Nun muß ich seriös werden, dünkt mich; dieses Blog könnte in Zukunft neue Leserschaft bekommen.
Am Dienstag war Termin bei Elfie Haupt, der Autorin von Der Soldat Willi Haupt – Ein Einbecker Junge. Mit dabei: Herr Gandt vom Volksbund, Herr Muntschick vom Hildesheimer Radio Tonkuhle… und meine Wenigkeit. Wozu? Um über Opa Wilfried zu sprechen. Für eine Radio-Sendung.
Ich hasse es ja fürchterlich, meine Stimme so zu hören, wie sie für andere klingt. Entsprechend werde ich den Teufel tun, mir die fertige Sendung anzuhören, aber die Aufnahme an sich war schon ein spannendes Erlebnis. Herr Muntschick fragte und hielt mir dann ganz klassisch das Mikrophon hin, ich antwortete nach Kräften und Aktenlage und hoffentlich, ohne mich allzu sehr zu blamieren. Über Wilfried ist nun mal wenig bekannt; Zeitzeugen, die ihn noch gekannt hatten, sind dünn gesät; und vor Ort, wo man sie vielleicht noch antreffen könnte, bin ich nur ca. dreimal im Jahr.
Am schönsten mutete aber die Frage nach „Inwieweit wurde später in Ihrer Familie hinterfragt… Warum wurde nicht desertiert oder Widerstand geleistet… etc.“ an. Da prallten Weltanschauungen aufeinander. Mein Vater war gern bei der Marine, und er war Patriot. Nicht in irgendeinem radikalen Sinne, aber unbestreitbar. Hinterfragen. Vattern nahm Krieg und Wilfrieds Verlust Adolf & Co. krumm; den Soldaten Schuld zuzuweisen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.
Auch mir nicht, ehrlich gesagt (und ich habe es im Interview gesagt). Schuld kann ich Kriegsverbrechern zuweisen und tue es. Nun mag man argumentieren, Angriffskriegsführung sei in sich selbst ein Verbrechen, was sicherlich richtig ist. Aber ich betrachte es als viel zu leicht, vom heutigen Standpunkt aus irgendein Urteil über Otto Normalsoldat sprechen zu wollen. Diejenigen, die das für sich in Anspruch nehmen, haben in der Regel nie einen Krieg mitgemacht, nie Not gelitten, sind unter völlig anderen Bedingungen aufgewachsen. Wer will sich da anmaßen, den Richter zu spielen? Kriegstreiber waren sicher die wenigsten Soldaten. Vielleicht erfüllten sie, was sie als „vaterländische Pflicht“ ansahen. Desertieren? Verweigern? Das war schlichtweg kein Konzept, ganz ungeachtet der Tatsache, daß man dafür an die Wand gestellt worden wäre.
Weil Herr Gandt dann gar nicht zu Wort kam, wurde noch schnell ein Einzelinterview nachgeschoben. Man stelle sich vor: Wir saßen in keinem Aufnahmestudio, sondern zu viert bei Elfie im Eßzimmer. Im Hintergrund flogen manche Gesten, Blicke und manches Grinsen hin und her. So bei mir, als ich beinahe den Volksbund als Quelle vergaß (autsch – danke an Elfie fürs heftige Soufflieren!), und so bei der Frage an Herrn Gandt, ob mit Einrichtung der Kriegsgräberstätten ein neuer Tourismus entstehe: „Fahren wir mal Opa besuchen…“ Elfie und ich prusteten lautlos an den Seitenlinien! Auch das übrigens eine Frage an mich: Ob ich Interesse hätte, mir Wolgograd und Umgebung anzusehen. Interesse – ja, schon, natürlich. Einmal am Wolgaufer zu stehen, wo Wilfried darüber reflektierte, nie habe er geglaubt, daß das Wolgalied einmal für ihn Wirklichkeit würde.
Aber im Sinne von Spurensuche? Da gibt es nichts mehr zu finden. Die Stadt wurde neu aufgebaut, sie heißt sogar anders als zu Wilfrieds Zeiten, und ein Grab hat er nicht. Ich könnte mir seinen Namenswürfel auf der Gedenkstätte in Rossoschka ansehen. Es ist schön, daß diese Möglichkeit existiert – genaugenommen, wenn man darüber nachdenkt, ist es ein kleines Wunder. Und ich werde nie den Moment vergessen, als ich nichtsahnend in der Datenbank des Volksbundes nach Wilfried suchte und die prompte Auskunft erhielt, sein Name stünde auf Würfel 80…
Dennoch. Würden seine Überreste gefunden, identifizierbar, ich wäre sofort da. Ohne dem sehe ich keinen rechten Grund für eine Reise.
Vielleicht schreckt mich auch der russische Heldenkult um Stalingrad ab. Es sei ihnen ja gegönnt, und umgekehrt wäre es sicher nicht anders gewesen, aber… Einen Krieg, zumal einen solch fürchterlichen, schmutzigen Krieg wie den großen vaterländischen, zu glorifizieren, das stößt mir übel auf. Der Preis auf allen Seiten war zu hoch, und nicht nur an Verlust von Leben und Material. Gedenken, ja. Aber ein solches Gedenken verlangt nach Stille. „Wie konnten sie reden, wie konnten sie lachen, hatten sie doch gerade getötet“, las ich einmal in anderem Zusammenhang über eine siegreiche Schlacht, was meine Gefühle zum Thema sehr treffend summiert.
Nun bin ich doch wieder ins Philosophieren gekommen.
In jedem Fall. Nachdem die beiden Herren sich verabschiedet hatten, hockten wir Weiber noch beisammen, beschauten Unterlagen und machten einen Abstecher zur Kriegsgräberstätte Salzderhelden, die ich schon lange mal besuchen wollte.
Wenn es Nachrichten zum Sendetermin gibt („Kann etwas dauern“, war die Ansage), teile ich sie natürlich hier mit.

© Elfie Haupt
„Stellvertretendes“ Ehrenmal auf dem Heimatfriedhof. Die fünf Toten, gefallen beim völlig bescheuerten letzten Verteidigungskampf um Uslar wurden 1959 umgebettet nach Salzderhelden.
