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Posts Tagged ‘Marta Hillers’

Ich bin immer noch beeindruckt von der großen und positiven Rezeption von Eine Frau in Berlin in arabischer Übersetzung. (Ich vermeldete deren Veröffentlichung bereits im Autorenblog.) Diese Übersetzung soll wohl auch sehr gut gelungen sein; viele Rezensenten loben die Arbeit. Aber auch inhaltlich scheint das Buch Männer wie Frauen gleichermaßen anzusprechen.

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English translation in the comments section.

Als ich Lord John and the Private Matter fürs Kindle kaufte, erhielt ich das phantastische Cover des britischen Paperbacks. (Interessanterweise ist es in der Datei selbst nicht enthalten.) Später, als ich beschloß, mir auch die realen Bücher zuzulegen, mußte ich etwas suchen, bis ich die richtige Ausgabe fand – denn es *mußte* dieses Cover sein!

Kunstbanausin, die ich mitunter bin, war ich überrascht zu sehen, daß das Bild nicht extra angefertigt wurde, sondern ein Ausschnitt aus „Self Portrait by Candlelight“ von Godfried Schalcken (so die Angabe) ist. Wer immer für diese Wahl verantwortlich zeichnet, ist ein Genie. Das Gemälde fängt die Stimmung des Romans perfekt ein. Das Blutrot des Vorhangs, das dem Rot eines Offiziersrocks entspricht; die rätselhafte Halbdunkel-Atmosphäre; der leicht feminine Touch des jungen Mannes, teils leger, teils sinnlich mit offenem Kragen und komplett mit einem grünen Gewand, das eine so große Rolle in der Handlung spielt.

Natürlich mußte ich mich dann erst mal schlaumachen über Herrn Schalcken, den ich in meiner Ahnungslosigkeit für einen Deutschen hielt. Die englische Wikipedia belehrte mich schnell eines besseren, denn der gute Mann war Niederländer. Ansonsten waren die Infos eher spärlich. Ohne große Hoffnung wechselte ich in die deutsche Wikipedia (dort ist er unter der latinisierten Form seines Vornamens eingetragen), die üblicherweise weniger ergiebig ist – und fand Unmengen an Informationen. Denn: Das Wallraf-Richartz-Museum Köln zeigte 2015/16 die weltweit erste Schalcken-Ausstellung. Der Katalog wurde sofort gekauft.

Schalckens überaus faszinierende Genrebilder schildern intime, dramatisch in Licht und Schatten gehüllte Momente der Liebe und Leidenschaft. Seine Kompositionen sind mit Hinweisen auf die Eros-Bildtradition der frühen Neuzeit gespickt, untergraben diese aber zugleich und bieten dem Betrachter so mehrere Deutungsmöglichkeiten. […] Zum einen stellte er Szenen mit romantischen und erotischen Handlungen dar, die den Nachdruck auf das voyeuristische Vergnügen des Betrachters legten. Zum anderen entwickelte er das Nocturne zu einem privaten Ort erotischer Beziehungen und starker Empfindungen. Und schließlich verknüpfte er in seinen Bildern den eigenen künstlerischen Schaffensakt mit amouröser Erfahrung und schuf so die Person des verführenden Malers der Nacht. […] Seine dunklen malerischen Welten schwelgen in erotischen Konnotationen und emotionaler Intimität. Die Nacht erzeugt und verbindet in seinen Werken romantische und künstlerische Kreation.

Ich schwelgte in dem Katalog, wie ich es im dürftigen Ramsay-Wälzer leider nicht konnte. Schalcken, so lernte ich, war zu seiner Zeit ein Starkünstler, der Höchstpreise für seine Arbeiten verlangen konnte. Neben seinen meisterhaften Lichteffekten ist es besonders die lebensechte Wiedergabe von Texturen, die in seinen Werken begeistert. Erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts geriet er nach und nach in Vergessenheit.

(Scan aus dem Katalog. Ich bedauere die etwas schwache Qualität.)

Untötbare Mythen gibt’s auch (Marta und die Ehre der deutschen Frau lassen grüßen): Der Katalog zitiert zwei Quellen, darunter Walpole, der auch in den Lord-John-Abenteuern auftaucht, die das schlechte Benehmen Schalckens kritisieren, William III. mit Kerze ohne Leuchter darzustellen (so daß ihm das Wachs auf die Finger tropfen muß, wie plebejisch!).

Die Schalcken-Biografen des 18. Jahrhunderts bezogen sich offenkundig mehrheitlich auf diese verunglimpfende Anekdote, um seinen vermeintlich ungehobelten Charakter herauszustellen. […] Offensichtlich sind diese literarischen Quellen sehr ungenau, da die Kerze auf dem hier behandelten Gemälde deutlich erkennbar in einem Leuchter steckt.*

* Hecht […] entwickelte die Theorie, dass Weyerman das Porträt von Willem III. mit Schalckens Selbstporträt verwechselt hatte, in welchem der Dargestellte tatsächlich eine Kerze ohne Leuchter in der Hand hält.

Soviel dazu. Dennoch findet sich diese Behauptung immer noch in der englischen Wikipedia. War da was mit Marta und der Ehre der deutschen Frau?

Extrem anzügliches Bild: „Das Pfänderspiel“ („Vrouwtje kom ten Hoof“). Strip-Poker gab’s also auch damals schon. Der junge Mann im Bildzentrum, in dem man deutlich den Maler erkennt, hat schon Hose, Unterhose, Schuhe und Strümpfe sowie Rock verloren – und wie’s ausschaut, ist nun sein Hemd dran…

So manche von Diana Gabaldons Szenen in den Lord-John-Abenteuer kann man sich wunderbar als Schalcken-Gemälde vorstellen. Lavender House, zum Beispiel, oder die Kaminszene in Percys Zimmer; während so manche Begebenheit aus „Lord John and the Succubus“ an Schalckens Witz appellieren würde. Als Illustrator der Lord-John-Geschichten wäre er ein Traumkandidat gewesen.

Ebenfalls erfahren habe ich von einer Verfilmung einer Le-Fanu-Geschichte über Schalcken – aber das ist Thema eines anderen Beitrags.

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Oder: Was eine Google-Suche so alles enthüllt.

Wikipedias Quellen-Richtlinien leuchten mir nicht ganz ein. Stellte nun fest, daß meine englische Artikelserie zu Marta im Berlin-Tempelhof-Eintrag zitiert wurde (nebenbei komplett falsch*) und das offenbar den Regeln entspricht. Meine Biographie als solche, von der die Blogserie ja nur eine übersetzte Kurzfassung ist, würde den Regeln allerdings nicht entsprechen, weil sie eine On-demand-Veröffentlichung ist. Hm.

Oh, und übrigens ist die Serie auf DVD erhältlich und diente als Grundlage für den Film A Woman in Berlin. Ich sollte dringend meine Tantiemen einfordern.


* Marta war keine „Tochter“ Tempelhofs, sondern lebte nur einige Jahre dort, sie wohnte in verschiedenen Häusern der Richthofen-Straße, und die Nr. 13 war niemals vorher die Nr. 31. Das Haus Richthofen-Straße 31 wurde zerbombt. Daraufhin zog Marta vorübergehend in die Nr. 13.

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Eine mir bis dato noch unbekannte Sendung hörte ich die Tage auf BBC Radio 4: http://www.bbc.co.uk/programmes/p02shd7f
Sie stammt schon von 2013 und thematisiert unter anderem A Woman in Berlin. Ich will den drei Teilnehmern zugute halten, daß zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal meine Biographie erschienen war, geschweige denn deren englische Version. Entsprechend bemühen sie daher die üblichen Gerüchte (die allerdings auch nach Erscheinen besagter Quellen nicht totzukriegen sind). Meine Augenbrauen wanderten allerdings rapide zum Haaransatz, als plötzlich gar behauptet wurde, die deutsche Regierung habe das Buch verboten. Das sind dann schon nicht mehr Kanonen, mit denen man auf Spatzen schießt, sondern… ich weiß nicht… eine Atombombe? Also, oft wiederholt und dennoch einmal mehr: Nein, Eine Frau in Berlin wurde 1959/1960 nicht verboten. Es wurde nicht vom Markt genommen. Den oft zitierten Aufschrei der deutschen Bevölkerung gab es nicht. Es gab kaum einmal eine Rezension, und die überwiegende Anzahl der wenigen, die ich finden konnte, war positiv.

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Inzwischen auf DVD erschienen ist Die Kuckucks, für den Marta zusammen mit Robert A. Stemmle das Drehbuch schrieb. Unter ihrem Pseudonym Marta Moyland, daher wird nie die Verbindung gezogen zwischen Eine Frau in Berlin und ihrer Karriere jenseits davon, wie ja auch im Fall von Sündige Grenze und Toxi.

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Eine US-Filmproduktion, von der ich bis dato noch nie gehört hatte, entdeckte ich durch Amazons Kaufempfehlungen: The Trials of Oscar Wilde von 1960. Keine Frage, daß ich mir diesen Film nicht entgehen lassen konnte – dieses Thema im moralistischen Hollywood der späten 50er und sehr frühen 60er Jahre? Mutig!

Natürlich drängten sich beim Ansehen Vergleiche mit dem großartigen Wilde von 1997 auf, unschlagbar getragen von Stephen Fry in der Titelrolle (es ist unglaublich, sich vorzustellen, daß dies seine erste große Rolle und dann gleich Lead war!) und insbesondere auch Jude Law (damals ein Newcomer) als Bosie. Wilde als Produkt moderner Zeiten konnte selbstverständlich sehr explizit sein, eine Freiheit, die The Trials of Oscar Wilde nicht besaß. Somit fällt das H-Wort den ganzen Film hindurch nicht, oder wie auch immer die Entsprechung 1960 lautete. Seinem Titel Ehre machend, behandelt The Trials of Oscar Wilde die Prozesse ausführlich, während sie in dem sowieso sehr gerafften Wilde kurz zusammengefaßt werden. Überhaupt nimmt sich die ältere Verfilmung mehr Zeit (130 Minuten, fast zwanzig Minuten länger als Wilde), läßt dafür aber auch Wildes frühe Jahre aus und steigt erst bei dem Erfolg von Lady Windermere’s Fan ein. Peter Finch als Wilde kommt sicherlich nicht an Fry heran, darf die Rolle dafür aber auch etwas weniger… wie soll ich’s sagen? Etwas weniger als Sympathieträger anlegen. Wilde wird ja gern als Märtyrer für die homosexuelle Sache angesehen, aber bei aller berechtigter Systemkritik stimme ich eher den Biographen zu, die ihn gleichermaßen als Täter wie als Opfer sehen. Er war definitiv nicht unschuldig; wissentlich und bewußt die Zukunft seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder, aufs Spiel zu setzen, sowohl finanziell als auch gesellschaftlich, ist so ziemlich das Niedrigste, das ein Ehemann und Vater tun kann. Er war selbstverliebt und hatte kein Rückgrat. Alles Dinge, die in eine Charakterdarstellung gehören, und Peter Finch kann zumindest ein wenig davon vermitteln. Überraschend prominent besetzt ist die kleine Rolle des Gegenanwalts Carson mit James Mason, und John Fraser gibt einen im Vergleich mit Law weniger komplexen, aber gleichermaßen unerfreulichen Bosie. Lionel Jeffries wirkt ein bißchen zu klapprig als Queensberry und hat auch nicht den unterschwelligen Witz, den Tom Wilkinson bei aller Brutalität der Rolle verleiht. Verlierer hüben wie drüben sind wieder einmal die Frauen; Yvonne Mitchells Constance ist wie Jennifer Ehles eine standhafte und kluge weibliche Präsenz, aber letztlich eben doch nur das arme Opfer.

Was nun das moralistische Hollywood angeht: Trotz weitgehender Beschränkung auf Fakten fehlt die Moral von der Geschicht‘ dann doch nicht. Obwohl aus heutiger Sicht natürlich wertend, fällt das Urteil für seine Zeit freundlich-neutral aus und spiegelt allein dadurch einen Wandel in der öffentlichen Meinung wider. (Filmgeschichtlich beginnt etwa hier die Ära „Homosexuelle als sympathische Opfer“; man denke beispielsweise an The Children’s Hour/Infam.) Die beiden kommentierenden Anwälte wissen selbst nicht so recht, ob sie ihren Klienten verdammen können oder nicht und landen schließlich beim Urteil „Krankheit“. Andere Vertreter der öffentlichen Meinung sind die entrüsteten Verurteiler und die gemäßigte Stimme, die verlauten läßt, solange „sie“ es nicht in aller Öffentlichkeit täten, sei es doch so was von egal.

Einer der Berater für The Trials of Oscar Wilde war übrigens Vyvyan Holland, der in den Anhängen zu seinen Memoiren trocken anmerkt:

At Portora Royal School, Wilde’s name was removed from the „Honours Board.“
In about 1933 the Headmaster of Portora Royal School, the Rev. E. G. Seale, restored the name of Oscar Wilde to the „Honours Board.“ And in September 1953 the Rev. D. L. Graham, who was then Headmaster, wrote to me: „A portrait of Oscar Wilde now hangs in the school and we have from time to time produced his plays over the last thirty years.“
(Vyvyan Holland: Son of Oscar Wilde)

Ein Bildersturm ohnegleichen geht in diesen Tagen durch Deutschland. Ob es nach solcher Götterdämmerung wohl jemals wieder eine Auferstehung der Nazigrößen gibt? Unbedingt muß ich, sobald ich den Kopf freier habe, mich mal mit Napoleon befassen, den sie auch seinerzeit verbannt und ausgetilgt, doch dann wieder hervorgeholt und erhöht haben.
(Anonyma: Eine Frau in Berlin)

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Weihnachtsgeschenke vor siebzig Jahren – Tipps aus der Nachkriegszeit und zwei Hungerwintern.

„Nun ist die Zeit der Heimlichkeiten…“ aus Ins neue Leben, 28/1946

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Und

„Höchste Zeit für Weihnachtsbastler“ aus Ins neue Leben, 22/1947

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Und auch die Witzseite nimmt sich der Notsituation an. Ich liebe die Ins neue Leben für ihre Nicht-Vermeidungspolitik. (Ebenfalls 28/1946)

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A propos, ein Artikel, hinter dem ich Marta Hillers als Autorin vermute. (Ebenfalls 28/1946) Die Thematik paßt, und es ist ihr Stil – nicht der, in dem sie ihre „erwachsenen“ Artikel oder gar Eine Frau in Berlin verfaßte, aber ihre Jugendartikel.

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„Würden Sie erkennen, ob sie einen Text geschrieben hat oder nicht?“ fragte mich im Zuge meiner Recherchen eine ihrer Verwandten. Ich beantwortete das mit einem Ja, unter Einschränkungen. Sicherlich hätte ich keine hundertprozentige Trefferquote, aber ich traue mir zu, recht gut aussieben zu können. (Geheimtipp: Um Marta als Autorin von nicht gekennzeichneten Artikeln zu erkennen, ist ein starker Anhaltspunkt das „wir“. Eine Stilform, die sie in fast jedem ihrer Artikel bis ins hohe Alter verwendete.)

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Erinnert sich eigentlich noch jemand an das berüchtigte Y2K-Problem, also die potentiell katastrophalen Folgen des Jahreswechsels 1999/2000? Irgendwie kam ich die Tage mit einer Kollegin darauf zu sprechen, die, obwohl sie nur einige Jahre jünger ist als ich, schon erheblich weniger Erinnerungen an die damalige Diskussion hat. Dabei entsann ich mich, daß – wie immer zu speziellen Anlässen – seinerzeit eine enorme Fülle von Veröffentlichungen auf den Markt geworfen wurde, hauptsächlich natürlich in und aus den USA. Weil wir ja nun direkt an der Quelle saßen, schaute ich gleich mal nach, ob unsere Bibliothek auch zeitgenössische Schriften eingekauft hatte. Und tatsächlich: Gar nicht mal so wenige! Zwei davon versprachen, unterhaltsam zu sein, nämlich Edward Yourdons und Robert A. Roskinds The Complete Y2K Home Preparation Guide und Bruce F. Websters The Y2K Survival Guide, beide Erscheinungsjahr 1999, vermutlich früh im Jahr, da 1998 geschrieben.

Bevor ich auf beide Werke eingehe, kurz mein persönliches Erleben des großen Jahreswechsels: Muttern und ich verfolgten per Nachrichten den Übergang in den Ländern, die vorher dran waren, und da keinerlei Katastrophenmeldungen damit verbunden waren, konnten wir eigentlich schon recht entspannt sein. Als bei uns die Uhr umsprang, warteten wir mit den Sektgläsern in Händen kurz ab, ob das Licht anblieb – jo, also dann: Prost Neujahr!
Die große Panikmache vorher geriet also zu einem dieser Witze…
Fairerweise sollte allerdings erwähnt werden, daß ohne Katastrophenwarnungen das Bewußtsein für das Problem vielleicht versackt wäre. Nicht wenige Firmen und gerade öffentliche Versorgungseinrichtungen hatten zum Jahresübergang ihre Experten vor Ort, um notfalls sofort eingreifen zu können.

Kommen wir also zur Literatur. Beide Bücher gehören nicht zu den Weltuntergangsschriften, sondern gehen allen potentiellen Szenarien zum Trotz erklärterweise davon aus, daß, wenn überhaupt, keine schwerwiegenden Folgen durch den Jahreswechsel entstünden. Dennoch decken sie alle Fälle von Pustekuchen bis Ende der Welt ab.

Der Home Preparation Guide ist sicherlich das unterhaltsamer zu lesende Werk, da sehr praktisch angelegt. Wie bereitet man sein Heim auf den Fall der Fälle vor? Was wird gebraucht, was ist auf dem Markt zu finden? Viele Tipps kann insbesondere der amerikanische Leser durchaus weiterhin verwenden; hierzulande, wo die Stromversorgung und Infrastruktur ja wesentlich stabiler und dichter ist, mag das ein anderer Fall sein.

Der Survival Guide setzt mehr auf die Strategie des richtigen Planens und liest sich damit auf den ersten Blick wesentlich zäher und trockener, was aber täuscht. Webster beweist einen wunderbaren Sinn für Humor; zwischengeschoben sind immer wieder Zitate oder Kommentare, die mich laut lachen ließen. Teil seines theoretischen Ansatzes ist übrigens etwas, auf das er immer wieder hinweist und das ich nur dick unterstreichen kann: Woher stammt diese oder jene Aussage zur Y2K-Problematik? Wer hat’s gesagt, was ist sein Hintergrund, seine Motivation? Wie glaubwürdig oder aktuell ist die Aussage? Also ein, wenn nicht der entscheidende Punkt im wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn ich beispielsweise eine Liste zusammenstellen müßte, was zum Thema Marta herumgeistert – eine Hörensagenquelle bezieht sich auf die nächste, und am Ende geht alles zurück auf Spekulation und Fehlinterpretation. Und weil kaum jemand Quellenforschung betreibt, wird das alles brav weitergeschleppt. Macht mich wahnsinnig.

Webster zum Beispiel bezieht Stellung gegen die Aussage, die sich im Home Preparation Guide noch findet, nämlich die Idee, daß Flugzeuge dank Y2K abstürzen könnten.

I know of no credible Y2K analyst who has ever asserted that airplanes would „fall out of the sky“ because of Y2K problems.

Bei aller Sachlichkeit seiner Ausführungen kann Webster aber aus seiner „nationalen Brille“ nicht heraus. Seine Ideen zu verschiedenen möglichen Szenarien (nicht 100%ig bierernst zu nehmen) enthalten so konventionelle Folgen wie: Nuclear civil war within Russia. Rise of „strong man“ leader within Europe leads to collapse of NATO, threat of European „warm war,“ reformation of (smaller) Soviet Union.
Wesentlich witziger – wie gesagt, die möglichen Folgen sind nur begrenzt ernst gemeint – ist sein Vorschlag Christian millennialists trigger a new Arab-Israeli war – as well as a Muslim jihad against Christians – by destroying the Al-Aqsa Mosque (including the Dome of the Rock) in [Jerusalem] so that the new Jewish temple can be built. Right.
Ein bißchen im Halse stecken bleibt einem das Lachen allerdings bei seinen Erwähnungen möglicher Terroristenanschläge. Man bedenke: Das alles wurde Jahre vor dem 11. September geschrieben und vor dem rapiden Anstieg von Terrorismus in der westlichen Welt seitdem.

Um noch einmal auf die nationale Brille zurückzukommen: Zwar betrachten die Autoren beider Bücher die USA immer noch als anders als den Rest der Welt („Scenario Level 9: Welcome to The Third World. In a nutshell: America discovers how the rest of the world lives.“ Herzlichen Dank auch, Mr. Webster.). Aber wenn man vom europäischen Standpunkt aus nun erwartet, gewisse nationale Eigenheiten ausgespielt werden zu sehen, liegt man falsch. So addressieren beide Werke die Tendenz, Waffen zu horten, um gegen alles von „packs of abandoned dogs“ über Plünderer bis hin zu „criminals feeling less threatened by overloaded police forces“ gerüstet zu sein. Beide lehnen diese Insel-Mentalität ab, sondern unterstreichen im Gegenteil die Bedeutung einer funktionierenden Gemeinschaft in einer Krise. Webster geht sehr hart mit den sogenannten „survivalists“ ins Gericht, die irgendwo in der Wildnis den Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung erwarten wollen.

Survivalism can only work if a relatively small percentage of people attempt it. […] This isn’t like 1880, when the United States only had 50 million people total and half the continent was nearly empty.
Let me put it in its starkest terms:
The fundamental survivalist assumption is that the vast majority of the population of the United States will suffer significantly or die.

Lose Gedanken dazu:

Diese scheinbare Obsession mit einem großdeutschen Reich. Ich sah irgendwann mal eine britische Karikatur aus der Zeit der Wiedervereinigung: Deutschland marschiert wieder. Auch in Israel erwartete man anscheinend angesichts der Wiedervereinigung ein Viertes Reich oder so etwas. Das beweist für mich immer nur, wie wenig Ahnung diese Schreiber von den tatsächlichen Zuständen in Deutschland haben. Sie sind irgendwo auf dem Informationsstand von Frühjahr 1945 stehengeblieben.

Wer eine Idee von dem Zusammenbruch einer modernen, technisierten Gesellschaft bekommen möchte, kann sehr gut Eine Frau in Berlin verwenden. Heutzutage natürlich noch alles etwas krasser. Die Berliner 1945 hatten immerhin noch öffentliche Wasserpumpen und teilweise noch Holz- oder Kohleherde. Heutzutage längst verschwunden. Die Literatur zum Hurrikan Katrina ist bei dem Thema auch hilfreich.

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