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Posts Tagged ‘Columbine’

Unvermutet schnell (ich bin immer noch beeindruckt) trudelte letzte Woche die I’m Not Ashamed-DVD ein. Lieferung aus den USA innerhalb von 2 Wochen? Und das bei normalem Versand. Da war Outlander 2 bei Versand innerhalb Deutschlands fast langsamer.
Ich war wie erwähnt neugierig zu sehen, was die Filmemacher aus dem Stoff gemacht hatten. Die Antwort: erschütternd wenig. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, daß in Biopics Dinge verändert werden, aber ich erwarte doch, daß das Leben der dargestellten Person zumindest halbwegs korrekt präsentiert wird. Ich habe auch grundsätzlich kein Problem mit christlichen Filmen, aber I’m Not Ashamed gehört leider zu den krasseren Vertretern seiner Art. Bei Rachel Scotts Mutter Beth Nimmo als treibender Kraft hinter der Produktion war so etwas leider zu befürchten – sie folgt einer recht fundamentalistischen, evangelikalen Ausübung des Christentums.

Bizarr ist die Zusammenlegung mehrerer realer Personen in einer fiktionalen Figur. Klar: Nicht jeder möchte seinen Namen in einem Film wiederfinden, besonders in einem christlichen Film. Anonymität ist somit völlig okay. Es ist allerdings eine Beleidigung, wie viele fiktive Gegenstücke der immer noch klar zu erkennenden realen Personen geschrieben sind. Ich als, sagen wir, Andrew Robinson, Steve Partridge oder Brooks Brown wäre not amused. Ob Darrell Scott bewußt nicht genannt werden wollte oder ob er kurzerhand aus der Handlung herausgeschrieben wurde, möchte ich nicht spekulieren. Es ist auch nicht so, daß das, was Rachel Scott ausmachte, weder ihre Persönlichkeit noch ihr Glauben, in irgendeiner Form realistisch vermittelt wird. Rachel hatte einen großen Freundeskreis, sie war überall beliebt – wo bleibt das im Film? Nein, I’m Not Ashamed sieht sich in erster Linie wie ein Lehrstück. Oder, Schrecken, wie eine dieser fürchterlichen Aufführungen, denen wir in der Realschule ständig ausgesetzt wurden – AIDS, Neo-Nazis, Drogen; Kinder, laßt euch belehren, dies und dies ist böse und dieses und jenes Verhalten wird zu einem schrecklichen Ende führen. Ich kann bis heute nicht glauben, daß jemand ernsthaft glaubte, diese Moralstücke würden zu einer sittlichen Hebung der Jugend führen oder was auch immer. Aber offensichtlich gibt es diese Zunft immer noch. Somit wurde Rachel Scotts Geschichte umgeschrieben in ein Moralstück für die christliche Jugend, denn, ganz ehrlich, bekehren kann man damit niemanden. Partys, Alkohol und Zigaretten sind böse, ein nicht-christlicher Freund ist böse, und die ganze moderne Jugend ist insgeheim unglücklich und verloren und braucht Jesus.

Ich verstehe zumindest nun genau, warum der Filmstart letztes Jahr im April verschoben wurde auf Oktober. Hatte bereits gemutmaßt, daß Sue Klebolds im Februar erschienenes Buch der Anlaß war, und, jep, nach ihrer alles hinterfragenden Analyse über die Mittäterschaft ihres Sohnes an der Columbine-Schießerei ist Dylans und Erics Darstellung in I’m Not Ashamed reichlich klischeebeladen. Man wartet die ganze Zeit darauf, daß Satan hinter der Kommode vorspringt oder ähnliches.

Schade. Gutes Thema zielsicher verfehlt.

Um aber fairerweise die wenigen gelungenen Dinge auch zu erwähnen: Es gibt viele kleine Szenen abseits der „message“, in denen Rachels Persönlichkeit doch durchscheinen darf. In die Dialoge werden Originalzitate von Rachel, Eric, Dylan und Brooks eingebaut, und Originalvideoaufnahmen werden entweder gezeigt oder nachgestellt.

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Nun habe ich doch unwissentlich was Falsches erzählt. Berichtete ja, daß noch kein Film direkt über Columbine existiere, und prompt wurde ich auf etwas geschupst, das mich eines Besseren belehrte. Wollte mir nach Jahren mal wieder Zero Day ansehen und stellte fest, daß er bei Amazon.de derzeit nur für teuer Geld zu haben ist. (Man soll bekanntlich nichts weggeben. Auch April Showers ist so gut wie gar nicht mehr als Original-DVD zu erhalten [eBay, wenn man Glück hat], sondern nur mit internationalem Titel oder in polnischer Ausgabe zu ebenfalls nicht wenig Moneten. Seinerzeit bekam ich alles zu völlig annehmbaren Preisen.) Aber Schnabeline ist ja Welteinkäuferin und schaute bei Amazon.co.uk nach, wo sie die DVD inklusive Porto für läppische 4,20 Euro einsackte. Ich war dann schon fast wieder weg, als ich aus dem Augenwinkel noch eine Kaufempfehlung erspähte, mit dem *leicht* reißerischen Titel Massacre at Columbine High. Au Backe, das mag ja was sein, dachte ich mir unter Vorstellung zweifelhafter Fanproduktionen… aber nö. Der Discovery Channel co-produzierte diese Dokumentation mit Interviews und Reenactment im Zuge der Zero Hour-Serie. Im Sinne der Serie konzentriert sich die Doku kaum auf Hintergründe und Folgen, sondern schildert in erster Linie die Geschehnisse am 20. April 1999, dabei hauptsächlich der ersten Stunde, in der alle Morde und Selbstmorde stattfanden.
„Au Backe“ sagte ich teilweise trotzdem, denn die Darstellung der Täter ist mitunter doch etwas… überzogen. Reales Leben ist nicht Hitmen for Hire, Leute. Man muß beim Ansehen bedenken, daß die Dokumentation von 2004 stammt, also lange vor dem Erscheinen von Dave Cullens Columbine. Entsprechend fehlen noch einige wesentliche Informationen. Andererseits sind Infos enthalten, von denen ich bis dato noch nie gehört hatte – Brooks Brown (der mit seinen trockenen Kommentaren weite Interviewstrecken trägt) beispielsweise erwähnt etwas zu den Dialogen in der Bibliothek, was mich schlußfolgern läßt, daß er die Aufzeichnung von Pattie Nielsens Notruf in Gänze gehört haben muß, vielleicht zu Zwecken der Identifizierung? Ebenfalls enthalten ist ein Video, das Sue Klebold in ihrem Buch erwähnt – leider mit VO überdeckt, so daß die Originaltonspur kaum zu verstehen ist.

Übrigens: Belas mich nun, daß I’m Not Ashamed schon zweimal verschoben wurde. Ursprünglich war geplant, ihn am 20. April, dem siebzehnten Jahrestag, in die Kinos zu bringen. Das wurde dann auf September verschoben (inzwischen Oktober), und ich vermute stark, daß dies mit der Veröffentlichung von Sue Klebolds Buch im Februar zusammenhängt.

More time was needed to make the best picture possible and it was also requested by Rachel’s mom and family.

heißt es auf Facebook, was für mich mehrere Möglichkeiten zuläßt. a) Man wollte nicht um Medienaufmerksamkeit konkurrieren oder b) in den Verdacht des Trittbrettfahrens kommen. c) Das Schlüsselwort lautet „Nachdreh“. Vielleicht wurden einige Szenen nach den Erkenntnissen von A Mother’s Reckoning neu gedreht oder d) geschnitten – ich hoffe zum Beispiel, daß, sofern sie jemals enthalten war, die Trench-Coat-Mafia-Legende rausgenommen wurde. Sie wurde schon 1999 widerlegt, spukt aber immer noch durchs Netz und fand ihren Weg noch in das knapp ein Jahr nach Columbine veröffentlichte Rachel’s Tears, auf dem der Film, soweit ich es einschätzen kann, hauptsächlich basiert. Gleiches gilt für Cassie Bernall, deren vermeintliche Geschichte perfekt in einen Pureflix-Film passen würde und auch zur Märtyrer-Thematik, auf die sich Beth Nimmo eingeschossen hat… aber leider nicht der Wahrheit entspricht. Schon in Rachel’s Tears wurde sie, wenn auch sichtlich widerstrebend, mit Vorsicht genossen. Wer sich hingegen auf Facebook durch die Kommentare liest, wird sie wiederholt finden. Man sollte keine Fakten in den Weg einer guten Legende kommen lassen!

Eine Frage, die ich Columbine-Autor Dave Cullen frustriert stellte, nachdem ich mit tiefem Stoßseufzer wieder einmal ein Wiederkäuen der Marta-Legende „Ihr Buch stieß auf empörte Ablehnung… blabla… Ehre der deutschen Frau verletzt… bla“ antraf, war, ob ihn die nicht totzukriegenden Mythen nicht nervten. Ich meine, die Leute könnten es ohne große Mühe besser wissen, aber selbst keine große Mühe ist offenbar schon zuviel Mühe für sie. Oh ja, es nervt, sagte er. Aber er arbeitet dazu unter verschärften Bedingungen, da (grusel) Columbine eine Menge extrem fragwürdiger Fans hat, deren Weltsicht er mit seinen verdammten Fakten verletzt – und deshalb eine Menge entsprechender Kommentare und nicht ganz so freundliche Benennungen auf Social Media kassiert. Er formulierte das in seiner Antwort höflich als „Leute, die wenig Arbeit in das Thema investieren, aber seine Erkenntnisse kritisieren“. Auf Twitter ist er etwas direkter gegenüber den so titulierten „Columbullies“ (und ich warne ernsthaft vor dem Lesen ihrer Kommentare, wenn man keine Stabilitätspunkte verlieren möchte).
Wie er es speziell betreffend der Nachahmtäter ausdrückt:

Columbine created a new template for these attacks. But Columbine is so misunderstood that these attacks are following a false script.
http://www.davecullen.com/columbine.htm

„Forschen gefährdet die Dummheit, bringt aber nicht immer die Ergebnisse, die man gern hätte. Das macht Recherche vielleicht so unliebsam“, schrieb ich in einem früheren Eintrag, und diesen erstaunlich weisen Eintrag, in dem ich mich spezifisch auf die russische Erinnerungskultur bezog, der aber, wie ich heute finde, auch ganz global gelten kann.
Und ich kann nicht glauben, daß ich mich in einem Atemzug mit hochdekorierten Schreibern nenne, aber als „myth buster“ lernt man schnell Frustration kennen. Die Leute wollen es gar nicht besser wissen. Die Legenden sind viel schöner, und man kann so viel persönliche Anschauung darin unterbringen.

A propos Atemzug, etwas, für das ich im Laufe meiner Recherchen sehr sensibel geworden bin, ist die Erwähnung des, wie ich es nenne, PTSD aus zweiter Hand. Ich habe es an mir erlebt und stellte später zu meiner Erleichterung fest, daß ich nicht der dumme Laie bin, dem das im Gegensatz zu den Profis passiert, sondern daß auch große Namen berichten, davon betroffen zu sein.

Antony Beevor:

The horrors do get to you. For years after writing Stalingrad, I could not look at a plate of food without thinking how much it would have meant to people at the time, whether Germans, civilians or Soviet soldiers. When working in the Russian archives with my colleague, Lyuba Vinogradova, she was often in tears at the material we encountered. I did everything I could not to let it influence me then. I had to concentrate on getting every detail correct, but it would get to me later.
http://bookslive.co.za/blog/2013/05/06/sophy-kohler-interviews-antony-beevor-about-the-second-world-war/

Dave Cullen:

It’s emotionally exhausting, but I hardly ever cry – that comes much later, if I’m lucky. More often, when I’m working, I go numb, and it’s hard to feel anything through that. I can feel the joy draining out of me, like a spigot has opened somewhere inside, but I can’t feel how or where or why it all goes.
http://www.vanityfair.com/news/2016/06/dave-cullen-on-orlando-shooting

Sowie auf Twitter:

I actually had to pull back from everything Columbine-related after this [=Sue Klebolds Buch], because it sent me over the brink into depression again […].

CS:

Ansonsten natürlich viel Herzeleid bei der Literatur […]. Ich schrieb schon mal, daß ich eine miese Akademikerin abgäbe. Wie sich Leute hinsetzen und emotionslos Zahlen gegeneinander verrechnen oder analysieren können, hat etwas Unmenschliches für mich. Vielleicht muß es das geben. […] Aber es war am zweiten Tag, […] daß ich im Lesesaal saß und stillschweigend vor mich hinweinte. Mein Forschungsgebiet erfordert viel inneres Eisen. Ich behaupte, ich habe das, anderenfalls wäre ich nie so weit gekommen – und wenn ich gerade englische Rezensionen von Martas Buch lese, staune ich immer wieder, wie erschüttert die Leser sind: Eine Frau in Berlin ist harmlos gegen das, was ich im Laufe der Jahre alles gelesen und gehört habe. Aber mein Eisen ist nicht ausreichend. Ich kann nicht einfach meine Gefühle ausschalten. Ich bin immer noch davon überzeugt, das Richtige zu tun, aber ich zahle einen hohen Preis dafür.
https://schnabeline.wordpress.com/2014/10/20/when-brian-eno-ruled-chicago/

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Eigentlich sammele ich ja gern Ideen für einen speziellen Eintrag. Ich hatte geplant, diese in Kürze in einer Einleitung zu meiner zukünftigen Rezension von I’m Not Ashamed unterzubringen. Allerdings trieb ich mich dann auf Dave Cullens Twitter-Seite herum (wo ich wieder einmal über die Idiotie mancher Menschen staunte) und fand einen kurzen Austausch zum Film, der mich nachdenken ließ. Und angesichts der Tatsache, daß besagte Rezension damit vermutlich zu einem dieser Monstereinträge mutieren würde und daß die DVD sowieso erst in frühestens einem halben Jahr erscheinen wird, womit ich zu dem Zeitpunkt längst tot sein könnte, was mich ärgern würde – nun ja, „No time like the present“, sagte ich mir.

Einen Film über Columbine gab es bisher nicht, obwohl es natürlich schon diverse Male als Inspiration oder Hintergrund für filmische Umsetzungen diente – Elephant, Zero Day, Dawn Anna, April Showers, Reunion, die Cold Case-Folge „Rampage“, im weitesten Sinne Bowling for Columbine, um nur ein paar zu nennen. Entsprechend glaube ich, daß die Kritiker, die sich sofort nach Veröffentlichung des I’m Not Ashamed-Trailers über das Internet ergossen, von einer komplett falschen Annahme ausgehen: Sie wollen einen Columbine-Film, der alle Aspekte berücksichtigt. (Daß ihre eigene Erwartung dabei weit variiert, ist noch ein Thema für sich.) Aber kein Promo-Material zu I’m Not Ashamed behauptet, dies zu leisten. Der Film konzentriert sich erklärtermaßen auf Rachel Scotts Leben und ihren Glauben. Er ist keine Columbine-Dokumentation und keine Spielfilmumsetzung von Dave Cullens Buch. Seine Quellen sind vielmehr Rachels Tagebücher sowie die Bücher ihrer Eltern Rachel’s Tears und Chain Reaction. Mutter Beth Nimmo ist als ausführende Produzentin des Films gelistet, was Sinn macht, da sie mir in dem inzwischen in Sachen Columbine-Faktenlage schon etwas veralteten Rachel’s Tears als… ich will nicht sagen frömmelnd, aber es geht doch in die Richtung… erschien. Während Vater Darrell Scott, ebenfalls Christ und ehemaliger Pastor, eher die übergeordnete Sicht hat.
Und Rachel Scotts Geschichte ist faszinierend! Vielleicht sollten sich die Berufsentrüsteten einfach mal darauf einlassen.


Das lange Video zu Rachel und Rachel’s Challenge. Wer sich weniger für das Programm interessiert, kann den Mittelteil weglassen.

Die Eingangssequenz des folgenden Videos ließ mich ein wenig lächeln. Man vergleiche sie mit den Vorwürfen, die den Klebolds und Harrises gemacht wurden.

Und der für das jugendliche Zielpublikum etwas dramatischer gemachte High-School-Programmtrailer. (Um Minute 1:16 herum übrigens Brooks Brown, Freund sowohl von Rachel als auch Dylan und Eric.)

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So schrieb Jenny Cockell in ihrem Buch Yesterday’s Children, und ich kann das bis zum einem gewissen Grade bestätigen – nicht, weil ich selbst Kinder hätte, sondern weil meine Mutter diese Aussage lebt.
An Muttern erinnert wurde ich somit auf Schritt und Tritt während meiner Lektüre von A Mother’s Reckoning, das ich via I’m Not Ashamed entdeckte. Im Frühjahr dieses Jahres erschienen, ergänzt es in nicht unerheblicher Weise die Literatur zu Columbine. Sue Klebold ist die Mutter eines der Täter, und ich habe mich schon mehrfach gefragt, wie man mit dieser Tatsache klarkommt.
Ich glaube auch, daß Mrs. Klebold die so ziemlich einzige Person ist, von der gerade die betroffenen Familien ein solches Buch akzeptieren würden. Für diejenigen, die sich näher mit Columbine beschäftigt haben, steht in überwiegender Zahl fest, daß die Klebolds genausowenig Schuld an den Ereignissen tragen wie die Eltern der Opfer. Brooks Brown (meine ich) beschrieb sie als die Supereltern, die sich jedes Kind wünscht, die stark in Dylans Leben involviert waren, und Dylan selbst gab in einem Video zu verstehen, daß seine Familie mit seiner Entscheidung nichts zu tun hat.
Daß er nicht so weit dachte, wie seine Familie mit den Folgen seiner Entscheidung zu leben hätte – nun ja. Teenager.

Meine Gedanken zum Buch werden mit vielen Abschweifungen verbunden sein, fürchte ich. Es sind zu viele Berührungspunkte da – und ich will gleich zugeben, daß ich neben den geschilderten Ereignissen schon bald von den übergeordneten Zusammenhängen gefesselt wurde.

Zurück also zur mütterlichen Schuldfrage. Sue Klebold hat da natürlich das non plus ultra für sich entdeckt, und, wie sie schreibt, trotz ihrer Empörung über die frühen Medienberichte, die automatisch dem Elternhaus die Schuld zuschoben, waren all die Anschuldigungen nicht anderes als das, was sie sich selbst vorwarf oder was sie, wären die Rollen vertauscht gewesen, auch gedacht hätte. Über die Jahre veränderte sich ihre Sicht dahingehend, daß sie Dylans Tat als den Selbstmord erkannte, der er war (jeder Psychologe, der sich mit Columbine befaßte, kam irgendwann ebenfalls zu dieser Erkenntnis). Ihre Schuldgefühle drehen sich heute also eher darum, ihren Sohn im Stich gelassen zu haben.

Ich erklärte meiner Mutter einmal, sie solle bitte aufhören, so verdammt egozentrisch zu sein, sich als Ursache aller Probleme und Entscheidungen ihrer Kinder zu sehen. Das ist eines der bizarrsten Dinge in meiner Familie: Mein Bruder und ich waren aufgrund unseres Altersunterschieds nie eng miteinander, aber ich glaube, in dieser Hinsicht verstehe ich ihn besser als meine Mutter es tut. Muttern entschuldigte sich in den letzten Jahren mehrmals für all die Fehler, die sie uns gegenüber gemacht hat – ich sagte „Pfft!“, mein Bruder „Ist schon gut.“ Welche Eltern sind denn perfekt? Unsere, okay, waren eine Herausforderung, aber alles in allem schon in Ordnung. Ich habe keine großen Klagen. Alle Kinder treffen irgendwann ihre eigenen Entscheidungen, die völlig unabhängig sind von den Eltern und ihren Erziehungsmethoden.
Muttern quält sich mit solchen Vorwürfen wie „Hätte ich die Anzeichen früher erkannt, hätte man vielleicht etwas für Jens tun können“, aber wie sollte sie ohne Spezialwissen diese Anzeichen erkennen? Beginnende Schizophrenie war nichts, mit dem irgendjemand in unserem Kreise Erfahrung hatte. Und obwohl Muttern oft an Jens‘ Denk- und Erinnerungsfähigkeit zweifelt (zu Unrecht, wie ich ihr auch immer wieder sage – „Er ist schizophren, nicht dement“), kann ich mit hundertprozentiger Überzeugung sagen, daß er der letzte wäre, ihr irgendeine Schuld zuzuweisen. Ich finde es ja auch albern, daß sie versucht, sich den Schuh meiner Depressionen anzuziehen; ich wüßte nicht, was sie auch nur andeutungsweise damit zu tun haben sollte. Und sehr wahrscheinlich würde das gleiche für Dylan Klebold gelten.

Ehrlich gesagt war das eine der härtesten Herausforderungen beim Lesen des Buches. Ich wurde permanent an Jens erinnert, ich sah all die Parallelen. Nicht, daß mein Bruder jemals etwas in dieser Größenordnung durchgezogen hätte, aber dennoch. Beide frühe September-Geborene, beide von klein auf unabhängig, beide begabt, der Stolz ihrer Eltern, Jungen mit großen Zukunftsaussichten. Und dann, irgendwie unbemerkt, vermutlich anfangs auch von ihnen, begann alles aus dem Ruder zu laufen.
Eines dieser Bilder, die sich Muttern eingeprägt haben, war ein Überraschungsbesuch meines Bruders während seines Zivildienstes – wie er plötzlich im Wohnzimmer stand, hell, strahlend, ein gutaussehender, vielversprechender junger Mann, ein Sohn, wie ihn sich alle Eltern wünschen. Innerhalb von Monaten war von diesem jungen Mann nichts mehr übrig. An seiner Stelle war dieser aggressive, gewaltbereite Fremde. Eine meiner klarsten Erinnerungen an diese Zeit ist, daß meine Freundin, die schräg gegenüber wohnte, mich zum Spielen abholen wollte und ich mich sträubte – ich wollte meine Mutter nicht allein lassen, weil ich Angst hatte, daß Jens ihr etwas antäte. Ungeachtet der Tatsache, daß ich acht Jahre alt war und im Fall der Fälle nicht das geringste hätte tun können. Als ich meiner Mutter Jahre später davon erzählte (sie hatte mich damals nachdrücklich weggeschickt, weil sie meinen Widerstand wohl für Stubenhocker-Tendenzen hielt), meinte sie, merkwürdigerweise habe sie nie geglaubt, daß Jens ihr gegenüber gewalttätig werden würde. Sie hatte recht. Verbal, ja. Er zerstörte Gegenstände. Aber nie legte er eine Hand an uns.

jens
Jens, ca. 16 Jahre

Das ist der Unterschied zu Dylan Klebold, etwas, mit dem seine Mutter seit nun siebzehn Jahren leben muß. Neben der Schilderung, wie sie die Ereignisse um Columbine erlebte, ist ihr Buch ein großes „Hätte, hätte, hätte“. Natürlich sind da all die Dinge, die ihr im Nachhinein als Warnzeichen erscheinen, aber wohl jeder Leser sieht wie Mrs. Klebold damals einfach einen ganz normalen Teenager, wie sie zu tausenden herumlaufen und aufwachsen, ohne zu Massenmördern zu werden. Daß der Fall bei Eric Harris anders gelagert war, darüber sind sich alle Analytiker einig. Dylans Beteiligung hingegen war vermeidbar. Sue Klebold engagiert sich daher seit Jahren in Selbstmordprävention und Aufklärungsarbeit über Depression. Sie hat dort eine Nische gefunden, in der sie ihre Erfahrungen und Schuldgefühle sinnvoll einbringen kann.
Was mich dabei wiederum leicht irritierte, war die Tatsache, daß sie allem Anschein nach eine „gläubige“ Person ist, um es mal so auszudrücken – sie befolgt christliche wie jüdische Traditionen und ist von einem jenseitigen Leben überzeugt (in der simplen Himmel-und-Hölle-Abtrennung). Gleichzeitig scheint das für sie aber ein Abstrakt zu sein. In dem Sinne von: Natürlich hat ihr Sohn eine Seele, aber seine Tat war ein Ergebnis einer Fehlschaltung im Hirn, also einer Krankheit, als die sie Depression und Selbstmordgedanken definifiert. Der Körper als Ich, die Seele als etwas Externes. Ich bin dieser merkwürdigen Einstellung schon einmal bei einer Freundin begegnet, einer überzeugten Katholikin, bei der ich nun eigentlich erwartete, daß sie ein besseres Verständnis dafür hätte. Ich meine, hallo? Geht es im christlichen Glauben nicht genau darum? Wir kamen auf das Konzept von Reinkarnation zu sprechen, was R. nun so überhaupt nicht verstand. Nicht, weil es mit ihrer Überzeugung nicht übereinstimmte, sondern von der Mechanik her. „Es läuft also jemand mit meiner Seele herum?“ Der Körper als Ich, die Seele als Externes. Ein vages Etwas, ein Gegenstand, den man weitergeben kann.
Umgekehrt wird ein Schuh draus. („Nein, deine Seele, also *du*, läuft mit einem anderen Körper herum.“) Somit hat – außer in Fällen von wirklichen Krankheiten, von Verletzungen etc. – das Gehirn also nicht die bestimmende Rolle bei den von Sue Klebold angeführten Krisen. Um es mal so zu formulieren: Ein Psychopath wie Eric Harris war kein Psychopath, weil seine Gehirnströme anders waren als die eines „normalen“ Menschen, sondern seine Gehirnströme waren anders, weil er ein Psychopath war. Die inkarnierte Seele war ein finsterer Geselle, und da der Geist über das Gehirn wirkt, hätte dies natürlich ganz andere Abläufe gezeigt als beispielsweise bei Dylan Klebold. Auch auf die Gefahr hin, daß Leser das in den falschen Hals bekommen, Depression ist keine Krankheit. Sie wird heute als solche eingestuft, weil die Zusammenhänge nicht bekannt sind. Weil davon ausgegangen wird, daß alles, was wir tun, seine Ursachen im Gehirn hat. Selbst Sue Klebold mit ihrem Glauben an die Seele eines Menschen begeht diesen Fehler. Sie übersieht dabei ein gewaltiges Puzzleteil, nämlich den Einfluß von jenseitigen Gedanken- und Empfindungs“zentralen“, die sich an eine Person mit gleicher Art anhängen und diese Art in der Person verstärken können. Ich verweise auf Abd-ru-shins Vorträge „Gedankenformen“ und „Im Reiche der Dämonen und Phantome“. Wenn Mrs. Klebold also eine Phase während der Columbine-Nachwirkungen beschreibt, in der ihr älterer Sohn spekuliert, Dylan wäre besessen gewesen, so liegt diese auf den ersten Blick sehr schräge Theorie gar nicht mal so weit daneben. Er war nicht besessen, aber beeinflußt. Man kann sich das als ein Gedankenballungszentrum vorstellen – oder wie die schwarzen Gewitterwolken über dem Kopf in Cartoons! Und wenn man das nicht erkennt und sich davon wegreißt, dann können diese Zentralen einen Menschen tatsächlich mit der Zeit überwältigen und zu Taten bewegen, die er vorher nie für möglich gehalten hätte. Er sieht vor lauter schwarzen Wolken nichts mehr.

In meiner Teenager-Zeit (grusel!) habe ich auch über viele Dinge nicht gesprochen. Die nach Columbine herumgereichte Theorie, verantwortungsvolle Eltern wüßten alles über ihre Kinder, ist völliger Quatsch. Filmemacher Andrew Robinson, ein Columbine-Überlebender, kommentierte das ähnlich. Was seine Eltern damals nicht über ihn wußten, meinte er, habe den Grand Canyon füllen können. Natürlich wollen viele Eltern das nicht wahrhaben, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Sue Klebold hat es auf die harte Art und Weise erfahren müssen, sie hat es auf einem Level begriffen, aber auf einem anderen macht sie sich noch immer Vorwürfe. Hätte, hätte, hätte. Es gibt keine Garantie, daß selbst bei aller Aufmerksamkeit, bei allem Nachfragen, bei aller Geduld, Dylan jemals mit seinen Problemen herausgerückt wäre. Eltern sind oft die letzten, mit denen ein Teenager über etwas sprechen möchte. Der Abstand des Verstehens ist ganz einfach zu groß, weil Erwachsene einen ganz anderen Blick auf die Dinge haben. Sie können sich in vieles, das in einem Teenager-Leben vorgeht, nicht hineindenken, und Teenager wissen das. Daß die Probleme nicht immer so dramatisch sind, wie man es in dem Alter ansieht, ändert daran nichts.

Viel anschaulicher fand ich also Sue Klebolds Beschreibung der Zeit nach Columbine und ihre eigene Zerrissenheit. Sie trauerte nicht nur um ihren Sohn wie andere Eltern, sondern mußte gleichzeitig mit der Tatsache fertigwerden, daß er verantwortlich dafür war. Die Hoffnung auf einen Irrtum, auf gezwungene Teilnahme an dem Massaker, die Frage nach dem Warum, die Wahrnehmung, ihren Sohn überhaupt nicht gekannt zu haben und plötzlich ein Monster zu sehen, das langsame Begreifen, daß die Dinge wesentlich komplexer waren. Und mehr Schuldgefühle: Während der ersten Stunden nach dem Massaker, als noch keine klaren Informationen vorlagen, aber ihr Sohn bereits als Täter bekannt war, ihre Erkenntnis, daß er gestoppt werden müsse. Das Gebet einer Mutter, ihr Sohn möge sterben. Etwas, das sie bis zum heutigen Tag bereut, obwohl es natürlich nicht das geringste zu seinem Tod beigetragen hat (zu dem Zeitpunkt war er bereits tot).
Die Flucht vor Reportern und lynchwütigen Mitbürgern, die Unterstützung durch Freunde, Verwandte, Kollegen. Die Verurteilung durch die Presse. Eine Trauerfeier und Kremierung ohne Grab in aller Heimlichkeit. Haßbriefe, das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, aber nicht zu wissen, wie. Schock, die monatelange Unfähigkeit zu funktionieren, Depression, Panikattacken, das Klammern an den verbliebenen älteren Sohn. Die heraufziehenden Schadenersatzklagen. Ein Alptraumszenario, wie man es sich gar nicht vorstellen möchte.

Aus dem Blickwinkel des Karmas betrachtet ist Columbine ebenfalls ein Alptraumszenario. Die Seele, die in jenem Leben Dylan Klebold war, hat sich furchtbare Bindungen aufgelegt. Sie „hängt“ an all den betroffenen Personen, Opfern, lebend wie tot, deren Familien, Dylans eigener Familie, traumatisierten Ersthelfern… Bis all das nicht abgelöst ist und all diese Seelen nicht ehrlich verziehen haben, kommt sie nicht los.
Ein Leserbrief in der Gralswelt fragte einmal danach, ob Menschen wie Hitler nach den Schöpfungsgesetzen ins Paradies eingehen könnten. Die Antwort fiel etwas ausweichend aus, weil man sich wohl lieber nicht auf diesen Feuersturm einlassen wollte, aber sie lautet grundsätzlich: Ja. Mit einem großen Aber. Wenn eine relativ überschaubare Tragödie wie Columbine, so furchtbar sie war, schon solche Bindungen erzeugt, wie sieht es dann auf einer Ebene von Drittem Reich aus?

A Mother’s Reckoning ist also herzzerreißender Stoff. Ich empfehle die Lektüre trotzdem wärmstens.

Interview mit Sue Klebold und Informationen. Teile 3-6 sind leider nicht auf YouTube vorhanden, und WordPress unterstützt keine iframe-Videos, daher also nur die Links.

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:
http://abcnews.go.com/2020/video/happened-dylan-klebold-time-part-36910966

Teil 4:
http://abcnews.go.com/2020/video/sue-klebolds-denial-sons-involvement-ended-part-36911015

Teil 5:
http://abcnews.go.com/2020/video/thwarted-shooters-copycats-columbine-part-36911065

Teil 6:
http://abcnews.go.com/2020/video/columbine-victims-survivors-remembered-part-36911114

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Wer wie ich all die Horrormeldungen in den Nachrichten kaum noch aushalten kann, sollte einmal hier hereinschauen: https://www.facebook.com/rachelschallenge
Es gibt noch eine Menge Gutes in der Welt.
Ich mochte am liebsten: das, das (süß!), das und das.

Wie geschrieben, klickte ich bei Pure Flix herum und fand den Trailer (seltsamerweise aber keine Filmseite) zu I’m Not Ashamed über Rachel Scott. Auf YouTube finden sich prompt Videoantworten darauf, die ich mir nicht angetan habe; auf der Filmseite bei IMDB sind ebenfalls entsprechende Kommentare hinterlassen worden. Ich weiß nicht, wie informiert diese sind; Trailer sind ja nun nicht unbedingt aussagekräftig, und viele der kritisierten Punkte sehe ich zum Beispiel überhaupt nicht darin.
Also jetzt abgesehen von den Dingen, die christliche Filmemacher *vielleicht* in die Geschehnisse hineininterpretieren, um die Geschichte einer Märtyrerin zu erhalten (ich empfehle noch einmal wärmstens Dave Cullens Buch für eine gründliche und sachliche Darstellung der Ereignisse und Hintergründe, die mit vielen Mythen aufräumt): Was mich am meisten beeindruckte, war Brooks Browns Schilderung seiner Freundschaft mit Rachel. Er beschrieb seine Erfahrungen mit sehr vielen christlichen Mitschülern, deren Verhalten nun so überhaupt nichts Christliches an sich hatte (Gandhi, anyone?), und welchen Kontrast Rachel dazu bildete – sie wollte niemanden missionieren, sondern einfach vorleben. Daher ist Rachel’s Challenge ja auch bewußt nicht religionsbasiert, sondern spricht durch tätige Nächstenliebe. So, wie es sein sollte. (Hier übrigens deren Statement zu I’m Not Ashamed.)
Ich lasse mich mal von dem fertigen Film überraschen.

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