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Posts Tagged ‘Revolt in the Desert’

Es gibt Punkte in der Recherche, an denen man nicht weiterkommt, weil die wesentlichen Kontakte fehlen und sich nicht herstellen lassen. So geschehen bei meinen Bemühungen um die beiden Einheiten, die 1945 Berlin-Tempelhof einnahmen. In russischen Militärforen, wo ja nun mal die Experten sitzen, wurde ich entweder ignoriert (Frau! Deutsche! Und spricht kein fließendes Russisch!) oder bei der Registrierung gar nicht erst akzeptiert. Über Kontakte, die vielleicht Kontakte hätten, klappte auch nichts. Da soll man nun was machen.

Gleiche Geschichte bei der eigentlich sehr interessanten Recherche nach einem Brief T. E. Lawrences „an einen deutschen Offizier“. Die wenigen, extrem vagen Anhaltspunkte, die mir dazu vorliegen, scheinen mir (muß nicht stimmen, daher ja Recherche) auf Dagobert von Mikusch-Buchberg hinzudeuten, den deutschen Übersetzer von Seven Pillars und der Kurzfassung Revolt in the Desert. Es gibt ein wenig, aber nicht wirklich viel Literatur über Herrn Mikusch. Und was ich bei der 8. Gardearmee noch irgendwo verstehe (wenn auch albern finde), leuchtet mir in diesem Fall nicht ein. Wir sprechen hier von T. E. Lawrence, über den jedes Jahr mindestens ein neues Buch erscheint. Und über einen Einheimischen, dessen Familie jetzt nicht wirklich schwer zu ergoogeln ist. Aber keiner rührt sich. Weder Lawrences „offizieller Biograph“ läßt sich herab, mal zu antworten, noch Mikuschs Angehörige. (Eine davon war gerade erst in den Nachrichten, zu meinem Amüsement.) Und auch bei der Recherche über Reinhard Hüber, der den Brief als erster zitierte, reagiert fast niemand. (Ausnahme Sven Olaf Berggötz – meinen herzlichsten Dank!) Was soll man da machen?

Vielleicht bin ich verwöhnt. Bei der Marta-Recherche wurde ich so offen und selbstverständlich aufgenommen, daß es mich oft verblüffte. Daß man nicht als Grundhaltung mißtrauisch beäugt und aller möglichen Dinge verdächtigt oder aber geringschätzt wurde, empfand ich so wohltuend in unserer heutigen Zeit, und es gab mir Hoffnung. Auch bei Jolanthe Marès stieß ich nie auf Argwohn oder Zurückhaltung. Wundervoll. Aber möglicherweise war das doch die Ausnahme, und nun begegne ich der Norm.

Nachtrag 23.12.18

Michael Yardley zitiert in Backing into the Limelight Stanley Weintraubs Private Shaw and Public Shaw nach „Erik Lonroth“ (nehmen wir Erik Lönnroth), daß ein Kurt von Ludecke (eher Kurt Lüdecke? Nicht alle Deutschen sind „von“s, you know) 1932 Lawrence kontaktierte – vielleicht also bezieht sich Lawrences Brief an das Air Ministry darauf? (Nur daß Lüdecke kein Offizier war.) Ich werde der Sache nachgehen.

Nachtrag 7.1.19

Zumindest habe ich nun an versteckter Stelle lesen können, daß Jeremy Wilson zwischenzeitlich verstorben ist. Das entschuldigt. Wäre nur hilfreich, solche wesentlichen Infos stünden auf seinen offiziellen Seiten…

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Ich habe hier einige Beiträge aus Zeitungen der Zeit ausgewählt – entweder enthalten sie interessante Passagen oder sind völlig absurd oder aber sind (im Vergleich mit den übrigen Artikeln) halbwegs neutral und korrekt.
Vielleicht nochmals zur Erläuterung, weil das, glaube ich, inzwischen kaum noch bekannt ist und vermittelt wird: Deutschlands großes Feindbild war während der beiden Weltkriege und der Zeit dazwischen in erster Linie „England“. (Irgendjemand hat das mal als den Haß eines verschmähten Liebhabers betitelt, was sicherlich stimmt.) Das also zur Erklärung des häufig anzutreffenden Gift-und-Galle-Tons.

Wie immer mit großem Dank an das ANNO-Team. Retrodigitalisierung ist eine Sch…arbeit, aber sie ist ungemein hilfreich!

In deutschen Zeitungen ist im Gegensatz zu den österreichischen auffallend wenig zu finden. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat ZEFYS, die größte deutsche Datenbank, weniger Zeitungen in dem Zeitraum digitalisiert als ANNO (jedenfalls bis heute), zum anderen blieb Österreich noch bis 1938 von der Gleichschaltung der Presse verschont. Außerdem, man muß es wohl so sagen, berichtete man in Österreich bei aller Fixierung auf den Versailler Vertrag und allem, was damit zusammenhing, doch internationaler als in Deutschland. Und nicht zuletzt: ANNO bietet zumindest für einen Teil ihrer Titel eine Volltextsuche…


Mit Metaphern hat er’s nicht so. Außerdem bezeichnend, daß man heutzutage weder mit dem Kapitän der Emden noch dem Flieger von Tsingtau viel anfangen kann… und das Ende existiert auch nur im Kopf des Rezensenten.

Neue Freie Presse, 17.9.27

Araber gegen Türken im Weltkrieg, von Dr. Wolfgang Weisl
Berlin, im September
Ein verspätetes Kriegsbuch erscheint nun, das eines der merkwürdigsten Kapitel des Weltkrieges behandelt: den sagenhaft gewordenen „Aufstand in der Wüste Arabiens“, der von einem blutjungen englischen Archäologen, dem Leutnant T. E. Lawrence, entfesselt wurde, der die arabischen Fahnen bis nach Damaskus, bis über Damaskus hinaustrug. Ein Aufstand wie ein Steppenbrand in der Wüste: hell auflodernd und dann in Asche zerfallend wie ein brennender Papierdrache, den Kinder steigen lassen.
Lawcrence [sic] schildert dem englischen Publikum in einem gewollt zurückhaltenden Buch „The Revolt in the Desert“ die Geschichte seiner Tätigkeit vom Oktober 1916 bis Oktober 1918. Um die ganze Bedeutung dieses Buches zu verstehen, muß man wissen, was Lawrence für England und Amerika bedeutet. Ein Legendenkranz hat sich um diesen Namen gesponnen, reicher und blühender als der um den Kapitän der „Emden“ oder um den „Flieger von Tsingtau“. Zahllose Artikel, dickleibige Bücher wurden über den „ungekrönten König Arabiens“ oder den „modernen arabischen Ritter“ geschrieben, der in zwei Jahren vom Leutnant zum Oberst avancierte, eine zusammengebrochene Truppe von ein paar tausend arabischen Beduinen zu einer siegreichen Stoßkraft vereinte, der als kaum dreißigjähriger Mann an der Spitze seiner arabischen Armee in Damaskus einzog.
Und noch mehr Bedeutung gewann der „Archäolog [sic] und Dichter, der Soldat wurde“, als man von ihm erzählte, daß er bei Kriegsende alle Ehren ablehnte, mit denen ihn das siegreiche England für seine Erfolge belohnen wollte. Man erzählt, er habe das Viktoria-Kreuz, die Sehnsucht jedes englischen Offiziers, abgelehnt, als König Georg selbst es ihm in einer Audienz überreichen wollte; man berichtet, er habe sich geweigert, die Generalswürde zu empfangen: Nicht England zuliebe, sondern aus Liebe zu den Arabern habe er den Krieg zur Befreiung von Damaskus, zur Niederwerfung der Türken geführt. All dies entzündete die für alles Romantische empfängliche amerikanische Volksseele, so daß Lawrence eine Zeitlang Held des Tages in Amerika und auf dem Umweg über Amerika auch in England wurde.
Aber die Weltgeschichte war umbarmherzig und die Träume des Obersten Lawrence zerrannen bald. Emir Feisal, dem Lawrence die Führerschaft eines großarabischen Staates mit der Residenz in Damaskus zugedacht hatte, wurde verjagt, König Hussein verlor den Hedschas, Emir Abdallah wurde auf den kleinen Landstreifen östlich des Jordan beschränkt und – Lawrence selbst kehrte enttäuscht und verbittert nach London zurück, schrieb dort noch einige Artikel in den „Times“, ließ ein Buch über Arabien als Luxusausgabe zu unerhört teurem Preis erscheinen und neun Jahre nach Kriegsende ein zweites; im übrigen dient, soviel man weiß, der ehemalige Oberst Lawrence als Leutnant im englischen Fliegerkorps, und sein Leben gleicht dem Aufstand in der Wüste, dessen Geschichte er uns erzählt: eine Rakete, die prasselnd und leuchtend aufsteigt, einen Augenblick lang frei im Himmel schwebt – und verschwindet, verweht… […]
Lawrence erzählt in offener Weise, wie wenig idealistisch seine Freiheitshelden veranlagt waren. Die besten Soldaten waren die Leute eines Räuberhauptmannes Auda, andere waren Verbrecher, die von den Türken verfolgt wurden; ein einziger Mann, ein damaszenischer Politiker Nessib el Bekri, wird von Lawrence als patriotisch und gebildet bezeichnet, während er sonst anmerkt (Seite 98), daß Feisal 400.000 Mark zur Verfügung stellte, um neue Truppen zu bezahlen, die man anzuwerben hoffte. Aber der Führer dieser Banditen und Abenteurer war aus dem Stoff geschnitzt, aus dem man Eroberer macht. Er erzählt eine kleine Anekdote: Einer seiner Reiter ging verloren, verirrte sich in der Wüste. Die Araber der Eskorte des Lawrence wollten nicht zurück, den Verlorenen zu suchen – er, der Christ und Fremde, wollte nicht den Anschein erwecken, Moralprediger zu sein. Da wendete er selbst sein Kamel und ritt zurück, allein, ohne Begleiter, und suchte in der Wüste den verlorenen Kameraden, fand ihn. […]
Die folgende Geschichte des Feldzuges von Akaba nach Damaskus ist nur mehr ein Ruhmessang auf die Heldentaten der deutschen und österreichischen Regimenter im Orient, die imstande waren, der türkischen Armee so viel Widerstandskraft zu verleihen, daß sie einer vierfachen Uebermacht gegenüber noch über ein Jahr lang Widerstand leistete, trotz Lawrence und seinen arabischen Irregulären, die ihr im Rücken lagen.

Rezension von „Gbk“ in der Oesterreichischen Wehrzeitung, 9.12.27, Auszug. Was Verzeichnisse und Karten angeht, stimme ich voll zu.

Anderseits erwachsen ihm durch staatlichen Bureaukratismus manche Schwierigkeiten. Selbst von militärischer Seite findet er nicht immer verständnisvolle Förderung, weil sich manche Persönlichkeiten von den Erfahrungen der französischen Front nicht restlos auf die des orientalischen Kriegsschauplatzes einstellen können. Der Gegensatz zwischen Stellungs- und Bewegungskrieg in seiner freiesten Form tritt scharf zutage, was das Buch für den militärischen Leser besonders wertvoll macht. Bernhard Shaw schreibt zu dem Werk eine begeisterte Einleitung, die beweist, daß der alte Spötter trotz aller vorgeschützter Internationalität doch stockenglisch bis auf die Knochen ist. Englisch gilt heute überhaupt als große Mode. Trotzdem wage ich zu behaupten, daß die Deutschen in Ostafrika mehr geleistet haben und daß namentlich Lettow-Vorbeck hoch über Lawrence steht. Jedenfalls aber erzählt Lawrence spannend und bildhaft. Ein Verzeichnis der Personen mit ihren dienstlichen und sonstigen Stellungen und ihren verwandtschaftlichen Beziehungen wäre erwünscht. Die beigegebene Karte ist des kleinen Maßstabes wegen gänzlich unzulänglich, es fehlen orographische [sic] Details und die Gebiete der arabischen Stämme, was um so mehr auffällt, als der Verlag das Werk nach Papier, Druck und Einband erstklassig ausgestattet hat.

Neues Wiener Journal, 18.3.28

Die Empörung der Wüste, von M. Y. Ben-Gavriel
Jerusalem, Anfang März
In den Kriegsjahren 1917 und 1918 konnte man in Kairo im Savoyhotel, wo das englische Hauptquartier untergebracht war, gelegentlich einen auf alle Fälle merkwürdigen Mann sehen. Beim ersten Anblick unterschied er sich kaum von den Arabern, die hier aus und ein gingen, denn er war wie sie gekleidet: ein weißes, hemdartiges Gewand mit breitem Gürteltuch, in dem ein Dolch steckte, darüber die weiße Abbaye und auf dem Kopf das weiße malerische Sonnentuch der Beduinen. Es war aber nicht der Umstand, daß die Kleider aus seidegewirktem Stoff und der Dolch und der mekkanische Kopfbund aus Gold waren, was bei näherem Hinsehen den kleinen, ein wenig hinkenden und meist barfüßigen Mann ganz wesentlich von den anderen arabischen Gästen unterschied: es war vielmehr der merkwürdig unbeduinische Schnitt des sonnegebrannten energischen Gesichts und auch gelegentlich die Art und Weise, in der er sich gab. So konnte es zum Beispiel vorkommen, daß er einem vorbeigehenden General unverwandt ins Gesicht blickte, ohne seine legere Stellung zu ändern oder auch nur die Absicht erkennen ließ, militärisch oder nichtmilitärisch zu grüßen. Zur Rede gestellt, konnte er mit kindlich-freundlichem Gesicht antworten, daß ihn die Warze in des Generals Gesicht außerordentlich interessierte, so daß er sich bemüßigt gesehen habe, sie näher in Augenschein zu nehmen. Dieser sonderbare Beduine war Oberst Lawrence, der ungekrönte König von Arabien, Besieger der Türken (und auch der Deutschen und Österreicher, die damals die verfahrene Sache in Arabien und Palästina mitmachen mußten), erster Gouverneur von Damaskus, Freund zweier arabischer Könige, Abenteurer von größtem Format und genialster Kriegsschriftsteller seit, wie Shaw sagt, seit Julius Cäsar.
Siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre alt war der Archäologe Lawrence, der schon früher ohne Penny in der Tasche durch Syrien gewandert war und einmal in Urkasdim, der Stätte Abrahams, in Mesopotamien, Ausgrabungen vorgenommen hatte, zu irgendeinem Stab in Kairo als Leutnant eingestellt worden. Seine reichen Kenntnisse arabischer Sprache und Sitte ließen es zu, daß der als ein wenig exaltiert angesehene Reserveoffizier nach Arabien geschickt werden konnte. Was nun Lawrence in Arabien machte, wie es ihm gelang, das vielleicht größte Kunststück in diesem Kriege zusammenzubringen, das nämlich, die tausend nomadischen, einander bekämpfenden Horden und die in ihren Interessen divergierenden Stadtbewohner der arabischen Halbinsel zu einem gemeinsamen nationalen Ideal zu entflammen und trotz der für europäischen Begriffe völlig unbegreiflichen Schwierigkeiten diese unendlich tapfere, aber ebenso unendlich undisziplinierte Masse zu einem gemeinsamen Aufstand gegen die türkische Herrschaft zu organisieren, erzählt dieses hinreißende Epos eines der denkwürdigsten Heldenleben. Der brückensprengende Gelehrte im übermenschlichen Kampf gegen die Hitze und die Kälte der Wüste, im Kampf gegen die türkischen Armeen, selbst noch nicht dreißig Jahre alt, an der Spitze einer Armee, die vor ihm nicht wußte, was geregelte Kriegsführung ist, der dem gewöhnlichen Leben entrückte Gelehrte als bewunderungswürdigster Diplomat auf schier ungangbarem Boden, das ist Lawrence, eine einsame Heldengestalt auf jenem Kriegsschauplatz, dessen unerbittliche Grausamkeit selbst nicht für die Nerven eines Marnekämpfers geschaffen war. Wir, die wir damals auf der anderen Seite der Front standen, hörten aus dunklen Legenden den Namen Lurens, wußten aber nichts Näheres über den Mann Lawrence. Jetzt aber, da dieser Krieg nur mehr in den Heldenliedern der Stämme an den abendlichen Feuern fortlebt, erkennen wir aus diesem, im wahrsten Sinn mit Blut und Eisen geschriebenen Buch (Lawrence: „Aufstand in der Wüste“, Paul-List-Verlag, Leipzig), was wir damals kaum zu ahnen vermochten: die ganze gewaltige heldische Größe, zu der ein Außenseiter seiner Generation sich emporschwingen kann. Wie immer man Kriegsbücher ablehnen mag, dieses hier ist ein Dokument nicht nur heroischer (mitunter brutal-grausamer), sondern auch fast unerreichter literarischer Größe. Und darüber hinaus ein Dokument menschlicher Tragik ersten Ranges: Der Mann, englischer Offizier einerseits und anderseits glühender Freund der arabischen Nation und ihrer Sache, steht jahrelang, tagtäglich einem unüberbrückbaren Zwiespalt gegenüber, der zwischen seinem großen Lebensziel eines großarabischen Reiches von Syrien bis zum Irak und seiner Pflicht, die nationale arabische Idee der englischen Politik dienstbar zu machen, sich auftut. Lawrence ist heute ein einsamer Mann, ein Sonderling, dem die Friedensverträge sein mit 30 Jahren vollendetes Lebenswerk zerschlugen, dem das politische Schicksal die Karte, auf die er sein Herz und seinen Kopf gelegt hatte, aus der Hand schlug. Lawrence hat sein Heldentum vertan für ein Ideal, das die Weltgeschichte betrogen hat, um einer anderen Idee willen, die dem arabischen Volke eine nur passive Rolle zugedacht hat. Ibu Saud, der erbittertste Gegner seines königlichen Freundes Faisal und dessen Familie, der Wahhabitenkönig, der damals die Partie um einer ganz anderen Idee willen mitspielte, ist heute der unabhängige Führer Arabiens, und Lawrence hat das Spiel für England gespielt.
Wie dem aber auch sei: Lawrences Taten haben das bedeutendste literarische Denkmal zur Welt gebracht, das sich ein Mensch in diesem Kriege gesetzt hatte, welche Sprache immer er sprach und welcher Partei Sache er auch vertrat.

Wie sich die Bilder gleichen. Aus: „Der ‚Aufstand’ – zur Vorbereitung des Antisowjetkrieges“, Die Rote Fahne, 23.12.28

Der Aufstand in Afghanistan, der sich gegen das Regime Amanullahs richtet, wird von der ganzen bürgerlichen Presse als ein innerer Kampf verschiedener Stämme und konservativer Schichten der Bevölkerung gegen die Reformen Amanuallas dargestellt. Das ist eine bewußte Verwischung der eigentlich Triebkraft, die hier am Werke ist. Gewiß spielen Amanullahs Reformen, durch die Afghanistan europäisiert werden soll, eine wichtige Rolle. Die Türkei Kemal Paschas, den sich Amanullah zum Vorbild genommen hat, ist infolge ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den Kriegs- und Nachkriegsjahren solchen Reformen zugänglicher als das rückständige Afghanistan.
Aber der Widerstand gegen die Modernisierung der Kleidung, der Haar- und Barttracht, gegen die Abschaffung des Schleiers der Frauen, gegen verschiedene, gesundheitliche und wirtschaftliche Einrichtungen wäre gewiß nicht in einen bewaffneten Aufstand der konservativen Elemente umgeschlagen, wenn nicht der britische Imperialismus dazu angestiftet hätte. Er hat für diesen Aufstand Geld und Waffen gegeben, er hat die Truppen Amanullahs teilweise zu bestechen vermocht, und er hält sich bereit, bei der ersten besten Gelegenheit zu intervenieren und unter irgendeinem Vorwand Afghanistan unter seine Vormundschaft zu bringen.
In den Kreisen der Konterrevolutionären ist der englische Oberst Lawrence als Führer und Organisator aufgetaucht. Nun wird freilich die englische Regierung erklären, besonders wenn der Aufstand niedergeschlagen werden sollte, daß Lawrence ein Privatmann wäre, für dessen Taten die englische Regierung keine Verantwortung übernehmen könnte. Dem ist aber nicht so. Oberst Lawrence befand sich in offizieller Eigenschaft seit langen Monaten an der indisch-afghanischen Grenze bei den britischen Streitkräften und schürte in Englands Auftrag die Aufstandsbewegung.

Die Arbeiter-Zeitung vom 7.2.29 faßt sehr ökonomisch gleich alle wilden Gerüchte in einem Artikel zusammen. Aus: „Der Fliegersoldat Shaw“

Nach dem Ende des Krieges schaltet er nach Belieben mit Kronen und Thronen, setzt seine Vasallen zu Königen ein. Hussein von Hedschas, Abdullah von Transjordanien, Feisal vom Irak sind seine Kreaturen und jeder von ihnen bekommt eine Krone. Freilich, die Verteilung hält nicht lange vor: Ibn Saud, der Wahhabitenführer der bei der Teilung zu kurz gekommen ist, stößt sie um… Aber inzwischen ist Lawrence schon ganz wo anders. Das Regieren, das Verhandeln und Verwalten überläßt er andern; seine Sache ist der Kampf und – die Heimlichkeit.
Sein Name taucht beim Aufstand der Drusen wieder auf, der den Franzosen in Syrien so viel zu schaffen macht. Dann hört man lange Zeit nichts mehr von ihm. Da bricht in Afghanistan der Aufstand gegen König Amanullah aus: eine Bewegung, die ohne Zweifel von England unterstützt wird. Plötzlich, wie aus einer Versenkung, ist der Name wieder da: die afghanische Regierung setzt einen hohen Preis auf den Kopf des „Erzspions“ Lawrence aus. Und nun erfährt man, daß Lawrence als „Fliegersoldat Shaw“ tatsächlich aus purem Zufall bei der Fliegertruppe an der indisch-afghanischen Grenze Dienst gemacht hat. Als sein Name verraten ist – und der Aufstand übrigens in vollem Gang –, bekommt der Fliegersoldat Shaw Urlaub und fährt nach Hause.
Er wird immer wieder überall dort auftauchen, wo der Schatten einer schmutzigen und gierigen Hand – der des englischen Imperialismus – hinter den Zelten fanatisierter Wüstenstämme sichtbar wird.

Freiheit!, 16.4.29

Der geheimnisvolle Oberst Lawrence
London, Anfang April.
Fünfzehn oder zwanzig Kilometer entfernt von dem Militärflugplatz in Plymouth liegt, mitten auf der Heide, ein einsames kleines Haus. Es hatte nur eine Tür, dieses Haus, denn es stammt aus dem 16. Jahrhundert, und an dieser einen Tür ist eine große griechische Inschrift, und hinter dieser Tür wohnt, wenn er zu Hause ist, der Flugzeugmechaniker T. E. Shaw. Das ist ein nicht ungewöhnlicher englischer Name, aber dieser Shaw ist kein gewöhnlicher Shaw, es ist… Ja, es ist der geheimnisvolle Engländer, der im letzten Herbst an der Grenze von Afghanistan auftauchte, gerade als es für Amanullah brenzlig zu werden anfing, und den die englische Regierung dann offiziell abberief, weil behauptet wurde, daß zwischen den Unruhen in Kabul und seiner Gegenwart an der Grenze ein gewisser Zusammenhang bestünde.
Ob das wahr war oder nicht, wissen nur Shaw und die englische Regierung, aber gewiß könnte es wahr gewesen sein, denn dieser Shaw hat ja schon einmal einen Aufstand angeflammt und geführt, den „Aufstand in der Wüste“ gegen die deutschen und türkischen Truppen. Damals hieß er noch „Lawrence“ und hatte den Rang eines Hauptmanns und war ein etwas schwächlicher junger Mann, den sie in der englischen Armee nicht hatten haben wollen und der sich dann in Arabien seinen eigenen Krieg zurechtgezimmert hatte.
Als Lawrence dann nach Friedensschluß wiederkam und sie ihn den ungekrönten König von Arabien nannten, gefiel ihm das nicht sonderlich. Er verschwand von der Bildfläche, schrieb ein paar Bücher, in denen er unseren Truppen ein besseres Zeugnis ausstellte als den englischen Militärs, und nahm dann offiziell den Namen Shaw an.
Zweifellos ist das ein ganz ungewöhnlicher Mensch, und es ist kein Wunder, daß das einsame Haus auf der Heide von Reportern umlagert wird. In das Haus selbst ist noch keiner von ihnen vorgedrungen, denn es wird während der Abwesenheit des Flugzeugmechanikers von dem riesenhaften Diener Shaws bewacht, der mit allen Eindringlingen kurzen Prozeß macht. Und Shaw selbst ist vielleicht noch wortkarger. Alles, was man von seinem häuslichen Leben weiß, ist, daß er jeden Abend auf seiner Rennmaschine über die Heide nach Hause jagt und dann bis tief in die Nacht hinein noch bei Kerzenlicht arbeitet. Während des Tages tut er seinen Dienst wie jeder andere und soll dabei höchst zugänglich sein, solange keine Frauen in der Nähe sind und niemand von Arabien spricht oder ihn als „ungekrönten König“ behandelt. Diese drei Dinge soll er hassen wie sonst nichts im Leben.
Aber diese Dinge vergrößern nur das Geheimnis, statt es zu entwirren. Man fragt sich: ist das wirklich Shaw alias Lawrence, oder nur ein Doppelgänger, der da jeden Morgen zum Apell antritt, während der wirkliche Shaw ganz wo anders ist, vielleicht in Afghanistan, vielleicht anderswo. Schließlich kann man, falls man es wirklich will, auch noch wo anders untertauchen, als auf dem Militärflugplatz bei Plymouth, der andererseits wieder ein gutes Alibi ist.

Linzer Volksblatt, 19.5.29

Ein Mann der Königreiche schuf
„Schlechte Zeiten für uns Könige, gestern sind wieder fünf neue Republiken proklamiert!“ so meinte im Sommer 1919 während der Versailler Konferenz der Herrscher einer europäischen Monarchie zu einem jungenhaft aussehenden und die Arbeit der „Großen Fünf“ mit offenkundigem Mißmut verfolgendem Engländer. Aber der beruhigte ihn: „Mut, Sire! Wir haben im Osten soeben drei Königreiche errichtet!“
Er hätte auch sagen können: Ich habe sie errichtet. Denn es war Oberst T. E. Lawrence, an den der Monarch geraten war, Scheik Urens, wie ihn die Araber nannten, und als welcher er zwischen Bagdad und Mekka, Damaskus und Aden gleicherweise bekannt und bewundert war und als welcher er die Achillesferse des Empire, den Weg nach Indien, in die feste Bastion eines werdenden Middle Eastern Empire verwandelt hat.
England zuliebe allerdings hat er das nicht, sondern lediglich den Arabern zuliebe, deren Land und Wesen er mit der ganzen Inbrunst des zünftigen Archäologen liebte, der er von Hause aus war. Er hat diese Liebe nie verleugnet. Als er einmal den Emir Feisal, jetzt König des Irak, zu einer Privataudienz bei König Georg V. in den Buckingham-Palast begleitete, legte er anstatt seiner Obersten-Uniform arabische Tracht an: schneeweißen Burnus, Gürtel, Dolch und Kopfschmuck aus Gold und Seide. Als man – angeblich der König selbst – ihn tadelte, weil er die Rücksicht auf den arabischen Gast über die auf seinen König gestellt hatte, und als britischer Offizier vor seinem König in fremder Tracht erschien, antwortete er: „Wenn ein Mann zwei Herren dient und einen von den zweien verletzen muß, dann soll er wohl lieber den mächtigeren von beiden verletzen!“
Wäre Lawrence ein nicht so etiketteloser und unkonventioneller Geist gewesen, so wäre er niemals der „ungekrönte König von Arabien“ geworden und noch mancher englische Diplomat hätte sich an den arabischen Problemen den Kopf zerbrechen müssen. Als nämlich 1916 der Generalstab des englischen Mittelmeer-Expeditionskorps von Ismailia nach Kairo in das schöne Savoy-Hotel übersiedelte, fand sich in der dort vorher schon untergebrachten „Intelligenz-Abteilung“ als geographischer Sachverständiger und zeitweiliger Subalternoffizier ein Unter-Leutnant, der zwar die Topographie des Nahen Ostens in den Fingerspitzen, dafür aber nicht eine Spur von Gefühl für militärische Korrektheit und Subordination hatte, der sich sogar unter Umständen erfrechte, über arabische Fragen anders zu urteilen, als hohe Stabsoffiziere. Solche Elemente konnte man natürlich im Generalstabsquartier nicht dulden, und so verbannte man den jungen Dachs, der fast nie ordentlich rasiert war, unmögliche Reithosen trug und manchmal sogar aus Bequemlichkeit keine Gamaschen und nie Sporen anlegte, in die arabische Sektion, die für jeden standesbewußten Generalstabsoffizier das Fegefeuer bedeutete. Die Wendung befriedigte alle Teile: der Generalstab war froh, einen so kompromittierenden und sachverständigen Außenseiter los zu sein, Lawrence war glücklich, dem Fegefeuer der Bureauarbeit entronnen und dem Gegenstand seiner Liebe, Arabien, nähergerückt zu sein, und sein neuer Chef, General Clayton, war klug genug, das Sachverständnis des neuen Mitarbeiters hoch einzuschätzen. Das Abenteuer der 27 Monate begann, das Lawrence in seinem berühmt gewordenen Buche „Aufstand in der Wüste“ geschildert hat, in einer Weise geschildert hat, die ihm zur höchsten Ehre gereicht, und die das Buch zu einem der wesentlichen Dokumente des Weltkrieges macht.
Der irische Landwirtssohn, der Zögling des französischen Jesuitenklosters und des Oxforder Colleges, der gelehrte, junge Orientalist, der 1912 mit einer Studienreise durch Arabien seine schwache Gesundheit auf Spiel gesetzt hatte und infolgedessen mit seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger zur Orientarmee als dienstuntauglich zurückgewiesen, jedoch zunächst an die Dolmetscherschule in Kairo kommandiert wurde, machte sich ans Werk, Arabien zugunsten Englands gegen die Türkei zu revolutionieren. Es gelang ihm, obwohl unter hundert seiner arabischen Helfer zumeist nur zwei oder drei waren, denen er noch trauen konnte, wenn er sie nicht mehr in Sichtweite hatte. Es gelang ihm, weil er auf alle europäischen Prätentionen verzichtete und Araber unter Arabern wurde. Als er nach seinen glänzenden Erfolgen hinter den flüchtenden Trümmern der türkischen Armee her 1918 in Damaskus einzog, kam der tragische Umschwung in diesem Leben: er erkannte, daß auch er selbst doch nur ein Werkzeug, eine Schachfigur der hohen Politik gewesen war, die er haßte. Keine Voreingenommenheit konnte seinen Blick trüben. Seiner Gerechtigkeit hat er das schönste Denkmal mit folgenden Worten über die deutschen Fronttruppen des Palästinaheeres gesetzt:

[Und er zitiert die Stelle aus Aufstand in der Wüste / Sieben Säulen der Weisheit, die alle deutschsprachigen Zeitungen zitieren.]

Es blieb nur noch das Resultat seiner ungeheuerlichen Anstrengungen zu liquidieren. Mit unendlichem Mißmut verfolgte er die verlogenen und innerlichst unehrlichen Friedensverhandlungen, und als schließlich England an die Sicherung der von Lawrence errungenen Vorteile im Nahen Osten gehen wollte und eines Tages Lord Curzon ihn mit einer langen, wohlgesetzten Lobrede in eine Kabinettssitzung einführte, die die Fragen des Nahen Ostens behandeln sollte, hatte, auf die Frage, was er zu sagen habe, Lawrence zunächst nur die peinliche Bemerkung: „Ihr Leute versteht ja noch immer nicht, in was für eine Patsche ihr uns gebracht habt!“ – Uns – das waren Lawrence und seine Araber. Er hatte die Araber gelehrt, daß auch in Europa Männer existieren, die des Vertrauens eines Beduinen würdig seien, die englische Politik der Nachkriegszeit hat die Araber davon überzeugt, daß dieser Glaube ein Irrtum gewesen sei. Lawrence lehnte das Viktoriakreuz, die Sehnsucht jedes englischen Offiziers ab, weigerte sich, die Generalswürde anzunehmen, ging als Sachverständiger an das englische Kolonialamt, wo er als Referent für den Mittleren Osten tätig war. Allein sein Ueberdruß an den kolonialpolitischen Methoden wuchs schließlich dermaßen, daß er 1922 still und ohne Aufsehen seinen Posten niederlegte und als einfacher Flugzeugführer unter einem angenommenen Namen (Shaw) nach Indien ging.
Die Legende hat sich, wie es nicht anders sein konnte, an diese unwahrscheinliche Erscheinung geheftet. Man redet in eingeweihten Kreisen viel von diesem Manne, der die meisten englischen Kolonialpolitiker „in die Tasche stecken könnte“. Man will wissen, daß die ursprüngliche Fassung seines Buches vom Aufstand in der Wüste ihm unter sehr merkwürdigen Umständen entwendet worden ist und spricht offen davon, daß in hohen Stellungen des englischen Kolonialamtes Männer säßen, die außerordentlich froh gewesen seien, daß gewisse Kapitel der ursprünglichen Fassung in der schließlich erschienenen Fassung des „Aufstandes in der Wüste“ nicht mehr enthalten waren. Vielleicht ist auch die Geschichte vom Viktoria-Kreuz und von der abgelehnten Generalswürde ebenso Legende, wie die unzähligen Anekdoten, die von immer neuen Seiten diesen Mann zu charakterisieren versuchen. So wird wahrscheinlich auch das Gerücht von seiner Tätigkeit beim Aufstand in Afghanistan, das jetzt umgeht, Legende sein, wenngleich das Unternehmen an sich diesem Mann nahe genug gelegen hätte und wenngleich über jede persönliche und augenblickliche Enttäuschung hinaus jeden echten Engländer immer wieder die riesige Idee des Empire und seines Ausbaues, respektive seiner Sicherung zu neuen Anstrengungen verlockt.

Ganz wild wird’s in Freiheit! vom 31.5.29. Aus: „Niederlage Moskaus in Afghanistan“

Es steht jetzt fest, daß Oberst Lawrence, der während des Weltkrieges dem britischen Reiche ungeheure Dienste in Arabien geleistet hatte, sich unter dem Namen „Karam-Schah“ in der Verkleidung eines arabischen Mullahs im Gebiete der Schimvaris aufgehalten hat. Dort bezeichnete er sich als einen Nachkommen des Propheten und hetzte die wilden afghanischen Bergstämme gegen die Herrschaft Amanullahs auf. Er erklärte, daß König Amanullah ein Verräter am Islam geworden sei, daß er die Sitten und Gebräuche zerrütte und daß Allah über seine Anhänger schwere Strafen verhängen werde. Da Amanullah 16 Töchter der vornehmsten afghanischen Familien nach der Türkei zu Studienzwecken entsandt hatte, so wurden diese Mädchen auf Veranlassung von Lawrence im Chaiberpaß unterwegs von Engländern angehalten, die sie photographierten. Auf diesen Bildern erscheinen die jungen Damen durch eine geschickte Fälschung Arm in Arm mit englischen Soldaten.

„… German press is confident I am in Kurdistan…“ kommentierte Lawrence die internationale Gerüchteküche bemüht humorvoll in einem Brief vom 15.8.30.
Innsbrucker Nachrichten, 9.7.1930:

England schürt in Kurdistan?
Wie aus Moskau gemeldet wird, sind die russischen amtlichen Stellen über den Kurdenaufstand an der persisch-türkischen Grenze sehr besorgt. Nach russischen Meldungen soll die türkische Zeitung „Wakit“ Mitteilungen veröffentlicht haben, wonach der Urheber dieses Kurdenaufstandes gegen die Türkei der englische Oberst Lawrence sein soll, der bekanntlich bei dem Zusammenbruch der Regierung Aman Ullahs eine große Rolle spielte.

Aus „Die Kämpfe im Osten“ in Türkische Post vom 11.7.30.

Man weiss auch, dass England das kurdische Element unterstützt und die Regierung von Bagdad bewogen hat, die kurdische als offizielle Sprache anzunehmen. Ohne Zweifel ist auch die letzte Reise des Oberst Lawrence nach Rawandus, des bekannten Agenten des „Intelligence Service“, der Umwälzungen in Afghanistan und im Hedschas hervorgerufen hat, nicht ohne Zusammenhang mit der Bewegung von Agri Dagh.

Dementi! Arbeiter-Zeitung, 15.8.30.

In amtlichen Kreisen wird mit allem Nachdruck das Gerücht dementiert, daß Oberst Lawrence, der während des Weltkrieges durch seine Tätigkeit als politischer Agent Englands in Arabien bekanntgeworden ist, sich zurzeit in Kurdistan aufhalte und bei dem kurdischen Aufstand die Hand im Spiele habe. Es wird darauf hingewiesen, daß Lawrence auf einem englischen Flugplatz bei den Luftfahrtruppen Dienst tut.

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