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Posts Tagged ‘Judentum’

Ein sehr schönes Zitat einer Freundin, das ich mir bei sich bietender Gelegenheit immer gern ins Gedächtnis rufe.
Grund dafür war meine Schilderung der Septemberfeier in Münster bzw. der Umziehaktionen. Anreise im weißen Feierkleid ist verständlicherweise aus mehreren Gründen nicht erwünscht (die Herren haben es mit ihren Fracks wie immer einfacher. Typisch.), daher schleppten die Damen also mit großen Kleiderhüllen an, suchten sich im für die Menge etwas beengten Umkleideraum zu behaupten und schleppten im Anschluß wieder ab. Mit ihren langen Röcken oder (Alltags-)Kleidern war das an der großen Verkehrskreuzung sowieso schon ein Hingucker – wäre da eine Schar in weißen Gewändern vorbeigezogen, hätte die Gerüchteküche wieder ordentlich Futter bekommen. Stichwort natürlich: Sekte!!!
Besagte Freundin, die mich ja nun lange genug kennt und weiß, daß ich manchmal vielleicht unverständliches Zeug von mir gebe, aber alles in allem ganz normal bin, prägte dazu eben jenes Zitat.

Erinnert wurde ich daran bei einer der kürzlichen „Top Searches“ zu meinem Blog, nämlich

gralsbotschaft sekte

Naja, das ist nicht neu. Ich weiß nicht, ob eine frühere Offenheit statt der jahrzehntelang gepflegten und sicher mit Recht kritisierten Geheimnistuerei dem Abhilfe verschafft hätte. Vermutlich nicht. Die Leute kennen Kirche, sie kennen Atheisten, und sie kennen Sekten. So zumindest in ihrer etwas behelfsmäßigen Weltsicht.
Ich habe mal Wikipedia befragt, was dort die Definition einer Sekte ist.

Sekte (von lateinisch secta ‚Partei‘, ‚Lehre‘, ‚Schulrichtung‘) ist eine Bezeichnung für eine religiöse, philosophische oder politische Richtung und ihre Anhängerschaft. Die Bezeichnung bezieht sich auf Gruppierungen, die sich durch ihre Lehre oder ihren Ritus von vorherrschenden Überzeugungen unterscheiden und oft im Konflikt mit ihnen stehen.
In erster Linie steht Sekte für eine von einer Mutterreligion abgespaltene religiöse Gemeinschaft. Der ursprünglich wertneutrale Ausdruck hat aufgrund seiner Geschichte und Prägung durch den kirchlichen Sprachgebrauch einen meist abwertenden Charakter erhalten und wird seit den 1960er Jahren verstärkt in negativem Sinn verwendet.
In der modernen Religionswissenschaft und Soziologie werden statt des Begriffs Sekte neutrale, nicht wertende Bezeichnungen wie „religiöse Sondergemeinschaft“, „neureligiöse Gemeinschaft“ oder „neue religiöse Bewegung“ verwendet.

Das läßt die Sache schon ganz anders aussehen. In dem Sinne könnte man die Gralsbewegung durchaus mit Recht als Sekte benennen. Es geht aber weiter:

Heutige Begriffsverwendung

Umgangssprachlicher Gebrauch

Im landläufigen Sprachgebrauch werden als Sekten oft religiöse Gruppen bezeichnet, die in irgendeiner Weise als gefährlich oder problematisch angesehen werden oder die in orthodoxer theologischer Hinsicht als „Irrlehre“ angesehen werden. Dies betrifft sowohl seit Langem bestehende christliche Gemeinschaften, die sich in Lehre oder Praxis vom Herkömmlichen unterscheiden, als auch neue Gruppen. Zu Letzteren zählen insbesondere solche, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind und damals als „Jugendreligionen“ bezeichnet wurden, weil sie anfänglich viele junge Mitglieder hatten. „Sekte“ wird heute oftmals als Kampfbegriff gebraucht. So wird sogenannten Sekten häufig vorgeworfen, sie würden sich vor allem aus wirtschaftlichen Gründen als religiöse Glaubensgemeinschaften ausgeben, um den besonderen Schutz des Staates, größere Freiheiten und Rechte sowie die Befreiung von Steuern zu genießen. Bekanntestes Beispiel dafür ist Scientology.
In jüngerer Zeit wird der Terminus „Sekte“ auch im säkularen Bereich verwendet, um beispielsweise Kritiker von vorherrschenden wissenschaftlichen Lehrmeinungen, sozialen Üblichkeiten oder Absplitterungen von politischen Parteien abwertend zu charakterisieren. Im Juni 2018 akzeptierte das OLG Frankfurt es als Teil der freien Meinungsäußerung, ein Unternehmen als „Sekte“ zu bezeichnen.

Man erkennt hier deutlich, daß die Begriffsverwendung größtenteils im Auge des Betrachters und in der gerade geltenden gesellschaftlichen Norm liegt.

Kontroversen
Das Thema Sekten führt immer wieder zu Kontroversen. Dabei stehen sich zwei Grundhaltungen gegenüber: Auf der einen Seite eine Betonung der Religionsfreiheit und der weltanschaulichen Neutralität des Staates. Hier wird Zurückhaltung bei der öffentlichen Bewertung religiöser und weltanschaulicher Positionen und bei Maßnahmen gegen missliebige Minderheiten empfohlen. Die gegenteilige Haltung nehmen diejenigen ein, die insbesondere neureligöse weltanschauliche Sondergruppen zum Teil scharf verurteilen und in manchen Fällen deren gesellschaftliche Ächtung anstreben.

Im Einzelnen drehen sich die Kontroversen beispielsweise um mutmaßliche oder tatsächliche

• Einschränkungen der Religionsfreiheit religiöser Randgruppen, etwa durch Kritik ihrer Praktiken, und juristische Zwangsmaßnahmen,
• Einschränkungen der religiösen Freiheit durch unterschiedliche Grade der gesetzlichen Anerkennung
o Art. 4 GG der Bundesrepublik Deutschland gesteht grundsätzlich die freie Religionsausübung zu. Einschränkungen ergeben sich aus dem Artikel selber nicht, sind aber oft genug Gegenstand der aktuellen Rechtsprechung. Das Grundrecht auf Religionsfreiheit ist nur beschränkt durch die Grundrechte anderer Menschen und die sonstigen Grundwerte des Grundgesetzes.
• Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern,
• Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern,
• wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt,
• sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder,
• Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren,
• Personenkulte um die Anführer der betreffenden Gruppe, z. B. Osho (Bhagwan),
• Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen,
• Behinderung von Kindern beim Zugang zu Ausbildung, ärztlicher Versorgung und Familienangehörigen außerhalb der Gruppe.

Was dann wiederum überhaupt nicht auf die Gralsbewegung zutrifft. (Wobei ich die Familienkonflikte nicht ausschließen möchte, aber das ist ja nun eindeutig kein Alleinstellungsmerkmal von Sekten…)

(https://gralsbewegung.net/abd-ru-shin/)

Über sein Ziel sagte Abd ru shin im Jahre 1936:
„Mein Ziel ist geistiger Art!
Aber ich bringe keine neue Religion, will keine neue Kirche gründen, ebensowenig irgend eine Sekte, sondern ich gebe in aller Einfachheit ein klares Bild des selbsttätigen Schöpfungswirkens, das den Willen Gottes trägt, woraus der Mensch deutlich zu erkennen vermag, welche Wege für ihn gut sind.“
Diesem Leitgedanken entsprechend, wollte Abd ru shin seine Botschaft in den Mittelpunkt gestellt wissen, niemals aber den Blick auf seine Person als Zentrum der Gralslehre lenken. Personenkult lehnte er ab. Klar und deutlich forderte er seine Leser auf, „nicht des Bringers, sondern des Wortes“ zu achten.

Und in dem Zusammenhang noch ein Nachtrag zur Kleiderfrage. Ich habe den Fehler gemacht und die Kommentare zu Artikeln über „Modest Fashion“ gelesen, die, wie vielleicht nicht anders zu erwarten, einige starke Meinungen hervorgerufen haben. Diese Meinungen sind oft sehr persönlich gefärbt. Viele konzentrieren sich ausschließlich auf den Zusammenhang mit dem Islam, nicht auf beispielsweise das Juden- und Christentum, und damit landet die Diskussion sehr schnell bei ganz anderen Themen. Andere machen im Kern ihrer Argumentation die Aussage, alle „Modest Fashion“-Trägerinnen seien einer religiösen Gehirnwäsche unterlegen. Wieder andere, und diese Argumentation kann ich noch am besten nachvollziehen, stören sich an dem Begriff und daran, was er suggeriert. Ich stehe zwar auf dem Standpunkt, jedes Kind brauche nun mal einen Namen und diese Wahl sei so gut wie jede andere, aber natürlich hängt ein gewaltiger Rattenschwanz daran: Wenn impliziert würde, nur Trägerinnen der Modest Fashion seien züchtig, bescheiden, anständig… und was bedeute diese Bewertung überhaupt? Und wieso gelte sie wie immer nur für Frauen?
Also hier zur Info: Keine Gehirnwäsche, wie vermutlich meine mehrfach in dieser Artikelserie angebrachte Kritik beweisen kann, und wenn ich es vorziehe, nicht halbnackt durch die Gegend zu stiefeln, dann ist das nicht nur meine freie feministische Wahl, sondern auch eine ästhetische Frage (und das gilt für Männlein und Weiblein).

Und a propos Kritik (Disclaimer: Nein, ich wurde nicht darauf angesprochen, und ich wurde von niemandem in irgendeiner Form unter Druck gesetzt.): Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich die Gralsbewegung für abschaffenswert halte. Was ich kritisiere, sind gewisse Strömungen innerhalb der Bewegung, Verschwörungstheorien, dogmatische Ansichten einzelner und Entscheidungen seitens der Leitung, die ich für fragwürdig bis falsch halte. Ich gehöre nicht zu denen, die für eine Auflösung der Internationalen Gralsbewegung und eine Rückkehr zu nie stattgefundenen guten alten Zeiten plädieren. Die Bewegung als Organisation hat ihre Berechtigung: Wer würde ohne sie Versiegelungen durchführen, Feiern ausrichten, die Botschaft vertreiben und auch übersetzen? Ich setze sie nur nicht gleich mit der übergeordneten „Bewegung“ außerhalb einer juristischen Form, die von Lesern und Bekennern der Gralsbotschaft getragen wird.

In dem Sinne: Mehr Mut und mehr Drüberstehen!

Nachtrag:
Und soeben in der aktuellen National Geographic (Februar 2019) gelesen, im Titelbeitrag „Magisches Deutschland“:

Eines ist jedenfalls bemerkenswert: Insgeheim sehnen sich viele Deutsche nach einem spirituellen Leben.
Nur reden sie nicht so gern darüber. Umfragen zeigen: Jeder sechste sympathiert mit den Ideen der Anthroposophen und ihrer Liebe zu okkulten Wissenschaften, zu Ätherwesen und Engeln. Jeder Vierte ist offen für Geist- und Wunderheiler, und fast die Hälfte glaubt an Astrologie und New-Age-Esoterik mit Seelenwanderung, Erinnerungen aus einem früheren Leben oder der Übertragung „feinstofflicher“ Energien.

Und das umfaßt nicht einmal die Angehörigen der großen Religionen. Vielleicht sind, ungeachtet, was uns die öffentliche Meinung weismachen will, die Materialisten also tatsächlich in der Minderheit…

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*Leicht rechtschreibkorrigiert zitiert von Rezensent Rupi auf Amazon.

Was immer man der Jüdischen Rundschau vorwerfen kann, diese zwei Artikel der aktuellen Ausgabe 2/2018 muß ich hier einfach mal präsentieren. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Der erste beleuchtet Stimmungsmache in der journalistischen Schreibe. Das betrifft natürlich nicht nur den Spiegel Online, sondern jede Art von „Berichterstattung“, die Meinung lenken will (auch die der Jüdischen Rundschau). Ich kann die Lektüre wirklich nur wärmstens empfehlen, weil sie einen guten Einblick in die Tricks der Zunft gibt.

Claudio Casula: „Trump redet – der etablierte Journalismus schnaubt vor Wut“ auf den Artikel „Spalten statt Versöhnen“ auf Spiegel Online.

Eine hochinteressante Analyse in Gerd Buurmanns Artikel „Easyjet leistet mehr gegen Antisemitismus als deutsche Schulen“:

In Deutschland findet Judentum fast nur noch in Gedenkstunden statt. Juden sind Gespenster von damals. In Schulen taucht das Judentum deutlich öfter im Geschichtsunterricht auf, als im Philosophie-, Ethik-, Religions- oder Gesellschaftskundeunterricht. Wenn man in New York sagt: „Heute gehen wir in ein jüdischen [sic] Stück“, dann freuen sich alle. Jüdisches Theater, das steht in Amerika für spritzige Dialoge, humorvoller Tiefgang, für Woody Allen und Neil Simon. Wenn man aber in Deutschland sagt: „Heute gehen wir in ein jüdisches Theaterstück“, dann kommen deprimierte Gesichter. In Deutschland steht jüdisches Theater für Auschwitz, Holocaust und Anne Frank. Juden sind für viele Deutsche nur die Opfer von damals, nicht die Lebenden von heute. Genau da ist das Problem.
In vielen deutschen Städten gibt es mittlerweile mehr Stolpersteine als lebendige Juden, so dass eine Mehrheit der Deutschen heute im Alltag deutlich öfter auf tote Juden trifft als auf lebendige. Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Party und nach Hause, überall trifft man in Deutschland auf tote Juden. Dabei erfahren wir jedoch nicht, was diese Juden Großes erreicht haben oder wen sie geliebt und worüber sie sich gefreut haben, wir erfahren, wann, wo und wie sie ermordet wurden. Wer Menschen auf ihren Status als Opfer reduziert, erwartet irgendwann auch von ihnen, Opfer zu sein.

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Am Freitag gastierten in der Herrenhäuser Kirche Esther Lorenz und Peter Kuhz mit ihrem Konzertprogramm Hebräische Lieder, eine Sammlung vom Mittelalter bis heute. Anders als in anderen Konzerten der letzten Zeit wollte hier jedoch der Funke nicht so recht überspringen. Nun bin ich nicht unbedingt ein Fan von Vorstellungen, in denen die Interpreten lange Reden schwingen (ich denke noch mit Schaudern an Rebekka Bakken vor einigen Jahren), aber hier vermißte man es dann doch. Wenn die Vortragenden schon eine musikalische Reise durch das Judentum als Thema wählen, sollten sie vielleicht ein bißchen mehr erläutern als Sepharden und Chassiden und „dieses und jenes Lied bezieht sich auf Feiertag X“. Entertainment ist keine schlechte Sache! Man erhaschte Blicke darauf in dem einen einzigen jüdischen Witz, der erzählt wurde – warum nicht mehr? Das Judentum hat einen großartigen selbstironischen Humor, und allein das zu präsentieren, gehört meiner Ansicht nach unbedingt in eine Vorstellung dieser Art. Mehr über Kultur und Brauchtum! Musik entsteht ja zwangsläufig innerhalb dieses Rahmens, niemals isoliert. Wer waren all diese Gelehrten und Religionsausleger, die angesprochen wurden? Was machte ihre Sicht der Dinge speziell, worin unterschieden sie sich von anderen ihrer Zeit? Also: Etwas mehr Pep, das Publikum ein bißchen mehr engagieren, damit es nicht spätestens beim zweiten Wiegenlied einschläft…

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Am Morgen hatte ich dann allerdings einen kräftigen Sonnenbrand und zog meine langärmlige Bluse mit Kragen an. Darunter sah man das Kreuz sowieso kaum. Ein Tuch darüber – Fall erledigt. Mit einem solchen Kompromiß kann ich leben. (Unter den Nazis trugen die Kreuzträger ihr Kreuz verdeckt, und viele machen es heute im Alltag auch so. Ich ja auch, wenn ich einen Rollkragenpulli anziehe.) Sollte es trotzdem jemand bemerken und bemängeln, würde ich eben umkehren.
Beim Frühstück erntete mein Entschluß eine gewisse Zustimmung. Es führte zu einem guten Gespräch über das Einstehen (oder nicht) für eigene Werte, gerade in der christlichen Kirche, die von einigen durchaus als zu nachgiebig empfunden wurde.

Interessanterweise schreibt die aktuelle Jüdische Rundschau, die sowieso wieder gut in Fahrt ist:

Bei einem Besuch des Tempelbergs in Jerusalem nahmen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sowie sein katholischer Kollege Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz, ihre Brustkreuze ab, bevor sie den Tempelberg besuchten. Heinrich Bedford-Strohm rechtfertigt die Entscheidung mit diesen Worten: „Wir haben aus Respekt vor den Gastgebern gehandelt.“ Es handele sich „um eine Antwort auf den Wunsch der Gastgeber.“
Wie Bedford-Strohm vor Journalisten weiter sagte, trage er bei Moscheebesuchen sonst das Bischofskreuz: „Das halte ich für den Normalfall.“ Den eigenen Glauben im interreligiösen Dialog zu verleugnen, sei der verkehrte Weg. In dieser besonderen Situation in Jerusalem wäre es aber falsch gewesen, dem Wunsch der islamischen Gastgeber nicht nachzukommen, erklärte er.

Sehr geehrter Heinrich Bedford-Strohm,

da möchte ich ihnen [sic] vehement widersprechen. Gerade auf dem Tempelberg war es besonders falsch, das Kreuz abzunehmen, denn es gab da mal jemanden, der sagte, genau dieser Ort „soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.“ Wissen Sie, wer das gesagt hat? Jesus! Kennen Sie den? Wenn nicht, schlagen Sie mal bei Markus 11,17 nach.
Wissen Sie auch, was dieser Jesus mit Leuten gemacht hat, die den Ort, an dem Sie Ihr Kreuz abgenommen haben, nicht als einen Ort des Gebets für alle behandelt haben. Schlagen Sie mal bei Johannes 2,15 nach. Jesus wurde erstaunlich ungemütlich:
„Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus.“
Ich gebe zu, Jesus war an dem Tag etwas hart drauf. Sonst war er nicht so gewalttätigt [sic]. Eins aber war Jesus recht konsequent: Er stand zu seinen Überzeugungen und er leugnete seinen Glauben nie. Er ließ sich weder in der Wüste noch vom Hohen Rat von seinem Glauben abbringen. Aber hey, wer war schon dieser Jesus, nicht wahr, Herr Bedford-Strohm?

Abgesehen von der Parallele zu Lynn Austins Fehlschluß (s. Teil 1) ist sicherlich was dran. Wie ein Mitreisender sagte: „Man stelle sich mal vor, wenn wir als Christen so etwas [=Verbot anderer Glaubenszeichen in Kirchen] versuchen würden. Was dann los wäre!“ De facto hatten aber auch mehrere die Bibel auf ihrem Smartphone dabei, was völlig unkontrollierbar ist. Über Sinn und Unsinn der Kontrollen läßt sich also streiten.
In jedem Fall berichtete unser Guide, daß auch die meisten Zionisten nicht vorhätten, den Tempel wieder aufzubauen und zu Brandopfern zurückzukehren. Verständlich, wenn man bedenkt, daß sie beim geringsten Versuch, am Felsendom nur zu kratzen, die gesamte islamische Welt in Waffen am Hals hätten… Andererseits existiert auf muslimischer Seite die Verschwörungstheorie, die archäologischen Ausgrabungen zu Füßen des Tempelberges dienten dazu, den Berg zu unterhöhlen und den Felsendom einstürzen zu lassen. Seufz!

Zuerst ging es aber zur Westmauer. Ich gestehe, seitdem ist mein Vertrauen in die israelische Sicherheit ein bißchen erschüttert. Bei der Taschenkontrolle schlug das Gerät an, wohl weil ich mein Kindle mitführte. Der Wachtuende bat mich, am Tisch zu warten. Allerdings war er allein, und die Massen strömten. Ich wartete also und wartete… und fragte schließlich nach, ob er meine Tasche noch kontrollieren wolle.
Pause. „Sind Sie damit durchgegangen?“
„Äh…nein? Sie sagten mir, ich solle hier warten.“
Pause. „Habe ich das?“ Pause. „Ich erinnere mich nicht.“
Seufz! Schnabeline war also offiziell freigegeben. Unser Guide hielt wieder einmal einen zwar interessanten, aber viel zu langen Vortrag, so daß ich schon mal vorging. Was sich an der Mauer sammelte, waren einige Betende und viele Fotographierende. Es machte mich fertig, dieses Verhalten, das man überall antraf: Selfies in heiligen Stätten. Sich in Pose schmeißen vor heiligen Stätten. Alltagsgespräche in heiligen Stätten.
Nebenan in der Männerabteilung wurde Bar Mitzvah gefeiert.

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Beim Felsendom vertat sich unser Guide leider, da Araber offenbar eine andere Sommer- und Winterzeit haben. Uns blieb etwa eine Viertelstunde, dann scheuchten die Aufpasser bereits. Nicht, daß das unsere träge Gruppe irgendwie gestört hätte. Schnabeline schämte sich wieder einmal fremd.
Daraufhin standen wir eine geschlagene halbe Stunde an der „Kleinen Klagemauer“, der Weiterführung der Westmauer. Diese Stelle ist halbwegs akzeptiert als Ort, an dem jüdische Männer und Frauen gemeinsam beten, und entsprechend stecken auch überall Gebetszettel in den Ritzen und Löchern. Dennoch ist der Ort ein besserer Hinterhof. Eine halbe Stunde muß man dort nicht bleiben. Ich war wieder einmal frustriert.
Danach war endlich Zeit zur freien Verfügung. Unser Guide wollte noch durch die Davidstadt, dort etwas zeigen und erklären; unser Pfarrer, der meinen Unmut wohl bemerkt hatte, bot mir an, mich auf dem direkten Wege zur Grabeskirche, dem Sammelpunkt, zu bringen. Über das Damaskustor ging ich dann zum Gartengrab, einer Alternativstelle für Golgatha und das Grab. Ob historisch korrekt oder nicht, zumindest bekommt man dort ein viel besseres Gefühl dafür, wie die Stätten zur Zeit Jesu ausgesehen haben. Die Anlage ist wunderschön und friedlich, und ich hätte mich noch lange dort aufhalten können. Leider wurde sie über Mittag geschlossen.

We continue to walk for another block or two up a small hill until we reach the entrance to a walled garden. This peaceful, tree-filled grove contains a first-century tomb in its original state and I find it much easier to visualize the biblical events here. Whether or not this is the authentic site doesn’t matter.
We walk to the rear of the garden to view the craggy, undeveloped cliff that is part of this hill and see that the weathered rocks bear the features of a skull. As we make our way to a secluded grove to celebrate Communion, I hear voices and singing. Groups of tourists from all over the world sit tucked in private grottos, celebrating Communion, as well. Their songs are in several languages – German, Korean, Italian, and others that I can’t identify. […]
I’m reluctant to leave the garden and reenter the world, but that’s exactly what we are supposed to do. „Don’t cling to me,“ Jesus told the women that Easter Sunday. „Go and tell the others“ (see John 20:17). The minute I stop outside the garden walls and see cars and buses and people streaming by, I am hurled back from the past and into the present.

„I see more groups coming“, sagte der Guide einer anderen Gruppe, als wir noch vor dem Abendmahlsaal saßen. Wir lachten, denn das war ein gutes Motto für die gesamte Reise. Von nun an wurde es immer wieder gern zitiert.
Abschluß war St. Peter in Gallicantu, einer der zwei möglichen Orte für das Haus des Kaiphas. Es ist dreigeschossig, da am Hang liegend. Die obere Kirche hatten wir quasi für uns, weil alle Gruppen gleich nach unten strömten. Die untere Kirche war voll mit Finnen, die eine Andacht abhielten, die lange dauerte. Im untersten Geschoß sind dann Ruinen, in denen früher möglicherweise abtrünnige Juden gefoltert wurden, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Immer eine überzeugende Methode, finde ich.

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Sonntag. Als Motto des Tages wurde mein Zettel gezogen, ein Zitat aus der Gralsbotschaft:

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Wäre diese Bitte denn nötig, wenn der Kreuzestod ein notwendiges Opfer zur Versöhnung sein sollte? „Sie wissen nicht, was sie tun!“ ist doch eine Anklage der schwersten Art. Ein deutlicher Hinweis, daß es falsch ist, was sie tun.

Ich hatte die letzten beiden Tage schon gezittert, daß es drankäme und damit viel zu früh sei. Aber hier paßte es. „Sehr philosophisch“, äußerte sich unsere Ex-Pfarrerin diplomatisch.

Die Gruppe teilte sich am Jaffator, je nachdem, welchen Gottesdienst sie besuchen wollten. Die Dormitio bot den katholischen, die Erlöserkirche den protestantischen Reisenden einen deutschsprachigen Dienst. Ich setzte mich auf der Zitadelle in den schönen Außenbereich und hielt meine eigene Andacht.

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Anschließend ging es ins Israel-Museum mit dem großen Modell der Stadt zur Zeit des zweiten Tempels. Endlich erkannte man etwas und konnte zuordnen, wo wir was gesehen hatten. Die ältesten Schriftrollen der Welt bewunderte besonders ich aus Berufsgründen und als Hebräisch-Lernende im Schrein des Buches (und wurde aufgefordert, die vokalisierte Rolle vorzulesen, scheiterte aber kläglich). Das Museum selbst hätte Stunden verschlungen; wir wählten die extrem abgespeckte Version und sahen nur an, was bibelwesentlich war. Innerhalb von zwanzig Minuten oder so waren wir durch. 🙂 Völlig unverständlich blieb mir die Begeisterung meiner Mitreisenden über den Kreuzigungsnagel mit noch vorhandenem Fersenknochen. Hier war ein Mensch auf fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Jesus selbst, das Zentrum ihres Glaubens, war auf gleiche fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Berührt das diese Leute nicht? Mich packte einfach nur das nackte Grauen.

Yad Vashem war bewußt der letzte Stop des Tages. Die Meinungen waren unterschiedlich. Wir hatten nur eine Stunde zur Verfügung – ich persönlich wäre gern länger geblieben, andere fanden es positiv, daß die Berührung somit stark beschränkt blieb. Es waren auffallend viele orthodoxe Juden dort, von denen ich angenommen hätte, daß sie es längst kennen.

Vor dem Abendessen stattete ich dem Hotelshop einen Besuch ab und verbrachte eine unterhaltsame Zeit dort mit Anproben (der Betreiber gab mir ständig die falschen Größen) und generellem Schnack. Alles ist „Made in Israel“ dort; von „Made in China“ hält der Betreiber so überhaupt nichts.

Beim Abendtreff fiel uns dann auf, daß das Hotel offenbar als respektabler Treffpunkt für heiratswillige junge orthodoxe Juden gilt. Überall saßen Pärchen einander züchtig gegenüber und beschnupperten sich wohl.

Mein größter Konflikt des Tages galt dem nächsten Morgen, namentlich dem Besuch auf dem Tempelberg. Es ist nicht erlaubt, irgendein Glaubenszeichen mit hinaufzunehmen, das nicht muslimisch ist. „Also Bibeln, Kreuze besser im Hotel lassen.“ Klingt soweit machbar; allerdings ist mein Kreuz nicht einfach ein Schmuckstück oder ein Zeichen meines Glaubens, es ist das äußerliche Zeichen des Bundes mit Gott. Wo sollte ich also Kompromisse schließen? Am Ende kam ich zu dem Entschluß, daß mir Gott doch erheblich wichtiger sei als ein paar Muslime da oben auf dem Berg. Wesentlich wichtiger auch als ein Bauwerk. Also würde ich ganz einfach nicht mit hinaufgehen.

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Von biblischen Zeiten merkt man in der Metropole so gut wie nichts mehr. Die Höhen sind überbaut, durch die Täler ziehen sich Schnellstraßen. Vielleicht kann ich es also meinen Mitreisenden nicht verargen, daß sie so wenig religiöse Andacht an „heiligen“ Orten zeigten, obwohl das permanente Alltagsgeschnabbel meine Empfindung trotzdem verletzte.

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Wir starteten auf dem touristisch überlaufenen Ölberg mit seinen Souvenirhändlern. Unser Guide hatte uns schon darauf vorbereitet, daß er ein wenig „mitspielen“ müsse, da die Araber ihn (auf Arabisch) aufforderten, uns zum Kaufen zu animieren und er sie ja nun häufiger sehe… Beliebter waren der Esel und das Kamel, die für Fotos und als Taxi zu Verfügung standen.

Den Ölberg ging es hinab zur Kirche Dominus flevit, die ich mir aufgrund der Touristenscharen ersparte. Der Garten war einer Andacht viel zuträglicher, mit seiner noch einigermaßen authentischen Landschaft aus Felsen und Olivenbäumen. Netterweise hatte ich ihn auch größtenteils für mich, weil eben alle in der Kirche waren und der nächste Schwung erst etwas später kam.
Am Ölberg lassen sich übrigens strenggläubige (und wohlhabende) Juden bestatten, weil im Jüngsten Gericht dort die Toten als erste auferstehen…

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Der Garten Getsemane ist heute kleiner als erwartet, denn – wie überraschend – auf einem Großteil steht eine Kirche. Auch hier ersparte ich sie mir und hielt statt dessen meine persönliche Andacht ab.
Am Fuß des Berges wartete das orthodoxe Mariengrab mit viel Weihrauch und Gold, aus dem ich gleich wieder floh.
Viel schöner die Kreuzfahrerkirche St. Anna mit ihrer wunderbaren Akustik, die unsere sangesfreudige Gruppe gleich wieder etwas zu exzessiv nutzte. Zum Glück vor dem professionellen Männerchor, der dann nachrückte und zeigte, was Singen ist. Herrliches Erlebnis! Eine wohl amerikanische Gruppe kam danach dran, beziehungsweise ihre Solistin, die sicherlich mit Mikrophon gut rüberkommt, aber deren Stimme viel zu dünn war, um hier zu wirken.
Anschließend zu den Ruinen am Teich Bethesda, wo Jesus am Sabbat einen Gelähmten heilte (inzwischen hatten wir eine ganz gute Vorstellung, warum die jüdischen Priester so sauer darüber waren – der Gelähmte durfte nämlich, da Sabbat, im Anschluß auch nicht seine Trage schleppen). Wieder einmal eine Predigt voll Allgemeinplätze. Noch vor Ort notierte ich mir:

„Dafür braucht man einen Pfarrer: Daß er mit seinen Auslegungen, Bezügen, Symbolen, modernen Deutungen im Weg steht zwischen Mensch und Gott.“

Es stellte sich später heraus, daß ich nicht die einzige war, die so empfand. Das Nicht-vertiefen-Können wurde durchaus kritisiert. Und ein protestantisches Mitglied der Gruppe erklärte, es fiele jetzt erst so richtig auf, wie wortlastig die evangelische Kirche sei.

Mittag gab es wie immer in einem arabischen Lokal, wo wir endlich die berühmte Limonade zu trinken bekamen. Trotz Bedenken, denn mehrere Reisende hatten inzwischen die gefürchteten gesundheitlichen Probleme des Nahen Ostens zu spüren bekommen, vermutlich durch das Leitungswasser, das es abends kostenlos gab.

Eigentlich sollte die Via Dolorosa schweigend zurückgelegt werden – nun ja, bei unserer Gruppe ein vergebliches Unterfangen. Mich nahmen zumindest die ersten Stationen doch sehr mit. Später, inmitten des arabischen Bazars, verlief sich das. Dank unseres Guides, der ja jeden kennt, konnte wir sogar offiziell Station 1 besuchen, die heute in einer arabischen Schule liegt, in direkter Nachbarschaft zum Felsendom. Im Innenhof, wurde uns berichtet, filmte Mel Gibson übrigens die Gerichtsszene seines Films Passion.
Die letzten fünf Stationen liegen innerhalb der Grabeskirche. Zunächst standen wir ahnungslos und friedlich in einem verlassenen Hinterhof und sahen Gerüste der wirklich notwendigen Renovierung, die derzeit stattfindet. Und dann ging es ins Innere.

We walk into the church through an arched doorway and enter an altogether different world. These holy places have been gilded and polished and adorned by thousands of years of Christian devotion until I feel as though I can hardly move forward through the glittering clutter. The trappings of ornate religion seem to weigh me down: gleaming silver and bronze, embroidered tapestries, sputtering candles, cloying incense, priests in flowing robes, marble statues. To say that it no longer resembles a place of execution or a graveyard is an understatement.
I wait in line to climb a short set of steps to where the cross supposedly stood, but once there, I can’t see past the gaudiness to imagine Christ’s passion. A man in a brown robe prods me and my fellow tourists to keep moving. I wait in line again to peer inside a square, stone monument, all that remains of the rocky hillside from which the borrowed tomb was hewn. Empty or not, it no longer resembles a tomb. I have to confess that since I don’t belong to the religious traditions represented in this church, I find it difficult to feel awe or amazement or any of the other emotions that I thought I would.

Unser Guide nannte diese Erfahrung später unser „Grabeskirchentrauma“. Von Andacht oder Heiligkeit keine Spur; alles, was man sah, waren Touristenmassen und Baugerüste. Wir blieben stecken, als vor dem heiligen Grab eine Feier stattfand und wegen Baumaßnahmen kein zweiter Weg frei war. Irgendwie schaffte unser Guide es dennoch, uns auf anderem Wege hinauszuführen; vor uns gab es fast eine Keilerei; ein orthodoxer Bischof mit Gefolge rückte an… „Keine zehn Pferde bringen mich da noch mal rein!“ erklärte ich, als wir endlich das Freie erreicht hatten. Denn Erklärungen mußten wegen Überfüllung und Zeitknappheit warten bis zu einem zweiten Besuch.

Auf dem Weg zur Dormitioabtei, wo ein Treffen mit den hiesigen Benediktinern anstand, beobachteten wir eine Szene, über die wir ein wenig rätselten. Eine Touristin fragte einen orthodoxen Juden nach dem Weg zur Westmauer, doch er ignorierte sie. Unfreundlichkeit? Oder Verbot?

In der Dormitio erwies sich, wie gut einige Mitreisende bereits „indoktriniert“ waren. Die Dormitio gehört zur Brotvermehrungskirche in Tabgha, und auch hier hatte es einen Brandanschlag gegeben sowie Schmierereien an den Außenmauern. Frage eines Mitreisenden: „Aber das waren die Juden, oder?“ Schnabeline stöhnte innerlich auf. Bruder Nathanael hielt es etwas differenzierter. In Tabgha habe man die Täter nicht gefaßt, aber die Vorfälle hier stammten von jüdischer Seite, ja. Die darauf folgende Frage, ob man seitens der israelischen Behörden Schikanen ausgesetzt sei, verneinte er entschieden. Natürlich wußte er nicht, welchen Hintergrund die Frage hatte, nämlich daß sich gerade besagter Frager ein wenig zu sehr ins Pro-Palästinensische hineingesteigert hatte. Das sind aber gerade die gleichen Personen, die, hätten wir einen israelischen Guide gehabt, zu 100% auf israelischer Seite gestanden hätten. Hinterfragen, abwägen ist das Geheimnis.
Bruder Nathanael jedenfalls schilderte, wie schockiert die Gemeinschaft gewesen sei. „Wir machen ja gar nichts, wir sind einfach nur hier. Und daß bewußt Menschenleben in Gefahr gebracht werden… das ist unverständlich.“
Pater Nikodemus schreibt in seinem Buch:

Uns allen hat geholfen, dass wir von einer unbeschreiblichen Welle der Solidarität und des Gebets getragen wurden: Juden, Christen, Muslime, Drusen und religiös weniger musikalische Menschen standen uns bei und haben auf vielfältige Weise an unserem Schicksal Anteil genommen. Da ist der Mann aus der Nachbarschaft, der fünf Brote und zwei Fische als Stärkung für Leib und Seele vorbeibrachte. Da sind die einheimischen Christen, die ein eigenes Solidaritäts-T-Shirt drucken ließen mit der Aufschrift „Angesichts des Feuers bezeugen wir das Licht“. Und da ist die Gruppe von Rabbinern, die eine eigene Crowdfunding-Kampagne unter orthodoxen Juden für den Wiederaufbau unseres Klosters initiiert haben, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Täter haben Hass und Zerstörung gesät, doch die Ernte in diesen Tagen war unbeschreibliche Solidarität von vielen, vielen Menschen, auch von jenen, bei denen wir es nicht immer erwartet hätten.

Und um nun auf Lifegate zurückzukommen: Unser Guide erzählte, daß Zionisten aktiv Häuser im arabischen Teil der Stadt aufkauften und dann dort provokativ die israelische Flagge aushängten. (Wir sahen Beispiele davon.) Ich hätte ja Angst um meine Fenster, aber bitte. Auf die Frage, warum die Araber ihre Häuser an Israelis verkauften, ging er auf die vorherrschende Mentalität ein. Das Gemeinschaftsgefühl, in diesem Fall der Staatsgedanke, sei ganz einfach nicht verbreitet. Den Eigentümern ginge es in erster Linie darum, gutes Geld für ihre Häuser zu bekommen, damit sie irgendwo, wo es ruhiger sei, mit ihren Familien leben könnten.

Abends hielt unsere mitreisende Pfarrerin a.D. einen spannenden Vortrag über die Legende der Heiligen Veronika. (Ihren ersten in Tiberias hatte ich wegen extremem Totseins geschwänzt.) Symbole waren immer ihr Ding; alles in der Bibel ist im Grunde genommen nur symbolisch gemeint. Ich fragte mich, warum sie eigentlich Christin sei und wann sie so weit sei zu sagen, auch Gott sei nur symbolisch gemeint. An diesem Abend sagte sie etwas, das eine schöne Antwort darauf war, nämlich nach einem Disput mit einer Katholikin, der der symbolische Hintergrund ziemlich wurscht war. (Eine der wenigen Mitreisenden, bei denen ich eine spirituelle Ader wahrnahm.) „Nun ja“, gab unsere gewesene Pfarrerin zu, „Theologie verdirbt jede Art des Glaubens.“

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Es blieb heiß!

Und meine Dauerfrage blieb auch hier, ob meine Mitreisenden meinten, mit einem dahergesagten Gebet und einer Predigt sei dem Glauben Genüge getan?

Durch das Jordantal, ein ödes Niemandsland, ging es zur Taufstelle. Über Jordaniens wichtige Rolle als Vermittler hatten wir schon einiges erfahren; im Westen ist das so gut wie unbekannt.
Der Jordan ist nach europäischen Maßstäben ein besserer Bach. Viele Christen erneuern hier im Jordanwasser ihre Taufe; es gibt dafür extra Taufgewänder und Duschen für hinterher. Vorherrschend sind vor allem die Fliegen, die man nicht los wird, aber auch nie erwischt, wenn sie erschlagen möchte. Die Gruppe hielt Andacht, ich saß wie immer ein Stück entfernt und hielt sie auf meine Art.

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Weiter zu den Ruinen von Jericho, die bisher so gar keine Bestätigung der biblischen Ereignisse herausrücken. Mit der Seilbahn schwebten wir dann hinauf zur Station unterhalb des orthodoxen Versuchungsklosters, wo ich mich wieder einmal fremdschämen mußte über die sangesfreudige Gruppe.
Dummerweise hatte unser Guide nicht das Schild gesehen, das eine einstündige Mittagspause der Bahn von halb eins bis halb zwei verkündete – Freitagsgebet der Muslime. Wir waren also unter Zeitdruck auf dem Berg gestrandet. Nun konnte er immerhin die Betreiber dazu bewegen, unsere Gruppe als erstes nach unten zu befördern… aber wie üblich dauerte es ewig, bis sich die Masse überhaupt dazu aufschwang, mal das Lokal zu verlassen. Schnabeline schämte sich in Grund und Boden.

Qumran versprach spannend zu werden; leider kam zuerst das Mittagessen im angeschlossenen Selbstbedienungsrestaurant, das a) völlig überlaufen und b) dreckig war. Uns schauderte. In brütender Hitze schritten wir dann über das Ruinenfeld und schafften es, recht gut zwischen den Touristenströmen zu navigieren.

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Der beste Programmpunkt war dann das Tote Meer! Obwohl die Umweltschützerin in mir natürlich entsetzt ist über das Verschwinden dieses Binnenmeeres, dessen Ausmaße noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unser Guide uns zeigte – es liegen kilometerweite Flächen dazwischen! Im Wasser hätte ich stundenlang bleiben können. Nur waren die meisten anderen offenbar keine solche Wasserratten wie ich, und ich wollte ihnen nicht zumuten, drei Stunden später nach mir suchen zu müssen, während ich selig auf den Wogen dahintrieb… also zwang ich mir Zurückhaltung auf. Was einem übrigens keiner erzählt: Man merkt trotz Nichtuntergehens sehr schnell, daß man die Bauchmuskeln mehr trainieren sollte!

Nun ging es hinauf nach Jerusalem, das wir am Anfang der Reise schon durchfahren hatten; denn Betlehem und Jerusalem sind inzwischen fast zusammengewachsen.
Unser Hotel war ein streng jüdisches, das sogar das Zertifikat für koscheres Essen bekommen hat und einen eigenen Shabbat-Aufzug besitzt (da ganz strenggläubige Juden am Shabbat keinen Knopf drücken dürfen). Jetzt, am Freitagabend, war es voll mit feiernden Juden. Beim Essen hatte ich einen Blick auf eine feiernde Familie, und unser Guide erläuterte mir, was dort geschah. Die drei Söhne oder Schwiegersöhne waren keine praktizierenden Juden, denn sie hatten keine Kippah dabei; zwei legten sich schnell noch eine Serviette auf den Kopf, während der Patriarch der Familie den Wein segnete. Der dritte im Bunde jedoch verweigerte sich komplett. Man beobachtete also einen klassischen Generationenkonflikt; die Familie spielte mehr oder weniger mit, weil es Papa ja nun mal wichtig war…

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