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Posts Tagged ‘Michael Yardley’

Wie vermutet, sagte mir Michael Yardleys Backing into the Limelight sehr zu. Und ich nehme an, er steht bei den Lawrence-Fanatikern auf der Schwarzen Liste „detractors“.
Dabei ist seine Kritik an T. E. Lawrence, wo vorhanden, milde – aber begründet. Viel schwerwiegender ist, daß er, soweit mir bekannt, der einzige Autor war, der endlich mal Klartext redete, was die Auflagen und Aktionen der Copyright-Inhaber, namentlich A. W. Lawrence, betraf. Und das ist schon eine ganz üble Nummer. Wir sprechen hier von Zensur, von Mundtotmache, vom Versuch, Bücher zu verbieten, deren Wortlaut nicht gefiel. Und man fragt sich, wozu. Die Literatur, die bis zu Aldington (vom vergessenen Robinson abgesehen) über Lawrence erschien, war eine einzige lahme Lobhudelei. Ich kann sie wirklich nur in Maßen genießen, bevor mir vor lauter Zuckerguß schlecht wird oder ich vor lauter Langeweile einschlafe. Viele Jahre später, nachdem die Katze längst aus dem Sack war und sich kritische Auseinandersetzung mit Lawrence als durchaus wertvoll für die Forschung erwiesen hatte, holte Bruder Arnold dann Jeremy Wilson ins Boot, der ja bis kürzlich die Fahne hochhielt. (AWL irrte sich in der Dokumentation Lawrence and Arabia: Er wäre der Petrus oder Jacobus der Lawrence-Religion gewesen – die Paulus-Rolle füllte Wilson aus.)
Ich vermute, viele der früheren Aktionen hatten damit zu tun, daß die Mutter noch lebte und man sie von Negativpresse verschonen wollte. (Warum? Sie war auch keine Heilige.) Den Toten kann es nicht mehr schaden. Es verletzt höchstens die Gefühle der Angehörigen und Freunde, aber deshalb zu versuchen, einen der Grundpfeiler der Demokratie auszuhebeln? Das ist Selbstsucht hoch drei.

Above all else, the suppression of any book (even only a temporary suppression) is a dangerous precedent, especially when the grounds for such an action are basically that the book presents new and unpopular (or even inaccurate) aspects of a national figure.

(Charles Curran, zitiert von Yardley nach Knightley)

Yardley nun publizierte ganz offen und, wie es scheint, mit einer gewissen diebischen Schadenfreude die Tatsache, daß auch er nur unter Auflagen aus Seven Pillars zitieren durfte. Er enthüllt mit einem sichtbaren breiten Grinsen das Vorhandensein eines Vertragsentwurfes zwischen The Sunday Times (für Knightleys und Simpsons wegweisendes Buch) und A. W. Lawrence im IWM (ihre Werke folgen ihnen nach, Prof. Lawrence – Sie waren doch so bibelfest), in dem festgelegt wurde, welche Phrasen sie zu verwenden hätten. Er lobt Knightley und Simpson für ihr Geschick, ihre Arbeit davon nicht kompromittieren zu lassen, und es stimmt: Die Zitate sind alle vertragsgemäß vorhanden, aber clever in die Betrachtung eingebunden: „Professor Lawrence ist der Meinung… sieht die Sache so… glaubt das und das… während die Autoren der Ansicht sind… Die Fakten hingegen sprechen für…“ Das ist nebenbei auch richtig gute wissenschaftliche Arbeit: Zwei Positionen vorzustellen.

Guter Job, Mr Yardley. Danke dafür.

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Es gibt Punkte in der Recherche, an denen man nicht weiterkommt, weil die wesentlichen Kontakte fehlen und sich nicht herstellen lassen. So geschehen bei meinen Bemühungen um die beiden Einheiten, die 1945 Berlin-Tempelhof einnahmen. In russischen Militärforen, wo ja nun mal die Experten sitzen, wurde ich entweder ignoriert (Frau! Deutsche! Und spricht kein fließendes Russisch!) oder bei der Registrierung gar nicht erst akzeptiert. Über Kontakte, die vielleicht Kontakte hätten, klappte auch nichts. Da soll man nun was machen.

Gleiche Geschichte bei der eigentlich sehr interessanten Recherche nach einem Brief T. E. Lawrences „an einen deutschen Offizier“. Die wenigen, extrem vagen Anhaltspunkte, die mir dazu vorliegen, scheinen mir (muß nicht stimmen, daher ja Recherche) auf Dagobert von Mikusch-Buchberg hinzudeuten, den deutschen Übersetzer von Seven Pillars und der Kurzfassung Revolt in the Desert. Es gibt ein wenig, aber nicht wirklich viel Literatur über Herrn Mikusch. Und was ich bei der 8. Gardearmee noch irgendwo verstehe (wenn auch albern finde), leuchtet mir in diesem Fall nicht ein. Wir sprechen hier von T. E. Lawrence, über den jedes Jahr mindestens ein neues Buch erscheint. Und über einen Einheimischen, dessen Familie jetzt nicht wirklich schwer zu ergoogeln ist. Aber keiner rührt sich. Weder Lawrences „offizieller Biograph“ läßt sich herab, mal zu antworten, noch Mikuschs Angehörige. (Eine davon war gerade erst in den Nachrichten, zu meinem Amüsement.) Und auch bei der Recherche über Reinhard Hüber, der den Brief als erster zitierte, reagiert fast niemand. (Ausnahme Sven Olaf Berggötz – meinen herzlichsten Dank!) Was soll man da machen?

Vielleicht bin ich verwöhnt. Bei der Marta-Recherche wurde ich so offen und selbstverständlich aufgenommen, daß es mich oft verblüffte. Daß man nicht als Grundhaltung mißtrauisch beäugt und aller möglichen Dinge verdächtigt oder aber geringschätzt wurde, empfand ich so wohltuend in unserer heutigen Zeit, und es gab mir Hoffnung. Auch bei Jolanthe Marès stieß ich nie auf Argwohn oder Zurückhaltung. Wundervoll. Aber möglicherweise war das doch die Ausnahme, und nun begegne ich der Norm.

Nachtrag 23.12.18

Michael Yardley zitiert in Backing into the Limelight Stanley Weintraubs Private Shaw and Public Shaw nach „Erik Lonroth“ (nehmen wir Erik Lönnroth), daß ein Kurt von Ludecke (eher Kurt Lüdecke? Nicht alle Deutschen sind „von“s, you know) 1932 Lawrence kontaktierte – vielleicht also bezieht sich Lawrences Brief an das Air Ministry darauf? (Nur daß Lüdecke kein Offizier war.) Ich werde der Sache nachgehen.

Nachtrag 7.1.19

Zumindest habe ich nun an versteckter Stelle lesen können, daß Jeremy Wilson zwischenzeitlich verstorben ist. Das entschuldigt. Wäre nur hilfreich, solche wesentlichen Infos stünden auf seinen offiziellen Seiten…

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John Macks A Prince of our Disorder ist eines der ganz großen Werke in der T.-E.-Lawrence-Forschung. Man findet eigentlich kein Buch, das nicht daraus zitiert. Also griff ich schließlich ebenfalls darauf zurück – und kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus.

Ich bezweifele nicht, daß Mack seine Arbeit gemacht hat. Aber ehrlich: Einen Pulitzer? Dafür?

John Mack war ein selbsterklärter Lawrence-Fanboy. Ich halte ihm zugute, daß er das zugab. Für einen Biographen und zudem einen Psychiater jedoch sollte ein wenig kritische Distanz Grundkriterium sein. Er hinterfragt nichts, obwohl es doch gerade in seinem Fachgebiet läge, Alternativen zu untersuchen und zu begründen. Du liebe Zeit, *ich* könnte da bessere Deutungen anstellen, und ich habe mit Psychologie nun so überhaupt nichts am Hut und halte Freud für einen Typen mit großen Problemen.
Seltsam, an sich, denn in der Dokumentation Lawrence of Arabia – The Battle for the Arab World erschien mir Mack sehr sachlich, sehr vernünftig und mit einer gesunden Skepsis. So kann man sich täuschen.

Vielleicht spielt die Zeit der Entstehung eine gewisse Rolle. Mack stellte große Teile seiner Recherche in den 60er Jahren an, das Buch erschien erstmals in den 70ern. Und der bloße Gedanke, Lawrence *könnte* homosexuelle Neigungen gehabt haben, scheint selbst für Psychiater(!) Mack einen gewissen Igitt-Faktor gehabt zu haben. Wobei er immerhin ganz richtig feststellte, daß Lawrence, hätte er denn, sich vermutlich eher in die homosexuelle Richtung orientiert hätte. Mit Deraa will ich gar nicht erst anfangen. Nicht einmal läßt Mack auch nur die Möglichkeit zu, diese Episode habe nie stattgefunden. Und so deutet er natürlich Lawrences Masochismus als eine Folge von Deraa, anstatt Deraa als eine literarische Manifestation seines Masochismus‘ zu betrachten. Letzteres wäre viel spannender. Und, um es nochmals zu erwähnen, Mack war Psychiater.
Vielleicht scheiterte er, wie so viele Biographen seiner Zeit, am Respekt vor A. W. Lawrence. Der jüngere Lawrence war ganz sicher kein Schwärmer, der seinen großen Bruder verklärte, und er war selbst Wissenschaftler, aber ich glaube, er machte sich doch in manchen Dingen etwas vor. Zwölf Jahre Altersunterschied sind eine Menge (mein Bruder und ich liegen ebenfalls zwölf Jahre auseinander – ich kann das beurteilen), und es sind ja gerade Familienmitglieder und die Menschen, die uns viel bedeuten, vor denen wir unsere unerfreulichen Seiten am häufigsten verbergen.

Ich habe in Sachen Deraa so meine eigene Theorie. Eventuell kam schon Lawrence-Biograph Michael Yardley darauf; er machte in oben genannter Dokumentation so eine interessante Andeutung. Mal schauen, ob ich seinem Buch mehr abgewinnen kann als Macks. Die Chancen stehen gut; er wird nicht einmal halb so oft in Quellenverzeichnissen genannt…

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