rahmen des modernen Kampfes vorauszuahnen, der sich aus der wachsenden Abhängigkeit der Nationen von ihren industriellen Ressourcen ergibt.
Die ersten Monate nach dem Kriege widmete Lawrence seinem Buch „The Seven Pillars of Wisdom“, dessen Manuskript er auf der Fahrt von London nach Oxford verlor und das er auf Drängen seines Verlegers binnen wenigen Monaten nochmals schrieb. 1921 wurde Lawrence als politischer Berater für die Angelegenheiten des Mittelostens in das Kolonialamt berufen, wo er Einfluß auf die Gestaltung jener Politik nah, die England veranlaßte, König Feisal zum Beherrscher eines neuen Reiches im Irak und seinen Bruder zum Oberhaupt eines neuen Staates in Transjordanien zu machen. Ein Jahr später trat Lawrence unter dem Namen Roß in die britische Luftflotte ein. Die Sensation, die das Bekanntwerden dieser Tatsache in der Oeffentlichkeit erregte, führte zu seiner Entlassung aus dem Dienst, worauf Lawrence offiziell den Namen Shaw annahm und in das Tankkorps eintrat. 1925 wurde seine Rücktransferierung zur Luftflotte veranlaßt, die ihm Gelegenheit gab, seine großen fachtechnischen Kenntnisse auch in den Dienst dieser Waffe zu stellen. Die ersten Dienstjahre waren für Lawrence Jahre seelischer und körperlicher Erholung, und als er im vergangenen März seinen Abschied nahm, vermutete niemand einen Sechsundvierzigjährigen in ihm. Er hatte die Absicht, sich in seinem kleinen Landhaus niederzulassen und sich, wie er selbst sagte, „den niemals genossenen Freuden des Nichtstuns und der Langeweile zu widmen“.
Ehrgeizige Ambitionen hatte Lawrence seit langem schon abgestreift, als er erkannte, welche Gefahr sie für jene seelische Freiheit bedeuteten, die ihm über alles ging. Er war frei von Strebertum, und während seiner ganzen Laufbahn war ihm nie darum zu tun, andere Menschen zu übertrumpfen, sondern nur zu leisten, was er sich vorgenommen. Die persönliche Bedürfnislosigkeit dieses Mannes belustigte seine besten Freunde. Wohl wirkte er durch seine Einstellung zum Leben, die sich so gänzlich von der Menschen gewöhnlichen Schlages unterschied und durch seinen oft sarkastischen Humor noch unterstrichen wurde, auch auf Menschen, die ihm am nächsten standen, häufig befremdend und erbitternd. Aber wer Lawrence kannte – soweit dies überhaupt möglich war –, konnte sich der seelischen Größe dieses Mannes nicht verschließen, einer Größe, die unsterblich ist.

Aus: „Die Furcht der Sieger“, Wochenausgabe N.W.T., 20.7.35

The Right Honourable J. E. B. Seely
Eines Tages speisten Balfour und Lloyd George bei mir. Lawrence „von Arabien“, der kürzlich so tragisch ums Leben kam, war auch anwesend und auch noch einige andre Männer. Es war mein interessantestes Erlebnis, das Verhalten dieses ungewöhnlichen Mannes bei dieser Gelegenheit zu beobachten. Lawrence stand damals in offener Fehde mit Wilson, Clemenceau und Lloyd George. Er hatte als Kind den Traum gehegt, die Araber vom türkischen Joch zu befreien, und hatte Arabisch in einem Bruchteil jener Zeit erlernt, die ein gewöhnlicher Sterblicher dazu benötigt. Als Faisal vor den großen Fünf in Paris erschien, bat er Lawrence, als Dolmetscher aufzutreten.
„Ich,“ sagte Faisal, „werde ein Kapitel aus dem Koran rezitieren, und Sie werden das sagen, was zu sagen ist.“
Man hat Lawrence später ungeheure Summen angeboten für seine Memoiren, für Verfilmungsrechte. Er lehnte alles geringschätzig ab, wobei zu bemerken ist, daß er buchstäblich in größter Armut starb.
Lawrence war der Ansicht, daß König Faisal und die Araber in erster Linie zu dem Endsieg beigetragen hatten und daß ihn die großen Drei, Wilson, Clemenceau und Lloyd George, um seinen Siegesanteil brachten. Ich weiß nicht, wie weit er recht oder unrecht hatte, aber ich weiß, daß Lawrence für seine Sache mit einer Ausdauer und Kühnheit eintrat, die die alten Staatsmänner verblüffte. Er ging in seinem Widerspruch so weit, daß er sich als Araber bekannte und dies allen, groß und klein, offen ins Gesicht sagte.
Während des ganzen Dinners sah ich, wie Lawrence Lloyd George beobachtete. Er wendete kein Auge von ihm ab, und es war ersichtlich, daß er jedes Wort, das der englische Premierminister sprach, im Gedächtnis festhielt.
Nach dem Dinner saßen wir in einer kleinen Halle und hörten Musik. Lloyd George und Balfour hatten es sich in Lehnstühlen behaglich gemacht und Lawrence stand daneben. Ich ging zum Violinspieler und bat ihn, ein von Balfour gewünschtes Musikstück zu spielen, und als ich zurückkam, war Lawrence verschwunden. Nach einer Viertelstunde blickte ich hinter den Lehnstuhl von Lloyd George und sah Lawrence im Schatten der Säule regungslos auf dem Boden kauern. Er verhielt sich so unbeweglich, daß ich nicht einmal sein Atmen wahrnahm. Ich habe später erfahren, daß Lawrence in der Wüste gelernt hatte, stundenlang im Nachdenken versunken regungslos zu verharren.
Es gelang ihm schließlich, manches durchzusetzen, aber er beharrte dabei, daß man Faisal getäuscht hatte. Sein Aeußeres war ganz überraschend. Blond, blauäugig, mit sanften Zügen und reizendem Lächeln war es schwer, zu glauben, daß er mehr als achtzehn Jahre zählte und so ungewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen hinter sich hatte. Unter den schwierigsten Verhältnissen hatte er die arabischen Feldzüge geleitet und sein Leben stündlich aufs Spiel gesetzt. Dabei gehörte er zu den hervorragendsten Gelehrten in Europa. Eines steht fest, wir schulden Lawrence die Bezwingung der Türkei.

Salzburger Chronik, 9.2.38

Wien, 8. Februar
Im Studiensaal der Albertina hielt Sir Ronald Storrs im Rahmen der österreichisch-englischen Gesellschaft vor einem zahlreichen Publikum einen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über die sagenhaft gewordene Persönlichkeit des britischen Helden des Araberaufstandes von 1916 bis 1918, Lawrence. Der Vortragende, der im diplomatischen Dienst des nahen Ostens selbst eine hervorragende Rolle gespielt hat und auch mit Lawrence persönlich aufs engste befreundet war, schilderte einleitend die langwierigen diplomatischen Verhandlungen, die noch vor Kriegsausbruch mit den arabischen Scheichs über die Möglichkeit einer „defensiven Bewaffnung“ geführt wurden. Sir Storrs, der diese Verhandlungen führte, brachte selbst den jungen Lawrence, der im ägyptischen Expeditionskorps diente, nach Arabien. Der Vortragende betonte, daß die Tätigkeit des Obersten Lawrence in Arabien vielfach übertrieben dargestellt wurde und daß, wenn auch der Schaden, den er dem Gegner zufügte, – vielfach hinter der Front – ein geringer war, sein Wirken dennoch einen gewaltigen Eindruck hervorrief. Lawrence war überall und nirgends. Wenn er irgendwo auftauchte, Straßen und Brücken und ganze Züge in die Luft sprengte, dann war er im nächsten Augenblick ebenso spurlos verschwunden. Es ist kein Wunder, daß dieser Mann zu einem Helden der Sage wurde, nachdem er in seinem 46. Lebensjahre das Opfer eines Motorrad-Unglücks wurde. Sir Storre [sic] schilderte sodann die Tragik des Lebensabends Lawrences, der nach seiner großen Aufgabe in den Kriegsjahren eine neue entsprechende Aufgabe suchte, diese aber nicht finden konnte. So ergab er sich dem Schnelligkeitswahn, der Motorraserei, die ihm zum Schicksal wurde.

Spätestens seit 1939 wird Lawrence in erster Linie in antibritischer Hetze erwähnt. Dabei ist er wahlweise „Englands böser Geist“ (Alpenländische Rundschau, 26/1940) oder Whistleblower, sogar Opfer von Verschwörungstheorien.

Oesterreichischer Beobachter, 1.8.42. Aus: „Der Vordere Orient – Englands gefährdete Landbrücke“

Im Krieg 1914/18 war es dem englischen Obersten T. E. Lawrence gelungen, die Araber Vorderasiens zum Kampf gegen die Mittelmächte und für England aufzuhetzen. Anfang 1934 schrieb Lawrence an einen deutschen Offizier: „Der letzte Krieg war, soweit es mich betrifft, eine unvermeidliche, aber abscheuliche Angelegenheit. Ich spreche niemals mit jemand über meine Rolle darin, und ich will auch gar nichts über ihn lesen oder über den Vorderen Orient, damals oder vorher oder seitdem. Nichts könnte mich dazu bringen, die Jahre 1914 bis 1918 wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie waren ein Alpdruck, und ich bedaure sehr, daß ich gezwungen wurde, jene Rolle zu spielen, die mir zufiel.“
Oberst Lawrence hat aber nicht nur diesem deutschen Offizier geschrieben, sondern er hat auch für die arabischen Freiheitskämpfer, denen er sich persönlich verpflichtet fühlte, die durch seinen Mund gemachten wichtigen Zusagen der britischen Regierung schriftlich festgehalten und hatte ihnen diese wichtigen Dokumente zwei Tage nach seinem plötzlichen Tod übergeben wollen. Oberst Lawrence starb an einem Motorradunfall, die wichtigen Dokumente wurden in seinem Nachlaß nicht gefunden, nähere Aufklärung darüber vermag jene Abteilung des Secret Service zu geben, die seit einer Reihe von Jahren im Vorderen Orient jeden Politiker, der ihr unbequem wird, um die Ecke bringen läßt. Wir zählen bloß auf: 1933 starb Feisal, der König von Syrien werden sollte, in Genf eines ungeklärten Todes. Nachträglich wurde einwandfrei festgestellt, daß der Secret Service ihn hatte vergiften lassen. 1939 gab der junge König Ghazi im Irak seinem Staat einen merkbaren Ruck ihn aus der Abhängigkeit Englands zu lösen. Er fand am Steuer seines Wagens einen ungeklärten Tod, doch nicht so ungeklärt, daß die Araber nicht sofort den britischen Konsul in Mossul als den Anstifter des „plötzlichen Todes“ ihres Königs erschlagen hätten. Im irakischen Kabinett hatte Generalstabschef Bekr Sidky eine Abkehr von England und eine engere Anlehnung an die Türkei gefordert, er wurde vom Secret Service ermordet.

[Und so weiter, und so fort.]

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Totgesagte leben länger. Im März 1931 gab es Meldungen über Lawrences Tod bei einem Flugzeugabsturz (der Absturz war real, der Tod nicht).

Ein Artikel, den ich in seiner Gänze sehr empfehlen kann und der Lawrence eher am Rande erwähnt, ist „Jildirim – der 36. Fall von Jerusalem“ von Erich Gottgetreu in der Arbeiter-Zeitung vom 29.12.33. (Man fragt sich, ob die Fotos der Fliegerabteilung 304 den nächsten Weltkrieg auch überlebt haben?)

Das beste Buch über Palästina gibt es noch nicht, aber doch das beste Kriegsbuch; der berühmte englische Oberst Lawrence, dem es gelang, die arabischen Stämme gegen die Türken zu einigen und proenglisch zu machen, gab politisch ungewöhnlich aufschlußreiche Erinnerungen in seinem „Aufstand in der Wüste“. Oberst Lawrence, der geheimnisvolle „Lawrence von Arabia“ – um so geheimnisvoller, als er seither wieder namenlos geworden ist und irgendwo als einfacher Tommy in der indischen Armee Dienst tun soll – hat all die Ehrungen, mit denen ihn der englische König überhäufen wollte, abgelehnt. Aber das wundervolle Denkmal tiefster Weisheit, das Shaw seiner Gestalt in „Zu schön, um wahr zu sein“ im Sergeanten Freundlich setzte, wird länger leuchten als der glitzerndste Orden.

An fremdem Ruhm teilhaben wollen ist wohl das Stichwort. Trotzdem unterhaltsame Memoiren in der Wochenausgabe des Neuen Wiener Tagblatts (12.5.34).

Sprengung der Mekkabahn
Von E. A. Jaroljmek

In einer mondhellen Novembernacht des Jahres 1917 fuhr ich mit meinen Soldaten in einem Linsenwagen auf der Strecke der Mekkabahn von Deraa südlich in Richtung Amaan der Front zu. Dort sollte es, wie man uns erzählt hatte, augenblicklich recht zahm zugehen. So waren wir alle guter Laune, zumal es gute und reichliche Verpflegung gab und wir froh waren, wieder einmal etwas Neues zu sehen und zu erleben.
Wir fuhren also in unserm Linsenwagen und tranken einen recht guten roten Palästinawein, den sich meine Leute verschafft hatten. Aber jetzt möchte man endlich wissen, was ein Linsenwagen eigentlich ist. Ganz einfach, ein gedeckter gewöhnlicher Güterwagen, in den man Linsen hineinschaufelte, bis er zu zwei Dritteln voll war, während seine Schiebetüren bis zur halben Höhe mit Säcken voller Linsen verschlossen wurden, die man mit Lehm verklebte, damit die wertvolle Hülsenfrucht nicht durch die Spalten hinausrollte. Ebenso gab es Bohnenwagen, Kornwagen, Gerstenwagen usw.
Das Reisen in diesen Wagen war keineswegs der Gipfel der Behaglichkeit, denn man lag sehr dicht unter der Wagendecke hoch oben auf den Linsen, an ein Sitzen war unter gewöhnlichen Verhältnissen kaum zu denken, weil man zu leicht den Kopf an die Decke stieß. Ueber die Linsen hatte man mit vieler Sorgfalt sein Bettzeug gebreitet, aber die Decken hatten ewig das Bestreben, in den Linsen zu verschwinden, in denen die Füße und Beine längst versunken waren. Die Linsen wieder verkrochen sich in die Stiefel und Kleider, füllten bald alle Taschen und Strümpfe.

Aber einen Vorteil hatten diese Körnerwagen, die sie bei uns so ungeheuer beliebt machten, sie waren frei von Ungeziefer, und deshalb zog auch ich sie jedem andern Beförderungsmittel vor. In den Personenwagen hatte ich es nur ein einziges Mal versucht; man fand sie zuweilen in den Zügen, und dann stürzte sich der Unerfahrene darauf. Ich hatte es das erstemal ebenso gemacht, aber was es auf dieser Reise an Flöhen, Läusen und Wanzen gegeben hatte, kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Ich schlief auf der Bank dieses wunderbaren Halbabteils und mein Kamerad auf seiner Feldmatratze auf dem Boden. In der Nacht warf ich dann die riesigen Wanzen, die ich mir im Dunkel richtig mit den Fingern vom Hals abklaubte, auf den Boden. Da hätte man aber den Krach hören sollen, den mein Kamerad schlug: „Erstens brauche ich deine Wanzen nicht, weil ich hier unten genug eigene habe, und zweitens wirft ein anständiger Mensch nicht mit Dingen herum, die so groß sind wie ein Speckknödel!“ Und wirklich, es waren Riesenexemplare, die jedem Museum zur Ehre gereicht hätten!

Wir fuhren also vergnügt in unserm Linsenwagen, als die Lokomotive plötzlich wie verrückt zu heulen begann, immer dreimal hintereinander, ein verzweifelt klingendes Getute. Denn die Lokomotiven der Mekkabahn pfeifen nicht wie bei uns, sondern sie tuten wie Ozeandampfer, daß es einen fast umwirft, wenn man zufällig in der Nähe steht. Wir hatten schon gelernt, was dieses dreimalige Geschrei des Maschinenführers bedeutete: alle Bremsen anziehen, und zwar so stark wie möglich. Das schien auch wirklich nötig, denn wir sausten mit einer für einen Güterzug der Mekkabahn geradezu unwahrscheinlichen Geschwindigkeit dahin. Und immerfort brüllte die Sirene, gleichzeitig hörten wir Schüsse knallen und dann einen merkwürdigen Lärm auf dem Dache unsres Waggons. Es war recht ungemütlich, denn wir verstanden nicht, was los war, auch raste der Zug wie wild dahin, noch dazu an einer abschüssigen Stelle, wobei unser Linsenwagen in einer Art stieß, als wolle er sofort aus den Schienen springen. Wenn man sich dazu das unaufhörliche Tuten der Lokomotive, die Schüsse, die durch die Nacht knatterten und das unverständliche Gepolter auf unserm Dach denkt, wird man verstehen, wie nervös wir waren, bis endlich der Zug seine Geschwindigkeit verringerte und nach einige Kilometern ganz stehen blieb.

Im Nu waren wir aus den Wagen gesprungen, Gewehre in der Hand. Was war denn eigentlich los gewesen? Man stelle sich zu allererst die Mekkabahn nicht wie eine Bahn in Europa vor, die schön in gleichmäßiger Steigung oder ebenmäßigem Gefälle durch die Landschaft zieht. Hier in der Wüste geht es so ziemlich der Nase nach, also um kleinere Erderhöhungen nicht erst in langem Umweg herum oder durch einen langen Einschnitt hindurch, nein, hier geht es ganz einfach hinauf und auf der andern Seite wieder hinab. Und da die Güterzüge meist aus dreißig und mehr schweren, vollbeladenen Waggons bestanden und Luftdruckbremsen kaum dem Namen nach bekannt waren, schaltete man nach sechs oder sieben Wagen immer einen mit einer Bremsvorrichtung ein. Damit die Bremser wußten, was sie tun sollten, wurde getutet. Einmal hieß: Aufpassen! Zweimal: Bremsen! Dreimal aber: Jetzt bremst, was ihr nur könnt!
Jedoch die Herren Bremser pflegten in ihren kleinen Häuschen ebenso gemütlich als fest weiterzuschlafen. Und darum begannen, was wir in dieser Nacht zum erstenmal hörten, nervöse Leute, die Angst vor dem Entgleisen hatten, aus dem Zug auf die Bremshäuschen zu schießen, als ob die Bremser besser arbeiten würden, wenn sie blaue Bohnen im Leib hatten. Diese Schießerei wurde später sehr streng verboten.
Wir aber waren aufgeklärt, und ebenso erfuhren wir, was der Lärm auf dem Dach bedeutete. Erfahrene und energische Reisende krochen in solchen Fällen aus den Waggons über die Dächer weg zum nächsten Bremser, um ihn zu vertrimmen und dadurch zu wecken oder notfalls seine Stelle einzunehmen, wenn er zufällig schon erschossen war. Wir haben später solche Klettertouren selbst oft mitgemacht und uns gewöhnt, schon bei Antritt der Reise Ringe, Haken und Seile an den Wagenwänden anzubringen, um leichter aufs Dach zu kommen. Denn es gehört einige Geschicklichkeit dazu, aus einem zu zwei Dritteln vollen Wagen während der Fahrt heraus und auf das Dach zu turnen.

Dieser Halt in der Nacht mitten in der Wüste brachte für uns noch eine weitere Ueberraschung. Nach vielem Herumgelaufe und Geschrei rüstete sich der Zug endlich zur Weiterfahrt. Die Lokomotive stieß einen riesigen Funkenregen aus dem Schornstein und fuhr los, aber nur mit der vorderen Hälfte des Zuges, während die zweite – und wir mit ihr – einfach auf der Strecke stehen blieb. Wir sollten eben anscheinend gleich in der ersten Nacht die nötigen transjordanischen Erfahrungen machen.
Die Sache lag folgendermaßen: Seit langer Zeit gab es schon in diesen Gegenden der weiten Türkei überhaupt keine Kohle mehr, weshalb die Maschinen mit Holz geheizt werden mußten. Dieses wurde von weither, vom Libanon, aus Syrien und Palästina, an die Bahn geschleppt, denn hier in der Wüste wuchs weit und breit kein Baum, und für den Begriff Wald hat der Araber wahrscheinlich überhaupt kein Wort. Das Holz, frisch und grün, brannte sehr schlecht, gab keine Hitze und brachte das Wasser in den Kesseln der Lokomotiven wohl zum Sieden, entwickelte aber nicht genug Dampf, weshalb uns später der Ausdruck: Istim jok! – Kein Dampf! zum geflügelten Wort wurde. Uebrigens kommt „istim“ aus dem Englischen: Steam – Dampf.
Unser Zug war im Herabrollen von der Anhöhe zu spät und zu stark gebremst worden, so daß er an der tiefsten Stelle stehen blieb. Gewöhnlich rollte er an dieser Stelle mit einer gewissen Geschwindigkeit durch, die ihn auf der Gegenseite wieder hochriß und dadurch der Lokomotive die halbe Arbeit abnahm. Heute war das nicht richtig gegangen, wir waren stehengeblieben, und nun hatte die Maschine nicht genug „Istim“, den ganzen Zug wieder hochzuziehen. So fuhr sie mit der Hälfte weiter, ließ uns stehen und wollte am nächsten Morgen wieder kommen, uns abzuholen.

Das erzählte man uns und dazu noch, daß wir mitten im feindlichen Arabien säßen und uns gar nicht wundern dürften, wenn wir von den nächsten Hügeln herab beschossen würden, Gedankengänge, die uns selber nicht sehr fernlagen. Wir waren aber doch fast hundert Mann mit dem halben Zug liegengeblieben, also teilten wir uns in einige Gruppen, besetzten die Hügel und sicherten die Bahnstrecke, während die Ablösung schlafen durfte. Jedoch passierte während der ganzen Nacht nichts. Hingegen war die Sonne noch nicht über dem Horizont, als schon etwas in der Luft über uns brummte, zwei schöne englische Flugzeuge, die sich die Sache mit einigen eleganten Kreisen näher betrachteten, dann tiefer herabkamen und, ohne sich von unsrer Schießerei stören zu lassen, vier Eier abwarfen, die mit reichlichem Lärm in respektabler Entfernung platzten, uns mit einer Sandwolke überschütteten, sonst aber keinen Schaden anrichteten. Dann verschwanden sie nach Westen. Doch schon zwei Stunden später, als eben unsre Lokomotive erschienen war, um uns abzuholen, brummten sie wieder an, diesmal in Begleitung von vier andern, schnurstracks auf uns zu, und sofort lagen die ersten sechs Bomben neben den Waggons, was den Maschinenführer zu unserm Aerger veranlaßte, mit seiner Lokomotive eiligst wieder abzudampfen. Noch einige Dutzend Bomben fielen und richteten an den Waggons ziemlichen Schaden an. Die frechen englischen Piloten gingen auf knapp hundert Meter heran und beschossen uns im Vorbeifliegen auch noch mit den Maschinengewehren.
Der ganze Spaß dauerte zwanzig Minuten, bald waren die kleinen Brände gelöscht, denn es war nicht viel geschehen. Zum Glück führten wir weder Munition noch Benzin mit uns, worauf die Engländer immer spekulierten. Wenn ein Benzin- oder Munitionszug einigermaßen gut von einer Bombe erwischt wurde und zu brennen anfing, war nicht mehr viel zu retten.

Kaum hatten wir Ordnung gemacht, erschien zu unsrer großen Freude auch unsre Lokomotive wieder. Ihr Führer erklärte uns, um einen Waggon oder auch um uns sei es nicht sehr schade, was andres aber sei es mit der Maschine. Und da hatte er wirklich nicht so ganz unrecht. Denn die Lokomotiven konnten, wenn ihnen was zustieß, überhaupt nicht ersetzt werden, weil diese Bahn eine unternormale Spurweite hat. Es ist klar, daß jedes Stück, das uns verlorenging, schrecklich fehlen mußte, gab es doch außer dieser Bahn überhaupt keine Möglichkeit, Truppen nach vorn zu bringen oder ihnen irgend etwas nachzuschaffen. Straßen nach unsern Begriffen existierten nicht, Transporte auf den Karawanenstraßen loszusenden, war nicht ratsam, die Beduinen hätten sie bestimmt weggenommen, selbst wenn uns die Mannschaften nicht gefehlt hätten, solche wertvolle Transporte zu begleiten und zu bewachen.
Darum taten die Engländer und Araber ihr möglichstes, diese unsre einzige Etappenstraße, die Mekkabahn, zu unterbrechen und arbeitsunfähig zu machen. Attentate auf Brücken und fahrende Züge waren geradezu ein Sport für sie geworden, wobei sie ebenso kühn als listig zu Werke gingen. Der gewöhnliche Trick war, eine Stelle auszusuchen, an der der Zug eine Höhe herabfuhr und dabei ins schnelle Rollen kommen mußte. Befand sich in der Nähe einer solchen Stelle ein Hügel, so hatte der Engländer alles, was er brauchte. In der Nacht wurde dort unter den Schienen eine oder mehrere Bomben angebracht, Drähte führten, sorgfältig vergraben, auf den Hügel, wo der Feind geduldig auf den nächsten Zug wartete, während seine Kamele hinter den Hügeln in kurzer Entfernung gut bewacht bereitstanden. Kam dann der Zug, so sprengte man die Bombe mit Fernzündung genau in dem Augenblick, wenn die Lokomotive darüberfuhr. Diese flog in die Luft, der Zug raste in das Sprengloch, und meist war nach wenigen Sekunden nichts mehr da als ein riesiger brennender Trümmerhaufen. Damit konnten die Attentäter ungehindert ihre Rennkamele besteigen und waren schnell in der Wüste verschwunden.

Das Sprengen von Brücken war schon schwerer, da naturgemäß die fast ununterbrochene Bewachung hinderte. Dennoch ist es einem kühnen Engländer, Kolonel Lawrence, den sie später den „ungekrönten König Arabiens“ nannten, wiederholt gelungen. Diesem jungen Mann – einem Archäologen von Beruf –, der das Arabische vollkommen beherrschte, der mit dem Emir Faisal und dessen Brüdern befreundet war und der auf alle Araber einen fast unverständlichen Einfluß hatte, diesem Dreißigjährigen von größter Tatkraft und unglaublicher Ausdauer gelang es, die vielen arabischen Stämme, die früher in ewiger Fehde untereinander lebten, wenigstens für die Kriegsdauer auszusöhnen, sie zu einigen, sie zu führen, ja diese wilden Krieger, deren Stolz Manneszucht nicht verträgt, sogar zu geschlossenen Truppenkörpern zu formen.
Was Lawrence in Arabien, fern von jeder Kultur und dem einfachsten Komfort, mitten in der unwirtlichsten Wüste, in Hitze und Durst, geleistet hat und daß er das alles leisten konnte, ist selbst für uns, die wir jahrelang da unten gelebt haben, kaum zu begreifen. Lawrence war überall und nirgends, allerdings standen ihm Flugzeuge zur Verfügung, aber in der Regel zog er die schnellen, edlen Rennkamele vor, auf deren Rücken er, meist nur mit ein oder zwei Begleitern, in kurzer Zeit unglaubliche Entfernungen zurücklegte, unsre Fronten kreuzte, entfernte Stämme aufsuchte, weit hinter unsern Fronten wichtige Eisenbahnbrücken sprengte und ganze Züge in die Luft gehen ließ.

Aber damals wußten wir noch nichts von Lawrence. Wir merkten nur, daß irgend etwas los war, daß uns die Lokomotiven zu mangeln begannen, weil zuviele in Trümmerhaufen in der Wüste rosteten, wir wußten nur, daß Emir Faisal mit einigen ausgesuchten Engländern in der Wüste in unsrer Nähe herumspukte und daß jede Fahrt auf dieser gebenedeiten Wüstenbahn viel gefährlicher war als der Aufenthalt an der Front vorn. Und dieses Wissen täuschte uns auch nicht.
Vier Wochen nach dem ersten kleinen Abenteuer an der Mekkabahn folgte schon ein sehr ernstes, bei dem wir nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkamen.
Es war gegen Abend, wir rollten sehr schnell eine Erdwelle hinab, ohne daß diesmal die Lokomotive nach den Bremsern schrie; die Strecke war hier schnurgerade, Geschwindigkeit also gefahrlos, außerdem stieg das Gelände nach einigen Kilometern wieder an, so daß der Zug von selbst seine Geschwindigkeit verlieren würde. Als der Zug die höchste Geschwindigkeit erreicht haben mochte, hörte ich plötzlich einen großen Krach und erhielt einen furchtbaren Stoß, der mich mit dem Kopf gegen die Waggondecke hob und gleichzeitig im Getreide fast völlig verschüttete. Darauf war es einen Augenblick totenstill, nach dem Lärm des fahrenden Zuges überraschend still, und dann begann ein furchtbares Schreien.

Der Zug war zum größten Teil ein Truppentransport. Die ersten zwölf Waggon boten ein furchtbares Bild. Sie waren vollkommen vernichtet und zersplittert und brannten bereits lichterloh, als wir uns aus den Resten unsres eigenen Waggons herausgearbeitet hatten und zu Hilfe eilten. Die nächsten acht waren völlig auseinandergeworfen, schrecklich zugerichtet, aber doch noch als einzelne Wagen erkennbar. Die andern, ein Dutzend Getreidewagen, standen zwar noch auf den Schienen, wiesen aber zum großen Teil sehr arge Beschädigungen auf. Es war unser Glück, daß man uns an das Ende des Zuges gekoppelt hatte und daß wir im Getreide lagen, das nachgiebig war und den Stoß gemildert hatte.
Es galt zu helfen, aber wir kamen nicht dazu. Denn schon waren die englischen Flugzeuge da und warfen ihre Bomben in den wüsten Trümmerhaufen hinein und schossen mit ihren Maschinengewehren auf alles, was sich noch rührte. So glänzend funktionierte der feindliche Erkundungsdienst, und so hervorragend waren die Unternehmungen des Kolonel Lawrence angelegt, daß die Flugzeuge wahrscheinlich schon an der Stelle der bevorstehenden Katastrophe auf uns gewartet oder unsern Zug seit einiger Zeit in der Luft begleitet hatten. Dies war nur einer von den vielen Anschlägen, die Erfolg hatten, aber er allein brachte über dreihundert brave türkische Soldaten elend um ihr Leben uns kostete außerdem viel wertvolles Material. Denn retten konnten wir nichts mehr. Als die Flugzeuge nach einer endlosen halben Stunde meinten, des Guten genug getan zu haben, gab es auch für uns schon keine Arbeit mehr. Der ganze Trümmerhaufen, auch unsre Getreidewagen oder ihre Reste, brannten lichterloh. Wasser hatten wir nicht einmal zum Trinken, geschweige denn zum Löschen, also konnte nur eines geschehen, die Verwundeten, die noch genug Kraft gehabt hatten, aus dieser Hölle herauszukriechen, notdürftig zu verbinden und zu warten, bis ein Hilfszug irgendeinmal von irgendwoher eintreffen würde. Noch Monate später lagen die traurigen Reste des Unglückszuges, verkohlt und verrostet, in der Wüste. Wir fuhren einfach auf einem neugelegten Geleise um die Trümmer herum.

Amerikanische Journalisten, die lange im Hauptquartier der Araber bei Lawrence lebten, haben über seine Expeditionen ein Buch geschrieben; danach sind ihm persönlich fast siebzig solche Sprengungen gelungen.
Ich selbst befand mich dreimal in Eisenbahnzügen, auf die es abgesehen war. Nur einmal ist ein großes Unglück entstanden. Ein zweitesmal platzte die Bombe zwar, richtete aber, da die Lokomotive nicht entgleiste und die Schienen nicht rissen, keinen besonderen Schaden an, und ein drittesmal warnten uns aufmerksame türkische Gendarmen vor einer kleinen Brücke, die unterminiert war, so rechtzeitig, daß der Zug noch zum Stehen gebracht werden konnte. Wir stürzten uns voll Rachedurst und mit einer wahren Freude aus dem Wagen und stürmten auf die Hügel los, hinter denen angeblich der Feind lag. Als ich oben ankam, sah ich in der Ferne drei Kamele in größter Schnelligkeit entfliehen. Wahrscheinlich hatte ich ein persönliches Zusammentreffen mit Lawrence versäumt. Die Bombe, die in einem Loch in der Untermauerung der Brücke angebracht war, und den Draht, der auf einen Hügelrücken in nächster Nachbarschaft der Bahnlinie führte, haben wir gefunden. Und ein Drahtende begleitete mich als eine Art Talisman noch bis zum Ende des Krieges.

Die Illustrierte Kronen-Zeitung (nicht ganz die Bild, aber auch nicht allzu weit entfernt) brachte im März 1935 eine mehrteilige Artikelserie über Lawrence, Marke übelster Kitsch. („Who writes this rubbish?“, um Agent Carter zu zitieren.)

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Ich habe hier einige Beiträge aus Zeitungen der Zeit ausgewählt – entweder enthalten sie interessante Passagen oder sind völlig absurd oder aber sind (im Vergleich mit den übrigen Artikeln) halbwegs neutral und korrekt.
Vielleicht nochmals zur Erläuterung, weil das, glaube ich, inzwischen kaum noch bekannt ist und vermittelt wird: Deutschlands großes Feindbild war während der beiden Weltkriege und der Zeit dazwischen in erster Linie „England“. (Irgendjemand hat das mal als den Haß eines verschmähten Liebhabers betitelt, was sicherlich stimmt.) Das also zur Erklärung des häufig anzutreffenden Gift-und-Galle-Tons.

Wie immer mit großem Dank an das ANNO-Team. Retrodigitalisierung ist eine Sch…arbeit, aber sie ist ungemein hilfreich!

In deutschen Zeitungen ist im Gegensatz zu den österreichischen auffallend wenig zu finden. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat ZEFYS, die größte deutsche Datenbank, weniger Zeitungen in dem Zeitraum digitalisiert als ANNO (jedenfalls bis heute), zum anderen blieb Österreich noch bis 1938 von der Gleichschaltung der Presse verschont. Außerdem, man muß es wohl so sagen, berichtete man in Österreich bei aller Fixierung auf den Versailler Vertrag und allem, was damit zusammenhing, doch internationaler als in Deutschland. Und nicht zuletzt: ANNO bietet zumindest für einen Teil ihrer Titel eine Volltextsuche…


Mit Metaphern hat er’s nicht so. Außerdem bezeichnend, daß man heutzutage weder mit dem Kapitän der Emden noch dem Flieger von Tsingtau viel anfangen kann… und das Ende existiert auch nur im Kopf des Rezensenten.

Neue Freie Presse, 17.9.27

Araber gegen Türken im Weltkrieg, von Dr. Wolfgang Weisl
Berlin, im September
Ein verspätetes Kriegsbuch erscheint nun, das eines der merkwürdigsten Kapitel des Weltkrieges behandelt: den sagenhaft gewordenen „Aufstand in der Wüste Arabiens“, der von einem blutjungen englischen Archäologen, dem Leutnant T. E. Lawrence, entfesselt wurde, der die arabischen Fahnen bis nach Damaskus, bis über Damaskus hinaustrug. Ein Aufstand wie ein Steppenbrand in der Wüste: hell auflodernd und dann in Asche zerfallend wie ein brennender Papierdrache, den Kinder steigen lassen.
Lawcrence [sic] schildert dem englischen Publikum in einem gewollt zurückhaltenden Buch „The Revolt in the Desert“ die Geschichte seiner Tätigkeit vom Oktober 1916 bis Oktober 1918. Um die ganze Bedeutung dieses Buches zu verstehen, muß man wissen, was Lawrence für England und Amerika bedeutet. Ein Legendenkranz hat sich um diesen Namen gesponnen, reicher und blühender als der um den Kapitän der „Emden“ oder um den „Flieger von Tsingtau“. Zahllose Artikel, dickleibige Bücher wurden über den „ungekrönten König Arabiens“ oder den „modernen arabischen Ritter“ geschrieben, der in zwei Jahren vom Leutnant zum Oberst avancierte, eine zusammengebrochene Truppe von ein paar tausend arabischen Beduinen zu einer siegreichen Stoßkraft vereinte, der als kaum dreißigjähriger Mann an der Spitze seiner arabischen Armee in Damaskus einzog.
Und noch mehr Bedeutung gewann der „Archäolog [sic] und Dichter, der Soldat wurde“, als man von ihm erzählte, daß er bei Kriegsende alle Ehren ablehnte, mit denen ihn das siegreiche England für seine Erfolge belohnen wollte. Man erzählt, er habe das Viktoria-Kreuz, die Sehnsucht jedes englischen Offiziers, abgelehnt, als König Georg selbst es ihm in einer Audienz überreichen wollte; man berichtet, er habe sich geweigert, die Generalswürde zu empfangen: Nicht England zuliebe, sondern aus Liebe zu den Arabern habe er den Krieg zur Befreiung von Damaskus, zur Niederwerfung der Türken geführt. All dies entzündete die für alles Romantische empfängliche amerikanische Volksseele, so daß Lawrence eine Zeitlang Held des Tages in Amerika und auf dem Umweg über Amerika auch in England wurde.
Aber die Weltgeschichte war umbarmherzig und die Träume des Obersten Lawrence zerrannen bald. Emir Feisal, dem Lawrence die Führerschaft eines großarabischen Staates mit der Residenz in Damaskus zugedacht hatte, wurde verjagt, König Hussein verlor den Hedschas, Emir Abdallah wurde auf den kleinen Landstreifen östlich des Jordan beschränkt und – Lawrence selbst kehrte enttäuscht und verbittert nach London zurück, schrieb dort noch einige Artikel in den „Times“, ließ ein Buch über Arabien als Luxusausgabe zu unerhört teurem Preis erscheinen und neun Jahre nach Kriegsende ein zweites; im übrigen dient, soviel man weiß, der ehemalige Oberst Lawrence als Leutnant im englischen Fliegerkorps, und sein Leben gleicht dem Aufstand in der Wüste, dessen Geschichte er uns erzählt: eine Rakete, die prasselnd und leuchtend aufsteigt, einen Augenblick lang frei im Himmel schwebt – und verschwindet, verweht… […]
Lawrence erzählt in offener Weise, wie wenig idealistisch seine Freiheitshelden veranlagt waren. Die besten Soldaten waren die Leute eines Räuberhauptmannes Auda, andere waren Verbrecher, die von den Türken verfolgt wurden; ein einziger Mann, ein damaszenischer Politiker Nessib el Bekri, wird von Lawrence als patriotisch und gebildet bezeichnet, während er sonst anmerkt (Seite 98), daß Feisal 400.000 Mark zur Verfügung stellte, um neue Truppen zu bezahlen, die man anzuwerben hoffte. Aber der Führer dieser Banditen und Abenteurer war aus dem Stoff geschnitzt, aus dem man Eroberer macht. Er erzählt eine kleine Anekdote: Einer seiner Reiter ging verloren, verirrte sich in der Wüste. Die Araber der Eskorte des Lawrence wollten nicht zurück, den Verlorenen zu suchen – er, der Christ und Fremde, wollte nicht den Anschein erwecken, Moralprediger zu sein. Da wendete er selbst sein Kamel und ritt zurück, allein, ohne Begleiter, und suchte in der Wüste den verlorenen Kameraden, fand ihn. […]
Die folgende Geschichte des Feldzuges von Akaba nach Damaskus ist nur mehr ein Ruhmessang auf die Heldentaten der deutschen und österreichischen Regimenter im Orient, die imstande waren, der türkischen Armee so viel Widerstandskraft zu verleihen, daß sie einer vierfachen Uebermacht gegenüber noch über ein Jahr lang Widerstand leistete, trotz Lawrence und seinen arabischen Irregulären, die ihr im Rücken lagen.

Rezension von „Gbk“ in der Oesterreichischen Wehrzeitung, 9.12.27, Auszug. Was Verzeichnisse und Karten angeht, stimme ich voll zu.

Anderseits erwachsen ihm durch staatlichen Bureaukratismus manche Schwierigkeiten. Selbst von militärischer Seite findet er nicht immer verständnisvolle Förderung, weil sich manche Persönlichkeiten von den Erfahrungen der französischen Front nicht restlos auf die des orientalischen Kriegsschauplatzes einstellen können. Der Gegensatz zwischen Stellungs- und Bewegungskrieg in seiner freiesten Form tritt scharf zutage, was das Buch für den militärischen Leser besonders wertvoll macht. Bernhard Shaw schreibt zu dem Werk eine begeisterte Einleitung, die beweist, daß der alte Spötter trotz aller vorgeschützter Internationalität doch stockenglisch bis auf die Knochen ist. Englisch gilt heute überhaupt als große Mode. Trotzdem wage ich zu behaupten, daß die Deutschen in Ostafrika mehr geleistet haben und daß namentlich Lettow-Vorbeck hoch über Lawrence steht. Jedenfalls aber erzählt Lawrence spannend und bildhaft. Ein Verzeichnis der Personen mit ihren dienstlichen und sonstigen Stellungen und ihren verwandtschaftlichen Beziehungen wäre erwünscht. Die beigegebene Karte ist des kleinen Maßstabes wegen gänzlich unzulänglich, es fehlen orographische [sic] Details und die Gebiete der arabischen Stämme, was um so mehr auffällt, als der Verlag das Werk nach Papier, Druck und Einband erstklassig ausgestattet hat.

Neues Wiener Journal, 18.3.28

Die Empörung der Wüste, von M. Y. Ben-Gavriel
Jerusalem, Anfang März
In den Kriegsjahren 1917 und 1918 konnte man in Kairo im Savoyhotel, wo das englische Hauptquartier untergebracht war, gelegentlich einen auf alle Fälle merkwürdigen Mann sehen. Beim ersten Anblick unterschied er sich kaum von den Arabern, die hier aus und ein gingen, denn er war wie sie gekleidet: ein weißes, hemdartiges Gewand mit breitem Gürteltuch, in dem ein Dolch steckte, darüber die weiße Abbaye und auf dem Kopf das weiße malerische Sonnentuch der Beduinen. Es war aber nicht der Umstand, daß die Kleider aus seidegewirktem Stoff und der Dolch und der mekkanische Kopfbund aus Gold waren, was bei näherem Hinsehen den kleinen, ein wenig hinkenden und meist barfüßigen Mann ganz wesentlich von den anderen arabischen Gästen unterschied: es war vielmehr der merkwürdig unbeduinische Schnitt des sonnegebrannten energischen Gesichts und auch gelegentlich die Art und Weise, in der er sich gab. So konnte es zum Beispiel vorkommen, daß er einem vorbeigehenden General unverwandt ins Gesicht blickte, ohne seine legere Stellung zu ändern oder auch nur die Absicht erkennen ließ, militärisch oder nichtmilitärisch zu grüßen. Zur Rede gestellt, konnte er mit kindlich-freundlichem Gesicht antworten, daß ihn die Warze in des Generals Gesicht außerordentlich interessierte, so daß er sich bemüßigt gesehen habe, sie näher in Augenschein zu nehmen. Dieser sonderbare Beduine war Oberst Lawrence, der ungekrönte König von Arabien, Besieger der Türken (und auch der Deutschen und Österreicher, die damals die verfahrene Sache in Arabien und Palästina mitmachen mußten), erster Gouverneur von Damaskus, Freund zweier arabischer Könige, Abenteurer von größtem Format und genialster Kriegsschriftsteller seit, wie Shaw sagt, seit Julius Cäsar.
Siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre alt war der Archäologe Lawrence, der schon früher ohne Penny in der Tasche durch Syrien gewandert war und einmal in Urkasdim, der Stätte Abrahams, in Mesopotamien, Ausgrabungen vorgenommen hatte, zu irgendeinem Stab in Kairo als Leutnant eingestellt worden. Seine reichen Kenntnisse arabischer Sprache und Sitte ließen es zu, daß der als ein wenig exaltiert angesehene Reserveoffizier nach Arabien geschickt werden konnte. Was nun Lawrence in Arabien machte, wie es ihm gelang, das vielleicht größte Kunststück in diesem Kriege zusammenzubringen, das nämlich, die tausend nomadischen, einander bekämpfenden Horden und die in ihren Interessen divergierenden Stadtbewohner der arabischen Halbinsel zu einem gemeinsamen nationalen Ideal zu entflammen und trotz der für europäischen Begriffe völlig unbegreiflichen Schwierigkeiten diese unendlich tapfere, aber ebenso unendlich undisziplinierte Masse zu einem gemeinsamen Aufstand gegen die türkische Herrschaft zu organisieren, erzählt dieses hinreißende Epos eines der denkwürdigsten Heldenleben. Der brückensprengende Gelehrte im übermenschlichen Kampf gegen die Hitze und die Kälte der Wüste, im Kampf gegen die türkischen Armeen, selbst noch nicht dreißig Jahre alt, an der Spitze einer Armee, die vor ihm nicht wußte, was geregelte Kriegsführung ist, der dem gewöhnlichen Leben entrückte Gelehrte als bewunderungswürdigster Diplomat auf schier ungangbarem Boden, das ist Lawrence, eine einsame Heldengestalt auf jenem Kriegsschauplatz, dessen unerbittliche Grausamkeit selbst nicht für die Nerven eines Marnekämpfers geschaffen war. Wir, die wir damals auf der anderen Seite der Front standen, hörten aus dunklen Legenden den Namen Lurens, wußten aber nichts Näheres über den Mann Lawrence. Jetzt aber, da dieser Krieg nur mehr in den Heldenliedern der Stämme an den abendlichen Feuern fortlebt, erkennen wir aus diesem, im wahrsten Sinn mit Blut und Eisen geschriebenen Buch (Lawrence: „Aufstand in der Wüste“, Paul-List-Verlag, Leipzig), was wir damals kaum zu ahnen vermochten: die ganze gewaltige heldische Größe, zu der ein Außenseiter seiner Generation sich emporschwingen kann. Wie immer man Kriegsbücher ablehnen mag, dieses hier ist ein Dokument nicht nur heroischer (mitunter brutal-grausamer), sondern auch fast unerreichter literarischer Größe. Und darüber hinaus ein Dokument menschlicher Tragik ersten Ranges: Der Mann, englischer Offizier einerseits und anderseits glühender Freund der arabischen Nation und ihrer Sache, steht jahrelang, tagtäglich einem unüberbrückbaren Zwiespalt gegenüber, der zwischen seinem großen Lebensziel eines großarabischen Reiches von Syrien bis zum Irak und seiner Pflicht, die nationale arabische Idee der englischen Politik dienstbar zu machen, sich auftut. Lawrence ist heute ein einsamer Mann, ein Sonderling, dem die Friedensverträge sein mit 30 Jahren vollendetes Lebenswerk zerschlugen, dem das politische Schicksal die Karte, auf die er sein Herz und seinen Kopf gelegt hatte, aus der Hand schlug. Lawrence hat sein Heldentum vertan für ein Ideal, das die Weltgeschichte betrogen hat, um einer anderen Idee willen, die dem arabischen Volke eine nur passive Rolle zugedacht hat. Ibu Saud, der erbittertste Gegner seines königlichen Freundes Faisal und dessen Familie, der Wahhabitenkönig, der damals die Partie um einer ganz anderen Idee willen mitspielte, ist heute der unabhängige Führer Arabiens, und Lawrence hat das Spiel für England gespielt.
Wie dem aber auch sei: Lawrences Taten haben das bedeutendste literarische Denkmal zur Welt gebracht, das sich ein Mensch in diesem Kriege gesetzt hatte, welche Sprache immer er sprach und welcher Partei Sache er auch vertrat.

Wie sich die Bilder gleichen. Aus: „Der ‚Aufstand’ – zur Vorbereitung des Antisowjetkrieges“, Die Rote Fahne, 23.12.28

Der Aufstand in Afghanistan, der sich gegen das Regime Amanullahs richtet, wird von der ganzen bürgerlichen Presse als ein innerer Kampf verschiedener Stämme und konservativer Schichten der Bevölkerung gegen die Reformen Amanuallas dargestellt. Das ist eine bewußte Verwischung der eigentlich Triebkraft, die hier am Werke ist. Gewiß spielen Amanullahs Reformen, durch die Afghanistan europäisiert werden soll, eine wichtige Rolle. Die Türkei Kemal Paschas, den sich Amanullah zum Vorbild genommen hat, ist infolge ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Kriegs- und Nachkriegsjahren solchen Reformen zugänglicher als das rückständige Afghanistan.
Aber der Widerstand gegen die Modernisierung der Kleidung, der Haar- und Barttracht, gegen die Abschaffung des Schleiers der Frauen, gegen verschiedene, gesundheitliche und wirtschaftliche Einrichtungen wäre gewiß nicht in einen bewaffneten Aufstand der konservativen Elemente umgeschlagen, wenn nicht der britische Imperialismus dazu angestiftet hätte. Er hat für diesen Aufstand Geld und Waffen gegeben, er hat die Truppen Amanullahs teilweise zu bestechen vermocht, und er hält sich bereit, bei der ersten besten Gelegenheit zu intervenieren und unter irgendeinem Vorwand Afghanistan unter seine Vormundschaft zu bringen.
In den Kreisen der Konterrevolutionären ist der englische Oberst Lawrence als Führer und Organisator aufgetaucht. Nun wird freilich die englische Regierung erklären, besonders wenn der Aufstand niedergeschlagen werden sollte, daß Lawrence ein Privatmann wäre, für dessen Taten die englische Regierung keine Verantwortung übernehmen könnte. Dem ist aber nicht so. Oberst Lawrence befand sich in offizieller Eigenschaft seit langen Monaten an der indisch-afghanischen Grenze bei den britischen Streitkräften und schürte in Englands Auftrag die Aufstandsbewegung.

Die Arbeiter-Zeitung vom 7.2.29 faßt sehr ökonomisch gleich alle wilden Gerüchte in einem Artikel zusammen. Aus: „Der Fliegersoldat Shaw“

Nach dem Ende des Krieges schaltet er nach Belieben mit Kronen und Thronen, setzt seine Vasallen zu Königen ein. Hussein von Hedschas, Abdullah von Transjordanien, Feisal vom Irak sind seine Kreaturen und jeder von ihnen bekommt eine Krone. Freilich, die Verteilung hält nicht lange vor: Ibn Saud, der Wahhabitenführer der bei der Teilung zu kurz gekommen ist, stößt sie um… Aber inzwischen ist Lawrence schon ganz wo anders. Das Regieren, das Verhandeln und Verwalten überläßt er andern; seine Sache ist der Kampf und – die Heimlichkeit.
Sein Name taucht beim Aufstand der Drusen wieder auf, der den Franzosen in Syrien so viel zu schaffen macht. Dann hört man lange Zeit nichts mehr von ihm. Da bricht in Afghanistan der Aufstand gegen König Amanullah aus: eine Bewegung, die ohne Zweifel von England unterstützt wird. Plötzlich, wie aus einer Versenkung, ist der Name wieder da: die afghanische Regierung setzt einen hohen Preis auf den Kopf des „Erzspions“ Lawrence aus. Und nun erfährt man, daß Lawrence als „Fliegersoldat Shaw“ tatsächlich aus purem Zufall bei der Fliegertruppe an der indisch-afghanischen Grenze Dienst gemacht hat. Als sein Name verraten ist – und der Aufstand übrigens in vollem Gang –, bekommt der Fliegersoldat Shaw Urlaub und fährt nach Hause.
Er wird immer wieder überall dort auftauchen, wo der Schatten einer schmutzigen und gierigen Hand – der des englischen Imperialismus – hinter den Zelten fanatisierter Wüstenstämme sichtbar wird.

Freiheit!, 16.4.29

Der geheimnisvolle Oberst Lawrence
London, Anfang April.
Fünfzehn oder zwanzig Kilometer entfernt von dem Militärflugplatz in Plymouth liegt, mitten auf der Heide, ein einsames kleines Haus. Es hatte nur eine Tür, dieses Haus, denn es stammt aus dem 16. Jahrhundert, und an dieser einen Tür ist eine große griechische Inschrift, und hinter dieser Tür wohnt, wenn er zu Hause ist, der Flugzeugmechaniker T. E. Shaw. Das ist ein nicht ungewöhnlicher englischer Name, aber dieser Shaw ist kein gewöhnlicher Shaw, es ist… Ja, es ist der geheimnisvolle Engländer, der im letzten Herbst an der Grenze von Afghanistan auftauchte, gerade als es für Amanullah brenzlig zu werden anfing, und den die englische Regierung dann offiziell abberief, weil behauptet wurde, daß zwischen den Unruhen in Kabul und seiner Gegenwart an der Grenze ein gewisser Zusammenhang bestünde.
Ob das wahr war oder nicht, wissen nur Shaw und die englische Regierung, aber gewiß könnte es wahr gewesen sein, denn dieser Shaw hat ja schon einmal einen Aufstand angeflammt und geführt, den „Aufstand in der Wüste“ gegen die deutschen und türkischen Truppen. Damals hieß er noch „Lawrence“ und hatte den Rang eines Hauptmanns und war ein etwas schwächlicher junger Mann, den sie in der englischen Armee nicht hatten haben wollen und der sich dann in Arabien seinen eigenen Krieg zurechtgezimmert hatte.
Als Lawrence dann nach Friedensschluß wiederkam und sie ihn den ungekrönten König von Arabien nannten, gefiel ihm das nicht sonderlich. Er verschwand von der Bildfläche, schrieb ein paar Bücher, in denen er unseren Truppen ein besseres Zeugnis ausstellte als den englischen Militärs, und nahm dann offiziell den Namen Shaw an.
Zweifellos ist das ein ganz ungewöhnlicher Mensch, und es ist kein Wunder, daß das einsame Haus auf der Heide von Reportern umlagert wird. In das Haus selbst ist noch keiner von ihnen vorgedrungen, denn es wird während der Abwesenheit des Flugzeugmechanikers von dem riesenhaften Diener Shaws bewacht, der mit allen Eindringlingen kurzen Prozeß macht. Und Shaw selbst ist vielleicht noch wortkarger. Alles, was man von seinem häuslichen Leben weiß, ist, daß er jeden Abend auf seiner Rennmaschine über die Heide nach Hause jagt und dann bis tief in die Nacht hinein noch bei Kerzenlicht arbeitet. Während des Tages tut er seinen Dienst wie jeder andere und soll dabei höchst zugänglich sein, solange keine Frauen in der Nähe sind und niemand von Arabien spricht oder ihn als „ungekrönten König“ behandelt. Diese drei Dinge soll er hassen wie sonst nichts im Leben.
Aber diese Dinge vergrößern nur das Geheimnis, statt es zu entwirren. Man fragt sich: ist das wirklich Shaw alias Lawrence, oder nur ein Doppelgänger, der da jeden Morgen zum Apell antritt, während der wirkliche Shaw ganz wo anders ist, vielleicht in Afghanistan, vielleicht anderswo. Schließlich kann man, falls man es wirklich will, auch noch wo anders untertauchen, als auf dem Militärflugplatz bei Plymouth, der andererseits wieder ein gutes Alibi ist.

Linzer Volksblatt, 19.5.29

Ein Mann der Königreiche schuf
„Schlechte Zeiten für uns Könige, gestern sind wieder fünf neue Republiken proklamiert!“ so meinte im Sommer 1919 während der Versailler Konferenz der Herrscher einer europäischen Monarchie zu einem jungenhaft aussehenden und die Arbeit der „Großen Fünf“ mit offenkundigem Mißmut verfolgendem Engländer. Aber der beruhigte ihn: „Mut, Sire! Wir haben im Osten soeben drei Königreiche errichtet!“
Er hätte auch sagen können: Ich habe sie errichtet. Denn es war Oberst T. E. Lawrence, an den der Monarch geraten war, Scheik Urens, wie ihn die Araber nannten, und als welcher er zwischen Bagdad und Mekka, Damaskus und Aden gleicherweise bekannt und bewundert war und als welcher er die Achillesferse des Empire, den Weg nach Indien, in die feste Bastion eines werdenden Middle Eastern Empire verwandelt hat.
England zuliebe allerdings hat er das nicht, sondern lediglich den Arabern zuliebe, deren Land und Wesen er mit der ganzen Inbrunst des zünftigen Archäologen liebte, der er von Hause aus war. Er hat diese Liebe nie verleugnet. Als er einmal den Emir Feisal, jetzt König des Irak, zu einer Privataudienz bei König Georg V. in den Buckingham-Palast begleitete, legte er anstatt seiner Obersten-Uniform arabische Tracht an: schneeweißen Burnus, Gürtel, Dolch und Kopfschmuck aus Gold und Seide. Als man – angeblich der König selbst – ihn tadelte, weil er die Rücksicht auf den arabischen Gast über die auf seinen König gestellt hatte, und als britischer Offizier vor seinem König in fremder Tracht erschien, antwortete er: „Wenn ein Mann zwei Herren dient und einen von den zweien verletzen muß, dann soll er wohl lieber den mächtigeren von beiden verletzen!“
Wäre Lawrence ein nicht so etiketteloser und unkonventioneller Geist gewesen, so wäre er niemals der „ungekrönte König von Arabien“ geworden und noch mancher englische Diplomat hätte sich an den arabischen Problemen den Kopf zerbrechen müssen. Als nämlich 1916 der Generalstab des englischen Mittelmeer-Expeditionskorps von Ismailia nach Kairo in das schöne Savoy-Hotel übersiedelte, fand sich in der dort vorher schon untergebrachten „Intelligenz-Abteilung“ als geographischer Sachverständiger und zeitweiliger Subalternoffizier ein Unter-Leutnant, der zwar die Topographie des Nahen Ostens in den Fingerspitzen, dafür aber nicht eine Spur von Gefühl für militärische Korrektheit und Subordination hatte, der sich sogar unter Umständen erfrechte, über arabische Fragen anders zu urteilen, als hohe Stabsoffiziere. Solche Elemente konnte man natürlich im Generalstabsquartier nicht dulden, und so verbannte man den jungen Dachs, der fast nie ordentlich rasiert war, unmögliche Reithosen trug und manchmal sogar aus Bequemlichkeit keine Gamaschen und nie Sporen anlegte, in die arabische Sektion, die für jeden standesbewußten Generalstabsoffizier das Fegefeuer bedeutete. Die Wendung befriedigte alle Teile: der Generalstab war froh, einen so kompromittierenden und sachverständigen Außenseiter los zu sein, Lawrence war glücklich, dem Fegefeuer der Bureauarbeit entronnen und dem Gegenstand seiner Liebe, Arabien, nähergerückt zu sein, und sein neuer Chef, General Clayton, war klug genug, das Sachverständnis des neuen Mitarbeiters hoch einzuschätzen. Das Abenteuer der 27 Monate begann, das Lawrence in seinem berühmt gewordenen Buche „Aufstand in der Wüste“ geschildert hat, in einer Weise geschildert hat, die ihm zur höchsten Ehre gereicht, und die das Buch zu einem der wesentlichen Dokumente des Weltkrieges macht.
Der irische Landwirtssohn, der Zögling des französischen Jesuitenklosters und des Oxforder Colleges, der gelehrte, junge Orientalist, der 1912 mit einer Studienreise durch Arabien seine schwache Gesundheit auf Spiel gesetzt hatte und infolgedessen mit seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger zur Orientarmee als dienstuntauglich zurückgewiesen, jedoch zunächst an die Dolmetscherschule in Kairo kommandiert wurde, machte sich ans Werk, Arabien zugunsten Englands gegen die Türkei zu revolutionieren. Es gelang ihm, obwohl unter hundert seiner arabischen Helfer zumeist nur zwei oder drei waren, denen er noch trauen konnte, wenn er sie nicht mehr in Sichtweite hatte. Es gelang ihm, weil er auf alle europäischen Prätentionen verzichtete und Araber unter Arabern wurde. Als er nach seinen glänzenden Erfolgen hinter den flüchtenden Trümmern der türkischen Armee her 1918 in Damaskus einzog, kam der tragische Umschwung in diesem Leben: er erkannte, daß auch er selbst doch nur ein Werkzeug, eine Schachfigur der hohen Politik gewesen war, die er haßte. Keine Voreingenommenheit konnte seinen Blick trüben. Seiner Gerechtigkeit hat er das schönste Denkmal mit folgenden Worten über die deutschen Fronttruppen des Palästinaheeres gesetzt:

[Und er zitiert die Stelle aus Aufstand in der Wüste / Sieben Säulen der Weisheit, die alle deutschsprachigen Zeitungen zitieren.]

Es blieb nur noch das Resultat seiner ungeheuerlichen Anstrengungen zu liquidieren. Mit unendlichem Mißmut verfolgte er die verlogenen und innerlichst unehrlichen Friedensverhandlungen, und als schließlich England an die Sicherung der von Lawrence errungenen Vorteile im Nahen Osten gehen wollte und eines Tages Lord Curzon ihn mit einer langen, wohlgesetzten Lobrede in eine Kabinettssitzung einführte, die die Fragen des Nahen Ostens behandeln sollte, hatte, auf die Frage, was er zu sagen habe, Lawrence zunächst nur die peinliche Bemerkung: „Ihr Leute versteht ja noch immer nicht, in was für eine Patsche ihr uns gebracht habt!“ – Uns – das waren Lawrence und seine Araber. Er hatte die Araber gelehrt, daß auch in Europa Männer existieren, die des Vertrauens eines Beduinen würdig seien, die englische Politik der Nachkriegszeit hat die Araber davon überzeugt, daß dieser Glaube ein Irrtum gewesen sei. Lawrence lehnte das Viktoriakreuz, die Sehnsucht jedes englischen Offiziers ab, weigerte sich, die Generalswürde anzunehmen, ging als Sachverständiger an das englische Kolonialamt, wo er als Referent für den Mittleren Osten tätig war. Allein sein Ueberdruß an den kolonialpolitischen Methoden wuchs schließlich dermaßen, daß er 1922 still und ohne Aufsehen seinen Posten niederlegte und als einfacher Flugzeugführer unter einem angenommenen Namen (Shaw) nach Indien ging.
Die Legende hat sich, wie es nicht anders sein konnte, an diese unwahrscheinliche Erscheinung geheftet. Man redet in eingeweihten Kreisen viel von diesem Manne, der die meisten englischen Kolonialpolitiker „in die Tasche stecken könnte“. Man will wissen, daß die ursprüngliche Fassung seines Buches vom Aufstand in der Wüste ihm unter sehr merkwürdigen Umständen entwendet worden ist und spricht offen davon, daß in hohen Stellungen des englischen Kolonialamtes Männer säßen, die außerordentlich froh gewesen seien, daß gewisse Kapitel der ursprünglichen Fassung in der schließlich erschienenen Fassung des „Aufstandes in der Wüste“ nicht mehr enthalten waren. Vielleicht ist auch die Geschichte vom Viktoria-Kreuz und von der abgelehnten Generalswürde ebenso Legende, wie die unzähligen Anekdoten, die von immer neuen Seiten diesen Mann zu charakterisieren versuchen. So wird wahrscheinlich auch das Gerücht von seiner Tätigkeit beim Aufstand in Afghanistan, das jetzt umgeht, Legende sein, wenngleich das Unternehmen an sich diesem Mann nahe genug gelegen hätte und wenngleich über jede persönliche und augenblickliche Enttäuschung hinaus jeden echten Engländer immer wieder die riesige Idee des Empire und seines Ausbaues, respektive seiner Sicherung zu neuen Anstrengungen verlockt.

Ganz wild wird’s in Freiheit! vom 31.5.29. Aus: „Niederlage Moskaus in Afghanistan“

Es steht jetzt fest, daß Oberst Lawrence, der während des Weltkrieges dem britischen Reiche ungeheure Dienste in Arabien geleistet hatte, sich unter dem Namen „Karam-Schah“ in der Verkleidung eines arabischen Mullahs im Gebiete der Schimvaris aufgehalten hat. Dort bezeichnete er sich als einen Nachkommen des Propheten und hetzte die wilden afghanischen Bergstämme gegen die Herrschaft Amanullahs auf. Er erklärte, daß König Amanullah ein Verräter am Islam geworden sei, daß er die Sitten und Gebräuche zerrütte und daß Allah über seine Anhänger schwere Strafen verhängen werde. Da Amanullah 16 Töchter der vornehmsten afghanischen Familien nach der Türkei zu Studienzwecken entsandt hatte, so wurden diese Mädchen auf Veranlassung von Lawrence im Chaiberpaß unterwegs von Engländern angehalten, die sie photographierten. Auf diesen Bildern erscheinen die jungen Damen durch eine geschickte Fälschung Arm in Arm mit englischen Soldaten.

„… German press is confident I am in Kurdistan…“ kommentierte Lawrence die internationale Gerüchteküche bemüht humorvoll in einem Brief vom 15.8.30.
Innsbrucker Nachrichten, 9.7.1930:

England schürt in Kurdistan?
Wie aus Moskau gemeldet wird, sind die russischen amtlichen Stellen über den Kurdenaufstand an der persisch-türkischen Grenze sehr besorgt. Nach russischen Meldungen soll die türkische Zeitung „Wakit“ Mitteilungen veröffentlicht haben, wonach der Urheber dieses Kurdenaufstandes gegen die Türkei der englische Oberst Lawrence sein soll, der bekanntlich bei dem Zusammenbruch der Regierung Aman Ullahs eine große Rolle spielte.

Aus „Die Kämpfe im Osten“ in Türkische Post vom 11.7.30.

Man weiss auch, dass England das kurdische Element unterstützt und die Regierung von Bagdad bewogen hat, die kurdische als offizielle Sprache anzunehmen. Ohne Zweifel ist auch die letzte Reise des Oberst Lawrence nach Rawandus, des bekannten Agenten des „Intelligence Service“, der Umwälzungen in Afghanistan und im Hedschas hervorgerufen hat, nicht ohne Zusammenhang mit der Bewegung von Agri Dagh.

Dementi! Arbeiter-Zeitung, 15.8.30.

In amtlichen Kreisen wird mit allem Nachdruck das Gerücht dementiert, daß Oberst Lawrence, der während des Weltkrieges durch seine Tätigkeit als politischer Agent Englands in Arabien bekanntgeworden ist, sich zurzeit in Kurdistan aufhalte und bei dem kurdischen Aufstand die Hand im Spiele habe. Es wird darauf hingewiesen, daß Lawrence auf einem englischen Flugplatz bei den Luftfahrtruppen Dienst tut.

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Momox macht rapide DHL Konkurrenz in meinen Schilderungen der Freuden des Versendens und Erhaltens… Als Fortsetzung zu meinem letzten Blogeintrag nun: „Wir verkaufen liebend gern Artikel, die unseren eigenen Ansprüchen nicht genügen.“
Als da wären: Die DVD vom letzten Eintrag (die – hallo, DHL – immer noch durchs System wandert) und nun ein Buch. Ich war überrascht, als ich es von Medimops/Momox erhielt, denn es ist ein ehemaliges Bibliotheksexemplar, und als Verkäufer war ich bis dato immer davon ausgegangen, daß diese Bücher von Momox gar nicht angekauft werden. Aber:

Wir kaufen an

Bücher mit leichten Gebrauchs- oder Altersspuren.
Bücher, die von öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Bibliotheken aussortiert wurden. (Muss offiziell gekennzeichnet sein.)

(https://www.momox.de/ankaufsbedingungen/, Hervorhebung von mir)

Nun ja, warum auch nicht? Als Nichtsammler, und weil es zwar ganz nett zu lesen, aber nicht zum Behalten war, verkaufte ich es mit meiner letzten Rutsche wieder an Momox zurück. Oder versuchte es, denn wie bei obiger DVD folgte die Meldung, die Ware entspräche nicht den Ankaufbedingungen. Prompt schrieb ich wieder einmal zurück und legte Einspruch ein. Sachlich, obwohl es so viele schönere Rückmeldungen gäbe. Es folgte der Standard-Text, den ich auch schon zur DVD erhielt:

die Artikel werden in solchen Fällen grundsätzlich von zwei unabhängigen Mitarbeitern geprüft, selbstverständlich wird nach einheitlichen Vorgaben kontrolliert. Sollten jedoch beide Mitarbeiter die gleiche Bewertung abgeben, der zufolge ein oder mehrere Ihrer eingesandten Artikel nicht den Ankaufsbedingungen entsprechen, lehnen wir den Ankauf der betreffenden Artikel ab.

Der von Ihnen genannte Ablehnungsgrund lag bei diesem Artikel nicht vor.

Natürlich wurde nicht „Hilfe, Bibliotheksexemplar!“ als Grund vermerkt, sondern „Artikel stark beschädigt“. Ist selbstverständlich das Einfachste, um jegliche Gegenargumente im Keim zu ersticken, denn:

Eine Dokumentation der Artikel in Form von Bildern oder Protokollen, kann aus technischen Gründen und Aufwand leider nicht vorgenommen werden. Daher können wir Ihnen keine genaueren Gründe zur Ablehnung nennen.

Für das Buch lohnte ein Zurückschicken nicht, habe nur was bei 2 Euro dafür bezahlt… aber ich bin mal neugierig, ob es in kurzer Zeit wieder bei Momox angeboten wird. Stark beschädigt natürlich.

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Datenschutz mal anders

Interessante Wendung der Ereignisse. Mit einem Verkauf an Momox kam eine DVD, die ihren Anforderungen nicht entsprach (und da hängt noch eine ganz andere Geschichte dran). Ich entschied mich also, sie zurückgeschickt zu bekommen. Laut Nachricht sollte der Versand innerhalb von 14 Tagen geschehen, was ich schon extrem unverschämt fand, aber bereits innerhalb nach 2 Tagen erhielt ich über DHL die Mitteilung, ein Paket von Momox werde mir an diesem Tag zugestellt. Hurra! Wider Willen war ich beeindruckt. Und dann kam eine weitere Meldung von DHL, man habe meine Adresse nicht finden können. Sie würden ermitteln und ggf. die Sendung zurückschicken. Na, bravo.
Der Möglichkeiten gab es viele. Trotteliger oder lustloser Zusteller? Oder falsches Adreßetikett? Also Mail an Momox, Mail an DHL. DHL antwortete am nächsten Tag – auf der Sendung war meine alte Adresse in Hannover angegeben gewesen. Jetzt frage ich mich, woher Momox die hat. Denn in meinem Nutzerkonto dort ist meine aktuelle hinterlegt, selbige stand auch auf allen Sendungen, die ich seit meinem Umzug dorthin geschickt habe, und die Hannover-Adresse ist längst aus meinem Konto gelöscht.
Finde ich das jetzt witzig oder nicht? Bin mir noch unsicher.

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Die Leitungsstelle einer Bibliothek, in der ich mich vor einiger Zeit beworben hatte und in der ich wirklich, wirklich gern gearbeitet hätte, ist ausgeschrieben. Die bisherige Leitung, die mich im Vorstellungsgespräch verhörte, ist vermutlich in Ruhestand gegangen. Ich nehme es den Entscheidungsträgern (und damit auch ihr) etwas übel, daß sie mich nicht nur nicht genommen haben, sondern nicht einmal eine Absage schickten. (Mangelnde Kommunikation ist aber generell ein Problem dort. Von Berufs wegen mußte ich dort jahrelang Berichten hinterherreklamieren.) Sie hätten eine Menge schwierige Dinge verhindern können. Nun ja. Irgendwie passend, ausgerechnet jetzt diese Ausschreibung vorzufinden.

Ganz was anderes: Die Tage die The Hunger Games-Trilogie gelesen und schwer beeindruckt. Für ein Jugendbuch sowieso ungemein bemerkenswert, aber der erwachsene Leser findet noch ganz andere Dinge jenseits der Handlung darin.

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