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Posts Tagged ‘Christentum’

Bei Christi Tod zerriß im Tempel der Vorhang, der das Allerheiligste von der Menschheit abschloß. Dieser Vorgang wird als Symbol dafür angenommen, daß mit dem Opfertod des Heilandes im gleichen Augenblick die Trennung zwischen der Menschheit und der Gottheit aufhörte, also eine unmittelbare Verbindung geschaffen wurde.
Die Deutung ist aber
falsch. Mit der Kreuzigung lehnten die Menschen den Gottessohn als den erwarteten Messias ab, wodurch die Trennung größer wurde! Der Vorhang zerriß, weil das Allerheiligste daraufhin nicht mehr notwendig war. Es wurde den Blicken und unreinen Strömungen geöffnet, da, symbolisch ausgedrückt, das Göttliche nach dieser Tat seinen Fuß nicht mehr auf die Erde setzte, womit das Allerheiligste überflüssig wurde.
Also gerade das Gegenteil der bisherigen Deutungen, in denen sich wiederum wie so oft nur eine große Überhebung des Menschengeistes zeigt.
Der Tod am Kreuze war auch nicht ein
notwendiges Opfer, sondern ein Mord, ein regelrechtes Verbrechen. Jede andere Erklärung ist eine Umschreibung, die entweder als Entschuldigung gelten soll oder aus Unwissenheit heraus erstand. Christus kam durchaus nicht auf die Erde in der Absicht, sich kreuzigen zu lassen. Darin ruht auch die Erlösung nicht! Sondern Christus wurde gekreuzigt als lästiger Wahrheitsbringer um seiner Lehre willen.
Nicht sein Kreuzestod konnte und sollte die Erlösung bringen, sondern
die Wahrheit, die er der Menschheit in seinen Worten gab!
Die Wahrheit war aber den damaligen Religionsführern unbequem, ein Ärgernis, weil sie ihren Einfluß stark erschütterte. […] Die damaligen Führer stützten sich wie auch die heutigen zwar auf alte, gute Überlieferungen, aber diese waren durch Ausübende und Erklärende zu nur starrer, leerer Form geworden, ohne noch in sich lebendig zu sein. […]
Der aber dieses notwendige Leben in das bestehende Wort bringen wollte, brachte damit selbstverständlich einen
Umsturz in der Ausübung und Erklärung, nicht in dem Worte selbst. Er befreite das Volk von der niederzwingenden Starrheit und Hohlheit, erlöste es davon, und das war denen ganz natürlich ein großes Ärgernis, die bald erkennen konnten, wie energisch damit in die Zügel ihrer falschen Führung eingegriffen wurde.
Deshalb mußte der Wahrheitsbringer und Befreier von der Last der irrtümlichen Auslegungen verdächtigt und verfolgt werden. Als es trotz aller Mühe nicht gelang, ihn lächerlich zu machen, suchte man ihn als unglaubwürdig hinzustellen. Die „irdische Vergangenheit“ als Zimmermannssohn mußte dazu dienen, ihn als „ungelehrt und deshalb minderwertig für ein Aufklären“ zu stempeln! Als einen „Laien“. […]
Auf seine Aufklärungen selbst ging vorsichtigerweise niemand von den Gegnern ein, da sie ganz richtig fühlten, daß sie bei rein
sachlicher Entgegnung unterliegen mußten. So blieben sie bei der böswilligen Verleumdung durch ihre käuflichen Organe, bis sie sich zuletzt nicht scheuten, bei einem für sie günstigen Augenblick ihn öffentlich und fälschlich anzuklagen und ans Kreuz zu bringen, um mit ihm die Gefahr für ihre Macht und ihr Ansehen zu bannen.
Dieser gewaltsame, damals durch die Römer übliche Tod war nicht als solcher die Erlösung und brachte sie auch nicht.
Er löste keine Schuld der Menschheit, befreite sie von nichts, sondern er belastete die Menschheit als ein Mord im niedrigsten Sinne nur noch mehr!
Wenn sich nun bis heute hier und da ein Kult daraus entwickelt hat, in diesem Morde eine notwendige Hauptsache des Erlösungswerkes des Gottessohnes zu sehen, so wird der Mensch damit gerade von dem Wertvollsten abgezogen, das die Erlösung einzig und allein zu bringen vermag. Es lenkt ihn ab von der
eigentlichen Mission des Heilandes, von dem, was sein Kommen aus dem Göttlichen zur Erde notwendig machte.
Das war aber nicht, um den Tod am Kreuze zu erleiden,
sondern um in den Wust der den Menschengeist herabzerrenden dogmatischen Starrheit und Hohlheit hinein die Wahrheit zu verkünden! Die Dinge zwischen Gott, der Schöpfung und den Menschen so zu schildern, wie sie wirklich sind. […]
Nur in dem Bringen dieser Wahrheit und der damit verbundenen Befreiung von Irrtümern
ruht die Erlösung einzig und allein! […]
Es ist ein großer Fehler, wenn die Menschen glauben, durch den Kreuzestod sei die Vergebung ihrer Sünden gewährleistet. Dieser Gedanke zieht den furchtbaren Schaden nach sich, daß alle die, so daran glauben, dadurch von dem wahren Wege zur Erlösung
zurückgehalten werden, der einzig und allein darin liegt, nach dem Worte des Heilandes zu leben, nach den Erläuterungen, die er als Wissender und alles Überschauender gab. Und diese Erläuterungen zeigen in praktischen Bildern die notwendige Einhaltung und Beachtung des in den Schöpfungsgesetzen liegenden göttlichen Willens, sowie deren Auswirkungen bei Einhaltung und bei Nichteinhaltung.
Sein Erlöserwerk lag in dem Bringen dieser Aufklärung, welche die Mängel und die Schäden der Religionsausübung zeigen mußte, weil sie die Wahrheit in sich trug, damit sie Licht gab in die steigende Verdunkelung des Menschengeistes.

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Der Kreuzestod des Gottessohnes und das Abendmahl“)

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„Bist Du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuze! Hilf Dir selbst und uns!“ Höhnend schallten diese Sätze zu dem Gottessohn hinauf, als er unter brennenden Sonnenstrahlen am Kreuz litt.
Die Menschen, welche also riefen, hielten sich für ganz besonders klug. Sie höhnten, triumphierten, lachten haßerfüllt, ohne einen eigentlichen Grund dafür zu haben; denn das Leiden Christi war doch sicherlich kein Grund zu Spott und Hohn, noch weniger zum Lachen. Es würde ihnen auch vergangen sein, wenn sie nur einen Augenblick die gleichzeitigen Vorgänge im feinstofflichen und im geistigen Reiche hätten „sehen“ können; denn ihre Seelen wurden dabei schwer gebunden auf Jahrtausende. Und wenn auch grobstofflich die Strafe nicht so schnell sichtbar werden konnte, so kam sie doch in
allen weiteren Erdenleben, zu denen die frevelnden Seelen daraufhin gezwungen waren.
Die Höhnenden dünkten sich damals klug. Sie konnten aber keinen treffenderen Ausdruck als Beweis ihrer Beschränktheit abgeben als diese Worte; denn darin liegt die kindischste Anschauung, die man sich denken kann. Weit entfernt sind also Sprechende von irgendeinem Verständnisse der Schöpfung und des Gotteswillens in der Schöpfung. Wie drückend ist deshalb das traurige Bewußtsein, daß auch heute noch ein großer Teil von denen, welche überhaupt noch an Gott glauben und an die damalige Sendung seines Sohnes, mit Bestimmtheit denken, daß Jesus von Nazareth vom Kreuze hätte steigen können, wenn er es nur wollte.
Nach zweitausend Jahren noch die gleiche, schläfrige Beschränktheit, ohne Änderung zum Fortschritt! Als von Gott gekommen, mußte Christus nach naiven Anschauungen vieler Gottgläubigen unbeschränkt in seinen Handlungen auf dieser Erde sein.
Das ist Erwarten, aus der ungesündesten Naivität entsprungen, Glaube der Denkträgheit.
Mit einer Fleischwerdung wurde der Gottessohn auch „unter das Gesetz getan“, das heißt, er unterwarf sich damit den Schöpfungsgesetzen, dem unabänderlichen Willen Gottes in der Schöpfung. Da gibt es keine Änderungen, was den irdischen und erdgebundenen Körper betrifft. […]
Deshalb war er an alles mit gebunden, an das der Erdenmensch gebunden ist, und konnte auch als Gottessohn nicht von dem Kreuze steigen trotz seiner Gotteskraft und Macht, solange er im grobstofflichen Fleisch und Blute sich befand. […]
Ist ein grobstofflicher Körper an dem Kreuze festgenagelt, so vermag er ohne fremde Hilfe, ohne grobstoffliche Hilfe, auch nicht freizukommen. Das ist Gesetz nach göttlichem Schöpfungswillen, das sich nicht überbrücken läßt.

(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Steige herab vom Kreuze!“)

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Am Morgen hatte ich dann allerdings einen kräftigen Sonnenbrand und zog meine langärmlige Bluse mit Kragen an. Darunter sah man das Kreuz sowieso kaum. Ein Tuch darüber – Fall erledigt. Mit einem solchen Kompromiß kann ich leben. (Unter den Nazis trugen die Kreuzträger ihr Kreuz verdeckt, und viele machen es heute im Alltag auch so. Ich ja auch, wenn ich einen Rollkragenpulli anziehe.) Sollte es trotzdem jemand bemerken und bemängeln, würde ich eben umkehren.
Beim Frühstück erntete mein Entschluß eine gewisse Zustimmung. Es führte zu einem guten Gespräch über das Einstehen (oder nicht) für eigene Werte, gerade in der christlichen Kirche, die von einigen durchaus als zu nachgiebig empfunden wurde.

Interessanterweise schreibt die aktuelle Jüdische Rundschau, die sowieso wieder gut in Fahrt ist:

Bei einem Besuch des Tempelbergs in Jerusalem nahmen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sowie sein katholischer Kollege Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz, ihre Brustkreuze ab, bevor sie den Tempelberg besuchten. Heinrich Bedford-Strohm rechtfertigt die Entscheidung mit diesen Worten: „Wir haben aus Respekt vor den Gastgebern gehandelt.“ Es handele sich „um eine Antwort auf den Wunsch der Gastgeber.“
Wie Bedford-Strohm vor Journalisten weiter sagte, trage er bei Moscheebesuchen sonst das Bischofskreuz: „Das halte ich für den Normalfall.“ Den eigenen Glauben im interreligiösen Dialog zu verleugnen, sei der verkehrte Weg. In dieser besonderen Situation in Jerusalem wäre es aber falsch gewesen, dem Wunsch der islamischen Gastgeber nicht nachzukommen, erklärte er.

Sehr geehrter Heinrich Bedford-Strohm,

da möchte ich ihnen [sic] vehement widersprechen. Gerade auf dem Tempelberg war es besonders falsch, das Kreuz abzunehmen, denn es gab da mal jemanden, der sagte, genau dieser Ort „soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.“ Wissen Sie, wer das gesagt hat? Jesus! Kennen Sie den? Wenn nicht, schlagen Sie mal bei Markus 11,17 nach.
Wissen Sie auch, was dieser Jesus mit Leuten gemacht hat, die den Ort, an dem Sie Ihr Kreuz abgenommen haben, nicht als einen Ort des Gebets für alle behandelt haben. Schlagen Sie mal bei Johannes 2,15 nach. Jesus wurde erstaunlich ungemütlich:
„Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus.“
Ich gebe zu, Jesus war an dem Tag etwas hart drauf. Sonst war er nicht so gewalttätigt [sic]. Eins aber war Jesus recht konsequent: Er stand zu seinen Überzeugungen und er leugnete seinen Glauben nie. Er ließ sich weder in der Wüste noch vom Hohen Rat von seinem Glauben abbringen. Aber hey, wer war schon dieser Jesus, nicht wahr, Herr Bedford-Strohm?

Abgesehen von der Parallele zu Lynn Austins Fehlschluß (s. Teil 1) ist sicherlich was dran. Wie ein Mitreisender sagte: „Man stelle sich mal vor, wenn wir als Christen so etwas [=Verbot anderer Glaubenszeichen in Kirchen] versuchen würden. Was dann los wäre!“ De facto hatten aber auch mehrere die Bibel auf ihrem Smartphone dabei, was völlig unkontrollierbar ist. Über Sinn und Unsinn der Kontrollen läßt sich also streiten.
In jedem Fall berichtete unser Guide, daß auch die meisten Zionisten nicht vorhätten, den Tempel wieder aufzubauen und zu Brandopfern zurückzukehren. Verständlich, wenn man bedenkt, daß sie beim geringsten Versuch, am Felsendom nur zu kratzen, die gesamte islamische Welt in Waffen am Hals hätten… Andererseits existiert auf muslimischer Seite die Verschwörungstheorie, die archäologischen Ausgrabungen zu Füßen des Tempelberges dienten dazu, den Berg zu unterhöhlen und den Felsendom einstürzen zu lassen. Seufz!

Zuerst ging es aber zur Westmauer. Ich gestehe, seitdem ist mein Vertrauen in die israelische Sicherheit ein bißchen erschüttert. Bei der Taschenkontrolle schlug das Gerät an, wohl weil ich mein Kindle mitführte. Der Wachtuende bat mich, am Tisch zu warten. Allerdings war er allein, und die Massen strömten. Ich wartete also und wartete… und fragte schließlich nach, ob er meine Tasche noch kontrollieren wolle.
Pause. „Sind Sie damit durchgegangen?“
„Äh…nein? Sie sagten mir, ich solle hier warten.“
Pause. „Habe ich das?“ Pause. „Ich erinnere mich nicht.“
Seufz! Schnabeline war also offiziell freigegeben. Unser Guide hielt wieder einmal einen zwar interessanten, aber viel zu langen Vortrag, so daß ich schon mal vorging. Was sich an der Mauer sammelte, waren einige Betende und viele Fotographierende. Es machte mich fertig, dieses Verhalten, das man überall antraf: Selfies in heiligen Stätten. Sich in Pose schmeißen vor heiligen Stätten. Alltagsgespräche in heiligen Stätten.
Nebenan in der Männerabteilung wurde Bar Mitzvah gefeiert.

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Beim Felsendom vertat sich unser Guide leider, da Araber offenbar eine andere Sommer- und Winterzeit haben. Uns blieb etwa eine Viertelstunde, dann scheuchten die Aufpasser bereits. Nicht, daß das unsere träge Gruppe irgendwie gestört hätte. Schnabeline schämte sich wieder einmal fremd.
Daraufhin standen wir eine geschlagene halbe Stunde an der „Kleinen Klagemauer“, der Weiterführung der Westmauer. Diese Stelle ist halbwegs akzeptiert als Ort, an dem jüdische Männer und Frauen gemeinsam beten, und entsprechend stecken auch überall Gebetszettel in den Ritzen und Löchern. Dennoch ist der Ort ein besserer Hinterhof. Eine halbe Stunde muß man dort nicht bleiben. Ich war wieder einmal frustriert.
Danach war endlich Zeit zur freien Verfügung. Unser Guide wollte noch durch die Davidstadt, dort etwas zeigen und erklären; unser Pfarrer, der meinen Unmut wohl bemerkt hatte, bot mir an, mich auf dem direkten Wege zur Grabeskirche, dem Sammelpunkt, zu bringen. Über das Damaskustor ging ich dann zum Gartengrab, einer Alternativstelle für Golgatha und das Grab. Ob historisch korrekt oder nicht, zumindest bekommt man dort ein viel besseres Gefühl dafür, wie die Stätten zur Zeit Jesu ausgesehen haben. Die Anlage ist wunderschön und friedlich, und ich hätte mich noch lange dort aufhalten können. Leider wurde sie über Mittag geschlossen.

We continue to walk for another block or two up a small hill until we reach the entrance to a walled garden. This peaceful, tree-filled grove contains a first-century tomb in its original state and I find it much easier to visualize the biblical events here. Whether or not this is the authentic site doesn’t matter.
We walk to the rear of the garden to view the craggy, undeveloped cliff that is part of this hill and see that the weathered rocks bear the features of a skull. As we make our way to a secluded grove to celebrate Communion, I hear voices and singing. Groups of tourists from all over the world sit tucked in private grottos, celebrating Communion, as well. Their songs are in several languages – German, Korean, Italian, and others that I can’t identify. […]
I’m reluctant to leave the garden and reenter the world, but that’s exactly what we are supposed to do. „Don’t cling to me,“ Jesus told the women that Easter Sunday. „Go and tell the others“ (see John 20:17). The minute I stop outside the garden walls and see cars and buses and people streaming by, I am hurled back from the past and into the present.

„I see more groups coming“, sagte der Guide einer anderen Gruppe, als wir noch vor dem Abendmahlsaal saßen. Wir lachten, denn das war ein gutes Motto für die gesamte Reise. Von nun an wurde es immer wieder gern zitiert.
Abschluß war St. Peter in Gallicantu, einer der zwei möglichen Orte für das Haus des Kaiphas. Es ist dreigeschossig, da am Hang liegend. Die obere Kirche hatten wir quasi für uns, weil alle Gruppen gleich nach unten strömten. Die untere Kirche war voll mit Finnen, die eine Andacht abhielten, die lange dauerte. Im untersten Geschoß sind dann Ruinen, in denen früher möglicherweise abtrünnige Juden gefoltert wurden, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Immer eine überzeugende Methode, finde ich.

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Sonntag. Als Motto des Tages wurde mein Zettel gezogen, ein Zitat aus der Gralsbotschaft:

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Wäre diese Bitte denn nötig, wenn der Kreuzestod ein notwendiges Opfer zur Versöhnung sein sollte? „Sie wissen nicht, was sie tun!“ ist doch eine Anklage der schwersten Art. Ein deutlicher Hinweis, daß es falsch ist, was sie tun.

Ich hatte die letzten beiden Tage schon gezittert, daß es drankäme und damit viel zu früh sei. Aber hier paßte es. „Sehr philosophisch“, äußerte sich unsere Ex-Pfarrerin diplomatisch.

Die Gruppe teilte sich am Jaffator, je nachdem, welchen Gottesdienst sie besuchen wollten. Die Dormitio bot den katholischen, die Erlöserkirche den protestantischen Reisenden einen deutschsprachigen Dienst. Ich setzte mich auf der Zitadelle in den schönen Außenbereich und hielt meine eigene Andacht.

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Anschließend ging es ins Israel-Museum mit dem großen Modell der Stadt zur Zeit des zweiten Tempels. Endlich erkannte man etwas und konnte zuordnen, wo wir was gesehen hatten. Die ältesten Schriftrollen der Welt bewunderte besonders ich aus Berufsgründen und als Hebräisch-Lernende im Schrein des Buches (und wurde aufgefordert, die vokalisierte Rolle vorzulesen, scheiterte aber kläglich). Das Museum selbst hätte Stunden verschlungen; wir wählten die extrem abgespeckte Version und sahen nur an, was bibelwesentlich war. Innerhalb von zwanzig Minuten oder so waren wir durch. 🙂 Völlig unverständlich blieb mir die Begeisterung meiner Mitreisenden über den Kreuzigungsnagel mit noch vorhandenem Fersenknochen. Hier war ein Mensch auf fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Jesus selbst, das Zentrum ihres Glaubens, war auf gleiche fürchterliche Weise zu Tode gekommen. Berührt das diese Leute nicht? Mich packte einfach nur das nackte Grauen.

Yad Vashem war bewußt der letzte Stop des Tages. Die Meinungen waren unterschiedlich. Wir hatten nur eine Stunde zur Verfügung – ich persönlich wäre gern länger geblieben, andere fanden es positiv, daß die Berührung somit stark beschränkt blieb. Es waren auffallend viele orthodoxe Juden dort, von denen ich angenommen hätte, daß sie es längst kennen.

Vor dem Abendessen stattete ich dem Hotelshop einen Besuch ab und verbrachte eine unterhaltsame Zeit dort mit Anproben (der Betreiber gab mir ständig die falschen Größen) und generellem Schnack. Alles ist „Made in Israel“ dort; von „Made in China“ hält der Betreiber so überhaupt nichts.

Beim Abendtreff fiel uns dann auf, daß das Hotel offenbar als respektabler Treffpunkt für heiratswillige junge orthodoxe Juden gilt. Überall saßen Pärchen einander züchtig gegenüber und beschnupperten sich wohl.

Mein größter Konflikt des Tages galt dem nächsten Morgen, namentlich dem Besuch auf dem Tempelberg. Es ist nicht erlaubt, irgendein Glaubenszeichen mit hinaufzunehmen, das nicht muslimisch ist. „Also Bibeln, Kreuze besser im Hotel lassen.“ Klingt soweit machbar; allerdings ist mein Kreuz nicht einfach ein Schmuckstück oder ein Zeichen meines Glaubens, es ist das äußerliche Zeichen des Bundes mit Gott. Wo sollte ich also Kompromisse schließen? Am Ende kam ich zu dem Entschluß, daß mir Gott doch erheblich wichtiger sei als ein paar Muslime da oben auf dem Berg. Wesentlich wichtiger auch als ein Bauwerk. Also würde ich ganz einfach nicht mit hinaufgehen.

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Von biblischen Zeiten merkt man in der Metropole so gut wie nichts mehr. Die Höhen sind überbaut, durch die Täler ziehen sich Schnellstraßen. Vielleicht kann ich es also meinen Mitreisenden nicht verargen, daß sie so wenig religiöse Andacht an „heiligen“ Orten zeigten, obwohl das permanente Alltagsgeschnabbel meine Empfindung trotzdem verletzte.

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Wir starteten auf dem touristisch überlaufenen Ölberg mit seinen Souvenirhändlern. Unser Guide hatte uns schon darauf vorbereitet, daß er ein wenig „mitspielen“ müsse, da die Araber ihn (auf Arabisch) aufforderten, uns zum Kaufen zu animieren und er sie ja nun häufiger sehe… Beliebter waren der Esel und das Kamel, die für Fotos und als Taxi zu Verfügung standen.

Den Ölberg ging es hinab zur Kirche Dominus flevit, die ich mir aufgrund der Touristenscharen ersparte. Der Garten war einer Andacht viel zuträglicher, mit seiner noch einigermaßen authentischen Landschaft aus Felsen und Olivenbäumen. Netterweise hatte ich ihn auch größtenteils für mich, weil eben alle in der Kirche waren und der nächste Schwung erst etwas später kam.
Am Ölberg lassen sich übrigens strenggläubige (und wohlhabende) Juden bestatten, weil im Jüngsten Gericht dort die Toten als erste auferstehen…

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Der Garten Getsemane ist heute kleiner als erwartet, denn – wie überraschend – auf einem Großteil steht eine Kirche. Auch hier ersparte ich sie mir und hielt statt dessen meine persönliche Andacht ab.
Am Fuß des Berges wartete das orthodoxe Mariengrab mit viel Weihrauch und Gold, aus dem ich gleich wieder floh.
Viel schöner die Kreuzfahrerkirche St. Anna mit ihrer wunderbaren Akustik, die unsere sangesfreudige Gruppe gleich wieder etwas zu exzessiv nutzte. Zum Glück vor dem professionellen Männerchor, der dann nachrückte und zeigte, was Singen ist. Herrliches Erlebnis! Eine wohl amerikanische Gruppe kam danach dran, beziehungsweise ihre Solistin, die sicherlich mit Mikrophon gut rüberkommt, aber deren Stimme viel zu dünn war, um hier zu wirken.
Anschließend zu den Ruinen am Teich Bethesda, wo Jesus am Sabbat einen Gelähmten heilte (inzwischen hatten wir eine ganz gute Vorstellung, warum die jüdischen Priester so sauer darüber waren – der Gelähmte durfte nämlich, da Sabbat, im Anschluß auch nicht seine Trage schleppen). Wieder einmal eine Predigt voll Allgemeinplätze. Noch vor Ort notierte ich mir:

„Dafür braucht man einen Pfarrer: Daß er mit seinen Auslegungen, Bezügen, Symbolen, modernen Deutungen im Weg steht zwischen Mensch und Gott.“

Es stellte sich später heraus, daß ich nicht die einzige war, die so empfand. Das Nicht-vertiefen-Können wurde durchaus kritisiert. Und ein protestantisches Mitglied der Gruppe erklärte, es fiele jetzt erst so richtig auf, wie wortlastig die evangelische Kirche sei.

Mittag gab es wie immer in einem arabischen Lokal, wo wir endlich die berühmte Limonade zu trinken bekamen. Trotz Bedenken, denn mehrere Reisende hatten inzwischen die gefürchteten gesundheitlichen Probleme des Nahen Ostens zu spüren bekommen, vermutlich durch das Leitungswasser, das es abends kostenlos gab.

Eigentlich sollte die Via Dolorosa schweigend zurückgelegt werden – nun ja, bei unserer Gruppe ein vergebliches Unterfangen. Mich nahmen zumindest die ersten Stationen doch sehr mit. Später, inmitten des arabischen Bazars, verlief sich das. Dank unseres Guides, der ja jeden kennt, konnte wir sogar offiziell Station 1 besuchen, die heute in einer arabischen Schule liegt, in direkter Nachbarschaft zum Felsendom. Im Innenhof, wurde uns berichtet, filmte Mel Gibson übrigens die Gerichtsszene seines Films Passion.
Die letzten fünf Stationen liegen innerhalb der Grabeskirche. Zunächst standen wir ahnungslos und friedlich in einem verlassenen Hinterhof und sahen Gerüste der wirklich notwendigen Renovierung, die derzeit stattfindet. Und dann ging es ins Innere.

We walk into the church through an arched doorway and enter an altogether different world. These holy places have been gilded and polished and adorned by thousands of years of Christian devotion until I feel as though I can hardly move forward through the glittering clutter. The trappings of ornate religion seem to weigh me down: gleaming silver and bronze, embroidered tapestries, sputtering candles, cloying incense, priests in flowing robes, marble statues. To say that it no longer resembles a place of execution or a graveyard is an understatement.
I wait in line to climb a short set of steps to where the cross supposedly stood, but once there, I can’t see past the gaudiness to imagine Christ’s passion. A man in a brown robe prods me and my fellow tourists to keep moving. I wait in line again to peer inside a square, stone monument, all that remains of the rocky hillside from which the borrowed tomb was hewn. Empty or not, it no longer resembles a tomb. I have to confess that since I don’t belong to the religious traditions represented in this church, I find it difficult to feel awe or amazement or any of the other emotions that I thought I would.

Unser Guide nannte diese Erfahrung später unser „Grabeskirchentrauma“. Von Andacht oder Heiligkeit keine Spur; alles, was man sah, waren Touristenmassen und Baugerüste. Wir blieben stecken, als vor dem heiligen Grab eine Feier stattfand und wegen Baumaßnahmen kein zweiter Weg frei war. Irgendwie schaffte unser Guide es dennoch, uns auf anderem Wege hinauszuführen; vor uns gab es fast eine Keilerei; ein orthodoxer Bischof mit Gefolge rückte an… „Keine zehn Pferde bringen mich da noch mal rein!“ erklärte ich, als wir endlich das Freie erreicht hatten. Denn Erklärungen mußten wegen Überfüllung und Zeitknappheit warten bis zu einem zweiten Besuch.

Auf dem Weg zur Dormitioabtei, wo ein Treffen mit den hiesigen Benediktinern anstand, beobachteten wir eine Szene, über die wir ein wenig rätselten. Eine Touristin fragte einen orthodoxen Juden nach dem Weg zur Westmauer, doch er ignorierte sie. Unfreundlichkeit? Oder Verbot?

In der Dormitio erwies sich, wie gut einige Mitreisende bereits „indoktriniert“ waren. Die Dormitio gehört zur Brotvermehrungskirche in Tabgha, und auch hier hatte es einen Brandanschlag gegeben sowie Schmierereien an den Außenmauern. Frage eines Mitreisenden: „Aber das waren die Juden, oder?“ Schnabeline stöhnte innerlich auf. Bruder Nathanael hielt es etwas differenzierter. In Tabgha habe man die Täter nicht gefaßt, aber die Vorfälle hier stammten von jüdischer Seite, ja. Die darauf folgende Frage, ob man seitens der israelischen Behörden Schikanen ausgesetzt sei, verneinte er entschieden. Natürlich wußte er nicht, welchen Hintergrund die Frage hatte, nämlich daß sich gerade besagter Frager ein wenig zu sehr ins Pro-Palästinensische hineingesteigert hatte. Das sind aber gerade die gleichen Personen, die, hätten wir einen israelischen Guide gehabt, zu 100% auf israelischer Seite gestanden hätten. Hinterfragen, abwägen ist das Geheimnis.
Bruder Nathanael jedenfalls schilderte, wie schockiert die Gemeinschaft gewesen sei. „Wir machen ja gar nichts, wir sind einfach nur hier. Und daß bewußt Menschenleben in Gefahr gebracht werden… das ist unverständlich.“
Pater Nikodemus schreibt in seinem Buch:

Uns allen hat geholfen, dass wir von einer unbeschreiblichen Welle der Solidarität und des Gebets getragen wurden: Juden, Christen, Muslime, Drusen und religiös weniger musikalische Menschen standen uns bei und haben auf vielfältige Weise an unserem Schicksal Anteil genommen. Da ist der Mann aus der Nachbarschaft, der fünf Brote und zwei Fische als Stärkung für Leib und Seele vorbeibrachte. Da sind die einheimischen Christen, die ein eigenes Solidaritäts-T-Shirt drucken ließen mit der Aufschrift „Angesichts des Feuers bezeugen wir das Licht“. Und da ist die Gruppe von Rabbinern, die eine eigene Crowdfunding-Kampagne unter orthodoxen Juden für den Wiederaufbau unseres Klosters initiiert haben, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Täter haben Hass und Zerstörung gesät, doch die Ernte in diesen Tagen war unbeschreibliche Solidarität von vielen, vielen Menschen, auch von jenen, bei denen wir es nicht immer erwartet hätten.

Und um nun auf Lifegate zurückzukommen: Unser Guide erzählte, daß Zionisten aktiv Häuser im arabischen Teil der Stadt aufkauften und dann dort provokativ die israelische Flagge aushängten. (Wir sahen Beispiele davon.) Ich hätte ja Angst um meine Fenster, aber bitte. Auf die Frage, warum die Araber ihre Häuser an Israelis verkauften, ging er auf die vorherrschende Mentalität ein. Das Gemeinschaftsgefühl, in diesem Fall der Staatsgedanke, sei ganz einfach nicht verbreitet. Den Eigentümern ginge es in erster Linie darum, gutes Geld für ihre Häuser zu bekommen, damit sie irgendwo, wo es ruhiger sei, mit ihren Familien leben könnten.

Abends hielt unsere mitreisende Pfarrerin a.D. einen spannenden Vortrag über die Legende der Heiligen Veronika. (Ihren ersten in Tiberias hatte ich wegen extremem Totseins geschwänzt.) Symbole waren immer ihr Ding; alles in der Bibel ist im Grunde genommen nur symbolisch gemeint. Ich fragte mich, warum sie eigentlich Christin sei und wann sie so weit sei zu sagen, auch Gott sei nur symbolisch gemeint. An diesem Abend sagte sie etwas, das eine schöne Antwort darauf war, nämlich nach einem Disput mit einer Katholikin, der der symbolische Hintergrund ziemlich wurscht war. (Eine der wenigen Mitreisenden, bei denen ich eine spirituelle Ader wahrnahm.) „Nun ja“, gab unsere gewesene Pfarrerin zu, „Theologie verdirbt jede Art des Glaubens.“

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Es blieb heiß!

Und meine Dauerfrage blieb auch hier, ob meine Mitreisenden meinten, mit einem dahergesagten Gebet und einer Predigt sei dem Glauben Genüge getan?

Durch das Jordantal, ein ödes Niemandsland, ging es zur Taufstelle. Über Jordaniens wichtige Rolle als Vermittler hatten wir schon einiges erfahren; im Westen ist das so gut wie unbekannt.
Der Jordan ist nach europäischen Maßstäben ein besserer Bach. Viele Christen erneuern hier im Jordanwasser ihre Taufe; es gibt dafür extra Taufgewänder und Duschen für hinterher. Vorherrschend sind vor allem die Fliegen, die man nicht los wird, aber auch nie erwischt, wenn sie erschlagen möchte. Die Gruppe hielt Andacht, ich saß wie immer ein Stück entfernt und hielt sie auf meine Art.

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Weiter zu den Ruinen von Jericho, die bisher so gar keine Bestätigung der biblischen Ereignisse herausrücken. Mit der Seilbahn schwebten wir dann hinauf zur Station unterhalb des orthodoxen Versuchungsklosters, wo ich mich wieder einmal fremdschämen mußte über die sangesfreudige Gruppe.
Dummerweise hatte unser Guide nicht das Schild gesehen, daß eine einstündige Mittagspause der Bahn von halb eins bis halb zwei verkündete – Freitagsgebet der Muslime. Wir waren also unter Zeitdruck auf dem Berg gestrandet. Nun konnte er immerhin die Betreiber dazu bewegen, unsere Gruppe als erstes nach unten zu befördern… aber wie üblich dauerte es ewig, bis sich die Masse überhaupt dazu aufschwang, mal das Lokal zu verlassen. Schnabeline schämte sich in Grund und Boden.

Qumran versprach spannend zu werden; leider kam zuerst das Mittagessen im angeschlossenen Selbstbedienungsrestaurant, das a) völlig überlaufen und b) dreckig war. Uns schauderte. In brütender Hitze schritten wir dann über das Ruinenfeld und schafften es, recht gut zwischen den Touristenströmen zu navigieren.

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Der beste Programmpunkt war dann das Tote Meer! Obwohl die Umweltschützerin in mir natürlich entsetzt ist über das Verschwinden dieses Binnenmeeres, dessen Ausmaße noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unser Guide uns zeigte – es liegen kilometerweite Flächen dazwischen! Im Wasser hätte ich stundenlang bleiben können. Nur waren die meisten anderen offenbar keine solche Wasserratten wie ich, und ich wollte ihnen nicht zumuten, drei Stunden später nach mir suchen zu müssen, während ich selig auf den Wogen dahintrieb… also zwang ich mir Zurückhaltung auf. Was einem übrigens keiner erzählt: Man merkt trotz Nichtuntergehens sehr schnell, daß man die Bauchmuskeln mehr trainieren sollte!

Nun ging es hinauf nach Jerusalem, das wir am Anfang der Reise schon durchfahren hatten; denn Betlehem und Jerusalem sind inzwischen fast zusammengewachsen.
Unser Hotel war ein streng jüdisches, das sogar das Zertifikat für koscheres Essen bekommen hat und einen eigenen Shabbat-Aufzug besitzt (da ganz strenggläubige Juden am Shabbat keinen Knopf drücken dürfen). Jetzt, am Freitagabend, war es voll mit feiernden Juden. Beim Essen hatte ich einen Blick auf eine feiernde Familie, und unser Guide erläuterte mir, was dort geschah. Die drei Söhne oder Schwiegersöhne waren keine praktizierenden Juden, denn sie hatten keine Kippah dabei; zwei legten sich schnell noch eine Serviette auf den Kopf, während der Patriarch der Familie den Wein segnete. Der dritte im Bunde jedoch verweigerte sich komplett. Man beobachtete also einen klassischen Generationenkonflikt; die Familie spielte mehr oder weniger mit, weil es Papa ja nun mal wichtig war…

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Am See Genezaret ist die Gegend fruchtbar und üppig, aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit auch heiß und schwül. In den beiden Tagen, die wir dort verbrachten, hatte ich oft das Gefühl, jeden Moment einen Hitzschlag zu erleiden. Ich litt.

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Am Berg der Seligpreisungen gab’s natürlich erst mal wieder eine Predigt mit abschließender Aufforderung, einander brüder- und schwesterlich „Friede sei mit dir!“ zu wünschen und einander zu umarmen. Mir stellten sich alle Haare auf. Das war nun so weit außerhalb meiner Komfortzone wie es überhaupt nur geht. Leider entkam ich den ja durchaus wohlmeinenden Mitreisenden nicht. Die Kirche war zum Glück schlicht, aber überlaufen, von einem sehr internationalen Publikum. Die seltsamste Begegnung war mit einer völlig fremden Touristin, die, wie ich glaubte, wollte, daß ich sie fotographiere. Erst als sie hartnäckig ihr Smartphone in der Hand behielt und „Smile!“ sagte, wurde mir klar, daß sie Fotos von uns beiden machte. Wahrscheinlich sind sie inzwischen als „Ich und meine neue Freundin“ im Netz zu finden.
Die angekündigte kleine „Wanderung“ hinunter nach Tabgha entpuppte sich als leichter Spaziergang, der schweigend zurückgelegt wurde und mir schon allein dadurch sehr gefiel. Bisher hatte ich herzlich wenig christliche Vertiefung gefunden in unserer Gruppe, die Kirchen hauptsächlich zum Knipsen und Quasseln benutzte.

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Von der Hitze halbtot, schleppte ich mich vor der Brotvermehrungskirche in den Schatten und ließ mich auf einem Steinbecken nieder. Stellte sich heraus, daß das ein historisches Taufbecken war und sich die Touristen drängten. Die ironischste Situation der Reise folgte, als unser Guide ausgerechnet hier begann, die Gruppe in die Bibelvorlesungen einzubeziehen und ausgerechnet bei mir den Anfang machte. „Möchten Sie die Stelle vorlesen?“ – „Öhm… nein…?“ – „Gut. Sie fangen hier an, bis hier.“ Ich hasse rhetorische Fragen!
So kam es, daß die einzige Nichtchristin der Gruppe die erste Bibelstelle vorlas, von der Vermehrung des Brotes und der Fische, die ich sowieso ganz anders verstehe als Otto Normalchrist.
Weiterhin knapp an der Grenze zum Hitzschlag schleppte ich mich nach der obligatorischen Kirchenbesichtigung (es hatte im Jahr zuvor einen Brandanschlag gegeben, und Renovierungsarbeiten waren in vollem Gange) weiter zur Primatskapelle, wo angeblich Petrus beauftragt wurde, die Schafe zu weiden. Sie liegt direkt am See, das gefiel. Ebenso der junge orthodoxe Priester mit Sonnenhut.

Kafarnaum war auch nicht gerade kühler. Ich litt vor mich hin. Am Geländer zur Kirche über Petri Haus lehnend, stand ich einer jungen Touristin im Weg, die auf ihre Weise litt. „I’m a little bit afraid of heights“, gestand sie, sich ans Geländer anklammernd. Dabei ist die Höhe wirklich ein Witz, also muß es sie wirklich schlimm erwischt haben.
Mittagessen gab es im Deutschen Pilgerhaus mit seiner schönen Gartenanlage.

*Das* nenne ich einen Gummibaum!
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Anschließend fuhren wir nach Migdal, genauer gesagt zu den Ruinen Magdalas. Dort ist die neue Kirche Duc In Altum erbaut worden, mit ihrer Säulenvorhalle, die den Frauen im Kreise Jesu gewidmet ist, und dem Altar in Form eines Fischerbootes.
Den Abschluß des „aktiven“ Teiles des Tages bildete eine Bootsfahrt auf dem See Genezaret, die eindrucksvoller gewesen wäre, hätte man auf das Vorlesen der dazugehörigen Bibelstellen verzichtet. Übrigens grenzen die Golanhöhen direkt an den See.

Den ganzen Tag über (wahrscheinlich durch teilweises Mithören) sprachen mich verschiedene Leute der Gruppe bezüglich der Gralsbotschaft und -bewegung an. Inzwischen waren wir ja auch vertrauter miteinander, so daß Glaubensfragen nicht mehr zurückgehalten wurden. Ich hoffe, ich konnte vermitteln (wie auch im Laufe der kommenden Tage), daß Bekenner der Gralsbotschaft weder Atheisten noch Wagner-Anhänger noch Sektierer sind. 🙂

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So ganz hatte sich der Gedanke immer noch nicht gefestigt, daß wir hier waren. Jeder erlebte immer noch so einen Moment des: „Ist das wirklich real?“

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Es ging zum Berg Garizim, dem Heiligtum der Samaritaner. Unterwegs hielten wir in einem Örtchen, weil unser Fahrer uns Baklava ausgeben wollte! In der Bäckerei hatte man aber noch gar nicht angefangen, so daß wir eine ganze Weile einfach dasaßen und das Straßenleben beobachteten, mit Ladenbesitzern in Kaftanen und Eseln und Kühen, die in Garagen angebunden waren. Sehr übel ist in den palästinensischen Gebieten übrigens der allgegenwärtige Müll. Alle Hänge, alle Straßenränder, alle Grundstücke liegen voll mit Müll. Später schlug eine Mitreisende vor, daß die israelische Regierung, wenn sie schon so viele Vorschriften und Verbote erlasse, doch die Plastikflaschen verbieten und damit wenigstens etwas Gutes tun solle.

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Schließlich kehrte unser Fahrer triumphierend mit frischer, warmer Baklava zurück, und die Reise ging weiter. Auf dem Garizim war außer uns niemand, und wir erfuhren eine Menge über die Geschichte der Samaritaner und woher eigentlich der in der Bibel erwähnte Konflikt mit den Juden stammte. Daraufhin ging’s hinunter nach Nablus zum Jakobsbrunnen und dessen orthodoxen Hüter, dessen Sarkophag schon zu Lebenszeiten neben dem Eingang der Kirche steht. Der berühmte Jakobsbrunnen, Stelle der Begegnung zwischen Jesus und der Frau von Samaria, ist kleiner als vermutet, dafür aber stolze 40 Meter tief. Wir tranken von seinem Wasser… und hielten natürlich eine Andacht ab, komplett mit Predigt, Gebet, Gesang, noch mehr Gebet und Gesang. Die nächste Gruppe drängte sich *lange* wartend auf der Treppe, und ich fing an, mich fremdzuschämen.

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Bei den Ruinen oberhalb Samarias kehrten wir ein, in einem patriotischen Lokal mit Tischdecken in den palästinensischen Farben. Vorher stiefelten wir durch die Ruinen und hörten die Geschichte vom Kampf um die Flagge. Da der Ort ganz oder teilweise unter israelischer Verwaltung steht und gegenüber eine illegale Siedlung entstanden ist, ist es eine Art Volkssport geworden, nachts auf den Hügel bei den Ruinen zu steigen, die palästinensische Flagge zu hissen und ein paar Reifen anzuzünden, damit man’s von der Siedlung jenseits des Tales auch sehen kann. Daraufhin rückt das israelische Militär an, räumt die Flagge ab, und irgendwann geht’s von vorne los. Zu unserem Besuch wehte die Flagge noch; wahrscheinlich wegen des gerade stattgefundenen Laubhüttenfestes.
In Samaria lebt eine einzige Christenfamilie.
Während des Essens führten wir ein Gespräch, das aus westlicher Sicht irgendwie seltsam wirkte: Wir verspürten wenig Bedrohungsstimmung, weil wir in Palästina seien! 🙂 (Soll heißen: Warum sollten die Extremisten im eigenen Land zuschlagen?)

Übrigens ist das Heilige Land so international, daß man problemlos mit Shekel, Euros und Dollars bezahlen kann und manchmal auch Wechselgeld in einer anderen Währung als der, in der man bezahlt hat, zurückbekommt.

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Nach Jenin gerieten wir dann zum ersten und einzigen Mal in einen „richtigen“ Checkpoint mit Aussteigen und Paßkontrolle. Da man aber wie gesagt an Touristen gewohnt ist, waren wir wohl relativ unverdächtig. Auffällig ist, daß alle Soldaten, die uns begegneten, sehr jung waren, ebenso das Personal am Flughafen. Und wer an diesem Checkpoint herausgezogen wurde, waren ebenfalls hauptsächlich junge Leute. Unser Guide wußte andererseits aber auch von den täglichen kleinen Schikanen zu erzählen, denen man als grenzübertretender Araber ausgesetzt ist (viele arbeiten im israelischen Gebiet).
Ich hätte mir im Laufe der Reise gern Gespräche mit Israelis gewünscht. Unser Guide war alles andere als ein Agitator, er hielt seine Schilderungen relativ neutral und in keiner Weise propagandistisch, aber natürlich kennt er nur die palästinensische Sicht. Es baute sich also ganz automatisch eine pro-palästinensische Stimmung unter vielen Mitgliedern der Gruppe auf. Aber jede Situation hat mindestens zwei Seiten.

Our bus has traveled through military checkpoints manned by unsmiling, well-armed soldiers. We’ve seen barbed wire security fences and protective walls and signs that warn about the danger of buried land mines. We have passed through metal detectors on our way into restaurants and shopping malls and had our purses and backpacks searched. And it is commonplace to see teenage Israeli soldiers munching French fries at McDonald’s with rifles strapped to their backs. Yes, Israel is very much aware of her enemies.

So Lynn Austins Sicht, die wiederum einen israelischen Guide hatte. „Das kommt darauf an, wen man fragt“, sagte unser Guide einmal, als wir über diese erwähnten „protective walls“ sprachen, die sich quer durch das Land ziehen und in dem deutschen Betrachter unangenehme Assoziationen mit einer anderen Mauer erwecken (auch so’n Schutzwall, je nachdem, wen man damals fragte).

Es ging weiter nach Nazaret, zur Verkündigungskirche und Josefkirche, die weitere biblische Orte symbolisierten (Kichern und Kopfschütteln herrschte selbst in unserer christlichen Gruppe vor). Ich fing gezielt an, mich abzusetzen, wenn Predigtrunden und zu lange historische Vorträge anstanden und/oder die Gruppe wieder einmal Ewigkeiten brauchte, um in die Pötte zu kommen. Durch die Altstadt mit ihrem traurigen, toten Bazarbereich ging’s zur Gabrielskirche und dem Nazarener Brunnen zu Jesu Zeiten.

Schließlich fuhren wir nach Tiberias am See Genezaret.

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„Was ist das?“ fragte ich mich verschlafen, als mich ein enthusiastischer Sänger um fünf Uhr morgens aus dem Schlummer riß. Bis mir klar wurde: Wir sind in Palästina. Und es wird zum Gebet gerufen. Die komische Sache ist, daß man hierzulande mit einer gewissen Haltung derlei Religionsausübung gegenübersteht. Das mag von Skepsis bis Bauchgrimmen oder schlimmerem gehen. „Vor Ort“ jedoch paßte es ganz einfach, fügte sich ein, und ich stellte fest, daß dieser spezielle Muezzin wirklich schön sang/rief. (Ich habe später schlechtere gehört.) Vor allem auch ausdauernd: Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde.
Mit dem Schlaf war es dennoch trotz weit nach mitternächtlichem Ins-Bett-Gehen vorbei.

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Unsere ersten Stationen der Reise waren das Herodeion und die Hirtenfelder sowie auf Wunsch „Beit Sahour Souvenir Store Co.“ in Bet Sahour, das berühmt ist für seine Olivenholzschnitzereien. Wenn ich mich richtig erinnere, ist Bet Sahour auch sozusagen das christliche Zentrum Palästinas, die einzige Ortschaft, in der Christen in der Mehrheit sind. Im Laden wurden wir mit süßem Tee bewirtet, wir konnten handeln (guter Tipp unseres Guides!), es gab sogar deutschsprachige Angestellte, und so kaufte fast jeder zumindest eine Kleinigkeit für die Lieben zu Hause.

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Weiter ging’s nach Betlehem, wo wir erst einmal Mittagspause einlegten, natürlich in einem echt arabischen Lokal. Noch recht überwältigt saßen wir an der langen Tafel mit vielen kleinen Gerichten und stellten fest, wie bizarr es irgendwie sei, daß wir jetzt hier in Betlehem bei Hummus und Fladenbrot und Kardamonkaffee saßen, als wär’s das normalste der Welt.

A propos, weil die Frage ständig auftauchte und noch auftaucht: Ja, ernährungstechnisch war die Reise ins Heilige Land die einfachste, die ich als Vegetarierin je gemacht habe!

Weiter ging’s mit dem Programm in die Geburtskirche, unserer ersten Begegnung mit den Touristenhotspots. Alles in allem hatten wir wunderbares Timing und entgingen den Massen größtenteils, aber es gibt Punkte, an denen funktioniert es ganz einfach nicht. Die Geburtsgrotte unterhalb der Kirche ist einer davon. Ich floh. Von Andacht keine Spur! A propos Andacht, dies war auch der erste Tag, an dem ich mit dem konfessionellen Bereich der Reise konfrontiert wurde, besonders in der benachbarten Katharinenkirche (Hieronymus und Paula, die mir nichts sagten, aber einen kleinen Fankreis in der Gruppe hatten). Hier wurde zum ersten Mal eine Andacht oder was man in Kirchenkreisen so bezeichnen mag abgehalten. Ich fühlte mich schon sehr fremd.

Zum Abschluß des Tages stand ein Besuch bei Lifegate an, einer Einrichtung schwerpunktmäßig für behinderte palästinensische Kinder und deren Eltern – denn, wie der deutsche Leiter uns erklärte, die Familie wird unbedingt in die Arbeit mit einbezogen. Hier hat man auf jahrzehntelange Erfahrung im Westen zurückgegriffen, als das System der Heime langsam abgelöst wurde vom Verbleib in der Familie. Die Geburtenquote behinderter Kinder ist übrigens steigend, da seit Generationen in einer Großfamilie untereinander geheiratet wird. Die Arbeit ist natürlich nicht einfach, zumal, wie wir erfuhren, die Idee der Nächstenliebe als solche in der arabischen Gesellschaft nicht vorhanden ist. Die Familie ist das einzige, das zählt. Wir sollten diesem Phänomen, auf Staatsform übertragen, viel später noch einmal in Jerusalem begegnen. Als solches gibt es kein soziales Netz, keine finanzielle Unterstützung für Behinderte. Lifegate erfüllt hier eine wichtige, wenn auch herausfordernde Rolle. Während die Probleme in West und Ost andere sind (wir sprachen später auch viel mit unserem Guide darüber), gab man uns doch Worte der Erfahrung mit auf den Weg: „Respekt muß auch eingefordert werden.“ Nimmt man beispielsweise als Christ die Einladung an, eine Moschee zu besuchen, so muß man auch darauf bestehen, daß die einladenden Muslime im Gegenzug eine Kirche besuchen. Toleranz darf nicht einseitig verbleiben, wenn man Werte vertritt. Das Vorleben, Für-etwas-Stehen ist ein wesentlicher Punkt, um respektiert zu werden. Lifegate und seine christlichen Betreiber jedenfalls werden vor Ort respektiert.

Meine Erfahrung war: Sobald ein afghanischer Muslim das Gefühl hat, sein Gesprächspartner sei ungläubig, hat er absolut keine Achtung mehr vor ihm. Solange mein Gesprächspartner aber spürt, ich habe selbst einen Glauben, egal welchen, dann wird das akzeptiert, auch wenn man sich als Christ zu erkennen gibt. Damit bin ich zwar nach seiner Auffassung nicht rechtgläubig, aber immerhin auch nicht ungläubig.
Was ein Muslim hingegen gar nicht verstehen kann, ist, dass jemand an überhaupt nichts glaubt. Die Hauptsache für einen gläubigen Muslim ist, man hat einen Gott, dem man sich verbunden fühlt.
(Bruder Longinus Beha: Ab morgen Mönch)

Der Tag beschloß nach dem Abendessen mit einer Kennenlernrunde, in der ich mich als Nichtchristin outete, und Predigt, Gebet, Gesang. Schon an diesem zweiten Abend notierte ich mir: „Es bleibt festzuhalten, daß der religiöse/konfessionelle Bereich der Reise doch sehr fremd ist – Katholiken/Protestanten samt unterschiedlicher Bibelübersetzung, Gesänge, Bibel, Pilgerberichte.“

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Als spirituell ausgerichteter Mensch hat man es in unserer Gesellschaft nicht unbedingt leicht. Es ist selten, daß man jemanden findet, mit dem man überhaupt über derlei Themen sprechen kann (wobei es erstaunlich viele Menschen gibt, die von „mehr Dingen zwischen Himmel und Erde“ berichten, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt – selbst wenn sie diese Erlebnisse nicht einordnen können). Für meine Reise ins Heilige Land entschied ich mich daher bewußt für einen christlichen Anbieter, und es war nett, einfach eine gewisse spirituelle Grundhaltung voraussetzen zu können, selbst wenn unsere Anschauungen voneinander abwichen.
Als Nichtchristin war ich ein ziemliches Kuriosum in der Gruppe, zumal ich ja keine Jüdin, Muslima, Atheistin oder irgend etwas bin, das man mit Allgemeinwissen noch halbwegs hätte einordnen können. Nachdem man mich zuerst aufgrund meines Kreuzes Schwanberg zugeordnet hatte, wurde mein Outing als Bekennerin der Gralsbotschaft erst mal mit höflicher Ratlosigkeit und Zurückhaltung so akzeptiert. Erst später, als man sich ein wenig besser kennenlernte, folgten die Fragen. (Im Gegenzug lernte ich während der Reise natürlich auch viel über praktizierendes Christentum, mit dem wiederum ich bis dato nie etwas zu tun gehabt hatte.) Die meisten drehten sich um Dinge wie „Glauben Sie an Gott?“, „Wie wird Jesus akzeptiert?“, „Wann und wo ist die Bewegung entstanden?“ Da es ja durchaus starke Berührungspunkte zwischen Christentum und der Botschaft gibt, war da leicht anzuknüpfen, und ich empfand es als angenehme Abwechslung, einmal nicht „von der Pike an“ ausführen zu müssen, sondern einfach sagen zu können: Das Christentum versteht dies so und so, die Botschaft erklärt es auf diese und jene Weise. Daß man dabei unterschiedlicher Meinung war, schadete ja nicht. Eine der interessantesten Nachfragen war wohl: „Der Kreuzestod hat also für die Gralsbewegung keine Bedeutung?“ – „Oh doch, sogar eine sehr schlimme.“
Bei der Frage nach der Zahl der Bekenner konnte ich allerdings nur raten und lag dann auch kräftig daneben: Es sind weltweit ca. 40 000.

In diesem Bericht wird es neben dem Äußeren der Reise also auch um das Spirituelle gehen. Ich möchte auch gern aus Lynn Austins Pilgrimage zitieren, das ich schon vor längerem las. Das Buch ist auf deutsch unter dem völlig danebenliegenden Titel Oasenzeiten erschienen, was einerseits Quatsch ist, da es korrekter Wüstenzeiten heißen müßte (der Begriff taucht im Buch auch so auf), andererseits aber paßt, weil der Inhalt sowieso oft danebenliegt.
Ich habe mehrere von Lynn Austins Romanen gelesen, mochte den Bürgerkriegsdreiteiler Refiners’ Fire sehr und zu einem gewissen Grade auch ihre alttestamentarischen Geschichten. Von Pilgrimage hingegen war ich massiv enttäuscht oder vielmehr, es ging mir massiv auf die Nerven. Jammer, jammer – meine Kinder sind erwachsen und ziehen aus, und sie bleiben nicht mal in der Nähe, sondern gehen ganz weit weg. Dabei hatte ich mir alles so perfekt ausgemalt, daß sie immer bei mir blieben. Ich bin so traurig und enttäuscht und depressiv. Ich brauche eine Pilgerreise nach Israel, um zu begreifen, daß das Problem offenbar an meinen Erwartungen liegt. Vermarktet wird so etwas dann als hilfreiches Brevier für alle Christen, die eine Flaute in ihrem Glauben erleben. Nun ja, für das anvisierte Publikum mag es erbaulich sein; ich als Nichtchristin dachte bei jeder „Erkenntnis“ der Autorin immer nur: „Wow, liegt sie zielsicher daneben.“

Meine vier Lieblingsfehlschlüsse:

Beyond the court for Jewish men, access to the Temple continued to become more and more restricted. Only ordained priests and Levites could approach the altar to offer sacrifices. Only they could enter the Temple sanctuary itself and burn incense or light the menorah in the Holy Place. And the holiest chamber of all, the Most Holy Place, separated from the rest of the sanctuary by a curtain, was off-limits to everyone except the High Priest – and he could enter only once a year on the Day of Atonement, bearing the blood of the sacrifice. Imagine the priests’ horror on the day of Christ’s crucifixion when, at the moment of Jesus’ death on the cross, “the curtain of the temple was torn in two from top to bottom” (Matthew 27:51). Christ had opened a direct path to God for everyone who accepted His sacrifice on the cross, men and women, Jews and Gentiles.

Bei Christi Tod zerriß im Tempel der Vorhang, der das Allerheiligste von der Menschheit abschloß. Dieser Vorgang wird als Symbol dafür angenommen, daß mit dem Opfertod des Heilandes im gleichen Augenblick die Trennung zwischen der Menschheit und der Gottheit aufhörte, also eine unmittelbare Verbindung geschaffen wurde.
Die Deutung ist aber falsch. Mit der Kreuzigung lehnten die Menschen den Gottessohn als den erwarteten Messias ab, wodurch die Trennung größer wurde! Der Vorhang zerriß, weil das Allerheiligste daraufhin nicht mehr notwendig war. Es wurde den Blicken und unreinen Strömungen geöffnet, da, symbolisch ausgedrückt, das Göttliche nach dieser Tat seinen Fuß nicht mehr auf die Erde setzte, womit das Allerheiligste überflüssig wurde.
Also gerade das Gegenteil der bisherigen Deutungen, in denen sich wiederum wie so oft nur eine große Überhebung des Menschengeistes zeigt.
(Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft, Vortrag „Der Kreuzestod des Gottessohnes und das Abendmahl“)

Jesus zealously guarded the sacredness of the Temple but not for the same reasons that the priests did. In His day, the Court of the Gentiles had been turned into a loud commercial shopping mall where money changers had set up shop and sacrifices were sold. People even used that courtyard as a shortcut to carry merchandise from one side of Jerusalem to the other. If any foreigners like me came to worship, as King Solomon foresaw, they had to fight their way past the animal stalls and noisy bartering marketplace to find a place to pray. Jesus turned all the tables upside down, quoting the prophets Jeremiah and Isaiah as He tossed aside crates of doves and bags of money to cleanse the courtyard. “Is it not written: ‘My house will be called a house of prayer for all nations’? But you have made it ‘a den of robbers’” (Mark 11:17). Jesus cleared the way so that everyone who sought the God of Israel could have access to Him.

Nicht gänzlich falsch, aber viel zu kurz gegriffen. „Mein Haus soll heißen ein Bethaus“ ist der entscheidende Punkt hier. Es ist der Tempel Gottes, der heiligste Ort, den es eigentlich geben sollte. Und die Menschen hatten ihn entweiht, indem sie einen Marktplatz daraus gemacht hatten. Austin legt hier mehr Wert auf Symbolik (Jesus als Weg zum Herrn etc.) sowie auf „Jesus liebt uns“ statt auf das eigentliche Vergehen, das hier stattfand.

When my daughter Maya was fourteen and first felt called to minister to the Jewish people, she discovered an inconsistency in Christian practice. Maya had celebrated Passover with one of her Jewish friends from school and recognized all of the beautiful pictures of Christ in the Passover Seder. She also saw that the Last Supper was a celebration of that same Passover meal, and so when Jesus took the bread and broke it, saying, “This is my body,” He used unleavened bread. She had been taught from Scripture that leaven is a type of sin… one small pinch of it destroys our entire body the way a tiny pinch of leaven raises an entire loaf of bread. She then asked the question – no, she demanded to know – why did our church use leavened bread for Communion? Why did our ministers hold up loaves of leavened bread when they said, “This is Christ’s body, broken for you.” Christ was without sin. Our church should use unleavened bread.
She was right, of course.

sagt die stolze Mutter, ohne zu bedenken, daß diese gesamte Aussage Blödsinn ist. Sauerteig ist definitiv keine „kind of sin“, sondern wurde lediglich als Beispiel verwendet. Wie auch, ähem, Frau Austin: „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den ein Weib nahm und unter drei Scheffel Mehl vermengte, bis es ganz durchsäuert ward.“ Jesus zu seinen Zuhörern. Soviel zu Sinn und Symbolik ungesäuerten Brotes, hm?

Holy means „set apart,“ “dedicated to the service of God.”

Aua. Einfach aua. Und nebenbei:

Aus jeder Gottesbotschaft machtet Ihr Religion! Zu Euerer Bequemlichkeit! Und das war falsch! Denn einer Religion bautet Ihr eine ganz besondere, erhöhte Stufe, abseits von dem Alltagswirken! Und darin lag der größte Fehler, den Ihr machen konntet; denn Ihr stelltet damit auch den Gotteswillen abseits von dem Alltagsleben, oder, was dasselbe ist, Ihr stelltet Euch abseits vom Gotteswillen, anstatt Euch mit ihm zu vereinen, ihn mitten in das Leben und das Treiben Eures Alltags zu setzen! Eins mit ihm zu werden!
Ihr sollte jede Botschaft Gottes ganz natürlich aufnehmen und praktisch, müßt sie Eurer Arbeit einverleiben, Eurem Denken, Eurem ganzen Leben! Ihr dürft nicht etwas für sich Alleinstehendes daraus machen, wie es bis jetzt geschah, zu dem Ihr nur besuchsweise in Ruhestunden geht! Wo Ihr für eine kurze Zeit Euch der Zerknirschung hinzugeben sucht, oder dem Danke, der Erholung. Damit ist es Euch nicht als etwas Selbstverständliches geworden, das Euch zu eigen ist wie Hunger oder Schlaf.
(Vortrag „Gottanbetung“)

Und um auf die beliebte Reaktion „ISRAEL?“ einzugehen, ein Zitat aus einem leider gelöschten Blogeintrag des Anbieters Biblische Reisen:

Reisen ins Heilige Land sind derzeit „völlig unbedenklich“, trotzdem würden immer weniger Pilger und Touristen nach Israel, Palästina und Jordanien kommen. […] Vor allem Reisen, bei denen auch die persönliche Begegnung mit den einheimischen Christen im Zentrum steht, würden immer seltener. Dabei hätten die Christen vor Ort diese Begegnungen so bitter nötig […].

Ich kann vermelden, daß ich mich kein einziges Mal bedroht gefühlt habe oder den Eindruck hatte, in einem Krisengebiet zu sein. Nun sind Touristen dort auch ein bekanntes Bild, und da jeder gern an ihnen verdient… Oder wie Pater Nikodemus Schnabel von der Dormitio schreibt (sein Buch Zuhause im Niemandsland lag dort im Gesprächszimmer aus, und schon allein wegen seines Nachnamens mußte ich es mir ja kaufen):

Trotz dieser geschilderten Ereignisse ist das Heilige Land nach wie vor ein sicheres Reiseland für Pilger und Touristen, da es offenbar eine stille Vereinbarung zwischen allen Kräften gibt, Touristen und Pilger als „Heilige Kühe“ zu behandeln, die man zwar gerne melkt, aber niemals schlachten würde, um im Bild zu bleiben.


Tag 1 ging in erster Linie für die Anreise drauf. Ein gewisses Schockerlebnis zur Einstimmung stellte Gate C13 in Frankfurt dar, das nur für Flüge nach Israel dient und extrem gründliche Sicherheitschecks hat. Danach (selbst bei der Abreise aus Tel Aviv) war alles entspannter.
Nachdem wir in Ben Gurion Airport unser Touristenvisum erhalten hatten (keinen Stempel, buh!), erwartete uns in der Eingangshalle unser einheimischer Guide, ein palästinensischer Christ, der uns in den Folgetagen aus dieser Position zwischen allen Fronten vieles vermitteln sollte, von dem man mit westlichem Allgemein“wissen“ nicht die geringste Ahnung hatte. Und draußen, etwas im Streß, weil an einer Stelle parkend, an der er nicht unbedingt parken sollte, lernten wir unseren Fahrer kennen, einen wirklich knuffligen, liebenswerten Menschen und guten, sicheren Fahrer, was man bei dem doch etwas gewagten Fahrstil im Nahen Osten gut brauchen konnte.
Hier wurde ich zum ersten Mal auf mein Kreuz angesprochen bzw. gefragt, ob ich Schwanberg angehöre. Ich, völlig unbewandert, hatte natürlich noch nie davon gehört. Wir fuhren dann nach Betlehem und erfuhren unterwegs, daß wir doch hoffentlich Regen aus Deutschland mitgebracht hätten, denn das Land brauche ihn dringend – seit Februar sei keiner mehr gefallen.

My palms start to sweat whenever we travel through non-Israeli towns, because no one can be certain if a busload of American tourists will be greeted by souvenir sellers or slingstones.

Als ich diese Passage in Lynn Austins Pilgrimage nach der Reise las, mußte ich wieder mal über „die doofen Amerikaner“ lachen. Auf einer biblischen Reise wechselt man so oft die Gebiete und Zonen, daß die gute Mrs. Austin eigentlich regelmäßig Panikattacken hätte bekommen müssen – aber wahrscheinlich nahm sie die Übergänge gar nicht immer wahr.
Zugegeben, wir waren zu einer Zeit dort, als schon lange Ruhe herrschte. Von gefürchteten Feindseligkeiten oder Sicherheitskontrollen also zumindest für Touristen so gut wie keine Spur. Für die Einheimischen mag’s ganz anders aussehen. Betlehem jedenfalls liegt im palästinensischen Gebiet, und ich kann berichten, daß ich mich keinen Moment dort bedroht gefühlt habe. In der Hotellobby hing ein Arafat-Portrait, der hier ohnedies wie ein Heiliger verehrt wird – an einem Tag sah ich im Vorbeifahren ein großartiges Graffiti, das ich zu gern fotographiert hätte, aber zu spät: Arafat umschwebt von Putten, die palästinensische Flaggen trugen. Super! Überhaupt sind die palästinensischen Flaggen allgegenwärtig; sobald man dann die Grenze in israelische Gebiete überquert, hängen überall israelische Flaggen.

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