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Posts Tagged ‘Ikonographie’

Fertig mit der zweiten Runde Outlander. Nun, wo man nicht in erster Linie auf Handlung gucken muß, hat man viel Zeit für Nuancen, und, Mann, schwelgte ich!
Als ich seinerzeit mit der Serie anfing, erwartete ich nicht viel und war am Ende massiv beeindruckt. Jetzt, nach Wiederholung, kann ich unbesorgt sagen, daß Outlander ein wirkliches Qualitätswerk ist. Auch wenn ich die Sexszenen immer noch ein bißchen exzessiv finde. Solange sie im Kontext der Handlung eine Funktion erfüllen, kein Problem, aber Sex um des Sexes willen… naja.
Ich habe auch ganz neue Lieblingsszenen entdeckt. Man könnte sich darüber streiten, ob Leichtherzigkeit bei Claires und Jacks drittem Zusammentreffen in „Both Sides Now“ angebracht ist, aber die Szenen mit Black Jack Randall sind alle so intensiv und furchtbar, daß es guttut, zwischendrin mal etwas zum Schmunzeln zu haben. So kommt es denn, daß Claire in ihrem kurzlebigen Moment der Überlegenheit einen Klassiker des 50er-Jahre-Kinos ausspielen darf: Die Krawattenszene! Wer sich erinnert, auch Whoopi Goldberg durfte sie in Corrina, Corrina persiflieren. Sie geht ungefähr so: Ehemann macht sich bereit für den Weg ins Büro und kommt wieder einmal mit dem Binden seiner Krawatte nicht zurecht, so daß schließlich Ehefrau eingreift. In „Both Sides Now“ ist diese Szene doppelt witzig, weil: a) Okay, wir reden hier von Jack Randall, Sadist ersten Ranges, und die Vorstellung von Claires ehefraulicher Standpauke im Sinne der guten alten 50er… Ja, ich lachte. („Now you listen to me, Jonathan Randall…“ – „Yes, dear.“)

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b) Die zweite Humorebene entsteht natürlich dadurch, daß beide Darsteller in der 1940er-Zeitlinie tatsächlich ein Ehepaar verkörpern. Ein netter Bogenschlag auch zu der früheren Folge „The Garrison Commander“, Claires und Jacks zweitem Zusammentreffen, die – was mir beim ersten Anschauen völlig entgangen war – durch und durch eine Geschichte über Claire und Frank ist, obwohl sie de facto nur eine Rückblickszene zusammen haben. Als solches ist sie auch ein entscheidender Knotenpunkt der Handlung. Die Produzenten selbst weisen clever darauf hin, als sie in der Titelkarte (eine kurze Szene mit Detailaufnahmen des Sets, während derer der Episodentitel eingeblendet wird) Franks Armbanduhr neben Jacks Rasierset plazieren.

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Es ist eine Folge über die Verbindung, wenn nicht gar Gleichsetzung der beiden Männer für Claire. In den vorhergegangenen Folgen vermißt Claire Frank zunehmend; nun plötzlich steht sie dem Mann gegenüber, der Frank in dieser Zeitlinie zumindest äußerlich so sehr gleicht. Und obwohl sie ihr erstes Zusammentreffen nicht vergessen hat, ist sie doch geneigt, Frank in Jack zu sehen. Ihr ganzes Verhalten Jack gegenüber wird von dieser Hoffnung beeinflußt. Sie weint über den Verlust des Guten, das sie durch ihren inneren „Frank-Filter“ in Jack vorhanden glaubt. Sie gesteht Jack, sie sei glücklicher als er wisse, als sie glaubt, ihn auf den Pfad des Guten zurückgeführt zu haben. Und genauso – das ist das wirklich Interessante hier –, als Jack diesen Glauben effektiv zunichte macht (und sich nebenbei als der hochintelligente Menschenkenner und sadistische Mistkerl erweist, als den das Publikum ihn von nun an kennen und fürchten lernt), beginnt Claires Liebe zu Frank zu schwinden. Zwar versucht sie in „Both Sides Now“ noch einmal, zu ihm zurückzukehren, aber es ist bereits mehr eine Flucht vor den Veränderungen, die sie in sich bemerkt, als eine Flucht zu ihm. Es ist auch vielsagend, daß Claires Heirat mit Jamie gleich in die Folge nach „The Garrison Commander“ fällt.
„The Garrison Commander“ ist vermutlich meine Lieblingsfolge der ersten Staffel geworden. Sie ist ein Kammerstück, ungemein clever aufgebaut, vielschichtig, eines der besten Beispiele, wie in Outlander so viel ohne Worte, nur durch Blicke, Mimik und Gesten vermittelt wird, und natürlich großartig getragen von der schauspielerischen Leistung Caitriona Balfes und Tobias Menzies’ in ihrer langen Unterhaltung, die das Herz der Folge bildet.

Nun bin ich leicht abgeschweift.

Der zweite Lacher am Ende von „Both Sides Now“ ist so ziemlich der letzte, den wir in Verbindung mit Black Jack bekommen (sein Artus-Witz in Wentworth ist wirklich gut!), also ist er erlaubt und noch einmal ein kurzer Lichtblick, bevor die Szene scheußlich wird. „What kind of gentleman keeps a rope in his desk?“ regt Claire sich auf, ganz empörte englische Dame, während sie bereits Übles auf sich zukommen sieht. Schön!

Wo wir beim Thema sind: Ich hatte leichtes Magengrimmen in Bezug auf „Wentworth Prison“ / „To Ransom a Man’s Soul“. Es ist schwierig, finde ich, Folgen noch einmal zu sehen, von denen man weiß, daß sie an die Substanz gehen. Und ja, sie gehen auch in der Wiederholung an die Substanz. Gleichzeitig sind sie natürlich absolut sehenswert. Von Tobias Menzies’ wandelbarem Schauspieltalent hat man die ganze Serie hindurch schon viel zu sehen bekommen, obwohl er in der Abschlußdoppelfolge noch einen Schritt weitergehen darf; Sam Heughan hatte diese Chance noch nicht wirklich. Jamie ist zu sehr der Held ohne Furcht und Tadel, mit Fehlern und Schwächen zwar, aber letztlich immer obenauf. Dies, so schrecklich mitanzusehen ist, wie er langsam, qualvoll und mit perverser Psychologie gebrochen wird, ist Sam Heughans bester Moment. Es ist alles in seinen Augen, sage ich nur.

pietaDie Pieta. Ich liebe gelungenen Gebrauch von Ikonographie. Kurz darauf verspottet Jack Jamies Christ-gleiche Passivität im Leiden (man denke auch an Jamies festgenagelte Hand), was wiederum einen Bogen zu „Lallybroch“ schlägt, als Jamie anmerkt, es stecke ein Teufel in Jack Randall; ebenso zu Claires Schwur in „To Ransom a Man’s Soul“ (der Episodentitel selbst weist schon auf die religiöse Verbindung hin, ebenso die Titelkarte): „Randall may have had your body, but I’ll be damned if he has your soul as well.“ Und Murtagh kommt in Staffel 2 noch einmal darauf zurück, als er Jack als „the devil’s spawn“ bezeichnet.

A propos, ich glaube, ich habe nun endlich herausgefunden, was mich an Staffel 2 so störte: Ihr fehlen lange Zeit all die Parallelen und Verknüpfungen, das Spiegelbildliche, das Staffel 1 durchzieht. Staffel 2 ist über viele Folgen hinweg sehr, sehr wörtlich, keine Spur von Metaebene. Zwar ist die erste Hälfte von Folge 1, „Through a Glass, Darkly“, voll davon, aber – und das ist vielsagend – nur dadurch, daß Frank wieder ins Spiel kommt. Danach ist Sense, bis – aha! – Jack in Paris auftaucht. Ellen Moody analysierte Outlander als Dreiecksgeschichte, und sie hat völlig recht damit. In Fankreisen und auch seitens Autorin Diana Gabaldon, was ich bisher gesehen und gelesen habe, ist der Fokus immer auf Claire und Jamie. Aber die Geschichte hat keinerlei Tiefgang ohne was Ellen als den Doppelgänger Frank/Jack bezeichnet; wer weniger tiefenpsychologisch vorgehen möchte, macht eine Vierecksgeschichte daraus. Beides funktioniert. Und sobald Jack mit der dramatischen Verknüpfung sowohl zu Wentworth und dem Mißbrauch an Fergus (ich nenne das zuschlagendes Karma) als auch zu Claire (ein Leben für ein Leben) während des Duells die Bühne vorerst wieder verläßt, verschwindet ebenso die Metaebene. Nicht, daß die Serie an dieser Stelle schlechter wird – wir kommen nun zum herzzerreißenden und epischen Teil, und das hat eigenen Wert, aber es gibt herzlich wenig zu deuten. Den nächsten Bogenschlag finden wir tatsächlich erst wieder in „The Hail Mary“ mit, jep, Jacks Rückkehr. Erst jetzt, nachdem ich Staffel 1 noch einmal gesehen hatte, konnte ich die wundervolle Szene zwischen Claire und Jack als das Gegenstück zu ihrer Szene in „The Garrison Commander“ erkennen, das sie ist. Mit einer Wendung! Diesmal versucht Claire nicht, seine Seele zu retten, während man den Eindruck bekommt, daß das genau das ist, was Jack von ihr erbittet, zumindest den kleinen Teil seiner Seele, den er sich noch erhalten hat.

Diana Gabaldon ist in Staffel 2 als Gastautorin vertreten, nämlich bei der Folge „Vengeance is Mine“. Der Schwerpunkt dieser Aussage ist „Gast“. Man merkt, daß die Folge nicht aus der üblichen Schreibwerkstatt stammt, so sehr das Stammpersonal natürlich Rat und Tat leistete. Sie ist in vielem simpler, aber auch eigenständiger, ein in sich abgeschlossenes Abenteuer, wenn man so will. Star ist zum letzten Mal Simon Callow als der Duke of Sandringham, der wie immer jedem die Show stiehlt. Stellt Jack Randall den Finsterling dar, so ist Sandringham der witzige Schurke. Ich bedauere sehr, daß sie nie eine gemeinsame Szene haben. (Und ich tappe völlig im Dunkeln, was eigentlich ihre Beziehung ist. Wird vermutlich in den Büchern erläutert.)

Beginnend mit „Faith“ ziehen sich Tod, Abschied und Verlust als Leitthemen durch die Handlung. Von nun an verlieren wir eine erhebliche Anzahl von etablierten und liebgewonnenen Charakteren, ganz zu schweigen von all den Verlusten auf Culloden Moor, die wir nie zu sehen bekommen. Ich hoffe sehr, daß die Macher in Staffel 3 zumindest ein paar Rückblenden einbauen! Insbesondere Dougal darf in „The Hail Mary“ und „Dragonfly in Amber“ noch einmal richtig glänzen.

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